Sturz in die Sonne

HighTEs gibt nur eins, was den Physiker mehr quält als Science-Fiction-Storys von naturwissenschaftlich unbedarften Autoren: Science-Fiction-Filme. Tatsächlich antwortete mir ein Autor auf die Frage, warum er glaube, ein Sturm auf dem Mars könnte schwere Stahlplatten bewegen: „Das hab ich in einem Film gesehen.“ Argh! Das mit dem Sturm erkläre ich andermal.
Auch ein sehr beliebtes Szenario zur Steigerung der Dringlichkeit: Das Raumschiff stürzt in die Sonne! In irgendeine Sonne, Hauptsache, es ist heiß. Die Thermometer schmelzen, es sind 50, 60 oder auch 100°C. Die Besatzung schwitzt nicht nur, sie ist auch unglaublich schmutzig. Wie schaffen die es, Dreck auszuschwitzen? Natürlich laufen alle, weil es ja HEISS ist, halb nackt herum. Und arbeiten hektisch an allerlei Gerätschaften, um die Welt zu retten. Oder wenigstens das Raumschiff.
Erfahrungen kann man bekanntlich durch nichts ersetzen – außer durch andere Erfahrungen. Da trifft es sich gut, dass der Kunde meint, die Fotokamera müsste auch bei 80°C noch gestochen scharfe Fotos machen. Damit man beim Sturz in die Sonne noch schöne Selfies machen kann. Wenn die Sonne nicht bereits die WLAN-Antenne abgeschmolzen hat, kann man die noch schnell zur Erde twittern.
Als Laborratte vom Dienst darf ich den Test machen – Fotos bei -20 bis 80°C, während die Klimakammer langsam in die Sonne trudelt. 40°C sind noch ganz lustig, nur ein bisschen trocken. Bei 50°C beschließe ich, nicht die kurzen Hosen anzuziehen. Der Testaufbau, über den ich immer wieder klettern muss, ist unangenehm heiß. Eine Stunde später bei 60°C verfluche ich den Leichtsinn, ohne Socken auf Arbeit gegangen zu sein – ich habe mir gerade den großen Zeh verbrannt. Ab 70°C arbeite ich mit Handschuhen. Bis auf die Styroporkiste mit der Steuerelektronik kann man nichts mehr anfassen – nicht die Aluprofile, nicht die Kameras, nicht die Leiterplatte und auch nicht das USB-Kabel, das in die Außenwelt führt.
80°C. Es wird ernst. Ja, ich schwitze. Aber ich bin nicht dreckig. Das hat einen einfachen Grund: Es tut scheußlich weh, wenn man irgendwo anstößt. Also stoße ich nicht an. Meine Füße sind bald gar, denn wenige Zentimeter über dem Boden strömt die heiße Luft in die Kammer. So also fühlt sich ein Huhn bei Umluft … Während ich an Kabeln herumfummle, die mit zunehmender Temperatur immer weniger zu passen scheinen, denkt ein Teil des Gehirns verzweifelt an Socken. Die Kameras sind trotz den Handschuhen heiß. Die Augen versteinern, denn von vorn kommt noch immer glühende Luft. Die Welt schrumpft. Wichtig sind nur noch zwei winzige Stecker … und der Matrixcode-Scanner, der sich weigert, die Nummer der Kamera einzuscannen. Das kostet Sekunden.
Erleichtert werfe ich hinter mir die schwere Betontür zu, die gut in eins der gammeligen Raumschiffe passen würde, die in Sonnen zu stürzen pflegen, und rufe: „Schubumkehr!“ Kalte Luft strömt in die Klimakammer, das heißt, minimal kältere. 77.5°C.
Solltet ihr jemals vorhaben, mit einem Raumschiff in die Sonne … vergesst Socken und Handschuhe nicht. Sonst wird es mit der Rettung in letzter Minute echt schwierig.

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Alle Vögel sind noch da

Tierforscher sind normalerweise Leute, die stundenlang irgendwo in der Kälte herumhocken oder durch schwülwarme Regenwälder traben und am Ende feststellen müssen, dass ihr Beobachtungsobjekt gerade anderswo zugegen ist. Wie schön ist es da, zu Hause in der warmen Küche sitzen zu können und Teil eines bundesweiten Forschungsprojektes zu sein. Alljährlich werden in Deutschland Vögel gezählt.

