Angewandte Physik: Licht im Kühlschrank

Wir haben ein Umweltministerium. Statt ernsthafte Dinge gegen Erderwärmung, Sommerdürre und Bienensterben zu unternehmen, also Dinge, die bei den Großspendern der Partei schlecht ankommen würden, erfreut es die Menschheit seit einiger Zeit mit Energiespartipps von fragwürdiger Praxistauglichkeit.
Der Klassiker („Regeln Sie die Raumtemperatur im Zimmer nur 1°C herunter, und Sie können zig Kilowattstunden sparen“ – und zwar jedes Jahr, das Winter werden lässt) hat ein kleines Brüderchen bekommen: Regeln Sie die Temperatur im Kühlschrank hoch: Kuehlschank

Besonders spannend wird es, wenn man die Begründung dafür sieht. Draußen in der freien Natur wird es kälter, also kann es im Kühlschrank getrost etwas wärmer sein. Irgendwas gleicht sich im Mittel sicher aus … Blöd nur: Die Aufbewahrungstemperatur von Leberwurst, Hähnchenkeule, Camembert und Gurke hängt gar nicht von der Jahreszeit ab. Oder von der Temperatur im Vorgarten. Das Prinzip des Kühlschrankes ist es, Bakterien und Schimmelpilze an der Vermehrung zu hindern, indem er es ihnen ungemütlich kalt macht. Das kennt man von sich selbst – oder zumindest vom Hefeteig, der bei Kälte verstockt dasitzt und sich weigert zu gehen. Ich weiß nicht, ob sie sich beeindrucken lassen, wenn man die Nahrungsmittel vor der Einlagerung im Kühlschrank mal aus dem Fenster schauen lässt. Vielleicht werden Schimmelsporen vom nebelgrauen Novemberwetter auch depressiv.
Der größere Unsinn ist allerdings das völlige Ignorieren der Küche, die der natürliche Lebensraum der Kühlschränke ist. Die ist – zumindest bei mir – sommers wie winters etwa gleich warm. Im Winter vielleicht sogar wärmer, weil man wichtige Dinge wie Stollen oder Plätzchen backen muss. Wenn der Backofen heizt, tut es die Heizung entsprechend weniger. Dafür gibt es diese Dinger namens Thermostat. Man könnte natürlich auch die ganze Zeit das Fenster offen lassen, damit es der Kühlschrank angenehm kühl hat und Energie spart, aber irgendwas sagt mir, dass das in der Summe nicht besonders schlau ist.
Der Kühlschrank heizt übrigens auch die Küche, denn die Wärme, die er der Hähnchenkeule entzieht, landet direkt in der Raumluft. Das spart Heizung. Er ist nicht der optimale Heizkörper, aber auch alles, was der Kühlschrank an Elektroenergie verbraucht, wird zu Wärme. Das was im Sommer „schlechte Effizienz“ heißt, kann man im Winter einfach unter „Raumheizung“ abhaken. Die Frage ist nur, ob die Gasheizung das vielleicht billiger könnte.
Wenn wir mal kurz auf Absatz zwei zurückkommen … Wenn man die Raumtemperatur jedes Jahr ein Grad runterdreht, dann ist es in der Küche natürlich so kalt wie draußen, und dann kann man sich derzeit den Kühlschrank ganz sparen. Ansonsten könnte man noch das Licht im Kühlschrank abschalten, denn das erleichtert ohnehin nur den eingedrungenen Obstfliegen die Orientierung. Dann wird es automatisch kälter im Kühlschrank, denn wie wir alle wissen, ist es nachts kälter als draußen.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu Angewandte Physik: Licht im Kühlschrank

  1. Reinhard Krause schreibt:

    Difficile est, non scribere satiram…. Schönen Sonntag, liebe Heidrun!

  2. Max Headroom schreibt:

    Handwerklich begabte Bürger können ein Loch in die Kühlschranktür bohren und einen Türspion einsetzen. So kann man wenigstens kontrollieren, ob das Licht wirklich aus geht, wenn man die Kühlschranktür schließt.

    • Reinhard Krause schreibt:

      Aus den 60ern: Genau aus diesem Grunde haben die als geizig gegolten habenden Schotten keinen Kühlschrank: Weil sie sich nicht sicher sind, daß das Licht wirklich aus ist. Unter heutigen Gesichtspunkten handelten sie sogar richtig, wenn die Innen-Beleuchtung aus AGL 15 W, E14, bestünde. Dauerbetrieb 24 h x 0,015 kW x 365 d x 0,319 €/kW (Brutto StW Eutin) = 41,92 €/Jahr.
      Lustig, was sich in meinen 65 Jahren so „getan“ hat…

  3. Rita schreibt:

    Hallo zusammen,
    das mit der Temperatur raufstellen hat auch noch einen anderen Grund. Denn die meisten Kühlschränke funktionieren ab einer Außentemperatur von X-Grad zu Null nicht mehr, da ja keine Kühlleistung erbracht werden muss durch die Sensoren. Im Ansatz verstehe ich die Kritik durchaus. Doch moderne Geräte haben inzwischen LEDs für den Innenräumen verbaut. Der Jahresverbrauch im Dauerbetrieb beträgt bei vollast noch nicht mal 4 Euro. Daher kann man schon viel Strom und Geld sparen. Danke für diesen tollen Blog. Wünsche euch eine schöne Zeit.

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