Mein zweites Leben

„Wir wollen eine Lesung machen, um für unser Buch zu werben. Pandemiegerecht natürlich online“, hatte Aiki geschrieben, und ich hatte zugestimmt. Bücher von Kleinverlagen brauchen alle Unterstützung, die sie kriegen können.
Dann kam die zweite Mail mit der Information, das Ganze würde im Second Life stattfinden, und das sei gar nicht so kompliziert, wie man vielleicht glaube … Die gutgemeinten Erklärungen – ihr müsst nur Discord und Second Life installieren, aber das kostet nichts, und euch einen Account anlegen, aber das ist einfach, und wenn es nicht funktioniert, reicht auch Audio, falls euer Computer das nicht schafft … – führten bei mir zu einem Zustand fröhlicher Panik. Ich ändere ungern Dinge an meinem Computer. Never change a running system. Gemeinhin finde ich jeden Bug, den man finden kann, und der Computer beschließt mitten in der Videokonferenz, dass genau jetzt der richtige Moment sei, Updates zu installieren und neu zu booten …
Tatsächlich war es einfacher als gedacht, und – tata! – stand eine merkwürdige Frau mit einem großen Sonnenhut und einem Pekinesen in einer Strandbar, und über ihr schwebte mein Name. Sie sah komisch aus. Die Auswahl an Avataren war grauenhaft. Sie sehen aus wie das personifizierte Geschlechterklischee – bis hin zu dem peinlichen Hund. Im ersten Anlauf gelang es mir, über eine frauhohe Mauer zu klettern und hundert Meter ins Meer zu wandern, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich in die Welt zurückkehren sollte.
Zweiter Anlauf: Wir nutzen den angegebenen Link und landen zwar wieder am Meer, aber direkt neben einem Lesungsplakat. Nach einer Stunde hatte ich gelernt, wie man sich auf ein Sofa fläzt und wie man den am wenigsten peinlichen Avatar dazu bringt, mir selbst ein bisschen ähnlich zu sehen. Also ohne den Schmollmund mit den Botoxlippen, den übertrieben ausgeformten Arsch und die niedliche Stupsnase. Ab Schuhgröße 38 allerdings wachsen die Zehen aus dem Schuh, und breite Schultern für weibliche Avatare gibt es nur theoretisch.
Ich stolperte auf unerklärliche Weise in die Gemäldegalerie zum Buch, das „Am Anfang war das Bild“ heißt. Da ich den Rückweg nicht finden konnte, setzte ich mich vor die Illustration meiner Geschichte „Stille Post“ und wartete. Dort sammelte mich Gastgeber Thorsten Küper auf und teleportierte mich in mein Labor. He, ich habe ein eigenes Labor für diese Lesung, und es ist voller Schmetterlinge! Und Topfpflanzen. Vor den Fenstern erheben sich hinter dem Wissenschaftscampus die Schweizer Berge, und am Himmel hängt riesengroß ein fremder Planet.
Ich lernte Dinge. Avatare im Second Life sind im Durchschnitt 2.20 m groß, und es ist höllenschwer, sie alt aussehen zu lassen. Sie neigen zu geschlechtsstereotypen Gesten. Rote Haare kosten Geld. Soviel zur uneingeschränkten Editierbarkeit. Eigentlich möchte man gern Geld verdienen. Aber Thorsten meint, ich sei der erste Gastautor, dem es innerhalb eines Tages gelungen ist, den verdammten Avatar zu personalisieren. Ich glaube, ich habe virtuelle Minderwertigkeitskomplexe.
Natürlich fiel ich, kaum war der Gastgeber verschwunden, vom Balkon. Die Tür im Erdgeschoss war verschwunden, die Häuser auf dem Campus erwiesen sich als Potemkinsches Dorf, die Straße führte ins Nichts. Nach einer Viertelstunde fand ich heraus, dass ich fliegen kann, aber – genau wie in einer meiner Geschichten – nur ungefähr anderthalb Meter hoch. Eine weitere Viertelstunde später entdeckte ich das Höhenruder. Jetzt sitze ich wieder im Labor und harre der Gäste, die am Sonnabend ab 20:00 Uhr eintrudeln sollen.
Später gibt es die Lesung auch als Mitschnitt auf youtube bei Brennende Buchstaben. Das wenigstens verstehe ich.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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2 Antworten zu Mein zweites Leben

  1. lapismont schreibt:

    Es war ein toller Abend!

  2. Pingback: Das Set nach dem Text zum Bild « Montbron

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