Mehrfach

Hund_Breit

Was der damit zu tun hat? Er lag gegenüber von meinem Infostand. Und er war sehr breit.

Ich gestehe: Ich wunderte mich. Sehr. Als die ersten Wahlergebnisse eintrudelten und ich feststellen musste, dass irgendwas um die fünf Prozent herauskommen würde. Noch mehr, als ich merkte, dass es selbst in den Ecken, für die ich im Stadtrat wirklich etwas bewegt habe, nicht zu einem zweistelligen Ergebnis reichte (nur Lichtenhain, das Lichtdorf der Lichtstadt, brachte es auf 12 %). Am Ende kam trotz Wahlkampf, trotz 25.000 Infoblättern und vier Jahren Knochenarbeit im Stadtrat exakt soviel zusammen wie zur Kommunalwahl 2014.
In der Pressekonferenz konnte ich immer noch verkünden, dass der künftige Oberbürgermeister mich als Opposition an der Backe haben und dass ich mich an ihre Versprechungen erinnern würde.
Komisch kamen mir die Gratulationen vor. 4.68 %? Ist doch toll! Du hast doch nicht wirklich geglaubt, du könntest OB werden?!
Habe ich das? Ich bin mir nicht sicher. Irgendwie hatte ich die wilde Idee, die Wähler könnten sich für jemanden entscheiden, der ihre Interessen vertritt – etwa die Lobedaer jenawohnen-Mieter, die kurz vor der Wahl einen wütendenden Fragebogen schickten, weil man ihnen just die Miete erhöht hatte. Was soll ich sagen? Von den lächerlichen 31 % der Lobedaer, die überhaupt gewählt haben, haben 61 % Mieterhöhungsbefürworter gewählt. Glückwunsch, Leute, das ist im Wortsinne selbstgewähltes Elend! Bei 3 % pro Jahr habt ihr zu Ende der Amtsperiode dann 18 % mehr zu zahlen.
Es war merkwürdig still. Clemens, der Fels in der Brandung der Kommunalpolitik, schwieg so laut, dass es kaum auszuhalten war. Nach 20 Stunden rief er an, sagte: „Schwarzer Undank!“ und überlegte, alles hinzuwerfen.
48 Stunden später, kurz vor der Stadtratssitzung, rief er erneut an, erklärte, er sei von der depressiven in die manische Phase gewechselt, und was man mit dem Verkehr rings um den neuen Uni-Campus treibe, ginge ja gar nicht. Super, sagte ich, ich habe bis Mitternacht alte Dokumente gewälzt, um das Problem der Stellplatzablöse im Detail ausbreiten zu können. Wir können nicht anders.
Am Wochenende war ich an einer politischen Prozession rings um eine Brachfläche in Jena-Burgau beteiligt. Auch die Burgauer waren mit ihren Wählerstimmen sehr zurückhaltend. Aber sie sagen nicht mehr: „Die da oben machen ja doch, was sie wollen.“ Das haben sie von mir gelernt, ohne es so recht zu wissen.
Das Leben ist nicht einfach. Im Moment ist es eher so drei- bis vierfach.

 

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Das wahre Leben: Wahlversprechen

Ich weiß nicht, wie oft ich im Stadtrat den Klassenkasper gemacht habe. Ich habe gefordert, man möge die Schülertickets weiterhin stützen, die Stützung für das Sozialticket nicht kürzen, den Sozialticket-Berechtigten auch weiterhin ermäßigte Einzelfahrscheine verkaufen und verdammt nochmal Sozialwohnungen bauen … Natürlich erfolglos. Für derlei Gedöns reichte regelmäßig das Geld nicht. Auch der Oberbürgermeister stimmte immer gegen meine Anträge.
Aber jetzt ist Wahl. Schlimmer noch: Jetzt ist Stichwahl. Da entdeckt er auf einmal, wofür das S in SPD steht. Er ist für ein kostenloses Kinderticket und für Sozialwohnungen. Sogar für die Schwimmhallte spricht er sich neuerdings aus. Alles Dinge, die in den letzten 4 Jahren keineswegs gingen. Denn vor der Wahl ist der OB sozial. Solange es dauert.

