Angewandte Physik 1: Messbare Gefühle

Seit in Jena reihenweise Straßenlampen auf LED-Quellen umgestellt werden, häufen sich Beschwerden von Bürgern. Ortsteilbürgermeister flehen auf Knien, man möge ihren Ortsteil verschonen. Kalt, grell und unbehaglich sei das Licht. Die Stadtverwaltung kontert mit dem Hinweis, dass die „neutralweißen“ LED eine Farbtemperatur von 4.000 K hätten, das natürliche Sonnenlicht an klaren Sommertagen aber 6.500 K. (Anmerkung: Je höher die Farbtemperatur, umso mehr Blau ist im Licht und umso kälter wirkt es auf Betrachter. Klingt unlogisch, aber die menschliche Psyche und die Physik sind zwei Paar Quanten.)
Scheinbar ein Widerspruch, also habe ich mir ein Spektrometer geschnappt und die LED-Straßenlampe in meiner Straße vermessen. Das war im doppelten Sinne erhellend. Die Farbtemperatur ist ohnehin eine Unsinnsgröße, vor der sich jeder hütet, der ernsthaft mit Farbmessungen zu tun hat. Bei ein und derselben Temperatur kann man ein grün- oder violettstichiges Licht haben, und beides ist widerlich. Das Auge operiert in einem dreidimensionalen Farbraum – mit drei Farbsensoren für Rot, Grün und Blau (ungefähr, es ist eigentlich noch komplizierter). Das kann man nicht auf eine Dimension zusammenstampfen, ohne wesentliche Informationen zu verlieren. Wenn sich jemand über die geringe Größe seines Schlafzimmers beklagt, hilft es auch nicht, wenn der Raum vier Meter hoch ist. Falls er sich nicht angewöhnt, im Stehen zu schlafen.

ledspektrum_jena

Das bunte im Hintergrund ist die spektrale Zusammensetzung des Sonnenlichts, die schwarze Kurve davor die LED-Lampe in meiner Straße.

Strenggenommen, sagt die Normungsbehörde CIE, darf man Farbtemperaturen nur für schwarze Strahler verwenden. Noch so ein absurder physikalischer Ausdruck, der aber leicht zu erklären ist: Wenn man ein schwarzes Ding so lange aufheizt, bis es glüht, kommt Schwarzkörperstrahlung heraus. Allgemein bekannte Exemplare: die Sonne, die Glühwendel einer normalen Glühlampe, die glühendheiße Herdplatte. Sie senden mehr oder weniger kontinuierlich von jeder Farbe etwas aus.
LED sind keine schwarzen Strahler, im Gegenteil. Sie strahlen ziemlich einfarbiges Licht ab. Weiße LED sind eigentlich blau, aber mit einem phosphoreszierenden Material beschichtet, dass einen Teil des Lichtes in gelbgrün umwandelt. Das Spektrometer zeigt: Die neutralweiße LED strahlt im Gegensatz zur Sonne kaum rotes Licht ab. Dafür gibt es zu viel Kornblumenblau. Sie simuliert irgendwie weiß, aber beleuchtete Gegenstände sehen aus wie verschossene Fotos und Menschen wie Vampire, weil Rot fehlt. Deshalb wirkt das Licht dreckig und unbehaglich. Das ungute Gefühl der Bürger lässt sich messen und in Zahlen ausdrücken.
Bleibt das Argument, dass LED viel, viel effizienter seien. Ich habe mir Datenblätter angesehen. Neutralweiße LED von Osram und Cree, den Marktführern, liefern 150 Lumen pro Watt – wenn sie gut gekühlt und nur mit einem Viertel ihres Nennstroms betrieben werden. Ansonsten geht die Effizienz in die Knie. Die warmweißen haben ohnehin nur 100 lm/W. Niederdruck-Natrium-Dampflampen liefern dagegen 200 lm/W. Es ist ein großer Erfolg der Werbeabteilungen der Lampenindustrie, dass alle Welt glaubt, 150 sei größer als 200, und die Umrüstung auf LED-Lampen ein heroischer Einsatz gegen die Klimaerwärmung.
Meine Messung ergab übrigens, dass die Lampe vorm Haus wohl eher kaltweiß ist:  4250 Kelvin Farbtemperatur. Die Sonne hatte bei strahlendblauem Winterhimmel gerade mal  4610 K.

