Staatlich alimentierte Spinnerei

Wahrscheinlich habt ihr euch auch schon mal gefragt, wie es der Bundesregierung gelingt, Millionen für Beraterverträge auszugeben. Was tun die für ihr Geld?
Abgeschlagen auf Platz 12 ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung, vielleicht weil die Bildung sowieso Ländersache ist und der Bund nur wenig reinreden darf. Es gibt nur eine Million Euro pro Jahr für Berater aus. Aber da hätte ich Insider-Informationen, denn einer der Berater des BMBF bin ich.
Das Ministerium leistet sich eine Gruppe professioneller Glaskugelbetrachter, die nach eigenen Aussagen von den anderen Mitarbeitern des Ministeriums für etwas seltsam gehalten werden. Sie versuchen herauszufinden, mit welchen Problemen wir uns in 15, 30 oder 50 Jahren herumschlagen werden. Das ist nicht so verrückt, wie es auf den ersten Blick aussieht. Man stelle sich vor, wir hätten den Klimawandel voraussehen und rechtzeitig in einen ökologischen Umbau des Waldes oder Regenrückhalteeinrichtungen investieren können! Oder wir hätten geahnt, dass in Zeiten der Globalisierung Pandemien viel schneller über die Welt getragen werden können … Man hätte Maßnahmen ergreifen können.
In der Regel lädt man Experten, mitunter aber auch Leute von der Straße ein, um in die Zukunft zu blicken. Der geschätzte Kollege Karlheinz Steinmüller hatte vor einigen Jahren die wilde, aber charmante Idee, andere professionelle Glaskugelleser einzuladen: Science-Fiction-Autoren. Science Fiction ist keine Futurologie. Dafür hat sie zu viel Spaß am Chaos. Aber sie kommt auf Ideen. Und so lud man kürzlich wieder einen Haufen Autoren zum Workshop. Mutmaßlich bin ich wegen meiner Vorliebe für die nähere Zukunft und Social Fiction in die Runde geraten. Thema: Wie sieht die Welt 2070 aus – und was passiert da? Blöd war nur, dass das Ganze als Videokonferenz stattfand – das Restrisiko hatte sich als Pandemie manifestiert.
Jeder brachte seine persönlichen Lieblingsthemen mit und kippte sie auf den gemeinschaftlichen Komposthaufen. Recht schnell bildeten sich Dinge auf dem Haufen, so wie die notorischen Kürbisse. Geradezu vorbildlich entschieden wir uns – wie geplant – für genau sechs Kürbisse, also Themen, zur weiteren Beackerung:

Der kollektive Komposthaufen mit Kürbis-Clustern
  • Black Swan Event: Nach dem 3. Weltkrieg
  • Fake World: Das Ende der Realität
  • Zusammenleben mit nichtmenschlichen Lebensformen
  • Fridays for Future gewinnt
  • Eine Welt voller Genies
  • ET lebt – und besucht die Erde

Klingt jetzt nicht so überraschend? Ja, viele dieser Themen hat man in der SF schon gesehen, aber die Antworten sind doch immer wieder neu. Etwa die: Nach dem begrenzten Atomkrieg startet die Zivilisation von Ilmenau aus neu. In Thüringen konnte man auch schon beobachten, wie ein Land ohne Regierung funktioniert. Thüringen ist die neue große Antwort – zumindest wenn man mich in der Arbeitsgruppe hat.
Ich durfte mich einige Stunden mit den Kollegen Bernd Flessner, Uwe Hermann, Tobias Meißner und Uschi Zietsch herumbalgen, spinnen, plotten … Es war großartig. Der häusliche Gefährte kommentierte, bei meinen sonstigen Videokonferenzen würde ich nicht so viel lachen. Normalerweise arbeiten Autoren eher allein im stillen Kämmerlein, aber das scheint die Folge eines festverwurzelten Vorurteils zu sein.
Keine Ahnung, was das BMBF mit dem Ergebnis dieser virtuellen Orgie anfängt. Es bezahlt gutes Geld dafür – mein Steuergeld! Lustiger kann man das nicht verbraten. Wahrscheinlich schauen sie gerade nach, wo dieses Ilmenau eigentlich liegt.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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