Haeher

Der Eichelhäher hähert auch gern Erdnüsse, seit man am Eingang zu Lichtenhain die beiden Eichen gefällt hat.

Dieses Jahr, verkündet der NABU, waren besonders viele Vögel dabei, die eigentlich über den Winter in den sonnigen Süden fliegen. „Welcher Winter?“, scheinen sie sich zu fragen und sparen sich den Stress auf dem Flughafen.
Die Sondervögel haben sich bei uns sehr zurückgehalten. Neben der Tannenmeise, die in diesem Jahr als Duo auftritt, ließ sich nur der Erdnusshäher sehen. Letztens hatte er noch seine beiden besten Freunde dabei, aber gestern war er allein zugange.
Die stärkste Population stellen derzeit die Erlenzeisige, die in den meisten Jahren erst Ende Februar auftauchen. Die Erlen scheinen schlecht getragen zu haben. Die Zeisige tauchen in Herden auf und sitzen auch mal zu sechst im Futterhaus. Auf Platz zwei mit vermutlich sieben, vielleicht aber auch acht oder neun Exemplaren gleichzeitig (!) flattert die Blaumeise herum. Mit sechs Stück hüpfen Amsel und Grünfink auf Platz 3.
Die Zählung boykottiert haben Kernbeißer, Kleiber, Hauben-, Schwanz- und Weidenmeise, die über die Feiertage herumflogen.
Trotzdem herrscht ein ordentliches Befliegnis. Forscher meinen, die Stadtrandlage sei für Vögel besonders attraktiv: mit vielfältigem Nahrungsangebot auch im Winter und einem etwas wärmeren Klima. Auf die stetig steigenden Jenaer Mieten haben sie eine eindeutige Antwort: Sie scheißen drauf.

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Angewandte Physik 5: Die Öko-Leuchte

Wenn man einmal anfängt, sich mit etwas näher zu beschäftigen … wird man nicht fertig damit.
Zu Weihnachten liegt man ja gern faul vor dem Fernseher. Da kam eine Reportage über die finsteren Gegenden der Erde. Ein Mensch, der auf Spitzbergen lebt, erklärte, im Winter sei es ja nicht dunkel. Es gäbe schon Licht: „Der Mond ist unsere Sonne.“ So hatte ich das noch nicht gesehen. Aber ich hatte vor einiger Zeit gelesen, früher habe man die Straßenlaternen bei Vollmond nicht angezündet, weil es hell genug war.

Mondlicht

Das ist zwar nicht die Ammerbacher Platte bei Jena, aber Vollmond. Man beachte die Schatten im Vordergrund.

Gestern war beinahe Vollmond, und natürlich musste man in tiefer Nacht in Richtung Ammerbacher Platte wandern, um von da oben das Feuerwerk zu beobachten. Es war hell. Im Winter steht der Mond besonders hoch und leuchtet deshalb besonders effizient. Im weltweiten Netz finden sich verschiedene Angaben, aber vermutlich knallten da etwa 0.27 lx auf den Boden. Pfützen, Steine, Gras – alles bestens sichtbar. Selbst Gesichter kann man mühelos erkennen. Wir leben seit Jahrmillionen mit dieser Beleuchtung, und das Auge hat gelernt, jedes Photon zu verwerten. Das Einzige, was bei Mondlicht nicht funktioniert, ist das Farbsehen. Das, behauptet eine Quelle im Netz, funktioniert ab etwa 3 lx. Unter den Lichtenhainer Straßenlaternen, die etwa 25 lx auf die Straße feuern, ist es kein Problem. Für die Rechenschwachen: Das ist nicht ganz das Hundertfache des Mondlichts. Die DIN für Straßenbeleuchtung – so etwas gibt es natürlich – schreibt ganze 5 lx für eine Anwohnerstraße mit wenig nächtlichem Straßenverkehr vor.
Erstaunlicherweise waren die meisten Leute mit Photonenkanonen unterwegs. Das nützt zwar nichts, macht aber blind für alles außerhalb des Lichtkegels. Moderne Taschenlampen haben schon mal 100 Lumen. Wieviel Lux das entspricht, hängt von der Entfernung zur beleuchteten Fläche ab. Leuchtet man vor sich auf den Weg, können das gut 20 lx werden. Gestern waren sie völlig unnötig, aber die Bevölkerung hat schon brav gelernt, dass man nachts nicht ohne elektrisches Licht überleben kann. Wenn sie ganz vorbildlich sein will, dann nimmt sie natürlich Elektronen aus bestem Solarstrom dafür, also Sonnenenergie.
Was exakt das ist, was auch der Mond tut, nur ohne die verlustreiche Umwandlung in Elektronenergie zwischendrin. Ökologisch verträglicheres Licht gibt es nicht.

