Die kehrmaschinengerechte Promenade

Wenn in Jena gebaut werden soll, dann wird jede Menge Lyrik ausgewalzt. Unausweichlich ist von „hoher Aufenthaltsqualität“ die Rede. Da war zum Beispiel das Projekt „Friedensbergterrassen“ von jenawohnen. Dazu hieß es zum Aufstellungsbeschluss:
„Die achsiale Wohnstraße („Promenade“) in Grundstücksmitte bildet hierbei das Rückgrat der Anlage. Hier schließen fischgrätenartig die beschriebenen Wohnterrassen an, vielfältige Sichtbeziehungen fördern die Kommunikation unter den Mietern. Im Bereich der „Promenade“ laden Aufenthaltsbereiche im Freien zum Verweilen ein und bilden das „Soziale Zentrum“ des Wohngebietes.“
Ein suggestives Bild gab es dazu auch:

Friedensberg-Platz_Entwurf
(Das Bild stammt aus der Präsentation, mit der man den Stadtentwicklunsausschuss zu ködern versuchte – von jenawohnen)

Im Abwägungsbeschluss – das ist der, wo theoretisch die Einwände der Anwohner mit den Plänen des Investors versöhnt werden – war man von der „Promenade“ schon abgekommen. Da hieß es:
„Im Bereich des „Angers“ laden die angelagerten Gemeinschaftsbereiche und Aufenthaltsbereiche im Freien zum Verweilen ein und bilden den informellen Bewegungsbereich des Wohngebietes. Im Zentrum des Angers liegt eine von Bäumen überstandene wassergebundene, tiefer gelegte Platzfläche, die als Treffpunkt genutzt werden kann.“
Kein Wort mehr von sozialem Zentrum. Allerdings wollte man noch Vielfalt:
“ … als Allgemeines Wohngebiet festgesetzt. Damit soll ermöglicht werden, dass sich im Bereich des „Angers“ neben dem Wohnen auch andere, das Wohnen nicht störende Nutzungen (wie z.B. soziale Betreuungsstützpunkte, Mietstation für E-Cars und Fahrräder, kleinere Gewerbeeinheiten) ansiedeln, um die strukturelle Vielfalt des Gebietes zu unterstützen.“

Friedensberg-Platz

Geworden ist aus alldem freilich nichts. Abgesehen davon, dass die in der Präsentation verwendete Perspektive nicht existiert, ist der Quartiersplatz vor allem eines: öde. Sooft ich da vorbei komme, ist er verwaist. Die Bäume werden, weil es Trompetenbäume sind, nie so groß werden wie in der Vision. Die Öffnung zur Grünfläche gibt es nicht. Gras auf der „Promenade“ gibt es so wenig wie Bänke oder die angedeuteten Sträucher hinter dem Mann auf der Bank. Von der Vielfalt ist genau nichts geblieben. Es gibt einen Radständer, aber weder eine Verleihstation für Fahrräder noch irgendeine Gewerbeeinheit. Eine Mietstation für E-Cars, sehen wir der Wahrheit ins Gesicht, wäre ein schlichter Parkplatz mit einem Auto drauf. Macht aber nichts – er existiert nicht. Nicht einmal die strukturierten Fassadenoberflächen waren ernst gemeint. Glatter Beton in einem frischen Steingrau tut’s ja auch. Bis auf die Kellereingänge der oberen Häuser gibt es auf diesem Platz nichts, was man länger als zehn Sekunden ansehen möchte. Die Mieter konzentrieren sich ganz auf die den Wohnungen zugeordneten Grünflächen, und Kommunikation findet nicht statt. Es ist der toteste öffentliche Raum, den Beton schaffen kann. Aber man kann ihn prima sauber machen.

Friedensberg-Platz2.jpg

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Die Frauentasche

Auf dem Jenaer Jobwalk (früher hieß das mal Stellenmarkt) auf dem Jenaer Markt war auch die Initiative Innenstadt vertreten, größtenteils die Lobbyorganisation der Innenstadthändler. Ich habe zu ihnen ein gutes Verhältnis, weil wir aus unterschiedlichen Gründen ähnliche Interessen haben, gepflegte Grünanlagen im Stadtzentrum zum Beispiel. Also wechselte ich mit dem City-Manager ein paar Sätze über Blumenkübel, Sitzgelegenheiten, Papierkörbe und das Engagement einer IT-Firma in der Initiative. Ich vermutete, sie hätte vielleicht ein Interesse daran, für die Offline-Händler den Online-Handel zu organisieren.

