Schrödingers Katze und der NSU

Warum Jena, fragt der Ossiblogger mich. Warum bildete sich der Nationlasozialistische Untergrund, allgemein NSU abgekürzt, ausgerechnet in Jena? Die meisten Jenaer können die Frage nicht mehr hören – auch wegen der Antworten, die allerlei Experten dazu haben.
Ich habe auch eine: nichts. Es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung, genau wie Schrödingers Katze, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit tot ist. Die Physiker haben dafür das Modell der Wahrscheinlichkeitsverteilungen, mit denen sie den ungefähren bzw. wahrscheinlichen Aufenthaltsort von Elektronen, Photonen oder Bosonen beschreiben. Taugt auch für Terroristen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas wie der NSU im deutschen Osten entstand, war hoch. Man hatte den Ossis flächendeckend ihr gesamtes Leben entwertet und 2:1 in ein Westleben umgetauscht. Nicht nur finanziell, obwohl die Treuhand das Volkseigentum wie ein Hütchenspieler so lange hin und her schob, bis die Ossis links und rechts nur noch Schulden sahen. Man erklärte ihnen obendrein, dass ihr gesamtes Leben falsch gewesen war. Berufsabschlüsse waren plötzlich ungültig, das liebevoll gepflegte Eigenheim eine Hundehütte, die Kultur miefig und die Frauen abgetakelt. Wo jeder vierte arbeitslos war, lag der Trugschluss nahe, man könnte vielleicht selbst der billige Türke sein, wenn man die Türken rauswürfe.
Anfang der Neunziger wuchs eine Generation auf, deren Eltern ratlos, verunsichert und nutzlos waren. Alle Autoriät war vernichtet, und die Jugendarbeit war zusammen mit FDJ und DTSB den Bach heruntergegangen. Jugendclub, Zirkel schreibender Schüler, Fußballverein oder AG Nistkastenbau – alles unter den Trümmern der DDR begraben. Es war ein Loch, in das die NPD freudig strömte. Vielerorts waren Bürgermeister froh, wenn irgendwer eine Hüpfburg oder einen Satz Trikots für die U12-Mannschaft bezahlte. Etwas wie die NSU musste in einer Großstadt der DDR entstehen, in der man gerade die Industrie zerbröselt hatte, um den Absatzmarkt von lästiger Konkurrenz zu säubern.
Sachsen und Thüringen waren über Jahrzehnte fest in der Hand der CDU, und die beste Qualifikation für öffentliche Ämter war es, ein strammer Antikommunist zu sein und in jedem zweiten Satz das Wort „Unrechtsstaat“ unterzubringen. Das bescherte den Sachsen den Sachsensumpf und den Thüringern Helmut Roewer als Chef des Verfassungsschutzes. Der päppelte mit den Geldern seiner Behörde die rechtsextremen Strukturen in Thüringen und stand immer dann im Wege, wenn die Polizei drohte, das Terroristentrio zu erwischen. Hätte man die drei verhaftet, nachdem man bei einer Razzia in Jena eine Bombenwerkstatt gefunden hatte, hätte niemand je vom NSU gehört. (klitzekleine Verschwörungstheorie: Angesichts der traditionellen Resentiments zwischen Erfurt und Jena liegt es nahe, dass der Erfurter Beamte Roewer das braune Gesindel ausgerechnet in Jena hätschelte. Roewer übrigens war ein Westimport, weil die Ossis alle zu vorbelastet waren.)
Der Rest ist Zufall – drei Psychopathen, die sich cool finden, wenn sie Leute umbringen. Die sich im Recht fühlen. Die über Jahre unentdeckt bleiben, weil es Leute gibt, die fürsorglich ihre Hände über sie halten. Sie hätten überall auftauchen können, wo die Wahrscheinlichkeitsverteilung ein lokales Maximum hatte – in  Chemnitz zum Beispiel tauchten sie tatsächlich mehrfach auf.
Bei der letzten Bundestagswahl gab es in Jena weniger NPD-Wähler als in Nürnberg. Inzwischen gibt es ja auch wieder Industrie, westgemäße Berufsabschlüsse, neu erfundene Jugendzentren und vielleicht sogar eine AG Nistkastenbau bei den Pfadfindern. Wenn Thügida in Jena demonstriert, verlieren sich die paar Nazis in der Menge der Gegendemonstranten, unter denen sich auch Stadträte aller Parteien außer CDU und FDP finden. So etwas wie den Thüringer Heimatschutz will man auf keinen Fall wieder haben..

