Warm und dunkel – der Vogelzähltag

An diesem Wochenende fand mal wieder die alljährliche Vogelzählung statt. Im heimischen Garten war sie frustrierend langweilig. Bis auf die Tannenmeise wollten sich keine Sondervögel sehen lassen. Der Erlenzeisig kommt in diesem Winter fast nur als Einzelstück vor. Eigentlich sind nur Meisen, Spatzen, Grünfinken und das Rotkehlchen da. Ich vermute, das liegt am warmen Wetter und am fehlenden Schnee. Im Wald und auf der Heiden kann man als Vogel offenbar noch genug Fressbares finden.
Ungewöhnlich ruhig ging es auch im Paradies, dem Park in der Jenaer Saaleaue, zu. Da allerdings fand ich die Erlenzeisige, die bei uns im Garten fehlen. Sie saßen im Schwarm in den Erlen am Ufer und fraßen. Vermute ich. Denn so ganz sicher bin ich nicht. Die Beleuchtung war mittags so erbärmlich, dass man nur sagen kann: Tags sind alle Vögel grau. Dass sie auf einer Erle saßen, ist ein Hinweis. Sie wimmelten unkooperativ herum.
Noch unfotografierbarer allerdings war der Zwergtaucher:

Der ist einfach mal abgetaucht.
Ansonsten gab es die üblichen Verdächtigen im Paradies: Stockenten, Straßentauben, Rabenkrähen und Wacholderdrosseln. Und zwei Teichrallen, die eilends im Dickicht verschwanden.

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Welt der Welten

suppenwelt

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat. In meiner Kindheit und Jugend war „die Welt“ einfach alles, übertroffen nur noch von „Weltall“. Das war irgendwie ein bisschen größer – genau genommen unendlich. Während die Allerweltsnamen eigentlich gar nicht in aller Welt vorkamen, sondern nur in Deutschland und Umgebung. „Weltlich“ bezeichnete die Welt ohne Kirche; vielleicht wäre „unkirchlich“ besser gewesen. Im heidnischen Osten freilich bedeutete es immer noch „einfach alles, bis auf den Restfehler“. Dann gab es noch die lichte Welt der Zukunft, und die war um einiges größer als das bis dahin existierende sozialistische Weltsystem, das genaugenommen mehr so ein Weltviertelsystem war.
Irgendwann zerfiel die Welt in Welten. Da gab es plötzlich die Polsterwelt und die Spielewelt, die Gartenwelt und die Erlebniswelt (Wir halten einen Moment inne und fragen uns, wo sonst man irgendwas erleben sollte). „Welt“ bedeutet nur noch ungefähr „wir haben ziemlich viel davon“. Die „Suppenwelt“, ein Sortiment von Tütensuppen mäßiger Qualität, die man verdammt schlecht von Plastik-Campinggeschirr abwaschen kann, erschütterte ernsthaft meinen Glauben an die Welt. Ich habe nachgeschaut. Im Internet findet man genau vier Suppenweltsuppen: Hühner-, Tomaten-, Spargel- und Frühlingssuppe. Die ganze Welt der vier Allerweltssuppen! Das heißt, von aller Welt kann keine Rede sein. Keine Boullabaisse, kein Borschtsch, kein Gumbo … nicht einmal Linsensuppe süß-sauer.
Ich warte jetzt darauf, dass „Müllers Brötchenwelt“ auftaucht, „Knoblochs Wurstwelt“ und „F***manns Brillenwelt“. Sie werden kommen, das ist gewiss. Dann wird man etwas Neues brauchen, das „alles, was da ist“ bedeutet, die Allwelt vielleicht.

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Das wahre Leben: Sonderangebot

„Dienstag ist Dönertag!“ steht auf dem Schild, das mir in der Fußgängerzone vors Fahrrad springt. Ich komme gerade von der letzten politischen Aktion des Jahres, und der Gastgeber hat uns mit selbst angerührtem Glühwein und Lebkuchen verwöhnt.
Wieso Dienstag?, denkt mein angealbertes Gehirn. Dönertag ist natürlich Dönnerstags.

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MNE5: Eksponati

Budva an der montenegrinischen Küste hat eine historische Altstadt, die auf Prospekten, Postkarten und im Reiseführer angepriesen wird, bis man vielleicht nicht ein zweites Carcassonne, aber ein Aigues Mortes erwartet. Das ist es nicht. Wenn man langsam läuft, ist man in zehn Minuten rum, und der Rest der Stadt ist das übliche Gemisch aus Plattenbauten, Hotels und Holzhütten an der Promenade, die alles verkaufen, was der Tourist nicht braucht.
Für stolze fünf Euro pro Touristennase darf man in die Burg, die ähnlich enttäuschend ist. Es gibt da eine historische Bibliothek mit erstaunlich vielen deutschen Büchern, eine winzige Ausstellung von Modellschiffen und eine Menge unzugänglicher Räume. Der Ausblick ist nett.
Außerdem gibt es „Eksponati“, die zumindest lustig sind. Weil es so schön ist, gibt es eines aus Herceg Novi als Bonus. (eins anklicken, dann geht die Galerie auf.)

