Murmeltiermonat

… und jährlich grüßt das Murmeltier. Wobei man dem Murmeltier damit unrecht tut, das harmlos, schläfrig und politisch uninteressiert ist.
Nein, das, was da grüßt, ist die politische Gehirnwäsche. Die Juden haben das Laubhüttenfest, die Moslems den Ramadan, die Christen die Fastenzeit, und die Ostdeutschen werden alljährlich mit dem DDR-Schmähmonat zur Buße genötigt. Der Schmähmonat, das ist die Zeit zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November.
In dieser Zeit erklärt man ihnen unablässig, dass sie keine Ahnung haben, wie sie gelebt haben, und einer kollektiven Wahnvorstellung zum Opfer gefallen sind. Mindestens eine Fernsehsendung pro Tag muss sich mit den Schrecken des Lebens im Osten, also im Osten vor der Wiedervereinigung, befassen. Der Osten ist in diesen Filmen und Berichten grundsätzlich grau, schmutzig und trostlos. Falls wir geglaubt haben, dass wir verliebt waren, dass wir glücklich waren, dass die Krokusse im Herbst und die Dahlien im Spätsommer bunt blühten – es war eine Halluzination. Im Osten gab es Stasi-Denunzianten, öde Mitläufer und grausam verfolgte Demokraten. Keine Blumen.

(Durch Klicken auf eines der Bilder öffnet sich die Galerie. Die Fotos stammen alle aus den letzten sechs Jahren – und sind im Original farbig. Das sah aber nicht so sehr nach DDR aus.)

Der DDR wird alles angekreidet, was man im Westen eigentlich auch getan hat.
Die böse DDR hat Andersdenkende verfolgt. Im guten Westen Deutschlands wurden lediglich Linke verfolgt, zum Beispiel Mitglieder der Freien Deutschen Jugend, die sich gegen die Wiederbewaffnung einsetzten. Da gab schon mal lange Zuchthausstrafen, später auch Berufsverbote. Ab und an wurde auch ein Demonstrant erschossen – natürlich streng rechtsstaatlich und demokratisch. Die FDJ ist immer noch verboten (seit 1954), und wahrscheinlich sind wir schon deshalb alle suspekt, weil wir Mitglieder einer verfassungsfeindlichen Organisation waren.
Die erschröckliche DDR hatte einen Geheimdienst, der die Leute ausschnüffelte. Äh, ja. Heute schlagen wir uns nur mit so demokratischen Dingen wie Staatstrojaner, Gesichtserkennung auf Bahnhöfen, flächendeckender Überwachung des Verkehrs auf Autobahnen und verdeckten Ermittlern (nicht etwa Schnüfflern) in alternativen Jugendgruppen oder – leider kein Witz – der Kommerzialisierung von Gesundheitsdaten herum.
An der ostdeutschen Grenze wurde geschossen. Nein, das ist nicht sympathisch. Aber wo ist eigentlich der Unterschied zu deutschen Soldaten, die irgendwo in der großen weiten Welt herumballern? Klar, da geht es nicht „gegen die eigenen Leute“, sondern gegen fremde. Was kann da schon schlimm sein.
Die Freiheit der Berufswahl war eingeschränkt. Erzählt das mal einem beliebigen HartzIV-Empfänger. Ich weiß: In der DDR wurden Leute zum Arbeiten genötigt. In der BRD kann man demokratisch entscheiden, ob man lieber auf der Straße leben und hungern will. Dass die Totalsanktionen, also die Kürzung des Existenzminimums auf null Euro plus Lebensmittelgutschein, nicht mit der Menschenwürde vereinbar sind, hat man gerade erst und nach etwa fünfzehn Jahren festgestellt. Fünfzehn lange Jahre hat man die Menschenwürde mit Füßen getreten, aber immerhin nur die von armen Menschen. Die haben vermutlich eine Menschenwürde zweiter Klasse.
Und schließlich: Die Deutsche Demokratische Republik war verschuldet, was man so nicht sagen kann. Korrekt heißt es marode, bankrott, am Ende. Die Bundesrepublik Deutschland ist allerdings viel verschuldeter – und zwar pro Kopf der Bevölkerung. Aber keinesfalls marode.
Noch immer gibt es Menschen im Osten, die nicht glauben, in der besten aller möglichen Welten zu leben. Deshalb holt man Jahr für Jahr den Balg des seit 30 Jahren toten Murmeltiers vor und wedelt den Menschen damit vorm Hirn herum.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Murmeltiermonat

  1. Max Headroom schreibt:

    Das Trommelfeuer auf die Gehirne soll nur dazu dienen, jeglichen Gedanken an ein anderes, besseres System gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Älteren, die die DDR noch wirklich gekannt haben, mit allen Mängeln und Vorteilen, kann man sowieso nicht mehr umerziehen. Gewinnen sie der Erinnerung Positives ab, nennt man sie Ewiggestrige, Betonköpfe, Altstalinisten, Rote Socken und ähnliches. Stimmen sie aber in den Chor der DDR-Delegitimierer (nach Socken-Hintze) ein, dann kann sich jeder Kriminelle, der in Knast oder Jugendwerkhof eingesessen hat, heute zu Opfer, Verfolgtem des Kommunismus und Held des Widerstandes aufschwingen.
    Der Jugend, die die DDR nicht kannte, soll beigebracht werden, nicht daran zu zweifeln, daß sie hier und heute in der besten aller Welten (aber für wen eigentlich) lebt.
    Ein Lied, das eigentlich zum Ereignis öfter gespielt werden sollte, findet sich hier:

  2. Max Headroom schreibt:

    Da ist mir doch vor Ärger über den medialen Schwachsinn ein Fehler durchgeschluppt. Den will ich mal schnell korrigieren. Socken-Hintze hat natürlich seinen Namen, da er der Erfinder des Schimpfwortes „Rote Socken“ für die PDS-Mitglieder war. Er konnte ja nicht ahnen, daß diese den Namen dankbar aufgreifen und selbst benutzen würden.
    Die „Delegitimierung der DDR“ entsprang dem Hirn von Klaus Kinkel.
    Vielleicht hat er sich ja als ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes auch nur geärgert, daß seine Hustentruppe nicht recht mit dem MfS konkurrieren konnte …
    Soeben gelesen: Die Mittel für die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ werden um 1 Million Euro erhöht. Wann gibt es eigentlich mal Mittel gegen die „Diktatur des Geldes“ in der BRD?
    Bundesinnenminister Horst Seehofer hat die Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet. Da liegt er falsch. Der wirkliche „Vater aller Probleme“ ist der Kapitalismus. Den will man ja aber gerade mit dem ganzen DDR-Bashing als „alternativlos“ verkaufen.

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