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Und siehe, es ward Licht

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Ich kann mich daran erinnern, wie bei uns auf dem Dorfe die ersten Straßenlaternen aufgestellt wurden. Und da ich mich an dieses Ereignis erinnere, muss ich wohl auch die laternenlose Zeit davor erlebt haben. Die Quecksilberdampflampen standen so weit auseinander, dass es dazwischen richtig dunkel war. Ich weiß nicht, wie weit das war, aber hundert Meter könnten es schon gewesen sein. Nachts gab es damals Sterne, unglaublich viele Sterne. Heute muss ich in einsame Gegenden fahren, um einen Himmel wie früher auf dem Dorfe zu sehen. Das Interessante daran ist, dass sich die Leute damals nicht allnächtlich die Beine gebrochen haben. Es hatte vermutlich auch keiner Angst vor der finsteren Nacht. Nachts war es dunkel, und zwar richtig.
Anfang der achtziger Jahre kamen die ersten Natrium-Dampflampen auf. Sie hüllten die Stadt, in der ich inzwischen lebte, in ein verträumtes, märchenhaftes Licht. Verglichen mit dem Quecksilberdampflicht wirkte es gemütlich, und deshalb fand ich sie von Anfang an sympathisch.
Jetzt vertreibt man die nächtliche Träumerei mit LED-Lampen in kaltweiß, die die Nacht zu einem schlechten Tag machen. Auf einmal ist es wichtig, ob man nachts Farben richtig erkennen kann. Und viele Leute fürchten sich vor den unbeleuchteten Bereichen ungefähr zehn Meter neben den taghell beleuchteten Straßen. Wohin die Lichtkegel der Lampen nicht reichen, da scheint es dunkler zu sein als früher auf dem Dorfe, weil unsere Augen keine Chance haben, sich an das Dunkel anzupassen, das längst nicht mehr dunkel ist.
Und weil wir nachts nicht mehr schlafen können, kaufen wir uns dunkle Vorhänge.

Fortsetzung folgt.

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Sondervögel gesucht

An diesem Wochenende lässt der NABU mal wieder Vögel zählen. Natürlich flattert es im Garten fröhlich. Innerhalb der letzten Woche haben wir beispielsweise festgestellt, dass wir durchaus noch Amseln haben – die Feuerdornsträucher sind nahezu leergefressen.
Die Sondervögel machen sich rar. Es sind nur die üblichen Verdächtigen da: Kohl- und Blaumeisen, Spatzen, Buchfinken, die unvermeidlichen Straßentauben und das grundsätzlich einzelne Rotkehlchen. Die Biologen meinen, im letzten Herbst habe es besonders viel Futter, zum Beispiel Bucheckern, gegeben. Deshalb würden die Vögel immer noch im Wald herumfressen.blesshuhn

Damit es nicht so langweilig ist, hier ein Foto von den witzigsten Füßen in der Vogelwelt. Bis zu diesem Tag hatte ich keine Ahnung, ob Blesshühner überhaupt Füße haben, weil ich sie immer nur im Wasser gesehen hatte. Aber sie haben, und zwar schwarz-weiß gestreifte.
Gefällt mir. Sehr.