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Das wahre Leben: Farbenlehre

Mein Kollege erläutert die Relativität von Farben:
„Was sind das da für Beeren?“
„Blaubeeren.“
„Und warum sind die dann rot?“
„Weil sie noch grün sind.“

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Gelbe Alternativen

Nein, noch ist nicht Wahlkampf – es geht um Grünzeug bzw. im konkreten Fall um Gelbzeug.
Invasive Pflanzen sind eigentlich überhaupt nicht invasiv. Kein Götterbaum in China zieht die Wurzeln aus der Erde und ruft: „Auf, lasst uns Deutschland erobern!“ Auf natürlichem Wege würde er für die Strecke etwa 40.000 Jahre brauchen, wenn er sehr zielstrebig unterwegs wäre und nirgends ein Meer oder Gebirge dazwischen stünde. Nein, die Pflanzen werden eingewandert. Menschen meinen, sie seien doch eigentlich ganz hübsch oder nützlich, der einheimischen Natur müsste man auf die Sprünge helfen, und außerdem haben sie schlicht keine Ahnung.

(auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen)
Einer dieser Fälle ist die Kanadische Goldrute, die ich selbst für eine einheimische Pflanze hielt, bis ich mich näher mit der Sache befasste. Sie steht überall, besonders im schönen bunten Bauerngarten. Da ist sie robust und pflegeleicht und blüht so schön gelb (die Vorbereitung für hunderte bis tausende Samen). Wenn der Gärtner seine Abfälle nicht ganz ordnungsgemäß in die freie Landschaft entsorgt, macht sie sich auf, die Welt zu erobern. Weil sie mit dem, was Ökologen Ruderalflächen nennen, gut zurecht kommt, also mit Bahndämmen, Schutthalden, Straßenrändern und Brachflächen aller Art, steht ihrer Verbreitung nichts im Wege. Sieht ja auch so schön aus.
Das tun andere auch. Die kanadische Goldrute hat eine europäische Schwester: die Gewöhnliche Goldrute (Solidago virgaurea L.). Noch, muss man sagen, denn die hat es gegen die größere Verwandte nicht leicht (weswegen ich sie auch nicht auftreiben konnte). Aber sie ist sehr schön gelb.
Das hat sie mit einer anderen Pflanze gemein, die auch auf Ruderalflächen zu Hause ist, fast so groß wie die Kanadierin und ein wenig früher blüht: dem Rainfarn, der mitnichten ein Farn ist, sondern ein Korbblütler. Die Benennung von Pflanzen ist nicht immer logisch. Rainfarn kann man, wenn man sich die Mühe machen will, zum Färben verwenden. Je nach Kompliziertheit des Prozesses kommt ein Gelb oder Grün dabei heraus. Früher hat man ihn als Wurmmittel verwendet, aber da die Pflanze giftig ist, sollte man das lieber bleiben lassen. Sonst ist am Ende nicht nur der Wurm, sondern auch der Wirt erledigt. Aber der Rainfarn ist sehr schön gelb.
Als harmloses Heilmittel mit beschränkter Wirkung ist dagegen das Echte Johanniskraut bekannt. Angeblich hilft es gegen leichte Depressionen, Sonnenbrand, Rheuma, offenen Wunden und Verstauchungen. Auf jeden Fall aber sieht es gut aus, gelb natürlich.
Wer es mehr buschig mag, kann auch auf den Fingerstrauch zurückgreifen. Der braucht keine Pflege und blüht Jahr für Jahr fleißig vor sich hin. Und zwar wunderschön gelb und deutlich länger als die Goldrute.
Nichts ist alternativlos. Der ökologisch nützliche Garten muss nicht langweiliger aussehen als der mit Exoten aufgehübschte.

 

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Wer? Eine Frau?

