MNE4: Die unauffindbaren Bogomilen

„Bogomile Tombstones“ stand auf dem Touristen-Dorfplan, „6,8 km“ und daneben ein Pfeil, der vage unten aus der Karte deutete. Wenn es so wichtig ist, dass man es auf die Karte druckt, dachte ich, wird man es in der wirklichen Welt doch wohl beschriftet haben. Nach etwa 10 km landeten wir an einem kleinen See mit Schafen daneben und beschlossen, einen leichten Spaziergang zu machen.
Zum Glück gibt es das Internet und deutsche Touristen, die alles haarklein erklären. Zweiter Versuch am nächsten Tag. Natürlich muss man abbiegen, natürlich steht nicht die Spur eines Schildes da. Bei Novakoviči gibt es zwei Seen, der zweite ist der Riblje Jezero. Auf dem Hügel daneben liegen die Reste eines Bogomilischen Friedhofs. Ein kleines Stück weiter – so ein, zwei Kilometer in Richtung Njegovuđa – gibt es einen zweiten Bogomilen-Friedhof, der ebenso wenig ausgeschildert ist wie der erste. Aber kurz davor steht ein großes Kreuz am Wegesrand, mutmaßlich ein ordnungsgemäß orthodoxes. Keine Erklärung dazu, aber es gibt ja Wikipedia.

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Die Bogomilen waren eine christliche Sekte, die freundliche Beziehungen zu den Katharern unterhielt. Also Ketzer. Sie lehnten die weltliche Herrschaft ab, die hierarchische Kirchenstruktur und die Ikonenverehrung. Obendrein hielten sie es für Blasphemie, einem anderen als Gott zu dienen. Mit dieser revolutionären Lehre, die auf einen Prediger namens Bogomil zurückgeht, hielten sie sich vom 10. bis zum 15. Jahrhundert. Die Leute waren arm, die Reichen interessierte es nicht, und überall in Europa gab es radikal christliche Bewegungen, die schon mal zum Dreschflegel griffen, um ihrer Not Ausdruck zu verleihen. Einige der Bogomilen taten das auch. Die offizielle Kirche war wenig amüsiert und verfolgte die Fundamentalisten.
Vielleicht – so genau kann man das nicht wissen – grollen die orthodoxen Montenegriner noch immer den Ketzern. Vielleicht schildern sie die Grabsteine deshalb nicht aus und erklären mit keinem Wort, wer diese Bogomilen eigentlich waren. Vielleicht lebt in Žabljak ein heimlicher Sympathisant, der ihr Andenken immerhin auf den Touristenkarten verewigt.

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MNE3: Schall und Rauch

MNE_STrassenschild

Blöd, wenn man nicht zur Königin von Montenegro will … Das räudige Ding dahinter wäre das Strassenschild.

Der ADAC kennt Montenegro nur als Randerscheinung von Kroatien. Landkarten – Fehlanzeige. Nachdem das Navi problemlos Podgorica gefunden hatte, schien alles bestens. Allerdings gibt es deutlich mehr Orte, die es nicht findet. Statt derer bietet es dann Orte mit ähnlichen Namen in der Slowakei, Kroatien oder Bulgarien an … Merkt man, wenn man in den Nachbarort will, aber 2.000 km fahren soll.
Selbst da, wo der elektronische Navigator noch einigermaßen mittut, scheitert man am Detail. Mutmaßlich befindet man sich in der Straße der Nationalen Front oder der Straße der Völkischen Helden. Kein Witz, so etwas gibt es in diesem Land, und keiner findet es seltsam. Es steht nur leider nicht dran. Das heißt, vielleicht steht es sogar irgendwo, aber natürlich nicht an der Straßenkreuzung, wo ein normaler Mitteleuropäer ein Straßenschild vermuten würde. Und selbstverständlich nicht so, dass man es beim Durchfahren lesen könnte, wenn man wagen würde, auch nur ein Auge vom komplett irrwitzigen Verkehr zu lösen.
Selbst wenn man die richtige Straße gefunden hat, ist das Problem der Quartiersuche noch nicht am Ende. Man sagt sich, dass es so schwer ja nicht sein kann, eine Nummer zu finden. Aber man ist nicht in Deutschland, sondern in Montenegro. Die Montenegriner meinen, nicht nur Namen, sondern auch Nummern seien Schall und Rauch. Selbst Häuser, die theoretisch eine Nummer haben, haben praktisch keine. Wozu auch. Wer da wohnt, kennt seine Hausnummer.
Mitunter steht schon in der Adresse ein „bb“. Das heißt, wie ich lernte, nachdem ich mehrere Kreise um den vermuteten Ort meiner Unterkunft gefahren war, „bez bruja“ – ohne Nummer. Danke auch, Leute. Dann hilft nur noch der freundliche Nachbar, der tatsächlich freundlich ist und hilft und mit einem Telefonat ermittelt, dass es um das Haus von Stojka geht. Blöd nur, dass er nicht weiß, wie er mir beschreiben soll, welches von dem Dutzend Häuser auf dem Hang gegenüber das fragliche ist. Er kann ausschließlich Serbisch, und das ist genau die Sprache, die ich nicht kann. Macht nichts, der Mensch hat schließlich Hände und Füße.

