Petrolbomber

Motorman

PetrolbomberDas ist Derry. Auf der anderen Seite der Stadtmauer heißt die Stadt Londonderry. Hier aber passiert man eine Hauswand mit der Aufschrift: „You are now entering FREE DERRY“. Die Eastside Gallery thematisiert den Blutsonntag 1972, als Soldaten eine friedliche Demonstration beschossen. In der Folge eskalierte der Nordirlandkonflikt. Bomben explodierten, und Menschen starben. In Derry warf man die Polizei aus dem Viertel Bogside und beschloss, sich selbst zu verwalten.
Keiner, der seine Sinne beisammen hat, kann abstreiten, dass es auch in Deutschland Exzesse von Seiten der Staatsgewalt gibt, obwohl da gemeinhin nicht geschossen wird. In Jena zum Beispiel. Da rückte im Morgengrauen die sächsische Polizei (die in Thüringen eigentlich nichts zu melden hat) in die Wohnung des Jugendpfarrers ein und hielt in Wohn- und Amtsräumen eine Durchsuchung ab. Er war im Urlaub in Italien. Seiner Tochter wie einigen nicht zufällig anwesenden Landtags- und Bundestagsabgeordneten verweigerte man die Teilnahme an der Maßnahme. Den unabhängigen Zeugen hatte man praktischerweise nämlich schon mitgebracht – einen Praktikanten der Dresdener Staatsanwaltschaft. Pfarrer sind übrigens wie Ärzte oder Rechtsanwälte eine besonders geschützte Berufsgruppe, deren Amtsräume eigentlich tabu sind.
Man beschlagnahmte den Transporter der Jungen Gemeinde als Tatmittel, weil angeblich daraus zu einem Sturm auf die Polizei aufgerufen worden war. Wenn in Dresden der rechte Rand aus Anlass der Zerstörung der Stadt im 2. Weltkrieg demonstriert, dann demonstriert die Jenaer Junge Gemeinde auf der anderen Seite dagegen. Indes, man konnte dem Pfarrer nichts nachweisen und stellte das Verfahren ein. Nach fast vier Jahren wurde der Transporter wieder freigegeben, da man nirgends Reste der kriminellen Worte darin gefunden hatte.
Derzeit kriselt es wieder in der Stadt. Nachdem eine Jugendbande im Einkaufszentrum gestohlen, randaliert und die Polizei angegriffen hatte, ging die Polizei zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber allen Jugendlichen, die irgendwie nicht 100 % angepasst aussehen, über. Anlasslose Kontrollen, bei denen in der Regel Alkohol, Zigaretten oder Hasch gesucht werden, sind in manchen Vierteln alltäglich. Die Jugend fühlt sich schikaniert, die Nerven liegen blank.
Bildlichen Ausdruck fand das an einer Wand der Skateranlage im Paradies, deren Gestaltung man der Jungen Gemeinde überlassen hatte. Die Leute da sind ein bisschen speziell und können keiner Gelegenheit zur Provokation widerstehen. Also schufen sie die Jenaer Variante des Petrol Bombers unter der Losung „Fight back“. Was mehr oder minder heißen könnte: Lasst euch nichts gefallen. Man könnte das als Zustandsbeschreibung der Bundesrepublik im Jahr 2018 sehen. Man könnte eine therapeutische Wirkung vermuten: Wer zur Spraydose greift, greift nicht zum Molotowcocktail.

