Gendern wirkt irgendwie

Im Grunde mag ich Harald Lesch, und deshalb blieb ich vorm Fernseher liegen, als er eine Sendung übers Gendern machte. Tatsächlich kommen absolut sinnvolle Dinge darin vor, etwa zur Medizin (Männer überleben Herzinfarkte häufiger als Frauen, Frauen sterben seltener an COVID) oder zu geschlechtergerechten Autositzen (Frauen haben schwächere Halsmuskeln, sind kleiner und leichter …).
Wo Leschzu belegen versuchte, dass die Gendersprache (positiv) wirkt, wurde es allerdings bizarr.
Man hat in einer Studie 600 Kinder von der ersten bis sechsten Klasse mit Berufsbezeichnungen konfrontiert – einmal mit generischem Maskulinum, einmal in der Paarform („Lehrer und Lehrerinnen“), und zwar typisch männliche, typisch weibliche und genderneutrale Berufe. Was Lesch über das Ergebnis sagt: Bei Berufen in der Paarform sind sowohl Jungs als auch Mädchen zuversichtlicher, den entsprechenden Beruf erlernen zu können – was helfen könnte, die dringend benötigten Fachkräfte zu bekommen. Juchhu!
Ja nee. Es sind ja nicht die Erst- bis Sechstklässler, die Berufsentscheidungen treffen. Meine Berufswünsche entwickelten sich von Biologe (irgendwo im Grundschulalter) über Schriftsteller (8. Klasse), Germanist (10. Klasse) und Sprachmittler (11. Klasse) zum Physiker (12. Klasse). Ganz ohne Gendern. Außerdem nützt es nichts, ein Studium anzufangen, weil man es für leicht hält – man muss auch damit fertig werden.
Davon abgesehen, steht in der Studie mehr und anderes als das simple „Mädchen trauen sich, Ingenieure zu werden, wenn man nur Ingenieurin sagt“. Zunächst einmal fand man heraus, dass Einkommen und Status von Berufen unabhängig von der Formulierung bei typisch männlichen Berufen höher bewertet wurden als bei typisch weiblichen (spricht für Realitätssinn …). Wenn man gendert, gehen die Erwartungen bei beiden ein wenig nach unten. Mädchen erwarten ohnehin weniger. Mit anderen Worten: In der Grundschule haben Kinder bereits gelernt, dass Männerberufe mehr Geld und mehr Status bringen. Für die Jungs hängen Geld und Status eng zusammen, für Mädchen weniger. Männerjobs sind kompliziert, Frauenjobs einfach, meinen die Kinder. Interessanterweise wertet es die typischen Frauenjobs kaum auf, wenn man sie mit dem generischen Maskulinum bezeichnet. Ein Kindergärtner ist ein Looser in einem Frauenberuf. Gendern wertet lediglich die Männerberufe ab.
Das ist die eigentliche, deprimierende Erkenntnis: Schon in der ersten Klasse glauben Kinder, dass Frauen irgendwie dämlicher sind als Männer. Wenn Frauen Physiker werden, kann es so schlimm nicht werden. Also nicht so kompliziert wie Müllfahrer. Woher haben die das?
An diese Stelle gehört die Erkenntnis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, dass nicht die erwartete Kompliziertheit Mädchen davon abhält, Physik zu studieren – sondern die Angst, für abartig gehalten zu werden.
Mit anderen Worten: Die Umformulierung löst das Problem nicht, denn bereits in der Unterstufe haben Kinder die Rollenstereotype verinnerlicht. Später haben sie Angst, dagegen zu verstoßen. Es ist ein Konformitätsproblem. Zudem hat die Studie eben auch ergeben, dass Kinder unabhängig von der Formulierung sehr wohl zwischen den typischen Frauen- und Männerberufen unterscheiden können. Wen will man damit hinters Licht führen?
Wir brauchen keine sperrigen Formulierungen, wir brauchen Vorbilder. Weibliche Vorbilder. Also irgendwie Vorbilderinnen.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Das Universum & der Rest, Politik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Gendern wirkt irgendwie

  1. Thomas schreibt:

    Heidrun, in Deutschland sterben (mit oder ohne Gendern) immer noch sehr viel mehr Männer an Herzinfarkt oder Krebs als an COVID. Du solltest die Formulierung überdenken, auch wenn uns Herr Lesch und die Tagesschau anderes glauben machen wollen.

  2. lapismont schreibt:

    Die Studien zum Gebrauch männlicher Berufsbezeichnungen belegen erst einmal, dass sogar unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten, Frauen nicht automatisch mitgedacht werden. Das Beispiel mit der Besatzung eines Raumschiffs mit fünf Astronauten ist da ganz schlüssig. Ich hatte bei dieser Formulierung keine Astronautin mitgedacht.
    Inwieweit gendergerechte Formulierungen jetzt bewirken, dass sich mehr Frauen für einen entsprechenden Beruf entscheiden, weiß ich nicht. Aber ich verfahre nach dem Motto: Die Verwendung gendergerechte Sprache kostet mich nichts und wer sie nicht verwenden soll, soll es halt nicht tun.

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      In vielen Fällen haben die angeblichen Vorurteile aber auch einfach was mit Erfahrung zu tun. Ich weiß die exakte Zahl nicht, aber Astronautinnen dürften so 1 bis 2 % ausmachen. Sie SIND etwas Besonderes und sollten dann auch extra erwähnt werden. Aber müssen wir deshalb von „Raumfahrenden“ sprechen? Wer glaubt ernsthaft, dass das „Lehrerkollegium“ einer Schule ausschließlich aus Männern besteht? Und wozu muss man von „Forschenden“ sprechen, wenn das ganze Team am Kernreaktor offensichtlich aus Männern besteht? Braucht die Straßenverkehrsordnung tatsächlich das Wort „Radfahrende“? Wie viele Frauen waren der Meinung, die Regelungen für Radfahrer beträfen sie nicht?

      • lapismont schreibt:

        Gute Fragen. Gibt es aber nicht auch Gründe, warum es sowenig Astronautinnen gibt Ich denke, dass Sprache und Sichtbarkeit ein wesentlicher Bestandteil ist. Bei Forschenden gibt es eben keine andere Interpretation, dass hier alle gemeint sind. Aber ich würde daraus keinen Zwang machen. Wer keine gendergerechte Sprache verwenden möchte, soll es sein lassen. Aber eben auch anderen ihre Entscheidung dazu lassen.

  3. thom schreibt:

    @lapismont
    Ich weise mal daraufhin, daß es für diese Betätigung 2 wesentliche Einschränkungen gibt,
    Raumfahrt wird teilweise als militärische Disziplin verstanden und hat damit auch gerne was zu tun, weswegen hier Soldaten zum Zuge kommen, die sind nicht oft weiblich (stichwort Kampfpiloten oder auch Testpiloten). Eine anderes durchaus relevantes Problem ist, soweit mir bekannt, biologisch bedingt (hängt mit dem Orientierungssinn über das Innenohr zusammen) womit Frauen schlechter zurecht kommen (mal direkt ausgedrückt, Sie tendieren stärker dazu sich zu bekotzen). Als Referenz kann man sich mal die Geschichte um Valentina Tereschkowa (Die Möwe) anlesen (in der Sowjetunion gab es mal eine umfangreichere Damenmannschaft).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s