OfflineBio
An dieser Stelle bot mir der nette Mensch einen Stoffbeutel an. „No Amazon inside“ als Beutelbotschaft fand ich recht charmant. Den US-Konzern umgehe ich, wenn es irgend geht – weniger wegen der Einkaufslandschaft als wegen der Arbeitsbedingungen und der Verweigerung eines Tarifvertrages. Oder wegen der Steuern, die der Beinahe-Monopolist nicht zahlt. Also griff ich nach dem graugrünen No-Amazon-Beutel. Die Frauen-Tasche, erklärte mir der Vertreter der Innenstadt, sei eigentlich der andere: weinrot mit gelbem „Offline ist das neue Bio“-Aufdruck. Der graugrüne ging an den häuslichen Gefährten.
Zu dieser Einordnung gäbe es einiges zu sagen. Sollte man im Jahr 2019 nicht ein bisschen weniger konservativ Werbung machen? (Ein Laden für Kinderkleidung, der statt der zwanghaften Rosa-Blau-Trennung Sachen in Grün, Gelb oder Rot-Blau-gestreift anbietet, wäre ein echter Grund, offline zu kaufen … Sehr kleine Kinder finden übrigens knallige Farben viel attraktiver als die klischeehaften Baby-Pastellfarben, haben Psychologen festgestellt.).
Ich habe durchaus nichts dagegen, online einzukaufen. Da ist die Auswahl erheblich größer, und keine Verkäuferin geht mir mit: „Die Frauenjacken hängen aber da drüben“ auf den Wecker, wenn ich wegen breiter Schultern und unpeinlicher Farben auf der Männerseite wildere. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass die Leute durch geparkte Lieferwagen von UPS, Hermes oder DHL flanieren. Ein Ladenbummel setzt Läden voraus, und idealerweise mehr als das „zentrenrelevante Sortiment“ aus Kleidung, Kleidung und Kleidung. Ich würde da auch gern mal einen Eierschneider, ein Schreibheft, Sternzwirn oder Plakatfarbe kaufen. Ich möchte nicht, dass die Läden nach und nach durch Rechtsanwaltsbüros, noch mehr Augenoptiker und Paketstationen ersetzt werden. Offline ist also nichts so Ideologisches wie Bio, sondern ein Beitrag zum Erhalt des Innerstädtischen in der Innenstadt. Der Foodcourt eines Einkaufszentrums ist nicht halb so interessant wie ein Biergarten am Markt.
Auf halbem Weg nach Hause war ich bereit, das Beutel-Klischee zu entschuldigen, weil die Erdbeeren – tapfer ohne Plastiktüte gekauft – natürlich im Beutel zermatschten. Der graugrüne wäre damit versaut gewesen. Vielleicht bekommen die Frauen ja deshalb die weinroten Beutel, weil sie zwanghaft Obst und Gemüse kaufen und dann nicht aufpassen.

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Ungeliebte Kinder überfahren

Ich habe keine Ahnung, wie oft in Neufundland Kinder überfahren werden. Angesichts der Weitläufigkeit des Landes und der geringen Dichte sowohl von Autos als auch von Kindern und der generell niedrigen Geschwindigkeiten vermute ich, dass es mehr Unfälle mit Elchen gibt als mit Kindern.
Trotzdem steht in jedem zweiten Dorf, das sich hier stolz Town nennt, hinter der 40 oder 30 am Dorfeingang noch ein „SLOW! We love our children.“ Gern auch mit Herzchen statt des „love“. (In Kanada werden metrische Einheiten verwendet, es handelt sich also um 30 km/h, eine geradezu irrwitzige Geschwindigkeit). Im Allgemeinen kommt erst einen halben Kilometer nach diesem Schild das erste Haus. Die Häuser stehen hier einzeln, mit sehr viel Platz dazwischen, auf dem Kinder spielen könnten, wenn da welche wären. Mit einiger Wahrscheinlichkeit sieht man kein einziges, bis man am anderen Ende des Dorfes ist. Es laufen Hunde und Enten auf den Straßen herum, ohne überfahren zu werden. In Neufundland gibt es weder Speed bumps noch ralentisseurs. Man verwendet die klassischen Schlaglöcher, um die Geschwindigkeit zu dämpfen.
Abgesehen von der demzufolge minimalen Bedrohung ist es die Logik der Aufforderung, die mir Knoten ins Gehirn macht. Nimmt man ernsthaft an, der durchschnittliche Autofahrer sei wild darauf, Kinder zu überfahren, und würde nur davon ablassen, weil sie von irgendwem geliebt werden? Mal ganz praktisch: So ein Kind ist ein ziemlicher Brocken und macht bestimmt Beulen, wenn man mit ihm zusammenstößt, von dem damit verbundenen Ärger ganz zu schweigen. Oder warum werden die Elche nicht überfahren, obwohl nirgends steht: „SLOW! We love our mooses!“? Und soll das heißen, ungeliebte Kinder könnte man getrost über den Haufen fahren? Wo man keine herzigen Moralkeulen schwenkt, darf gerast werden? Ist es so ungewöhnlich, die eigenen Kinder zu lieben, dass man das Bekenntnis unbedingt an den Ortseingang hängen muss: HIER WERDEN KINDER GELIEBT? Und darf man bedenkenlos alte Leute umfahren? Oder 41jährige Autoschlosser?