Krawallbild1

Das Original der Jungen Gemeinde

Krawallbild2

Die von Junger Union und Unbekannten bearbeitete Variante

Es führte zu einem Aufschrei. Stadtverwaltung und Kommunalservice waren nicht begeistert, und krach! war das Ding ein Fall für den Stadtrat. Der zeigte allerdings deutliche Ermüdungserscheinungen und beschloss, die Sache nach der Sommerpause im Jugendhilfeausschuss zu behandeln. Das war eine bewundernswert erwachsene Reaktion. Man will diskutieren, was Kunst und freie Meinungsäußerung und was Aufruf zur Gewalt gegen Staatsorgane sein könnte.
Die Rechnung hatte man freilich ohne die Junge Union gemacht. Die präsentiert sich auf ihrer Website mit Anzügen und Schlipsen, ist also genau die bräsige Truppe, der man revolutionäre Ungeduld abkauft. Sie entschied, das Wandbild sei „unerträglich“ und brachte Korrekturen an. Die handwerkliche Qualität kann mit der Großen Gruppe im Kindergarten gut mithalten. Erstaunlicherweise wurde aus dem Anarchisten-A ein Antiatomkriegszeichen. Seit wann ist die CDU gegen Atomwaffen? Wird Rammstein geräumt? Love and peace, und die Polizei wird mit Herzen beworfen. Die martialischen Polizisten mit dem Gummiknüppel in der Hand hat man übrigens nur zur Hälfte korrigiert. Ein bisschen Polizeigewalt als Drohung scheint in Ordnung. Auch ein roter Stern wurde CDU-schwarz übermalt. Wenn man es für eine gute Idee hält, einen Schwelbrand mit Benzin zu löschen, dann kann man das für eine coole Aktion halten.
Die Korrektur ist inzwischen korrigiert. Das Anarchisten-A ist zurückgekehrt, jetzt mit Ausrufezeichen. „JU ihr Volldeppen“ steht daneben. Das kann man so stehen lassen.

PS: Dass Version 3 (die 2 war zu schnell bearbeitet worden, um sie zu fotografieren) so grau aussieht, liegt an der schrägen Beleuchtung – die die JU-„Korrekturen“ mit relativ matter Farbe deutlicher sichtbar macht.

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Das wahre Leben: Backwaren

VisitScotland betreibt eine perfekt deutsche Website, auch wenn man da nie das findet, was man eigentlich gesucht hat. Es gibt immer wunderschöne Videos und Fotos von Schottland. Und Plätzchen:

ScotchShortbread

Die sind offenbar gefährlich, oder wie kommt das Wort „sterben“ da rein? Vielleicht weil man Gefahr läuft, sich totzulachen.
Leider hat man die Kuriosität inzwischen in langweiliges Deutsch korrigiert. Ach Leute, hättet Ihr nicht ein Rezept für Shortbread ergänzen können?

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Deutsche Leidkultur 2: Häuser der Geschichte

Aachen_Dom

Wenn man von Norden nach Süden durch Deutschland fährt, sieht man, wie die Kirchtürme sich verändern. Wenn man einen Holsteiner und einen bayrischen Kirchturm nebeneinander halten würde (ich weiß, die sind unhandlich.), dann würde es schwerfallen, einen typisch deutschen Kirchturm abzuleiten. Auch die gewöhnlichen Häuser ändern sich: von den reetgedeckten Fischerkaten über backsteinerne Bürgerhäuser hin zu aberwitzigen Fachwerkbauten und schieferbeschlagenen Bergbewohnerhäusern. Die Vielfalt ist liebenswert – für mich jedenfalls. Das alles verbindende Element des deutschen Hauses ist die ordentliche Hausnummer, denn keine zu haben, wäre eine Ordnungswidrigkeit.
Natürlich listet die AfD auch Leitkultur-Bauwerke auf. Weil sie ihre Liste alphabetisch geordnet hat, geht es ausgerechnet los mit:

das Bauhaus
Witzischkeit kennt keine Grenzen. Das Bauhaus wurde vom Belgier Henry van de Velde gegründet. In seinem Bruch mit allen traditionellen Gestaltungsgewohnheiten war es so radikal und undeutsch, dass es einerseits international Nachahmer fand und andererseits von den Nazis als entartet eingestuft wurde. Jaja, ich weiß, mehr als 1932 bis 1945 … Deutsche Leitkultur unter belgischer Leitung, das hat was.