PS: Nein, ich habe nicht schon wieder Urlaub, aber in Thüringen ist das Wetter so ekelhaft, dass das Sortieren der Urlaubsfotos außerordentlich tröstlich ist.

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Möhrenbrei und Bratkultur

„Warum schreibst du in letzter Zeit so wenig?“, fragt mich Schriftstellerkollege Siegfried Nucke, und mich überfällt die Erkenntnis, dass ich in letzter Zeit die falschen Prioritäten gesetzt haben könnte. Es gibt Dinge, die sind nicht gesund. Oder wie die Briten sagen: „All work and no play makes John a dull kid.“
Deshalb versuche ich wenigstens einmal im Jahr mit den Kollegen Dichtern zusammen zu kommen. In der Adventszeit verschenken die Verbandsschriftsteller ihre Geschichten. Meist schwärmen sie aus in Altenheime, Häuser für Jugendliche mit Problemen, aber auch in Bibliotheken und Cafés – wie es gerade kommt. In diesem Jahr wollten sie es anders anfangen und besetzten am Sonnabend Nachmittag das Erfurter Haus Dacheröden für eine Mammutlesung in mindestens vier verschiedenen Räumen und mit 19 Autoren. Die Einnahmen sollten dem Erfurter Restaurant des Herzens, also der Suppenküche der Stadtmission, zugute kommen. Als ich den Eintrittpreis von 12 € sah, kamen mir Zweifel.
Erfurts Straßen wimmelten von Menschen. Zu Hause in seinen vier Wänden war offenbar keiner mehr. Und im Haus Dacheröden auch nicht. Bis auf die Dichter. Wir standen nutzlos herum, bis wir beschlossen, uns im Raum für Kinder zusammenzurotten, wo es wenigstens warm war. Anne Gallinat stellte uns ihre Marionetten vor und las ein Stück Geschichte vom Teufelchen, das wegen Bravheit aus der Hölle geworfen wurde. Danach lässt sie normalerweise die Kinder die Puppen ausprobieren, aber wir hockten brav und schüchtern auf unseren Stühlchen. Uns würde man auch aus der Hölle werfen. Immerhin, wir riefen: „Möhrenbrei, Möhrenbrei, ich will endlich Möhrenbrei!“ – im sicheren Vertrauen darauf, dass Anne keinen dabei hatte. Schließlich tauchte ein Kind auf und musterte uns misstrauisch. Später simulierten wir bei den Kollegen erfolgreich Publikum, damit sich die einzige zahlende Gästin nicht so einsam fühlte.
Hinterher waren wir uns einig, dass die Wahrscheinlichkeit, 50 Leute in einer Lesung zu haben, auf dem Dorf größer ist als in der Landeshauptstadt, und dass es besser gewesen wäre, keinen Eintritt zu nehmen und nach der Lesung mit dem Hut rumzugehen. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Vielleicht sollte man gleich mit dem Hinterher anfangen und das Vorneweg einfach weglassen.
Außerdem gab es im Hinterher Duett vom Federvieh mit Klößen und Wirsing und eine – wir sind hier in Thüringen – Debatte über Bratwürste. Die werden natürlich nicht auf einem Grill gegrillt, sondern auf dem Rost gebraten. Deshalb heißen sie Rostbratwürste und nicht Grillgrillwürste. Die in Thüringen nicht existente Grillparty heißt schlicht: „Wir braten am Wochenende.“
Grillen, sinnierten die Autorenkollegen, kann man auch – aber definitiv keine Würste.
„Und keine Brätel“, warf ich ein.
„Nö, die hießen sonst ja Grillen“, meinte Sieglinde Mörtel.

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Mein Leben als schwarzes Schaf