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Keine Selbstverteidigung ist auch keine Lösung

Die „junge Welt“ hat eine Streitschrift von mir veröffentlicht. Aber da Papier teuer ist, haben sie natürlich gekürzt. Hier gibt es das Pamphlet in voller Länge:

Gewalt gegen Frauen existiert. Nach der Statistik des Bundesministeriums des Inneren wurden 2015 rund 360.000 Frauen Opfer von Gewaltverbrechen. Tatsächlich werden Männer häufiger angegriffen – in etwa 60 Prozent der Fälle. Sie haben allerdings statistisch bessere Chancen, den Angriff abzuwehren. Frauen sind im Durchschnitt kleiner, leichter und schwächer als die zumeist männlichen Angreifer und haben kaum Erfahrung im Umgang mit Gewalt. Deshalb haben sie ein höheres Risiko, Opfer zu werden und sich selbst als wehrlos und ausgeliefert zu erleben. Die Folge sind oft monate- und jahrelange psychische Probleme.
Colin Goldner schreibt in seinem Artikel „Die Konjunktur des Hodentritts“ zu Selbstverteidigungskursen für Frauen: „Bestenfalls kann das Üben von Schlägen und Tritten als Unterstützung dienen im therapeutischen Prozess der Bearbeitung traumatischer Erlebnisse wie sexueller und sonstiger gewalttätiger Übergriffserfahrungen.“ Selbst wenn man gnädig übersieht, dass nicht Erfahrungen, sondern Übergriffe gewalttätig sind – er plädiert damit dafür, Frauen zunächst zu traumatisieren, um sie dann mit viel Liebe und ein bisschen körperlichem Training wieder zurechtzubiegen. Eine Frau, die vorbeugend Kampfsport oder Selbstverteidigung trainiert, wird nach seiner Lesart „selbst zur Gewalttäterin“.
Aus gutem Grund macht das deutsche Recht einen Unterschied zwischen einem gewalttätigen Angriff und Selbstverteidigung. Es geht davon aus, dass niemand verpflichtet ist, Verletzungen und Lebensgefahr hinzunehmen. Wer immer eine Frau angreift – oft weil er kaum Gegenwehr erwartet – der entscheidet sich bewusst für Gewalt und ist entsprechend selbst für die Folgen verantwortlich. Mit seiner moralischen Standpauke verteidigt Goldner das Recht eines aggressiven Angreifers auf unversehrte Hoden – gegen das Recht angegriffener Frauen auf körperliche und seelische Unversehrtheit.
Womöglich vermutet er, dass jede Frau nach einem 8-Wochen-Selbstverteidigungskurs als männermordende oder wenigstens eierquetschende Amazone durch die Gegend zieht und harmlose Männer zusammenschlägt. Statistisch lässt sich das durch nichts belegen, und der Augenschein spricht dagegen. Wo sind die toten Männer, die die Straßen deutscher Innenstädte säumen?
Der Mangel an Gewalterfahrungen führt bei den meisten Frauen (und vielen Männern) bei einem tätlichen Angriff zu dem, was Computerprogramme „schwerer Ausnahmefehler“ nennen. Nichts geht mehr. Frau fühlt sich vor Angst gelähmt, weil die Welt sich anders als vorgesehen verhält. Für den Ernstfall gibt es im Gehirn keinen Plan B, denn Gewalt ist für die meisten Menschen etwas, das anderen passiert.
Kampfsport kann dagegen helfen, und zwar nicht therapeutisch, sondern präventiv. Er ermöglicht eine Konfrontation mit Gewalt in einem sicheren Raum und nach festen Regeln. Das Verletzungsrisiko im Breitensport ist tatsächlich geringer als bei Fußball oder Skifahren, wie Statistiken von Versicherungen zeigen. Aber frau lernt, mit würgenden Händen am Hals, schraubstockartigen Umklammerungen oder Fauststößen umzugehen, ohne sofort in hilflose Panik zu verfallen. Sie erfährt, was sie aushalten kann, ohne zusammenzubrechen, und das ist nicht weniger wertvoll als tatsächliche Abwehrtechniken – weil damit die Handlungsfähigkeit im Ernstfall erhalten bleibt.

kissaki

Ein Justizvollzugsbeamter und ein IT-Admin haben Spaß miteinander – und sind zwei äußerst umgängliche Menschen, wenn man sie lässt.