der Kölner Dom
Der Kölner Dom kommt sogar bei Stephen Hawking vor. Das heißt wohl, dass er mindestens berühmt ist. Dafür spricht auch, dass er das meistbesuchte Bauwerk Deutschlands ist – meint Wiki. Er ist allerdings weder besonders geschichtsträchtig noch besonders schön, sondern besonders groß. In Sachen Schönheit empfehle ich den Dom zu Speyer, für die Geschichte die Dresdener Frauenkirche, die mich als Ruine mehr beeindruckt hat als der Nachbau. Aber wir wissen ja: Man kann die Deutsche Geschichte nicht auf die zwölf Jahre … Im Speyerer Dom sind übrigens auch diverse deutsche Könige und andere Nobilitäten beerdigt. Erfreulicher war für die Könige der Deutschen der Aachener Dom – dort wurde gekrönt. Das Oktogon gilt als bedeutendstes karolingische Bauwerk, und Kaiser Karl ist mehr oder minder der Anfang der organisierten deutschen Geschichte. Er kommt in der Leitkultur allerdings nicht vor, vielleicht weil er der Kaiser des Frankenreichs war, das teilweise eben nicht deutsch, sondern auch französisch, italienisch, österreichisch und sonstwas war.

das Kyffhäuser-Denkmal
Die AfD hat offenbar eine Vorliebe für Heldenverehrung und schlechten Geschmack. Dieses trutzige Ding verdanken wir dem Deutschen Kriegerbund. Wikipedia schreibt über dieses und seine Brüder: „Die imposanten Gedenkbauwerke waren eher symbolische Bollwerke gegen äußere und innere Feinde. In diesem Fall ging es vor allem um die inneren Feinde, die deutsche Sozialdemokratie, gegen die sich die Kriegervereine als Hüter und Wahrer der Reichseinheit stellen wollten.“ Damals war die Sozialdemokratie noch der Vertreter der arbeitenden Klasse. Das ist heute so unglaublich, dass man das Bollwerk getrost abreißen könnte. Die Betreibergesellschaft ist über der Renovierung des leitkulturigen Reiterstandbildes übrigens in die Insolvenz gegangen.
(Und nein, ich bin grundsätzlich gegen das Abreißen von Denkmälern. Besser wäre, man stellte eine Tafel daneben: „Unsere Vorfahren fanden das toll. Uns ist es inzwischen peinlich.“ Man sollte Platz für die nächste Tafel lassen: „Uns ist die Peinlichkeit inzwischen peinlich.“ Das wäre ein Diskurs über Generationen.]

das Völkerschlachtdenkmal
Wenn man in Jena wohnt, kann man nicht „Völkerschlachtdenkmal“ lesen, ohne zugleich an Closewitz und die vorangegangene krachende Niederlage der Deutschen zu denken – etwas, was der AfD keinen Eintrag in die Liste der Leitkultur wert ist. Mit Niederlagen haben sie es nicht so, nicht nur mit der von 1945. In Closewitz gibt es ein Häuschen, das ein Museum beherbergt, das wiederum von der Napoleonstadt Jena weitgehend vernachlässigt wird. Das Völkerschlachtdenkmal verdanken wir dem Deutschen Patrioten-Bund und genau wie das Kyffhäuser-Denkmal dem Architekten Bruno Schmitz. Das sieht man deutlich. Der Beginn des letzten Jahrhunderts war eine gute Zeit für Patriotismus und Kriegsbegeisterung. Zwei Weltkriege später sind die Deutschen kriegsverdrossen, egal wie oft ihnen der Bundespräsidentenpfarrer darob die Leviten gelesen hat. Ihnen die Kriegerdenkmäler als Leitkultur zu verordnen, wird nicht helfen.
Ich war einmal im Völkerschlachtdenkmal – mit einer Gruppe russischer Studenten, die das Ding unbedingt sehen wollte. (Wir erinnern uns, dass die Deutschen den Napoleon nicht allein besiegt haben, sondern unter tätiger Mithilfe der russischen Waffenbrüder.) Wichtiger allerdings war den Nachfahren der russischen Helden die folgende Einkaufstour durch das DDR-Shopping-Paradies Leipzig. Klingt seltsam, aber exakt so war es – nachdem wir in Leningrad die Buchläden gestürmt hatten.

die Wartburg
Deutscher als die Wartburg geht es nun wirklich nicht. Schön ist sie obendrein. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich sie jederzeit Neuschwanstein vorziehen. Egal ob als Geburtsort der deutschen Sprache als solcher (weil sich Luther für einen der zahllosen Dialekte entscheiden musste) oder als Ort der nationalistischen Wartburgfeste – die Burg ist aus der deutschen Kultur nicht wegzudenken. Heinrich Heine allerdings schrieb zum ersten der Wartburgfeste: „bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren!“ Da hat die Leitkultur mit der Leitkultur ein Problem.

