BTW2021.7: Die Alten sind schuld!

Seit Wahlkampf ist, vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Honk einen Aufruf startet, man möge doch seinen Großeltern ins Gewissen reden, damit sie endlich Grüne wählen. Es nervt. Es nervt so sehr, dass ich mich frage, warum ich nicht auf die Zukunft pfeife, die ich nicht erleben werde, und stattdessen FDP wähle, die mir am meisten Steuererleichterung verspricht.
Einen letzten Höhepunkt erreichte der Unfug mit der Altersverteilung der Wahlberechtigten, die die Tagesthemen in die Welt posaunten:

Diese Statistik gehört geradewegs in die Rubrik „mit der Wahrheit lügen“. Wenn man sich die Alterskategorien genau ansieht, stellt man fest, dass die unterste genau 4 Jahre, die nächste 7 Jahre, die drei folgenden 10 Jahre und die letzte aus unerfindlichen Gründen ungefähr 30 Jahre umfassen. Damit visualisiert man die angebliche Übermacht der Alten und überzeugt prompt die schlichteren Gemüter.
„Fast 40 Prozent“ sind im Rentenalter? Weil 38.3 % über 60 sind? Irgendwie hat man bei der ARD die Erhöhungen des Renteneintrittsalters in den letzten 30 Jahren schlicht verschlafen. Oder ist das ein Angebot? Wählt die Grünen, und ihr dürft wieder mit 60 in den hart erarbeiteten Ruhestand? Aber nein, Forderungen nach einer Absenkung sucht man im Wahlprogramm vergeblich.


Ein anderes Genie stellt fest, dass die willkürlich zusammengeklatschten Altersgruppen echt krass ungerecht verteilt sind und schlussfolgert, dass die Minderheit von 38 % „über den Klimaschutz entscheidet“. Mit anderen Worten: Er/sie hält 38 % für eine absolute Mehrheit. Auf meinen spöttischen Hinweis hin meldete sich Genie #3 mit der Feststellung, dass aber mehr als 50 % älter als 50 wären. Ja, das ist wohl so. Man muss schon sehr jung sein, um zu vermuten, dass ein 50jähriger, der jeden Tag auf Arbeit rennt und vielleicht politisch oder in einem Verein aktiv ist, ungefähr das Gleiche ist wie ein 90jähriger Pflegeheimbewohner. Ein 18jähriger hat ja auch die gleichen Interessen wie ein 58jähriger! Also zwischen 50 und 58 wird es echt schwer. Bin ich nun mehr 90 oder mehr 18? Findet euch damit ab: Solltet ihr 85 Jahre alt werden, dann wart ihr 41 % eures Lebens alt, also älter als 50; ihr werdet Probleme mit dem Rücken, den Knien oder dem Blutdruck haben, schlecht hören oder sehen und nach dem Essen Sodbrennen bekommen. Und möglicherweise von Grundsicherung leben.
Warum gerade die Ü50 die Problembären der Nation sein sollen? Auch da wurde ich aufgeklärt: weil sie mutmaßlich öfter CDU wählen als die Jungen. Na, da sollte man ihnen dankbar sein, denn bei der U18-Wahl ist in Thüringen die AfD gerade mit 17 % stärkste Kraft geworden, dicht gefolgt von der FDP. Jawohl, auch junge Menschen schaffen es, Nazis und Ausbeuterpolitiker zu wählen.

Ein weiterer hilfreicher Mitmensch erklärte mir, dass Wahlberechtigte und Wählende nicht identisch seien. Nicht genug, dass die Alten so lange leben, sie gehen auch noch relativ häufiger als die Jungen zur Wahl! Frechheit, oder? Der korrekte Aufruf lautet also: „Könnt ihr mal für mich wählen gehen? Ich habe gerade Besseres zu tun.“ Das sind so die Typen, die mit Mitte 30 die Wäsche noch von Mutti machen lassen, weil sie mit der Sortierung nach Temperatur und Farbe überfordert sind.
Ich zeige euch gern, wo das Waschpulver steht. Aber dann habe ich Besseres zu tun – wählen gehen.
(Natürlich wähle ich nicht die FDP. Aber auch nicht die Grünen.)

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu BTW2021.7: Die Alten sind schuld!

  1. Inge A. schreibt:

    Na, aber irgendwie gehören schon 30% der Wähler zur Generation „Früher war alles besser“. Da können wir noch froh sein, dass (zumindest bundesweit) nur 30% von denen die „Wir sorgen dafür, dass alles wieder wie früher wird“-Partei gewählt haben.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      Erstaunlicherweise war früher tatsächlich vieles besser, mutmaßlich weil die BRD genötigt war, gegenüber der DDR zu beweisen, wieviel besser man doch im Kapitalismus lebt. Seit der Vereinigung kann man sich wieder voll dem Verteilungskampf widmen. Die Agenda 2010 war für viele ein Verarmungsprogramm und für noch viel mehr eine ständige Drohung. Heute dürfen zwar Schwule heiraten, aber der Weg von der prekären Arbeit zur Armut ist stark eingekürzt. Das Problem ist, dass nur wenige Parteien sich für das Prekariat interessieren. Und dass das Prekariat mit „Deutschland den Deutschen“ leider mehr anfangen kann als mit „Bedingungsloses Grundeinkommen für alle“. Ausländer abschieben ist ein einfacheres Konzept als ein kompliziertes Steuerkonstrukt, bei dem am Ende die Armen mehr Geld haben.

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