Notfallblog: Hypothetische Betten

Immer wieder hört man dieser Tage, das Problem seien keineswegs die Ungeimpften, sondern die in der Pandemie abgebauten Intensivbetten. Falls man es normal findet, auf einer Intensivstation invasiv beatmet zu werden, kann man auf solche Ideen kommen. Ich selbst habe mich gewundert, wieso man mitten in einer Pandemie die Bettenzahl reduziert, musste mich von Krankenhauspersonal aber belehren lassen, dass die Betten durchaus noch da sind – nur die Pflegekräfte fehlen. Die haben sich selbst abgebaut.

Betten pflegen keine Menschen. Und Menschen sind nicht unendlich belastbar.
Daten aus dem DIVI-Register


Der dramatische Schwund, der uns verglichen mit Juli 2020 rund 29 % Kapazität gekostet hat, hängt nicht unwesentlich damit zusammen, dass das Krankenpersonal in der zweiten Welle gnadenlos verheizt wurde. Damit meine ich noch nicht einmal das Geld. Geld hilft nicht gegen Burnout. Damit meine ich, dass man wirksame Maßnahmen solange hinausgezögert hat, bis die Situation völlig außer Kontrolle war. Mit Inkubationszeit und Zeit bis zur Einweisung ins Krankenhaus lief die Katastrophe dann noch drei Wochen weiter, bis die Welle gebremst wurde – und Monate, bis sie zum Erliegen kam.
Daraus haben wir gelernt. Im Sommer 2021 wurden Urlaubsrückkehrer von Anfang an akribisch getestet. Die Einhaltung der Quarantäne wurde lückenlos kontrolliert, und als im September die Zahlen hochliefen, reagierte man mit einem kurzen, aber harten Lockdown. Nicht? Nicht. Man reagierte damit, dass man die Kriterien für akuten Handlungsbedarf änderte: Weg mit den lästigen Inzidenzen. Die Auslastung der Intensivstationen bildet die Erträglichkeit der Situation doch viel besser ab! Da herrschte noch Ruhe.
Tatsächlich haben wir am 26.11.2021 genau 2488 Intensivbetten weniger als vor einem Jahr, etwa 10 % der Gesamtzahl. Hätten wir die rein theoretisch noch, dann müssten jetzt keine Patienten mit einem Bundeswehr-Airbus quer über Deutschland verteilt werden. Dann wäre die Situation scheinbar gar nicht so außer Kontrolle. Denn wir hätten jetzt auf der ITS die Situation vom 21.10.2021. Wir wissen, welche drastischen Maßnahmen Ende Oktober ergriffen wurden: keine. Wir hatten eine 7-Tages-Inzidenz von 95,5, und sämtliche Politiker waren der Meinung, das sei doch großartig, und von Kontrollverlust könnte keine Rede sein. An einem Tag infizierten sich 15.631 Menschen in Deutschland mit COVID19. Bei einer Mortalität von 0,8 % waren das 125 potentiell Tote pro Tag. Störte keinen. Gestorben wird immer.
Inzwischen haben wir eine Inzidenz von rund 440. Heute haben sich 76.414 Menschen infiziert. Macht statistisch 611 künftige Tote. Hätten wir noch die verschwundenen zusätzlichen 2488 Intensivbetten, dann sähe die Lage aus Politikersicht vermutlich immer noch harmlos aus. Also wie im Oktober. Die ITS wäre ja nicht voll. Nehmen wir mal an, die Inzidenzen stiegen nur linear (was sie nicht tun), dann hätten wir bis Weihnachten diese hypothetischen Intensivbetten aufgebraucht. Um diese Zeit läge die Inzidenz nicht mehr bei 440, sondern bei etwa 1800 pro Woche, und pro Tag würden sich rund 370.000 Menschen infizieren. Macht 2988 potentielle Tote pro Tag, eine Kleinstadt pro Woche, Tendenz steigend. Diese Menschen würden auf einer Intensivstation sterben, falls da noch Platz wäre und man rechtzeitig Doppelstockbetten installiert hätte. Jeden Tag.
Angesichts der Zahlen muss man froh sein, dass Pflegekräfte gekündigt haben und die Betten knapp geworden sind. Denn wenn ich eins gelernt habe in den letzten zwei Jahren, dann das: Unsere Politiker werden erst aktiv, wenn es sich absolut nicht mehr vermeiden lässt. Dann berufen sie einen Expertenrat ein.

Die Zahl der freien Betten schrumpfte im Sommer 2020 schlagartig, weil man zusätzlich geschaffene Kapazitäten wieder einmottete und versuchte, die verschobenen Operationen aufzuholen.

Im Übrigen: Das, was jetzt in den Intensivbetten liegt, sind Menschen, die sich Anfang des Monats infiziert haben. Es gibt noch genau 2277 freie Intensivbetten. Die Katastrophe ist schon längst passiert, die mit Postenschacher beschäftigten Schlafmützen haben es nur noch nicht begriffen.

Und ja, ich weiß, dass unser Gesundheitssystem seit Jahren auf dem letzten Loch pfeift. Ein Grund mehr, es nicht auch noch mit tausenden vermeidbaren Todkranken zuzuschütten.

Über Heidrun Jänchen

Physikerin, Autorin von Fantasy und Science Fiction und als Mitglied der Bevölkerung engagierte und unangepasste Bürgerin
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