Rahmenhandlung: Wut? Welche Wut?

Im Moment könnte man schon die kalte Wut kriegen, wenn reihum Politiker erklären, man habe sich nicht vorstellen können, dass die Infektionszahlen derart durch die Decke gehen. Woran liegt das? Mangelndes Vorstellungsvermögen? Wissenschaftsferne? Irgendwas an den Ohren? Keine Ahnung von Mathematik? Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, wie sich Wissenschaftler fühlen, die seit 19 Monaten Vorschläge zur Eindämmung der Pandemie machen und einfach nicht durch den Panzer aus Ignoranz, Profilierungssucht und Eitelkeit dringen. Denkt sie darüber nach, mit der Kalaschnikow ins nächste Landesparlament zu marschieren und die Entschlussfreudigkeit zu erhöhen, indem sie den einen oder anderen Dummschwätzer über den Haufen schießen? Machen wir uns nichts vor: Untätigkeit tötet. Täglich. Die Politik nimmt das in Kauf.
Lothar Wieler, Chef des infektionsverwaltenden Robert-Koch-Instituts, hat ein paar klare Ansagen gemacht. Er hat nicht getobt, nicht geschrien und nicht gedroht. Er hat einfach nur dargestellt, was ist – ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben, ohne unsachlich zu werden. Heute titeln alle Medien der Bundesrepublik, was die ARD angefangen hat: Wutrede. Wut ist unsachlich. Wut ist, wenn man sich auf den Boden wirft und mit den Fäusten trommelt. Wut ist, wenn man nicht mehr logisch denken kann, sondern nur noch zuschlagen. Wut ist, wenn man mit der Kalaschnikow … Das hatten wir schon.
Wut ist nicht, wenn man mit Engelsgeduld Politikern erklärt, was sie gerade tun. Dass von den 52.000 Neuinfizierten des Tages bei einer Mortalität von 0.8 % in einigen Wochen 400 Menschen sterben werden. Man muss nicht abwarten, ob es so schlimm kommt. Die Zahl ist groß genug, dass die Statistik greift. Vielleicht werden es 398 sein, vielleicht 405. Aber es werden nicht nur 40 sein. Im Grunde sind sie schon tot, sie wissen es nur noch nicht. Sie waren schon tot, als sie das Virus einatmeten. Es ist, als ginge man mit der Kalaschnikow auf den Marktplatz oder – aktueller Anlass – zum Karneval nach Köln und schieße dort wahllos 400 Menschen über den Haufen.
Das hat Wieler erklärt, wie man es einem Kind erklären würde. Er hat erklärt, dass auch das Herumkarren Schwerkranker, um eine freie ITS zu finden, Leben kostet. Er hat gesagt, dass wir nicht länger warten dürfen, dass mehr geimpft werden muss, mehr kontrolliert, mehr Kontakte eingeschränkt. Das eine Wutrede zu nennen, ist Framing, Diffamierung. Der Mann wirkt einfach nur müde.
Wut ist, was Gernot Hassknecht zur Freude des Landes zelebriert. Und der würde brüllen: „Ihr habt es verkackt, Politiker. Ihr habt es seit 19 Monaten jeden einzelnen Tag verkackt, und ihr habt ihmmer noch nicht begriffen, dass man die Unterhosen runterziehen und sich auf die Kloschüssel setzen muss. Weil ihr den ganzen Tag nur über eure Wiederwahl nachdenkt, habt ihr keine Hirnzelle frei, um an die Klospülung zu denken, ihr – Tüüüüüt.!“

Framing-Effekt oder Framing (deutsch: Rahmungseffekt) bedeutet, dass unterschiedliche Formulierungen einer Botschaft – bei gleichem Inhalt – das Verhalten des Empfängers unterschiedlich beeinflussen.
Wikipedia

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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Eine Antwort zu Rahmenhandlung: Wut? Welche Wut?

  1. Evelyn schreibt:

    Gut, dass es Richtigstellungen wie Deine zu diesen Gefühle schürenden Interpretationen gibt!

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