Weniger ist mehr

Im Zeitungsdeutsch gibt es merkwürdige Moden, die sich zunächst unmerklich verbreiten, bis man das Gefühl hat, an jeder Ecke darüber zu stolpern. Eine davon ist der wachsende Rückgang, zum Beispiel der wachsende Kaufkraftrückgang in Italien. Das ist schlecht für die Leute und nicht gut für die Sprache.
Als Physiker bin ich versucht, Wachstum und Rückgang wegzukürzen, sodass nur Kaufkraft übrig bleibt, aber so funktioniert das natürlich auch nicht.
Zu verstehen, was der Journalist uns damit sagen will, ist allerdings auch nicht ganz leicht. Schreitet der Rückgang einfach fort oder beschleunigt er sich? Und warum schreibt er nicht einfach: „Sinkende Kaufkraft in Italien“? Oder: „Immer schneller sinkende Kaufkraft“? Oder: „Weiterhin sinkende Kaufkraft“? Lässt man den Rückgang weg, löst sich auch das Oxymoron auf, dieser Knoten in der Sprache, und es wird Platz für zusätzliche Information.
Was beim „Minuswachstum“ böse Verschleierungsabsicht ist – klingt einfach besser als „Schrumpfung“ oder gar „Rezession“ – ist zur gedankenlosen Marotte geworden. Weniger ist mehr. Oder, wie es in besonders öden Gegenden heißt: „Wenn nicht ab und an einer stürbe, wäre hier gar kein Leben.“

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Weniger ist mehr

  1. Evelyn schreibt:

    Auch in Deutschland sinkt die Kaufkraft: „In keinem Industrieland ist die Mittelschicht so stark geschrumpft wie in Deutschland. Die Corona-Pandemie wird das Problem der sozialen Polarisierung weiter verschärfen.“
    https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-12/mittelschicht-aufstieg-bildung-einkommen
    Der Autor nennt aber auch einen vielseitigen Ausweg …

    • Heidrun Jänchen schreibt:

      DAS ist natürlich ein ganz anderes Problem und hat mit der Sprache eher nichts zu tun. Wie in jeder Krise haben die Reichen die Chance genutzt, ordentlich umzuverteilen. Die Zahl der Milliardäre ist gestiegen, während zigtausende in Kurzarbeit waren oder ihren prekären Job gleich ganz verloren haben. Aber da die FDP die Wahl gewonnen hat, holt man sich nicht mal ein klein wenig von den Gewinnen per Steuer zurück, um Coronahilfen für die superprekären Künstler, Veranstaltungstechniker, Clubbetreiber, Theater … finanzieren zu können. Das ist so trostlos. So große Eimer habe ich gar nicht, wie ich bei diesem Thema vollmachen könnte.

  2. Inge A. schreibt:

    Er hätte ja auch schreiben können: „Zuwächse im Kaufkraftrückgang zu verzeichnen…“

  3. Max Headroom schreibt:

    Manche Menschen sind so arm. Wenn die keine Schulden hätten, hätten sie gar nichts.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s