die Paulskirche
Deutschland hat etliche hundert Paulskirchen, aber vermutlich meint man die Frankfurter. Die war 1848 Tagungsort der deutschen Nationalversammlung. Die zugehörige Revolution wurde wie immer in Deutschland schließlich niedergeschlagen. Die Nationalversammlung wollte mehrheitlich übrigens ein Erbkaisertum, nicht etwa die Republik. Als Mahnmal dafür, dass die Deutschen ein zu Revolutionen unfähiges Volk sind, ist die Kirche immerhin zu gebrauchen.

die Wasserkuppe
… sagte mir erst einmal gar nichts. Droht mir die Ausbürgerung? Die Fliegerschule dort wurde 1937, also zu Beginn der unaussprechlichen Jahre, von denen, die man nicht nennen darf, requiriert und fortan militärisch genutzt. Das ganze Ding ist ein formidables Mahnmal des Kalten Krieges und damit etwas, das die meisten Ostdeutschen, also auch die meisten Thüringer, nicht mit sentimentalen Gefühlen betrachten. Denn wir erinnern uns, dass der Kalte Krieg im Wesentlichen aus der Drohnung bestand, uns aus heiterem Himmel eine Bombe auf den Kopf zu werfen. Oder auch ein paar mehr.

die Wiener Hofburg
Deutsche Leitkultur? Echt jetzt? Tja, es ist wohl wieder so weit: Heim ins Reich! Und Deutsch bringen wir denen auch noch bei!

Abgesehen vom Bauhaus, das in der Aufzählung wirkt wie die Gurke am Weihnachtsbaum, besticht die Liste durch eine Vorliebe für Kriegerisches und Autoritäres. Viele andere und wichtigere fehlen – allein die Liste der Welterbestätten in Deutschland gibt einiges her. Die Dome in Aachen und Speyer stehen übrigens darauf (was ich feststellte, nachdem ich sie hier gelobhudelt hatte). Die Porta Nigra in Trier wäre ein Sinnbild für das römische Erbe in Deutschland, die Hünengräber des Nordens und Haithabu für das norwegische. Das Holstentor in Lübeck stünde für die Hanse, die ehedem nicht nur an der Küste die beherrschende Handelsmacht war. Die Altstadt von Quedlinburg ist ein Paradebeispiel für die Fachwerkbauten des Mittelalters. Im Zeisswerk (kein Welterbe, aber in Thüringen definitiv Leitkultur) stand das erste Hochhaus Deutschlands – in Sachen Industriearchitektur durchaus bemerkenswert. Auch das erste Planetarium der Welt steht hier herum. Die Göltzschtalbrücke, 1851 erbaut und größte Ziegelsteinbrücke der Welt, würde mir als Teil der Leitkultur auch gefallen. Schließlich haben wir auch ein ziviles und nichtreligiöses Erbe.
Dann wären da noch zwei Dinge aus der neueren Vergangenheit: WBS 70, von dem im Osten Deutschlands zigtausende herumstehen – auch in Thüringen. Der ist ein wenig in Veruf geraten, war aber in den 70ern und 80ern eine hochbegehrte Lösung für das Wohnungsproblem. Außerdem wäre da der nicht mehr existente Palast der Republik, der ausgetilgt werden musste, weil er anders als das preußische Stadtschloss ein Haus für das Volk war, woran sich niemand erinnern sollte.

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Deutsche Leidkultur: Buchstabensuppe

