Notfallblog: Die Milchglaskugel

Jena und Statistik – das war schon immer ein besonderes Vergnügen. Auf meine Nachfragen, wie hoch denn der Bestimmtheitsgrad für die Regression sei oder ob die Miethöhen tatsächlich gaussverteilt wären, erntete ich regelmäßig völlig ratlose Blicke. Keiner hatte eine Ahnung, aber man glaubte ganz fest daran, dass die Schlussfolgerungen richtig seien. Und wenn nötig, ist man bereit, aus einem Schnittmusterbogen oder dem Sternenhimmel einen statistischen Trend abzuleiten.
Während das RKI noch bis letzte Woche warnte, dass durch die Feiertage die COVID19-Fallzahlen wenig verlässlich seien, weil weniger getestet und langsamer gemeldet wurde, sucht sich die selbsternannte Lichtstadt ausgerechnet den Zeitraum vom 28.12.2020 bis 11.01.2021 aus, um einen Trend zu generieren. Das liest sich dann so:

In dieser Grafik (PDF) haben wir eine interessante Entwicklung der letzten 14 Tage zusammengestellt. Diese verdeutlicht zwei Aspekte: In der jüngsten und ältesten Altersgruppe zeigen die Schließungen und verstärkten Unterstützungsmaßnahmen zunehmend Wirkung. Aber auch hier muss weiter Vorsicht walten und es braucht nach wie vor Akzeptanz und Unterstützung.
Alarmierend sind die Entwicklungen bei den Altersgruppen dazwischen – gerade bei den jungen Erwachsenen. Deshalb bitten wir weiterhin eindringlich darum, die Regelungen, gerade in Verbindung mit den AHA-Regeln, einzuhalten: Abstand und Kontaktminimierung – Hygiene – Alltagsmaske.

(https://gesundheit.jena.de/de/coronavirus)

Da es keine Tabelle mit Zahlen gab, habe ich die Grafik händisch nachgebaut (kleine Abweichungen unvermeidlich bei der Dicke der Punkte) und in Ermangelung irgendeines sinnvolleren Zusammenhanges eine lineare Regression drübergebügelt. Vermutlich käme man mit einer gedämpften Schwingung weiter, zumal inzwischen jeder weiß, dass am Wochenende die Fallzahlen niedriger sind, was sich auch in den 7-Tage-Inzidenzen niederschlägt. Gedämpft, aber doch. Und extralange Wochenenden … ach was rede ich.
Fakt ist, dass es eine einzige Kurve gibt, die einen klaren Trend zeigt: die der 18 bis 27 Jahre alten Menschen. Der Bestimmtheitsgrad liegt bei 0.85 und der Anstieg bei 14 pro Tag. Die werktätige Bevölkerung zwischen 27 und 45 lässt immerhin noch einen Trend vermuten, ohne dass man vor Scham im Boden versinken möchte. Der Bestimmtheitsgrad liegt bei 0.29 – in diesem Fall, sagt der kluge Statistiker, sollte man beobachten, ob es ein Trend oder ein Artefakt ist. Dieser Trend ist übrigens leicht fallend – soviel zu „die Altersgruppen dazwischen“.
Die älteste Gruppe Ü60 hat einen spektakulären Bestimmtheitsgrad von 0.011 – und einen Anstieg von 0.5. Wenn das die Wirkung ist, die die Maßnahmen zeitigen, dann sollte man schnellstens damit aufhören. Und überhaupt weiß man nur, dass es ganz bestimmt kein linearer Zusammenhang ist, sondern irgendwas. Bei den ganz Jungen gibt es tatsächlich einen leichten Rückgang – mit einer geringen Wahrscheinlichkeit.

0 bis 18y = -1,039x + 89,71R² = 0,059
18 bis 27y = 14,49x + 102,3R² = 0,852
27 bis 45y = -3,428x + 275,3R² = 0,290
45 bis 60y = 0,207x + 218,2R² = 0,001
Ü60y = 0,528x + 180,9R² = 0,011
Regressionsformeln und Bestimmtheitsgrad pro Altersgruppe. Ein negativer Faktor in der Formel entspricht einer Abnahme der Inzidenz, ein positiver einer Zunahme.

Mit anderen Worten: An der Pressemeldung der Stadt stimmt so ziemlich gar nichts, mit Ausnahme des Anstieges bei den jungen Erwachsenen. Möglicherweise ist er eine Folge von zahlreichen Weihnachtsbesuchen der Studenten bei ihren Familien – es mussten zu Weihnachten ja unbedingt erleichterte Regelungen her, ganz so, als könnte man sich zum heiligen Festtag nicht anstecken. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Studenten zu Hause waren und deshalb während der Ferien nicht in Jena, sondern irgendwo anders krank wurden. Es sind immerhin mehr als 20.000 Menschen, was die eingeborene Einwohnerschaft in dieser Altersgruppe um den Faktor 2 übersteigt.
Ich glaube fest daran, dass die Jenaer Stadtverwaltung kein bisschen unbedarfter in Sachen Statistik ist als die in den anderen 400 Kreisen des Landes. Das ist die Qualität der Daten, auf deren Grundlage im Lande Entscheidungen getroffen werden.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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3 Antworten zu Notfallblog: Die Milchglaskugel

  1. Ritter Runkel schreibt:

    Wie erklären sie sich die erhebliche Differenz zwischen den Zahlen von Neuinfizierten, Genesenen etc. klafft, die die Stadt Jena selbst meldet und die Zahlen, die die Stadt Jena an das Land Thüringen meldet?

  2. Ritter Runkel schreibt:

    Dies war als Frage an sie gerichtet, also noch einmal: Heidrun Jänchen – Wie erklären sie sich die erhebliche Differenz zwischen den Zahlen von Neuinfizierten, Genesenen etc. klafft, die die Stadt Jena selbst meldet und die Zahlen, die die Stadt Jena an das Land Thüringen meldet?

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Tut mir leid, aber ich kann nicht ALLES erklären. Ich weiß, dass die Stadt mit einer aktuellen Einwohnerzahl arbeitet, während das Land seine seltener, anscheinend nur jährlich, aktualisiert. Möglicherweise ist es auch einfach Meldeverzug.

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