BTW2021.4: Grüne Grammatik

Ich bin ein Mutant. Meine Superkraft ist Korrekturlesen. Ich schaue drei Sekunden auf eine Powerpoint-Folie mit zu viel Text und rufe: „In der vierten Zeile ist ein N zu viel!“ Ich kann nicht anders.
Aber es gibt Fehler, die mich ganz besonders aufregen, und dazu gehört das unausrottbare „das Werk des Autoren“. Es bereitet mir körperliche Schmerzen. Die deutsche Sprache kennt stark und schwach deklinierte Substantive. Stark sind die, die sich im Genitiv ein -s wachsen lassen, schwach die mit -en. Blöderweise gibt es keine logische Erklärung dafür, jedenfalls keine erschöpfende. Der Autor jedenfalls ist ein starkes Substantiv (natürlich, ihr Honks!), also heißt es DES AUTORS. Ich ahne, dass die falsche Version in fünf bis zehn Jahren im Duden stehen wird, und ich könnte schon jetzt deswegen einen Tobsuchtsanfall bekommen.
Die meisten Wahlplakate gehen einem mit ihren möglichst nichtssagenden Wortgeklingel auf die Nerven. Manche ein bisschen mehr. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, was mich am grünen „Es gibt keinen Planet B“ so wahnsinnig nervte. Der Planet. Der Planet, egal wie groß, ist ein ein schwach dekliniertes Substantiv. Das heißt, dass er in jedem außer dem ersten Fall hinten ein -en bekommt: des Planeten, dem Planeten, den Planeten. Und nein, das auf dem Plakat ist kein Nominativ. Wen oder was gibt es nicht? Den Planeten B. Es ist ein Akkusativ. Das heißt, es sollte einer sein. Sonst könnte man ja gleich schreiben: „Es gibt kein Planet B“.
Man kann keine Parteien wählen, die schon an der deutschen Grammatik scheitern.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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4 Antworten zu BTW2021.4: Grüne Grammatik

  1. Ossiblock schreibt:

    Das ist Westdeutsch. Da gibt es keine Grammatik. Leider bist Du auch schon auf dem Weg dahin.
    Du hast zwei Kommentare dazu bekommen.

    Grüße aus Ostberlin

  2. Evelyn schreibt:

    Nun, ich kenne eine westdeutsche Sprachpingel (ist das richtig so?), deren Newsletter ich abonniert habe, weil ich gerne dazulerne: https://www.sprachpingel.de/ueber-mich 😉

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Da gebe ich dir absolut recht. Die krümelkackerischste Nervensäge, die ich in dieser Hinsicht kenne, ist der Badenser Armin Rößler, mit dem ich an die 20 Science-Fiction-Bücher lektoriert habe. Immer wenn mir beim Schreiben keine gute Formulierung einfallen will und der innere Schweinehund sagt: „Jetzt lass das einfach so!“, dann kontert das schlechte Gewissen: „Armin würde dir das um die Ohren hauen!“ – und dann denke ich lieber weiter.
      Ich habe bei der guten Frau mal reingeschaut. Sympathisch. Obwohl ich als Physiker mit dem „In jeder Scheibe Brot 16 % Ballaststoffe“ durchaus was anfangen könnte. Das ist eine Aussage darüber, wie gut sie rühren. Könnten ja auch 14 oder 18 % sein … Tatsächlich stellt sich bei mir die absurde Vorstellung ein, sie würden das für jede Scheibe separat abwiegen.
      Das andere ist Polit- und Werbedeutsch, also Mist. Aber der Brecht war auch ein Bayer …

      • Evelyn schreibt:

        Mit dem Mist verdient sie vermutlich hauptsächlich ihre Brötchen … Und gerade der Mist, der ihr zugemutet wird, motiviert sie nun schon etliche Jahre lang zum Pingeln. Das ist gut so. – Und der Brecht war Bayer 🙂

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