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MNE2: Flattertata!

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und definitiv nach den Bienen und Schmetterlingen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen klar war, dass es zur Jahrtausendwende in Deutschland keinen Wald mehr geben würde. Wenn ich aus dem Fenster sehe, weiß ich, dass sich der Alarmismus und die Panikmache gelohnt haben. Da steht der Wald und ahnt nicht, dass er gestorben sein sollte.
Vielleicht werden in Zeiten von Glyphosat & Co. die Städte zu Refugien für die bedrohten Insekten. In meinem Garten jedenfalls flattert und schwirrt es nach wie vor und ahnt ebenfalls nichts Böses. Ich mag das.
Für mich war es eine unglaubliche Erkenntnis, dass sich unter der Bezeichnung „Bläuling“ ungefähr 50 Arten tummeln, die zum Teil ganz verschieden aussehen (auch grau oder braun mit orangefarbenen Punkten …). Die Natur hat daran über Millionen von Jahren gebastelt und diese erstaunliche Formen- und Farbenvielfalt zustande gebracht. Das kann man doch nicht einfach so in die Tonne treten?
Und deshalb gibt es hier ein paar exotische Exemplare, die ich in Montenegro gejagt habe. Wenn jemand wie ich im Klostergarten auf die Knie fällt, dann hat das nichts mit religlöser Erleuchtung zu tun, sondern mit dem Zwergbläuling, der da auf der Wiese sitzt und den ich zwecks Identifizierung unbedingt von der Seite fotografieren muss.
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PS: Das Flattertata stammt natürlich von Christian Morgenstern und aus dem Lied vom einsamen Hemmed.

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MNE1: Das Karl-Marx-Stadt des Südens

Der Flughafen Podgorica hat die Kennung TGD. Normalerweise haben diese Kürzel wenigstens irgendeinen Bezug zum Namen. Aber TGD? Das erschloss sich erst, als ich las, dass die Stadt ehedem Titograd hieß. Heute ist sie die Hauptstadt Montenegros und heißt ungefähr „Unterm Berglein“.
Podgorica hat irgendwas zwischen 170.000 und 200.000 Einwohner – die Angaben schwanken. Ganz Montenegro kommt auf 650.000. Zum Vergleicht: Thüringen hat 2,2 Mio. Leute.
Wie Karl-Marx-Stadt hat Podgorica den zweiten Weltkrieg nicht gut überstanden. Danach wurde die Lichte Welt des Sozialismus aufgebaut: säuberliche Wohnblöcke, streng geometrisch aufgereiht. Aber es gab auch Parks mit Springbrunnen, Spielplätze mit allen EU-Verordnungen hohnsprechenden Klettergerüsten aus bunt gestrichenem Stahlrohr und Wippen, in denen man sich mit genügend Dummheit noch die Finger einklemmen konnte. Es gab den Platz der Republik mit einer patriotischen Säule darauf.
Die säuberlichen Wohnblöcke sind in die Jahre gekommen. Die Gehwegplatten sind zerbrochen und verworfen. Gras wächst dazwischen. Die Springbrunnen sind leere Becken aus Beton. Natürlich waren sie immer Becken aus Beton, aber früher gab es da die Magie des fliegenden, sprudelnden, plätschernden Wassers. Den Wippen fehlen die Sitze. Nur das regelwidrige Klettergerüst hat die Jahrzehnte unbeschadet überstanden. (In Jena müssen Spielplätze nach etwa 10 Jahren komplett erneuert werden, fällt mir da ein).
Während rings um den Platz der Republik die Trostlosigkeit Einzug gehalten hat, wächst am anderen Ufer der Morača eine neue Stadt aus Stahlbeton und viel Glas, ein glänzendes, kapitalistisches Podgorica, in dem auch wieder Springbrunnen springen. Wer wissen will, wie das aussieht, kann am Rosenhof in Karl … nein, in Chemnitz vorbeigehen.