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Ein wenig hat man sich wohl in der Halbwertszeit des Wahlversprechens vertan – und schon steht wieder da, worum es wirklich geht: um Herrn Schröter, nicht um Gedöns.

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Grundkurs Filzen

OB_PlakateVielleicht hat sich der eine oder andere gewundert, warum es hier in letzter Zeit so still war. Es hat einen Grund.
Ich kandidiere. Als Oberbürgermeisterin der Stadt Jena. Ich hatte es mir nicht so schlimm vorgestellt, und ich bin ganz froh, dass ich es mir nicht so schlimm vorgestellt hatte. Ich hätte es sonst nicht versucht, glaube ich, und das Ganze am Ende den Karrieristen überlassen.
Jede Interessengruppe der Stadt hat die Kandidaten entweder eingeladen oder mit einem Fragebogen versehen. In der Regel lautet die Frage: Wie wollen Sie unsere Lage verbessern? Selten, sehr selten fragt man nach dem Ob statt dem Wie.
In der Folge habe ich mehr Zeit mit den Konkurrenten als mit meinem häuslichen Gefährten verbracht. Das ist nur bedingt lustig, denn inzwischen kennt man jedes Statement und jeden schalen Witz der anderen, etwa die ach so lustige Bemerkung des Amtsinhabers, er habe ein befristetes Arbeitsverhältnis als Oberbürgermeister. Es gibt Phrasen, die bei mir inzwischen allergische Schübe auslösen, etwa die „Gespräche auf Augenhöhe“ mit dem Landkreis, „Jena muss wachsen“ oder „Wir sind auf einem guten Weg.“ Es hat was von schlechtem Provinztheater. Ich glaube, ich könnte inzwischen jeden der anderen Kandidaten problemlos vertreten. Bis auf mich und den parteilosen Bewerber aus einem der Jenaer Dörfer versucht nie einer, die gestellten Fragen zu beantworten. Jeder verbreitet seine standardisierte Botschaft, ob es nun passt oder nicht.
Die Antworten werden sich auch immer ähnlicher. Neuerdings hört man vom Amtsinhaber, er sei für das Schwimmbad und für sozialen Wohnungsbau, beides Dinge, die er bisher nicht mit der Feuerzange anfassen mochte. Ich argwöhne, er hat über die letzten zwei Jahre sorgsam Probleme angespart, die er jetzt demonstrativ lösen kann. Am deutlichsten ist das Mimikri beim Bewerber der AfD, der anfangs gar nichts sagte und inzwischen mit einem Sampler der Meinungen der anderen hausieren geht.
Der Kandidat der FDP möchte ein Straßenprojekt finanzieren, indem er auf das Wahlversprechen der Linken für einen kostenlosen Nahverkehr verzichtet – für das auch kein Geld im Haushalt ist. Also wenn man kein Geld für eine Bratwurst hat, kann man dafür immer noch ein Bier kaufen. Das ist nicht logisch, das ist Politik.
Die neueste Argumentationslinie des Amtsinhabers: Mit den hektischen Beschlüssen der letzten Monate zu allerlei Großprojekten gleichzeitig habe er ein derartiges Chaos angerichtet, dass nur er allein es aufdröseln könne. Sein Stadtentwicklungsdezernent und theoretischer Konkurrent von den Grünen sekundiert ihm: Kein Mensch ohne jahrelange Erfahrung in der Verwaltungsspitze dürfe OB werden, wolle man nicht die Zukunft der Stadt aufs Spiel setzen. Als Sahnehäubchen meint der OB, nur er sei hinreichend vernetzt in der Stadt, um all das „stemmen“ zu können. Schon aus geringer Entfernung kann man ein sehr dichtes Netz praktisch nicht mehr von einem Stück Filz unterscheiden. Um im Bild zu bleiben.
Wenn ich in der Hektik der Termine, Flugblattverteilung und Fragenbeantwortung irgendwann zum Nachdenken komme, freue ich mich, dass die beiden Profis inzwischen nervös wirken. Beide haben mit neuen, ebenso stupiden Motiven nachplakatieren lassen.
Morgen gibt es die Auflösung zum Thema. Das Beste daran: Es ist vorbei.