CU_schwarzesSchafZur Stadtratswahl sind die Jenaer Piraten mit dem Versprechen angetreten, für mehr Transparenz zu sorgen. Das war mir ein Bedürfnis, denn davor hatte ich als Rädelsführer einer Bürgerinitiative reichlich Erfahrung mit der Desinformationspolitik der Stadtverwaltung gemacht. Es war nicht lustig.
Seit ich im Rat sitze, blogge ich über alles, was da passiert, bei nichtöffentlichen Sitzungen immer den schmalen Grat zwischen harmlos und strafbewehrt entlang. In regelmäßigen Abständen war ich damit Thema im Hauptausschuss, weil die Koalitionäre von CDU, SPD und Grünen mir das gern verboten hätten. Aber offenbar habe ich die Grenzen des Bloggbaren immer richtig eingeschätzt. Hätten sie eine rechtliche Handhabe gefunden, dann hätten sie die Messer gewetzt.
In der letzten Woche habe ich für zu viel Transparenz eine förmliche Rüge der Vorsitzenden des Stadtentwicklungsausschusses kassiert – im Auftrag der Verwaltung. Die Dame hat mich auch schon gerüffelt, weil ich auf meiner Tastatur zu laut getippt habe in der Sitzung – für so etwas kann man allen Ernstes Ordnungsrufe bekommen. Mein Vergehen war, dass ich über die Ablösung einer Stellplatzverpflichtung berichtet hatte. Das Land baut in der Stadt einen neuen Unicampus, denkt aber nicht daran, die von einer Landesbehörde ermittelten notwendigen 300 Parkplätze zu schaffen. Stattdessen zahlt es pro Platz 8.000 €. Das ist sehr preiswert, jedenfalls für das Land. Stadt und Land sind öffentliche Körperschaften und entsprechend auskunftspflichtig – für Geheimhaltung gibt es also keinen Grund. Zudem hatten die Innenstadthändler gerade vehement Stellplätze gefordert. Die Stadtverwaltung will unbedingt den Innenstadthandel stärken – aber nicht mit Stellplätzen.
Presse und Rundfunk stürzten sich begeistert auf meine Informationen, und der Volkszorn brodelte. Das führte zur Rüge, die wiederum dazu führte, dass die Presse begeistert über die Rüge und meinen sorglosen Umgang damit berichtete. Auch der Lokalfunk lud mich ein und gab mir Gelegenheit, noch einmal über die Vernichtung von 550 Stellplätzen in der Innenstadt zu sprechen. Die Dame von der CDU hat dafür gesorgt, dass auch der letzte in der Stadt das Problem kennt und die Presse mich mehr denn je mag. Der Offene Kanal hat mir sogar die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm angeboten.
Als unser jetziger Oberbürgermeister noch ein einfacher FDP-Stadtrat in der Opposition war, hat er übrigens selbst öffentliche Anfragen zur Stellplatzablöse im Stadtrat gestellt – und den alten OB damit genervt. Ja, das war gestern.
Einen zweiten kriminellen Sachverhalt gab es obendrein: Ich hatte über eine nichtöffentliche Vergabeentscheidung berichtet, allerdings nicht über Bieter und Preise, sondern darüber, dass ein Teich entschlammt werden muss und zwar zum ersten Mal seit 75 Jahren. Wahrscheinlich habe ich die schutzwürdigen Interessen der Bäume verletzt, die jetzt öffentlich als Schmutzfinken gebrandmarkt sind, die Blätter in Teiche werfen. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen.
Ansonsten aber verstehe ich jetzt, was ich zu Schulzeiten nicht begriffen habe: In die Ecke gestellt zu werden, ist gar nicht schlimm und kein Grund zur Scham. Eigentlich ist es sogar ziemlich cool, solange es die richtige Ecke ist.

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Theoretische Stille

In Jena gibt es eine Straße, in der nachts von 22 bis 6 Uhr Tempo 30 gilt – aus Lärmschutzgründen. Das ist an und für sich keine blöde Idee, aber auf der Straße rumpelt nicht nur die Straßenbahn entlang, gleich daneben ist auch noch das Bahngleis. Nachts fahren da jede Menge Güterzüge. Aber wenn gerade keiner fährt, dann ist es wegen Tempo 30 echt leise, und man kann seelenruhig bei offenem Fenster schlafen. Auf meine Frage nach dem Sinn der Maßnahme bekam ich zu hören, der Zugverkehr liege nicht in Verantwortung der Stadt. Egal wie laut die Güterzüge scheppern – für die Stadt ist das Lärmbelastungsgebiet damit befriedet.
Ähnlich geht es in Maua zu, einem winzigen Dorf jenseits der A4, das zu Jena gehört. Dort hat man die Autobahn in einen Tunnel verlegt, um sie trotz Naturschutzgebiet dreispurig ausbauen zu können. Nebenan wachsen Orchideen, die man nicht einfach wegbaggern darf. Das Problem: So ein Tunnel endet irgendwo, und aus dem Ende dröhnt Tag und Nacht der Verkehrslärm. Deswegen hat man zwar eigens einen Lärmschutzwall angelegt, aber der hat ein Loch. Wer dahinter wohnt, hat Pech.
Die Bürger von Maua jammern, klagen und barmen seit Jahren. Sie haben sogar schon den Lärm an ihren Häusern messen lassen und festgestellt, dass die Grenzwerte ganz eindeutig überschritten werden. Das sieht selbst die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie so – kann man in der Lärmkartierung nachlesen.

Laerm_Maua

Das ist ein Stück aus der Lärmkarte der TLUG. Die roten Kästchen sind Häuser, an denen die Lärmgrenzwerte überschritten werden.

Der Bund als Straßenbaulastträger sieht das anders. Die Lärmmessungen, ließ er die Bürger wissen, seien irrelevant. Man habe die Lärmbelastung im Zuge der Bauplanung ordnungsgemäß simuliert und festgestellt, dass Grenzwertüberschreitungen nicht vorkommen.
An dieser Stelle kann man nur noch Christian Morgenstern beziehungsweise seinen Protagonisten Palmström zitieren: „Und so schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.“

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