Leidkultur_Literatur

Die Thüringer AfD hat eine Broschüre zur Deutschen Leitkultur veröffentlicht. Auf den 48 Seiten – was nicht mit Fotos von touristischen Objekten oder vorwiegend weiblichen, blonden und gutaussehenden Patrioten gefüllt ist – arbeitet man sich aber mehr an tatsächlichen oder eingebildeten Angriffen auf das Nationalbewusstsein ab. Immer wieder an den gleichen, einschließlich den geschlechterneutralen Toiletten. Von letzteren kenne ich allein in Jena inzwischen vier, und die abendländische Kultur ist daran noch nicht zusammengebrochen.
Damit, eine allgemeine Leitkultur zu definieren, tut auch die AfD schwer. Viel mehr als der Verfassungspatriotismus kommt da tatsächlich nicht zusammen. Dreh- und Angelpunkt der Argumentation ist, dass die Deutsche Geschichte (unbedingt groß zu schreiben) mehr sei als die 12 Jahre Faschismus. Man könnte meinen, in der Schule lerne man tatsächlich nichts anderes, wenn man nur die AfD-Broschüre und nie ein Geschichtsbuch gesehen hat. Ist zwar Quatsch, kann man aber einfach mal behaupten.
Wohl denn, eine „exemplarische“ Liste bekommt man doch zusammen, und bei der kommt der Leser aus dem Staunen kaum heraus.