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Störrische Wähler

Diese zauberhafte Solidaritätsbotschaft mit Katalonien hängt in Rudolstadt.

Katalonien hat gewählt, und wenig verblüffend haben die Independistas wieder die Mehrheit in der Generalitat, auch wenn der spanische Staat erkennen lässt, dass er notfalls solange gewählte Abgeordnete ins Gefängnis werfen lässt, bis die gewünschte Zusammensetzung des Regionalparlaments erreicht ist. Diese Demokratiesimulation ist bizarr.
Noch unglaublicher allerdings ist die Reaktion der meisten deutschen Medien darauf. Die lassen erkennen, dass sie vor allem eines wollen: Ruhe im Karton. Mehr oder weniger schreiben alle, da hätte man dem Volke noch eine Chance gegeben, seinen Irrtum einzusehen und zur Volksamkeit zurückzukehren, aber die Katalanen hätten es versemmelt. Jetzt wäre es ach so schwierig, eine Regierung zu bilden. Es würde alles zum Stillstand kommen – vermutlich wird morgens nicht einmal mehr die Sonne aufgehen. Das Volk hatte die Chance, die verfahrene Situation aufzulösen, indem es das wählt, was seine Regierung gern hätte. Das kann man vom Volke doch verlangen, oder? Aber nein, das Volk stellt sich stur und wählt einfach die, von denen es regiert werden möchte. Die deutschen Qualitätsmedien barmen.
Tja, man nennt diese Staatsform Demokratie. Das heißt: Das Volk schreibt, und zwar Kreuze auf Wahlzettel. In Spanien ist Demokratie mehr so eine unverbindliche Empfehlung. Wenn die Katalanen wählen, was Mariano Rajoy vom Partido Popular und seine Hintermänner möchten, dann folgt man ihrem Votum. Wenn nicht, dann wird gemacht, was Madrid will. Diesen Zustand könnte man nüchtern feststellen. Man könnte ihn sogar kritisieren und sich freuen, dass der PP dafür zur Splitterpartei mit ganzen 3 Abgeordneten geschrumpft wurde. Ein Kompromiss ist nicht, dass einer der Partner zu Kreuze kriecht.
Was offensichtlich nicht geschehen wird. Die Katalanen stellen sich mit gelben Zipfelmützen (Gelb ist die weitgehend mit einem Bannfluch belegte Farbe der Solidarität mit den politischen Gefangenen) vor das Gefängnis und singen Weihnachtslieder. Es ist absurd, daraus einen Aufruhr zu konstruieren. Der spanische Staat wird mit Weihnachtsliedern bedroht. Zu Hülf! Wir hatten da einen ähnlichen Fall. Wenn das Volk erst einmal zu tausenden auf die Straße geht, „Keine Gewalt!“ ruft und Lieder singt, dann hat die Regierung verloren. Sie weiß es nur noch nicht.

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Das Wahre Leben: Nichtöffentlich

In Jena macht man sich ins Hemd, was nichtöffentliche Tagesordnungspunkte von Stadtrat und seinen Ausschüssen betrifft. Als ich noch ein gewöhnlicher Bürger war, wollte ich per Bürgeranfrage mal erreichen, dass man wenigstens das Thema dieser Punkte veröffentlicht. Mein Favorit ist immer noch „Protokollkontrolle nichtöffentlich“. Geht nicht, erfuhr ich, weil die Daten Dritter geschützt werden müssen. Nachfrage meinerseits: Wo werden bei Punkten wie „Vereinszuschüsse – Beratung“ oder auch „Vergabe der Planungs- und Ingenieurleistungen für das Modellvorhaben „Grüne Klimaoasen im urbanen Stadtraum Jenas“ im Rahmen des Forschungsfeldes „Green Urban Labs““ die Belange Dritter unsittlich berührt? Das wusste selbst der Rechtsamtsleiter nicht. Zwei Wochen später antwortete man mir dann, es sei einfach viel zu aufwendig, diese Dinge zu veröffentlichen. Das stünde in keinem Verhältnis zum Informationsgewinn für die Bürger. Aha.
Es geht auch anders. Uhlstädt-Kirchhasel macht es vor:


Ich argwöhne allerdings, dass man vor Beginn des nichtöffentlichen Teils Ohrenstöpsel und Augenbinden ausgibt. Vielleicht.

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Paradies 1.10: Es weihnachtet sehr

Der Dezember für mich mehr als ein bisschen anstrengend. Reisen quer durch Europa, Stadtrat, und dann, plötzlich und unerwartet: Weihnachten! Verdammte Axt, damit konnte keiner rechnen. Am 26.12., alles war zur Zufriedenheit abgearbeitet, brauchte ich deshalb dringend Auslauf. Was liegt näher als das Paradies? (Ja ja, der Ammerbacher Oberweg liegt näher. Meine Treppe auch …)
Das Paradies lässt keinen Zweifel daran aufkommen, welche Jahreszeit wir haben: todsicher Frühling. Alles blüht aufs Schönste. Paradiesische Zustände. Nur die Vögel halten sich zurück. Bis auf die unvermeidlichen Stockenten, die sich von Wegelagerei ernähren, paddelte nur noch ein Geheimdienstvogel herum, der immer dann untertauchte, wenn ich ihn zwecks Identifizierung fotografieren wollte.
Ab sofort werden die Tage übrigens wieder länger. Wenn das keine guten Aussichten sind.
(Auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen.)

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Im Bahn-Paradies

Auf Dienstreisen versuche ich immer mal wieder, mit der Bahn zu reisen. Meist führt das zu einem neuen persönlichen Rekord im Bahnsteigsprint und anschließend einem trotzdem verpassten Anschlusszug. Wenn auf eins Verlass ist bei der Bahn, dann auf ihre Verspätungen.
Vor zwölf Jahren baute man in Jena für die tollen neuen ICE-Züge den Paradies-Bahnhof komplett neu. Die Stadt kostete das knapp 1.9 Mio. €, den Freistaat Thüringen 11 Mio. €. Das Ding ist ein Muster an Menschenfeindlichkeit. Das zu schmale Dach über den beiden Bahnsteigen schützt weder vor Regen noch vor Schnee, man steht wie auf einem beliebigen S-Bahn-Haltepunkt ungeschützt im Freien. Die winzigen mit Glaswänden abgetrennten Bereiche, eine Art integrierte Buswartehäuschen, bieten tatsächlich vier Sitzplätze. Auf den Treppen sitzen ist bei der Bahn verboten. Einen Warteraum gibt es nicht, nur einen zugigen Durchgang. Auch eine Toilette fehlt, denn dazu ist nach einem Bundesgesetz die Bahn nicht verpflichtet. Wenn man Leute vom Bahnfahren abschrecken möchte – Jena-Paradies ist ein guter Ansatz.
Seit Sonntag gibt es keine ICE-Züge mehr in Jena. Die fahren jetzt über die tolle Neubaustrecke über Erfurt, am ungeliebten Ostthüringen vorbei. Die derzeitige R2G-Regierung feiert das Ereignis ebenso wie zuvor die CDU. Peinlicherweise hatte bereits der mit viel Trara in Berlin auf die Reise geschickte Eröffnungs-ICE in München zwei Stunden Verspätung. Man arbeitet daran, diesen Zustand zu stabilisieren.
Mit ihrer Werbung allerdings schlägt die Bahn alle Rekorde in der Disziplin „Scheiße als Bonbons verkaufen“:

Bahn_Berlin

Früher konnte man von Jena nach Berlin, ohne umsteigen zu müssen und Anschlusszüge zu verpassen. Nein, liebe Bahn, das ist weder schneller noch bequemer geworden, das ist einfach eine Unverschämtheit. Danke für gar nichts.

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