DuckCrossing

Kein Liebesbekenntnis, null tote Enten auf der Fahrbahn.

Während ich stoisch mit 30 km/h durchs Dorf zockele, fahren die Einheimischen bis auf wenige Meter an das Hinterteil meines Fahrzeuges heran, sichtlich genervt. Fahre ich beiseite, sind sie – Husch! – am Horizont verschwunden. Ich vermute, das sind die Väter und Mütter, die ganz schnell nach Hause müssen, um ihre Kinder zu lieben.

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Entspannungsübung

In Neufundland geht alles ein wenig entspannter zu. Steht man am Straßenrand, hält das nächste Auto an, um einen hinüber zu lassen, obwohl danach bis zum Horizont kein weiteres Auto zu sehen ist. Das ist blöd, wenn man eigentlich nur ein Foto machen wollte und stattdessen über die Straße gehen muss, um den Verkehr nicht mehr als nötig aufzuhalten. Du weißt beim Bäcker nicht, welches Kuchenstück du haben möchtest? Kein Problem. Take your time. Man stellt dir auch jeden einzelnen Kuchen persönlich vor. Dass ein Kunde im Laden ist, heißt noch lange nicht, dass man das angeregte Gespräch mit dem Nachbarn nicht zu Ende bringen könnte. Irgendwann erwischt man sich selbst bei einem: „No problem.Take your time.“
Vielleicht liegt das alles nur daran, dass es kaum etwas gibt, was wirklich dringend wäre. Niemand hat es eilig, oder es scheint zumindest so. Und je weniger Leute herumlaufen, umso weniger gehen sie einem auf die Nerven. Jeder, absolut jeder, der einem unterwegs begegnet, grüßt freundlich, und meist geht es nicht ohne eine Bemerkung über das Wetter, die Gegend oder den Elch im Garten ab. Einfach nur „Good morning“ zu sagen, wäre unhöflich. Es ist ein ausgesprochen zivilisiertes Land, wo man gefragt wird, warum man eigentlich auf die Idee kommt, sein Auto abzuschließen.
Ich stehe an der Tankstelle, habe nichts Dringenderes zu tun, als die Zapfpistole festzuhalten. Geradeaus fällt mein Blick auf ein Ladenschild.

GreenStop

Green Stop. Cannabis to go. Ich lese das. Lese es noch einmal. Überlege, was die mit Cannabis meinen könnten. Überlege, ob es Satire sein könnte. Ob sie vielleicht Vogelfutter verkaufen oder Saatgut für Hanf … Schließlich akzeptiere ich, dass es wohl das ist, was dran steht: Der offizielle, lizensierte Drogendealer, so wie es den lizensierten Alkoholladen gibt (nein, durchaus nicht jeder Supermarkt hat alkoholische Getränke). Verlässliche Qualität.
In Deutschland tut man noch immer so, als wäre die Freigabe von Cannabis der Untergang des Abendlandes. Die Polizei meldet regelmäßig ihre großen Erfolge, wenn sie mal wieder zwei Leute mit Mindermengen an Hasch oder gar eine Hanfpflanze sichergestellt haben. Als hätten sie nichts Besseres zu tun. Leute werden wegen einer Bagatelle kriminalisiert, die anderswo so legal ist wie bei uns eine Flasche Bier. Weder in Neufundland noch bei unseren holländischen Nachbarn ist die Zivilisation zusammengebrochen. Man könnte das endlich mal ein bisschen enspannter sehen, und vielleicht ab und an wildfremden Leuten einen guten Tag wünschen – und sich Zeit lassen.