Doctor Who war Liebe auf den zweiten Blick. Auf den ersten fand ich es sagenhaft albern und ging Kuchen backen. Bei der zweiten Folge verliebte ich mich in Christopher Ecclestone, der den Doktor so cool spielt, dass es hinter ihm schneit. Er rettet beständig die Welt, aber er ist kein bisschen ernsthaft, verantwortungsbewusst oder wohlerzogen, im Gegenteil: Er ist dreist, leichtsinnig und unverschämt. Und ein bisschen einsam. Er zeigt, dass Weltretten keine so ernste Sache ist. Mitten in der größten Katastrophe, während ringsum alles in Flammen aufgeht und ein Dutzend Soldaten mit automatischen Gewehren auf ihn zielt, wirkt er immer noch, als hätte er den Spaß seines Lebens. Mit anderen Worten: Er war ein großartiges Vorbild für alle, die die Welt auf den Kopf stellen möchten. Und Weltretten ist nichts für Leute, die alle Tassen in Reih und Glied im Schrank stehen haben.
BBC hat gerade Doktor Nr. 13 angekündigt: Jodie Wittaker. Seither brodelt es im Web. Ich vermute, es hat immer gebrodelt, weil jede Veränderung lieber Gewohnheiten zu Gebrodel führt. Aber diesmal brodelt es aus naheliegenden Gründen ein bisschen mehr. Jodie ist ein Mädchen. Huch!
Es gibt eine reichliche Zahl von Frauen, die begeistert sind und meinen, das sei auch mal an der Zeit gewesen. Auf der anderen Seite gibt es so selten dämliche Sprüche, dass man sich fragt, wer sich freiwillig zu einem derart rückständigen Weltbild bekennt. Etwa den:

doctor13

Realitätscheck: In heutigen Krankenhäusern gibt es mehr weibliche als männliche Doktoren, und man sorgt sich, dass das Ansehen der Ärzte drunter leidet …
Nicht weniger idiotisch:

Tardis

Hier zitiere ich mal die MythBusters, die in einem Test feststellten, dass Männer schneller einparken, aber Frauen seltener anstoßen …
Außerdem gab es noch den herzigen Spruch: „Ich würde ja gern die Welt retten, aber da hinten gibt es gerade Schuhe im Sonderangebot.“
Jungs, wie um alles in der Welt kann man auf die Idee kommen, mit dem Verlust des Schwanzes würde man die Fähigkeit zum Steuern eines Raumschiffes verlieren? Oder einen Schuhfetischismus entwickeln? Womit, glaubt ihr, denkt der Mensch? Oder der Timelord? Was das Schlimmste ist: Das sind mutmaßlich Fans einer Science-Fiction-Serie, und sie reden daher wie meine seit bald 40 Jahren tote Großmutter!
Diese Klischees aus der Mottenkiste ganz hinten sind genauso albern, als würde man von einem männlichen Doktor behaupten, er fände die Gangschaltung der Tardis nicht, weil alles voller benutzter Socken und Pizzaschachteln liegt. Oder – ich kann auch blöd sein -: „Ich würde ja gern die Welt retten, aber heute ist Champions League.“
Ich denke, es ist eine spannende Idee, und Doktor Nummer 13 (ausgerechnet 13!) wird gewiss nie in einem rosa Handtäschchen nach ihren Schallschraubenzieher kramen. Es ist eine großartige Gelegenheit, mit den Klischees zu spielen, die sich da gerade so kindisch Bahn brechen. Schaun wir mal.
Von mir wird man weiter in den unpassendsten Momenten hören: „Ich bin der Doktor, und das ist mein Löffel!“ Was nicht gelogen ist, denn ich habe einen Doktortitel in Physik und immer einen Göffel im Rucksack. Man weiß ja nie.

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Andere Länder: SOS

Man kennt Rettungsringe, Rettungsboote, Rettungsdecken, Rettungsgassen, Rettungssanitäter, Rettungsleitern und Rettungsfallschirme. Scheinbar alle Notfälle der menschlichen Existenz sind abgedeckt. Nur einer nicht: bohrender Hunger. Die Norweger überlassen da nichts dem Zufall:
Fladen_Rescue
Läuft man Gefahr, wegen Hungers in den nächsten Baum zu beißen, dann hilft der Griff zum Rettungsfladen.
Vielleicht aber, fällt mir ein, ist es auch ganz anders: Aktivisten befreien Fladen aus der nichtartgerechten Haltung in Supermärkten und türkischen Lebensmittelläden, um sie im norwegischen Birkenwald auszuwildern. Wer weiß.