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Keine Kunst

(Wie immer: Anklicken, um die Galerie zu öffnen)

Die Jenaer Fußballfans sind nicht unbedingt meine Freunde, besonders deshalb, weil sie bis zu 60 Millionen Euro für ein neues, leichtathletikfreies Stadion haben wollen. Sie sind der Meinung, das stünde ihnen zu, und wenn man als Stadtrat lieber die Sportschwimmhalle haben möchte, bekommt man zu hören, dann sollte halt beides gebaut werden. Jena sei doch reich. Was Unsinn ist. Jena ist nicht arm, aber gerade mal Durchschnitt.
Als mir einer besonders hartnäckig auf den Wecker fiel, machte ich den Vorschlag, die Fans könnten als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der Stadt sämtliche Schmiereien und Aufkleber zum Thema FCC und Heilige Südkurve im Stadtgebiet entfernen. Worauf mir der Oberweckerfaller erklärte, er fände erstens die grauen Lampenmasten beklebt viel schöner, und zweitens sei es von mir verwerflich, die Street Art als Schmiererei zu bezeichnen.
Ich mag Streetart. Mein Titelbild gehört dazu. Es stammt aus Belfast. Nordirland ist in Sachen Street Art eine Fundgrube. Aber auch mein zeitweiliger Arbeitsort Hasselt in Belgien hat immer wieder neues zu bieten. In Jena gibt es einige subversive Sprayer, die da und dort ihre Botschaften hinterlassen – und geduldet werden. Mein Favorit ist der Katzenmensch, dessen Katzen unerwartet da und dort in der Stadt auftauchen. Dann gäbe es noch David Zinn und seine verwirrenden Einbrüche des Phantastischen in die Pflasterlandschaft.
Aber das lieblose „FCC“-Gesprüsel? Tut mir leid. Das ist zwar Street, aber definitiv artless, also keine Kunst. Und es ist rücksichtslos. Keinen Monat hing die neue Beschilderung von Joggingstrecken – übrigens größtenteils mit privaten Spenden finanziert. Ich fand das sympathisch. Tausende Jenaer laufen durch Paradies und über Berge. Die Fußballfans sehen in den neuen Schildern offenbar nur eins: neue Klebefläche für ihren Müll. Leichtathletik raus aus dem Stadion, zur Hölle mit den Läufern … Hauptsache Fußball.
Vor Kurzem hat man einen der selbsternanntnen Straßenkünstler erwischt. Ich würde den zu gemeinnütziger Arbeit verdonnern: Aufkleber und Grafitti entfernen.

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Unisex-Toiletten 3: Steuerverschwendung!

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Toilette auf Senja/Norwegen. Gibt da sogar warmes Wasser, mit Solarstrom geheizt.

Unisex-Toiletten sind in vielen Gegenden der Welt kein Thema. Norwegen habe ich als entspanntes positives Beispiel ja schon vorgestellt.
Jetzt hat die Universität Jena All-Gender-Toiletten eingerichtet, weil es Menschen gab, die sich auf den Single-Gender-Toiletten nicht recht wohl fühlten. Wenn man als Dragqueen unterwegs ist, hat man vermutlich sowohl in der weiblichen als auch in der männlichen Toilette ein Problem mit der allgemeinen Akzeptanz. Der Studierendenrat wollte deshalb Unisextoiletten, die „dazu beitragen, dass für Inter-, Trans-und Queer-Personen ein sicherer Raum (Safespace) geschaffen würde, in dem sie unbeschwert auf Toilette gehen“ können. Das kann man je nach Gemütslage rührend oder albern finden. Das „unbeschwert auf Toilette gehen“ fasziniert mich jedenfalls. Ich gehe da meist hin, um mich zu erleichtern, also eher beschwert.
Die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag scheint das weniger lustig zu finden. Die hat dazu tatsächlich eine Kleine Anfrage eingereicht, die kürzlich beantwortet wurde. Man witterte skandalöse Steuerverschwendung, die zu Einschränkungen der Qualität der Lehre führen könnte.
In der Tat hat die Universität horrende 200 € für die Umschilderung ausgegeben und gleich noch für 145 € weitere Schilder geordert. Das Ministerium antwortete höchst sachlich: „Weder aufgrund der mitgeteilten Kosten für die Beschilderung von „All-Gender-Toiletten“ noch aus sonstigem Grund kam es an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu Sparmaßnahmen auf Kosten der Studienqualität.“ Ich bewundere das. Ich hätte vermutlich geschrieben, dass am 2. Januar alle Lehrveranstaltungen um eine Minute gekürzt werden mussten, um die Unisex-Toiletten gegenzufinanzieren. Die Universität hat aus Landesmitteln einen Etat von 40 Mio. € pro Jahr. Wir reden hier von 0.008 Promille. Mit Deutschland geht es bergab.
Landtage und Ministerien beschäftigen sich allen Ernstes mit der Beschilderung von Toiletten. Die AfD ist eine echte Bereicherung.