Denn Selbstverteidigung ist für Ernstfälle. Sie ist genau dann notwendig, wenn ein freundliches Gespräch oder Weglaufen nicht mehr möglich sind. Frauen sind – wie erwähnt – wahrscheinlich kleiner, leichter und schwächer als ihre Angreifer. Sie können sich eine minutenlange Schlägerei nicht leisten, zumal ihre beste Verbündete die Überraschung des plötzlich angegriffenen Angreifers ist. Das ist der Hintergrund des Grundsatzes „mit einem Schlag töten“ – der offensichtlich in keiner Kampfsportart wörtlich genommen wird. Auch vor den Sporthallen fehlen auffälligerweise die Leichenstapel. Für Frauen wäre es fahrlässig, angesichts eines brutalen Angriffs auf effektiveTechniken zu verzichten, nur weil Tritte in die Hoden als unfair gelten. Eine Frau, die auf der Straße attackiert wird, hat keinen Regeln zugestimmt. Im Gegenteil: Der Angreifer hat die gesellschaftlich verbindliche Norm, die körperliche Unversehrtheit anderer zu achten, gerade aufgekündigt.
Tatsächlich sind erfahrene Kampfsportlerinnen für einen durchschnittlichen Mann weniger gefährlich als Frauen, die die Realität von Gewalt verdrängen. Sie können eine harmlose Annäherung von einem potenziellen Angriff unterscheiden und greifen nicht bei jedem Mann, der nach dem Weg fragen möchte, zum Pfefferspray. Sich angstfrei im öffentlichen Raum bewegen zu können, ist ein Stück Lebensqualität und macht aus keiner Frau eine Gewalttäterin. Ein erfolgreich abgewehrter Angriff kann noch immer zu einem posttraumatischen Stresssyndrom führen, aber die betroffene Frau hat zumindest erlebt, dass sie nicht wehrlos ausgeliefert, sondern Akteur ist. Das ist besser als Therapiesitzungen.
Dass es kein sinnvolles Mittel gegen Gewalt ist, den Igel zum Verzicht auf seine Stacheln zu bewegen, wusste schon Wilhelm Busch. Kein Selbstverteidigungskurs ist auch keine Lösung

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Wollt ihr den totalen Staat?