Komplex 1: Literatur:
„unsere Dichter und Denker (wie z.B. Goethe, Schiller, Heine, Fontane)“
Ich habe das so kopiert. Die machen tatsächlich kein Leerzeichen in das „z. B.“ Der Lektor in mir bekommt einen Tobsuchtsanfall, weil er von Deppen, die nicht Deutsch können, über deutsche Kultur belehrt wird.
An Goethen und Schillern führt in Thüringen natürlich kein Weg vorbei. Der geheime Rat war am Weimarer Hof vor allem für die Organisation der schönen Hoffeste geschätzt. So unzweifelhaft Goethe der deutsche Nationalliterat ist, so wenig kenne ich Leute, die von ihm mehr als den Schulstoff gelesen hätten. Zu Zeiten, als ich täglich anderthalbe Stunde als Pendler durch Thüringen fuhr, hörte ich auf mdr Kultur die „Wahlverwandtschaften“ und fand es langweilig und belanglos.
Der Friedrich Schiller ist ein anderes Kaliber. Ein Aufrührer, der Ehrenbürger der französischen Revolution war. Einer, dessen Geschichtsvorlesung in Jena zu chaotischen Zuständen führte, weil auch der größte Hörsaal, der des Theologen Griesbach, nicht reichte, die Interessenten zu fassen. Man bestieg ihn mit Leitern und durch die Fenster. Seine ungeheure Popularität verdankte er seinem Revoluzzertum. Als in Jena die Thügida – peinlicherweise am 9. November und mit Fackeln – marschierte, plakatierte die Friedrich-Schiller-Universität mit einem Schiller-Zitat: ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER. Rechtsaußen schäumte es. Friedrich ist einer der drei Schutzheiligen Jenas. Die anderen heißen Carl und Ernst. Deutsch konnte er auch, ziemlich gut sogar.
Bei Heinrich Heine wird es vollends absurd. Der Jude bekam die vollen Bürgerrechte durch die Besetzung seiner deutschen Heimat durch die Franzosen unter Napoleon. Im Lesebuch meiner Mutter stand zwar sein Gedicht von der Loreley, aber darüber stand „Verfasser unbekannt“, was mich sehr verwunderte, weil ich ihn kannte. Jaja, mehr als die 12 Jahre Faschismus …, ich weiß. Damals verbrannte man seine Bücher. Verboten waren sie ohnehin. Zur Nation schrieb er im französischn Exil, in dem er in wilder Ehe lebte und später an Syphillis, vielleicht aber auch an Multipler Sklerose starb: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Ja, das hört sich an, als würde er gern als Leitkulturreferenzobjekt für Deutsche Patrioten herhalten. Ich wüsste gar zu gern, was er dazu zu sagen hätte. Ach so, das hat er bereits: „Aus Hass gegen die Anhänger des Nationalismus könnte ich schier die Kommunisten lieben. Wenigstens sind sie keine Heuchler, die immer die Religion und das Christentum im Munde führen.“ Der Heinrich war ein Mann der klaren Worte.
Theodor Fontane ist ungefähr wie Brandenburg, und wie Brandenburg ist, hört man sich am besten bei Rainald Grebe an. Meine Abneigung beruht aber vor allem darauf, dass ich einen Deutschlehrer hatte, der meinte, man könnte das Werk eines Autors nur würdigen, wenn man seinen Lebenslauf auswendig lernt. Fontane wurde 89 Jahre alt und tat lauter langweilige Dinge. Durch die Lernerei weiß ich, dass Fontane ein Hugenotten-Enkel war, ein Asylantenkind aus Frankreich also, einer mit Migrationshintergrund. Hätte es damals schon eine AfD gegeben und hätte die in Deutschland das Sagen gehabt, dann wäre Theodors schwangere Großmutter an der Grenze zu Deutschland notfalls mit gezieltem Beschuss ferngehalten worden. So schnell kann’s gehen: Gestern noch unerwünschter Migrant, und heute schon Leitkultur …
Was die vier eint, ist der Umstand, dass sie zum Pflichtprogramm der Schule gehören. Wahrscheinlich hat man aufgeschrieben, was einem zuerst in den Sinn kam. Da fehlt auffällig so einiges.
Das Nibelungenlied zum Beispiel, mutmaßlich die älteste Dichtung, die uns einigermaßen vollständig erhalten ist (Vom Hildebrand gibt es ja leider nur ein Fragment). Eine Geschichte voller Eitelkeiten der Mächtigen, voller Frauenfeindlichkeit, Staatsräson und Intrigen, und zum Schluss von völlig sinnlosem Blutverschütten aus Gründen gekränkter Ehre. Das dürfte jeder kennen, ebenso wie den Herrn Walther von der Vogelweide, der mitunter garstig politisch sein konnte.
Nicht ganz so geläufig wäre da noch Heinrich von Kleist, der mit der Geschichte vom Michael Kohlhaas vermutlich zu revolutionär ist für die Leitkulturler. Dem Kohlhaas geschah Unrecht, Staat und Justiz waren zur Verteidigung des Rechtes nicht bereit, und schließlich stellte er das halbe Land dessentwegen auf den Kopf.
Noch politischer war Bertolt Brecht, der sich mit Heine vermutlich gut verstanden hätte. Der Bayer meinte, das mit dem Patriotismus sei ungefähr so, als müsste man auf den Fensterstock stolz sein, aus dem man zufällig gefallen sei. Diese Idee hat mir immer sehr gefallen – ist aber nicht leitkulturtauglich. Über die er da schrieb, das waren zwei Flüchtlinge, die aus Deutschland geflohen waren, Asylanten also wie der Brecht selbst. Aber das war in jenen Jahren, die man nicht mehr erwähnen soll, geht es nach der AfD.
Auffällig fehlen auch Thomas Mann und Heinrich Böll, immerhin Literaturnobelpreisträger, aber vielleicht wegen ihrer eher kritischen Haltung zum deutschen Faschismus und zum Krieg untauglich. Daran will man nicht gern erinnert werden. Die Deutsche Geschichte ist ja viel mehr als diese vertrackten 12 Jahre, ohne die man über die beiden Schriftsteller schlecht sprechen kann. Mann war auch einer dieser Asylanten, ganz schlimm.
Schließlich, den muss ich unbedingt noch erwähnen, wäre da Christian Morgenstern. Der war nicht weiter politisch, aber sein blühender Unfug ist subversiv und wird noch immer freiwillig gelesen und auswendig gelernt. Zwölfelf, Golz und Nasobem würden das Bedeutungshuberische in die ihm zukommende Nische weisen.
Das alles spielt in der Deutschen Leitkultur keine Rolle, denn da geht es nicht um Bildung, nicht um Vielfalt in Form und Inhalt, um Ideale und Spinnerei, um den Geschmack der Worte und die Melodie der Sätze. Es geht da um das Plakative. Hund und Sau, das haben Schiller und Heine nicht verdient, zu Posterboys des Nationalismus gemacht zu werden.

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Das Kleine Gewimmel

Der häusliche Gefährte schaut vorwurfsvoll, weil ich zuerst etwas esse, statt sofort mit der Kamera in den Garten zu stürmen. Es wimmelt. Seit Sommerflieder und Lavendel blühen, wimmelt es enorm. „Ja“, sage ich, „wir haben neuerdings auch Zitronenfalter.“
„Auch braune! Verschiedene Arten!“, protestiert der häusliche Gefährte, und fügt hinzu, morgens um 10 (während ich arbeitete) seien es noch viel mehr gewesen. Das jetzt sei allenfalls das Kleine Gewimmel.
Was soll man tun? Ich schnappe mir die Kamera und stürze mich auf das Kleine Rasenstück vorm Haus. Und hier ist die Ausbeute:

Hier sind zwar zwei Arten doppelt, aber etwas kleines Graues und ein Bläuling entkamen auf das Territorium des Nachbarn, ehe ich sie fotografieren konnte. Das macht dann mindestens 12 Schmetterlingsarten an einem Freitagnachmittag in Jena.
Da bin ich mal auf morgen früh um 10 gespannt.