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Ich distanziere mich

Jetzt geht das Spiel wieder los: Ich habe geschrieben, der Polizeieinsatz in Hamburg erwecke in mir das deutliche Gefühl, die Randale seine gewollt gewesen.
Und scheiße – ich habe es verabsäumt, mich zu distanzieren. Also los, ich distanziere mich:

– von Leuten, die andere Leute verprügeln, weil die eine andere Hautfarbe oder andere Kleidung haben oder andere sexuelle Vorlieben
– von Leuten, die Asylbewerberheime anzünden
– von Leuten, die im Netz Hetze gegen andere Menschen verbreiten
– von Leuten, die Läden anzünden
– von Leuten, die Gesetze machen, die Millionen in Not und Repressalien stürzen
– von Leuten, die zugunsten ihres Profits tausende Arbeitsplätze vernichten
– von Leuten, die Waffenexporte genehmigen und dann über die Gewalt in der Welt barmen
– von Leuten, die Kriegseinsätze beschließen
– von Leuten, die mit Steinen schmeißen, wenn andere Menschen im Schussfeld stehen
– ja, auch von Leuten, die Autos anzünden
– und vorsichtshalber von den Hexenverbrennungen.

So, und nachdem ich das jetzt erledigt habe, kann ich zum Punkt kommen:
Es gibt verfassungsmäßige Bürgerrechte: Das Recht auf freie Meinungsäußerung, das Recht, sich mit anderen unter freiem Himmel zu versammeln, das Recht, sich mit anderen zur Durchsetzung seiner Interessen zusammenzuschließen, das Recht auf Pressefreiheit. Die halte ich für außerordentlich wichtig. Deshalb stehen sie ja im Grundgesetz.
Es gibt Rechte, die sich aus der Rechtsprechung ableiten. Dazu gehört das Recht, sich Dingen in den Weg zu stellen, die man verwerflich findet, seien es Castortransporte oder Nazidemos. Es ist das vom Verfassungsgericht festgestellte Recht auf zivilen Ungehorsam.
Es gibt Dinge, die sind nicht rechtmäßig, sondern bußgeldbewehrt: mit Torten oder Farbbeuteln auf Politiker zu werfen zum Beispiel. Ich muss gestehen, dafür hege ich eine gewisse Sympathie, denn es gibt genügend Politker, die frohen Mutes Gesetze beschließen, die andere Menschen in die Armut treiben (und dann ekelhafterweise auch noch von „sozial schwach“ reden). Die finden es in Ordnung, wenn man selbst Kindern das Existenzminimum kürzt. So schlimm kann keine Torte sein.
Es gibt Dinge, die sind kriminell. Mit Pflastersteinen werfen, Schaufenster einschlagen, Leute verprügeln, Häuser anzünden. Steuern hinterziehen. Nein, Sympathien hege ich dafür nicht. Überhaupt nicht. Obwohl ich verstehen kann, was in Leuten vorgeht, die im Jobcenter ausrasten, wenn man ihnen die Leistungen kürzt, weil der Sachbearbeiter die Unterlagen falsch abgeheftet hat. Da hab ich Erfahrung, die zum Glück lang her ist. Ich muss es auch nicht gut finden, nur weil ich verstehe, woher die sinnlose Wut kommt.
Und dann gibt es den Staat mit seinem Gewaltmonopol, der sich plötzlich um seine eigenen Gesetze nicht mehr schert. Der verfassungsmäßige Rechte, Gerichtsentscheide, das Recht auf einen Anwalt und alles mögliche sonst ignoriert, um zu zeigen, dass er es sich leisten kann. Der auf Leute einprügeln lässt, weil von zehntausend, die da stehen, später irgendwann fünfhundert oder tausend randalieren könnten. Ein Staat, der sich einen rechtsfreien Raum schafft, weil er es sich leisten kann. In einem Rechtsstaat ist der Staat an Gesetze gebunden. Das andere heißt Diktatur. Wenn wir aufhören, das Grundgesetz zu verteidigen, dann wird es wirklich böse.