totentanz
Die Blutflecken auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin waren noch nicht trocken, da kamen die Verfechter des Starken Staates schon heraus zum Totentanz. Inzwischen gibt es kein Halten mehr. Wollt ihr den totalen Staat?
[Und hier erinnern wir uns mal ganz schnell, wie schrecklich die DDR und die Stasi waren, nämlich viel, viel schlimmer – als wasauchimmer.]
Wir brauchen, sagt Innenminister Thomas de Maiziere, mehr Videoüberwachung und Gesichtserkennungssoftware. Mal ehrlich: wozu? Fördert die Überwachung die öffentliche Sicherheit? Nein. Wie wir wissen, werden selbst auf bestens überwachten U-Bahnhöfen immer noch Leute zusammengeschlagen und ausgeraubt. Dabei wollen die Täter immerhin noch überleben. Glaubt irgendwer, dass sich ein Attentäter von einer Kamera von seinem Attentat abhalten lässt? Wer fürsorglich seine Ausweispapiere im Lkw deponiert, damit es die Polizei bei der Ermittlung nicht so schwer hat, der hat vermutlich nichts gegen ein Passfoto. Eher im Gegenteil. Greift man in einer bestens überwachten Gegend zum Maschinengewehr, dann kann man sicher sein, dass man in allen Nachrichten landet. Wird sich die Videokamera todesmutig vor den Lkw werfen? Äh, unwahrscheinlich. Vielleicht fällt sie dem Todesschützen auf den Kopf, weil just die Halterung durchgerostet ist. Könnte ja sein.
Der Innenminister meint außerdem, wir brauchen Bundeswehreinsätze im Inneren. Also, da kommt ein Selbstmordattentäter mit einer Bombe auf den Wochenmarkt von Bielefeld, und zwischen dem Schrei: „Er hat eine Bombe!“ und der Explosion fliegt ratzfatz ein Düsenjäger der Bundeswehr ein und bombardiert den Attentäter. Täter tot, Attentat verhindert. Tusch und Narhallamarsch.
Notwendig ist, meint der Herr Minister, die flächendeckende Überwachung der elektronischen Kommunikation. Das schließt auch den Mailwechsel über Menstruationsbeschwerden oder die Nasenhaare des Chefs ein … [Apropos: Die Stasi! Gaaanz schlimm!]
Unter dem Vorwand, die blöden Ausländer abzuzocken, die unsere schönen deutschen Autobahnen abnutzen, wurde ohnehin schon die flächendeckende Überwachung des Autoverkehrs beschlossen. Auf deutschen Autobahnen werden keine anonymen Tickets gezogen, da werden Nummernschilder gescannt. Der Große Bruder weiß, wo du wann unterwegs warst – und wie schnell. Er kann dann im Nachhinein super nachvollziehen, wie der Attentäter zum Tatort gelangt ist. Ach so – das weiß er ja schon: mit dem Auto eines V-Mannes des Verfassungsschutzes. Ein Attentat in Dortmund wäre einfach nicht so hauptstädtisch gewesen wie eins in der Hauptstadt.
Kurz und schlecht: Nichts von diesen Maßnahmen kann Attentate wie das von Berlin verhindern. Aber wenn man jetzt hört und liest, wie lang und intensiv der Täter beobachtet und vom Verfassungsschutz umhegt wurde, dann fragt man sich, ob man ihn nicht ganz bewusst gewähren ließ, damit man endlich einen Grund hat, die flächendeckende Überwachung der Bevölkerung einzuleiten.
[1989 wurde übrigens diskutiert, ob man die Rädelsführer der Montagsdemos internieren sollte. Schrecklich! Man hat sich dagegen entschieden. Da sieht man, wie verlogen die Regierung in der DDR war!]

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Karo Lusche

Wir kennen das: allgemeines Tohuwabohu in der Klasse, jeder gegen jeden, und am Ende ist die Fensterscheibe kaputt, ohne dass einer wüsste, wie es passiert ist. Schlagartig setzen sich alle brav auf ihre Plätze und schauen betreten zu Boden. Sie sind so brav, dass der Lehrer sofort nach Öffnen der Tür die Bescherung sieht. Die Frage ist unausweichlich: „Wer war das?“
Alle schauen weiter betreten zu Boden, nur einer meldet sich. „Ich war nicht dabei. Ich war auf Toilette.“
Inzwischen glaube ich, auch der Lehrer verdreht innerlich die Augen. Die Klasse kassiert eine Kollektivstrafe – bis auf den Pisser. Aber der … Ach was, das wisst ihr ja schon.
Die SPD war auch gerade Pinkeln, als in Berlin regiert wurde.
Die Regierung hat den Armutsbericht frisiert. Dass Reiche mehr Einfluss auf die Politik haben, wurde zwar wissenschaftlich nachgewiesen, aber im Bericht gestrichen. Auch der Einfluss der Lobbyorganisationen sollte lieber nicht bekannt werden. Was Ministerin Nahles von der SPD schließlich veröffentlichte, war nur die halbe Wahrheit. Und was macht die SPD? Klopft sich auf die Schulter! Die böse CDU war’s!
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Da 2017 gewählt wird, schiebt man gleich noch ein bisschen Wahlwerbung hinterher. Sie sind hoffentlich hinter ihren Wahlplakaten in Deckung gegangen, denn der Shitstorm auf Twitter hatte es in sich. Nicht nur, dass sich das Wahlvolk an die Mehrheitsverhältnisse im Bund erinnerte. Rosa-Rot-Grün hätte da 9 Stimmen Vorsprung. Aber die Linke hätte verlangt, dass man sozialdemokratische Politik macht, und das geht mit der SPD nun gar nicht.
Auch alle anderen Sünden kamen hoch: HartzIV, Hungerrenten, Entgrenzung der Leiharbeit, Niedriglöhne … Die erste deutsche Kriegsbeteiligung nach dem 2. Weltkrieg wollen wir mal nicht vergessen. Hat schon jemand gehört, dass die SPD gegen den ständig steigenden Verteidigungs … äh … Kriegsetat protestiert hätte? Nee, das ist ja die böse CDU, die das plant. Die gute SPD würde das Geld natürlich für soziale Zwecke wie bedingungsloses Grundeinkommen, mehr Lehrer und bessere Finanzierung der Kommunen ausgeben.
Mit ihrem Tweet zeigt die SPD vor allem eines: Was sie da in Berlin tut, das ist betreutes Regieren. Wir sollen sie 2017 wählen, weil politisch besonders Herausgeforderte nach dem Inklusionsgesetz auch eine Chance bekommen müssen. Denn wenn sie einen Arsch* in der Hose hätte, dann würde sie den ungekürzten Bericht veröffentlichen und die Koalition platzen lassen.