Ach ja – wie immer einfach auf ein Bild klicken, um die Schönheiten größer zu sehen.

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Neu im Angebot: die Graumeise

Der häusliche Gefährte meint, dass draußen Sommer ist, alles Mögliche grünt und sprießt und überall Gerätze auf sechs bis hundert Füßen herumsaust, sei noch lange kein Grund, die Vögel nicht zu füttern. Die sehen das ähnlich und fressen Tag für Tag die Futterröhre leer. Vorwiegend Meisen, Grünfinken und Stieglitze toben durch das Geäst der Schlehe. Jetzt habe ich etwas ganz Neues im Angebot: die Graumeise.

Graumeise

Sie ist dieser Tage in großer Zahl unterwegs – steht aber nirgends im Bestimmungsbuch. Gefüttert wird sie von diesem Vogel:

Kohlmeise

Das ist ganz offensichtlich eine Kohlmeise.
Also wenn die Graumeise nicht irgendwas Unanständiges über die Kohlmeise weiß und sie damit erpresst, dann sind sie wohl miteinander verwandt. Vielleicht ein uneheliches Kücken?

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MNE4: Die unauffindbaren Bogomilen

„Bogomile Tombstones“ stand auf dem Touristen-Dorfplan, „6,8 km“ und daneben ein Pfeil, der vage unten aus der Karte deutete. Wenn es so wichtig ist, dass man es auf die Karte druckt, dachte ich, wird man es in der wirklichen Welt doch wohl beschriftet haben. Nach etwa 10 km landeten wir an einem kleinen See mit Schafen daneben und beschlossen, einen leichten Spaziergang zu machen.
Zum Glück gibt es das Internet und deutsche Touristen, die alles haarklein erklären. Zweiter Versuch am nächsten Tag. Natürlich muss man abbiegen, natürlich steht nicht die Spur eines Schildes da. Bei Novakoviči gibt es zwei Seen, der zweite ist der Riblje Jezero. Auf dem Hügel daneben liegen die Reste eines Bogomilischen Friedhofs. Ein kleines Stück weiter – so ein, zwei Kilometer in Richtung Njegovuđa – gibt es einen zweiten Bogomilen-Friedhof, der ebenso wenig ausgeschildert ist wie der erste. Aber kurz davor steht ein großes Kreuz am Wegesrand, mutmaßlich ein ordnungsgemäß orthodoxes. Keine Erklärung dazu, aber es gibt ja Wikipedia.

(auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen)

Die Bogomilen waren eine christliche Sekte, die freundliche Beziehungen zu den Katharern unterhielt. Also Ketzer. Sie lehnten die weltliche Herrschaft ab, die hierarchische Kirchenstruktur und die Ikonenverehrung. Obendrein hielten sie es für Blasphemie, einem anderen als Gott zu dienen. Mit dieser revolutionären Lehre, die auf einen Prediger namens Bogomil zurückgeht, hielten sie sich vom 10. bis zum 15. Jahrhundert. Die Leute waren arm, die Reichen interessierte es nicht, und überall in Europa gab es radikal christliche Bewegungen, die schon mal zum Dreschflegel griffen, um ihrer Not Ausdruck zu verleihen. Einige der Bogomilen taten das auch. Die offizielle Kirche war wenig amüsiert und verfolgte die Fundamentalisten.
Vielleicht – so genau kann man das nicht wissen – grollen die orthodoxen Montenegriner noch immer den Ketzern. Vielleicht schildern sie die Grabsteine deshalb nicht aus und erklären mit keinem Wort, wer diese Bogomilen eigentlich waren. Vielleicht lebt in Žabljak ein heimlicher Sympathisant, der ihr Andenken immerhin auf den Touristenkarten verewigt.

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