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Endlich Randale

JoghurtStell dir vor, es ist Randale, und keiner geht hin. In Jena habe ich gesehen, wie ein Polizist, der gerade eine Anti-NPD-Demo einkesselte, seinen Helm abnahm und mit den Eingekesselten ein Gespräch anfing. Keine Auseinandersetzung, nicht einmal eine Diskussion – ein Gespräch. Bei dieser Demo flog ein Bund Petersilie durch die Luft, und das war’s. Es war Jenaer Polizei, die dem Glauben anhing, dass auf der anderen Seite auch Menschen stehen.
Ich habe – auch in Jena – auch Anderes erlebt: Dresdener Polizeieinheiten, die bei der geringsten Bewegung der weggesperrten Demonstranten die Visiere zuklappten und jeden filmten, der in der Nähe stand. Die sofort zu Pfefferspray griffen. Aus dem Selbstverteidigungstraining weiß ich, was ich in dieser Situation unbewusst spürte. Die Robocop-Gestalten haben nichts Menschliches mehr. Sie haben keine Gesichter. Sie erzeugen Angst, und sie machen es leicht, in ihnen nur noch den Feind zu sehen. Das setzt man beim „model mucking“ bewusst ein, um chronisch harmlose Frauen dazu zu bringen, einmal wirklich zuzuschlagen.
In Hamburg hat die Polizei von Anfang an klar gemacht, dass sie Konfrontation wollte, sich an Regeln nicht halten würde: genehmigte Camps wurden entgegen dem Gerichtsentscheid gestürmt, die Republikanische Anwaltsvereinigung kriminalisiert, Journalisten bedroht und angegriffen, eine bis dahin unauffällige und nicht verbotene Demonstration aufgehalten und gestürmt. In Dresden verhaftete man vor einiger Zeit einen Mann, weil er mit einem Dreipfundbrot im Beutel einer Absperrung zu nahe gekommen war. In Hamburg reichte es, Wechselkleidung dabei zu haben. Das tut man, wenn man eine Eskalation will. Als tatsächlich Autos brannten und Läden geplündert wurden, griffen selbst die Polizisten, die vorort waren, nicht ein. Das tut man, wenn man genau diese Bilder will: brennende Autos und geplünderte Läden.
Es ist bekannt, dass immer wieder Polizeispitzel in linken Strukturen auftauchen, die nach den Berichten der Bespitzelten keine braven Beobachter sind, sondern zum Teil selbst Aufwiegler und Anstifter (vielleicht, damit sie endlich etwas zu berichten haben). Die Hamburger Morgenpost berichtet, dass im Netz Aufrufe von Hooligans kursierten, die zu Randale in Hamburg aufforderten. Und natürlich weiß gerade die Polizei, dass sich insbesondere männliche Jugendliche mit unfairer Behandlung gut provozieren lassen, dass Ohnmacht allzu leicht in Wut umkippt.
Ein Auto brennt nicht, nur weil man eine Minute ein Feuerzeug drunter hält. Wer schon mal in der Wildnis ein Lagerfeuer gebaut hat, ahnt, dass es gar nicht so leicht ist, eine Barrikade in Brand zu stecken. Was auf allen Kanälen gezeigt wurde, war keine Demo, die entgleiste. Es war eine Demo, die schikaniert wurde, und eine Gruppe von Randalierern, die ausgerechnet in einem linksalternativen Viertel wütete. Es sah aus wie eins, aber es waren zwei verschiedene Dinge. Die Randalierer gingen erstaunlich organisiert und zielstrebig vor, wie man in der Videodokumentation sehen kann. Die Hamburger Morgenpost schrieb von etwa 500 Gewaltbereiten, und die wurden nicht spontan aggressiv, sondern waren offenbar vorbereitet.
Man wollte nicht schon wieder die Bilder von 70.000 friedlichen Demonstranten in den Medien haben, die begründete Kritik vorzubringen hatten. Das war bereits bei den TTIP-Demos lästig. Man wollte Krawall, und man organisierte sich Krawall.
Die Folgen sind absehbar: mehr Polizei, mehr Überwachung, mehr Kameras, mehr präventive Kriminalisierung, mehr Befugnisse für die Geheimdienste. Qui bono?

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