* Genauer gesagt: rund 440.000 Ärsche in ebensovielen Hosen.
** Eigentlich ist es ja Schell-Lusche, die zu sprichwörtlich nichts zu gebrauchen ist, aber die Entsprechung im französischen Blatt ist rot.

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Unkorrekte Wünsche

pyramideDie amerikanische Konzernmutti belehrt uns wenigstens einmal im Jahr, wie wir uns gegenüber Kunden, Lieferanten, Kollegen und sonstigen Menschen zu benehmen haben. Geh schön rechts und grüß die Leute.
Bei der letzten Belehrung nebst obligatorischem Test am Ende kassierte ich einen Minuspunkt. Bei fast allen Beispielen geht es um Insidergeschäfte und Bestechung. Auf die Frage, was als Geschenk für einen Geschäftspartner kurz vor Weihnachten angemessen wäre, antwortete ich also so sparsam wie zurückhaltend: die Weihnachtskarte. Falsch. Die Weihnachtskarte, wurde ich belehrt, könnte religiöse Gefühle verletzen bei denen, die Weihnachten nicht feiern. Korrekt wäre die Packung Donuts gewesen.
Werden die eigentlich in Schweineschmalz gebacken, wie man das in Sachsen mit Kräbbeln zu tun pflegte? Enthalten sie also Tier? Enthalten sie Gluten? Spuren von Nüssen? Und was ist mit den gewichtsmäßig herausgeforderten Mitbürgern, die lieber nur eine Möhre sehen würden?
Nein, ich glaube nicht, dass eine Weihnachtskarte bei einem geistig gesunden Menschen irgendwelche Gefühle verletzen kann. Im Osten Deutschlands lebt die atheistischste Bevölkerung der Welt. Selbstverständlich stellt sie Weihnachtsbäume ins Wohnzimmer, wünscht einander „Fröhliche Weihnachten“ und singt mindestens „Oh Tannebaum“. Weihnachten ist für uns keine religiöse Angelegenheit, sondern mehr oder weniger zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. In der finstersten Zeit des Jahres trifft sich die Familie, lässt es sich gut gehen und feiert, dass das Licht zurückkehrt. Das ist um einiges älter als die Behauptung, der Erlöser der – immer noch unerlösten – Welt sei geboren worden. Und seien wir ehrlich – elektrisches Licht hat die Sehnsucht nach Sonnenschein kein bisschen untergraben.
Wer gute Wünsche zum Anlass nimmt, sich beleidigt zu fühlen, dem ist nicht mehr zu helfen. Ich jedenfalls habe kein Problem damit, wenn man mir im Februar knallbunte Neujahrswünsche aus China schickt. Es ist nett, auch wenn mein neues Jahr schon ein paar Tage alt ist. Was zählt, ist der Wunsch und die gute Absicht. Anderen eine glückliche Zeit zu wünschen, kann überhaupt nicht falsch sein. Fröhliche Weihnachten!

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