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Drei lungernde Damen

Dass Herumlungern etwas ausgesprochen Negatives ist, weiß man auch in Deutschland. Allerdings habe ich in Deutschland noch nie irgendwo das Schild „Herumlungern verboten“ gesehen. In Neufundland stolpert man alle Naselang über die englische Version „No loitering“, auch an Stellen, wo ich auf keinen Fall würde herumlungern wollen – etwa an dieser Straßenkreuzung in King’s Point, wo es nichts als einen Schaltkasten gibt.

Loitern1

Loitering2Man könnte in King’s Point ganz gut auf den Bänken am Hafen abhängen, aber an einem Lichtmast?
Die spannendere Frage allerdings ist: Woran erkennt man, dass jemand lungert? Was ist Lungern eigentlich? Das Wort beschreibt einen Zustand der Untätigkeit im öffentlichen Raum, ohne dass der Lungernde zielgerichtet auf etwas warten würde. Zu mindest ist das Lungern in den eigenen vier Wänden eher unüblich.
Aber warum lungern drei junge Männer herum, wenn sie auf den Stufen zu einem öffentlichen Platz sitzen und quatschen? Warum lungern drei alte Damen nicht herum, wenn sie auf einer Parkbank sitzen und gemeinsame Bekannte durchhecheln. Warum hört sich dieser Satz so seltsam an: „Auf der Bank im Park lungerten drei ältere Damen herum und unterhielten sich“?
Der häusliche Gefährte meint, er sei aus dem Alter heraus, in dem man lungert. Es sei denn, er würde in abgerissenen und schmutzigen Klamotten herumhängen. (Lungert ein Bauarbeiter, der verdreckt am Rande der Baustelle sitzt und sein Pausenbrot ist?)
Was mich nicht hindert, angesichts einer Parkbank am Wegesrand vorzuschlagen: „Hier könnten wir ein wenig herumloitern.“

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Das wahre Leben: Wohin mit der Kirche?

Man kennt das: So eine Kirche ist verdammt groß und unhandlich und passt auf keinen normalen Parkplatz, vom Manövrieren beim Einparken mal ganz zu schweigen. Das kann einen wirklich vor Probleme stellen. Zum Glück gibt es Kommunen, die darauf Rücksicht nehmen. In Grand Falls-Windsor in Neufundland gibt es einen Parkplatz nur für Kirchen:

ChurchParking

Das Angebot wird dankbar angenommen. Jedenfalls parken in der Church Street nicht weniger als vier verschiedene Kirchen auf etwa 400 Meter.
In Deutschland sucht man derlei vergeblich.

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Huch! Experten.

Während ich quer durch Deutschland fahre, werden die Nachrichtensprecher nicht müde zu berichten, Österreich hätte jetzt eine Expertenregierung oder mindestens doch eine Regierung, in der mehrere Experten säßen, die zuvor Staatssekretäre waren. Experten! Das ist tatsächlich eine Nachricht und das Ergebnis einer handfesten Regierungskrise. Was den gemeinen Bürger zur Erkenntnis bringt, dass Minister in der Regel so ahnungslos sind wie Kohlköpfe. Das ist seltsamerweise keine Nachricht: Wir werden von Leuten regiert, die zwar von lautem Tuten und Blasen, aber von nichts sonst Ahnung haben.
Was bei näherem Hindenken eigentlich keine Überraschung ist. Die Minister in Deutschland wechseln fröhlich ihre Ministerien – vom Sozial- zum Arbeitsministerium und von da zum Kriegsministerium etwa. Oder auch vom Wirtschafts- zum Kriegsministerium. Zum Wirtschaftsminister qualitfiziert einen, wenn man das eigene Vermögen verwaltet hat. Fürs Kriegsministerium reicht es, im Heimatmuseum einen Bidenhänder gesehen zu haben.
Das Problem ist: Ministerien müssen nach Proporz besetzt werden. Sie sind die Nieten, die eine Koalition zusammen halten. Außerdem muss noch jede Region irgendwie bedacht werden. Wenn man einen katholischen Minister aus Niederfranken sucht, dann ist die Auswahl schon sehr eingeschränkt, und man ist froh, wenn er den Namen seines Ministeriums fehlerfrei buchstabieren kann. Fachkenntnisse wären reiner Zufall.
Was den gemeinen, also den hundsgemeinen Bürger zu der Erkenntnis bringt, dass Deutschland dringend eine Regierungskrise braucht. Irgendwas Peinliches über CSU-Politiker wird sich doch hoffentlich finden lassen? Bitte!

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