Notfallblog: Sozialistische Wartegemeinschaften

Jena ist von Plakaten auf Pappe zu Blech übergeganen. Man scheint sich auf dauerhafte Zustände einzurichten.

Der häusliche Gefährte wollte die neuen Geraer Löwen sehen, die Sonne schien, es war Sonntag – also fuhren wir zum Geraer Waldzoo.
Da gab es erst einmal keine Löwen, sondern eine Anakonda. Vor dem Tor hatte ein mittelständischer Praxisunternehmer ein mobiles Testzentrum aufgebaut. Zutritt in das großzügige Freigelände nur mit negativem Test. Also an den Schlangenschwanz stellen. Wir bekamen die Bescheinigungszettel mit den Nummern 108 und 125. Das wunderte mich Zwischen der 108 und der 125 wurden allerdings noch die 158, 164 und diverse andere Nummern zum Test aufgerufen, die sich anhörten, als kämen sie aus dem Zufallsgenerator.
Von den fünf Leuten des Testteams arbeiteten zwei wie die Bienchen, während die anderen drei versuchten, den Leuten Bescheinigungszettel aufzudrängen. Da einer dafür mehr als ausreichend war, machte Teststation Nummer zwei nichts als genervte Gesichter. Was zu Hause etwa zehn Minuten dauert, kostete mich vor dem Zoo eine volle halbe Stunde. Ich hätte denen ein wenig zur Hand gehen können, um die Zeit zu nutzen. Ich habe inzwischen Übung mit der Selbsttesterei. Der häusliche Gefährte bekam sein Ergebnis eher als ich den Wattetupfer in die Nase.
Immerhin konnte man Homo Sapiens beobachten, wie sie versuchten, das Chaos zu ordnen. Die Löwen allerdings hielten irgendwo drinnen Siesta. Sie kamen erst zum Drehtermin des mdr am nächsten Tag nach draußen.
Von drei verschiedenen Stellen wurde mir zugetragen, dass der mittelständische Praxisunternehmer mit Niederlassungen in Jena, Gera und Erfurt derzeit alles impfen lässt, was vor der Tür steht. Ohne staatlich anerkannte Priorität natürlich nur AstraZeneca. Sei’s drum. Es schien die beste Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine Spritze zu bekommen. (Ich frage mich allerdings, woher er die Unmengen an Impfstoff bekommt, während bei meinem Hausarzt eine endlose Warteliste abzuarbeiten ist. Erklärungsversuche sind willkommen.)
Vor der Tür schlängelte sich eine Schlange über den Parkplatz. Wie schön, dass alte Kulturtechniken mal wieder zum Einsatz kommen. Ich hatte Buch, Wasserflasche und Klapphocker dabei. Es war fast wie früher, als man sich eine halbe oder ganze Stunde nach vier Bananen, Handtüchern oder den Fleischwaren anstellte, die sich beim besten Willen nicht unter der Hand verschieben ließen. Die restliche Wartegemeinschaft schaute mich etwas verwundert an. Waren wohl keine gelernten DDR-Bürger.
Dann tauchte hinter mir ein Mann auf, der behauptete, einen Termin für um 4 zu haben und keine Impfung zu wollen. Wir boten ihm an, nach vorn zu gehen, aber er weigerte sich standhaft und schimpfte weiter. Ich hätte ihn lieber vorgelassen und in Ruhe mein Buch gelesen. Der Vorgang wiederholte sich mehrfach. Aufgeregte Menschen mit Termin mischten sich mit stoisch wartenden Impfwilligen. Warteschlangen sind im Gegensatz zu Reptilien-Schlangen am hinteren Ende am giftigsten. Auch das wissen wir von früher.
Mindestens die Hälfte der Wartegemeinschaft bestand aus jungen Leuten im besten Studentenalter, die tapfer das Restrisiko ignorierten. Die Politik trifft Entscheidungen: Die Alten mit einer staatlich anerkannten Priorität bekommen BioNTech-Pfizer, die Jungen mit dem höheren Risiko für fatale Nebenwirkungen den AstraZeneca. Klingt logisch.
Die Ärztin brauchte sieben oder acht Minuten und Hilfe aus dem Nachbarzimmer, um dem Impfungsverwaltungsprogramm nahezubringen, dass sie mich impfen wollte – und fünf Sekunden, um mir das Zeug in den Arm zu jagen. Am Abend erklärte der mittelständische Praxisunternehmer im Fernsehen, in seiner Praxis sei alles voll digitalisiert sei und laufe super, viel schneller als in den altmodischen Praxen, die alles per Hand machen. Auch das kannnte ich von früher: Die Erfolge bei der Digitalisierung übertrieb man gern einmal, besonders in der Aktuellen Kamera.
Immerhin, nach nur zweieinhalb Stunden war ich wieder zu Hause – und geimpft. Jetzt warte ich, dass die zwölf Wochen bis zur zweiten Impfung ins Land gehen. Dauert nicht ganz so lange wie die Anmeldung für einen Trabant. Wenigstens fühle ich mich jetzt ein klein wenig gewappnet für einen Ausflug ins Hochinzidenzgebiet Schweinfurt. Um zu arbeiten, darf ich da sogar übernachten.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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