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Das wahre Leben: Dings

„Du könntest uns noch zwei Schüsseln Dings machen.“
„Ich wollte gerade fragen, ob du Dings willst und welches Dings du reinrühren willst.“
„Also ich würde wieder Dings dazu nehmen.“

Schön, wenn man sich so ganz ohne sinnvolle Worte versteht …

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Aus dem Leben eines Experimentalphysikers

1. Akt
„Werden die Umwelttests rechtzeitig fertig?“
„Nein, ich habe für die kommende Woche keine Anlagenzeit bekommen. Wir können das erst übernächste machen.“
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten. Dafür seid ihr verantwortlich.“
„Das erste Labor hatte keine Ahnung von dem, was sie tun, und das zweite hat vor zwei Wochen seine Maschine geschrottet. Ich habe einen Tag herumtelefoniert, um kurzfristig Ersatz zu bekommen. Ich bin froh, dass ich überhaupt was habe.“
„Ja schon, aber wir müssen den Zeitplan einhalten. Ihr wisst das doch seit drei Monaten!“
„Weder die Unfähigkeit noch die kaputte Maschine waren geplant …“
„Ihr wisst das seit drei Monaten!“

2. Akt
„Habt ihr die Umwelttests jetzt abgeschlossen?“
„Ja, schon.“
„Dann können wir das freigeben?“
„Nein.“
„Wie – nein?“
„Die Module haben den Test nicht bestanden.“
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten.“
„Sie sind kaputt.“
„Wie konnte das passieren?“
„Als der Panzer drüber fuhr, ist das Gehäuse gebrochen. Ihr wisst, aus Kostengründen ist das aus Plastik und nicht aus Adamantit. Und beim Sturz in die Sonne ist das Lötzinn auf der Platine geschmolzen.“
„Bist du sicher, dass die Temperatur der Sonne korrekt war?“
„Es ist zwar Winter, aber die Sonne ist trotzdem so warm wie immer.“
„Aber wir brauchen den bestandenen Test für die Produktionsfreigabe. Das wisst ihr doch seit drei Monaten!“

3. Akt
Der Test muss wiederholt werden, nachdem man zwar nicht Adamantit, aber immerhin einen robusteren Plastikwerkstoff eingesetzt hat. Das Prüflabor ist ausgebucht.
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten!“
„Die Extrarunde war in der Planung nicht vorgesehen. Tests, die nicht bestanden werden, sind aus Kostengründen grundsätzlich nicht vorgesehen.“
„Ihr wisst aber doch seit drei Monaten, wann die Tests abgeschlossen sein müssen.“
Ein Wunder geschieht. Ein Kunde sagt ab, das Labor ruft an. Statt am Montag kann der Test schon am Donnerstag stattfinden, wunderbare vier Tage früher. Hektik, Überstunden, früh vor Tau und Tag auf der Autobahn. Alles läuft.
Freitag Morgen:
„Ehe wir am Montag den Umwelttest machen, müssen wir uns noch einmal abstimmen. Der Kunde überlegt, ob die Spezifikation so richtig ist. Die simulieren das übers Wochenende.“
„Der Test war gestern. Wir sind auf Knien um die Typen rumgerutscht, damit sie das vorziehen.“
„Aber der Kunde will die Spezifikation ändern. Wir erfahren am Montag, wie geprüft werden soll.“
„Schön, aber am Montag findet kein Test statt. Der war gestern.“
„Aber wir können doch nicht anders testen, als der Kunde das haben will!“
„Gut, dann versuche ich mal, eine Zeitmaschine zu buchen …“

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