(Auf eins der Fotos klicken, um die Gallerie zu öffnen.)

MNE ist das Länderkürzel für Montenegro, das hinten auf Autos steht.

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Das ist nicht Irland

Wenn man mich mit verbunden Augen da abgeworfen hätte – ich hätte es für irgendwo in Irland gehalten und mich nur gewundert, dass das Meer so weit weg ist. Grüne Hügel, wollige Schafe, einsame Häuser und tiefhängende Wolken. Wo in Europa gibt es das noch?

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Veganes Wasser

Ich war ja froh, überhaupt einen Flug gefunden zu haben, der mich in endlicher Zeit und mit nur einmal Umsteigen ans Ziel brachte. Von Adria Airlines hatte ich zwar noch nie gehört, aber ich landete auf der Buchungsseite der Lufthansa und schlussfolgerte, dass es eine völlig normale Gesellschaft sein müsste. Neben Name und Kreditkartennummer wollte man von mir auch die Ernährungsgewohnheiten wissen: Standard, vegetarisch, vegan, glutenfrei, zuckerfrei, koscher, halal, buddhistisch … Ich hakte „Standard“ an, weil ich keine Lust hatte, als auffällig in irgendeine Datenbank zu rutschen.
Dass man alles Mögliche selbst machen muss, also selbst einchecken, selbst Bordkarten drucken, selbst den Koffer abfertigen und erst recht selbst herausfinden, dass das Gate kurzfristig geändert wurde, wundert den Vielflieger inzwischen nicht mehr.
Verwunderlich war die Verpflegung, denn egal ob Standard, egetarisch, vegan, glutenfrei, zuckerfrei, koscher, halal, buddhistisch oder brokkolifrei – alles kam aus der gleichen Flasche. Es gab Wasser, garantiert salzarm. Schon der Kaffee kostete das, was ein Kollege „Seepreise“ nennt und sich in meinem Wortschatz leicht verfälscht als „Schiffspreise“ festgesetzt hat.
Das hätte man ja mal so ansagen können. Geübte Adria-Flieger hatten ihren Picknickkorb dabei. Ich hungerte – kalorienfrei.

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Mehrfach

Hund_Breit

Was der damit zu tun hat? Er lag gegenüber von meinem Infostand. Und er war sehr breit.

Ich gestehe: Ich wunderte mich. Sehr. Als die ersten Wahlergebnisse eintrudelten und ich feststellen musste, dass irgendwas um die fünf Prozent herauskommen würde. Noch mehr, als ich merkte, dass es selbst in den Ecken, für die ich im Stadtrat wirklich etwas bewegt habe, nicht zu einem zweistelligen Ergebnis reichte (nur Lichtenhain, das Lichtdorf der Lichtstadt, brachte es auf 12 %). Am Ende kam trotz Wahlkampf, trotz 25.000 Infoblättern und vier Jahren Knochenarbeit im Stadtrat exakt soviel zusammen wie zur Kommunalwahl 2014.
In der Pressekonferenz konnte ich immer noch verkünden, dass der künftige Oberbürgermeister mich als Opposition an der Backe haben und dass ich mich an ihre Versprechungen erinnern würde.
Komisch kamen mir die Gratulationen vor. 4.68 %? Ist doch toll! Du hast doch nicht wirklich geglaubt, du könntest OB werden?!
Habe ich das? Ich bin mir nicht sicher. Irgendwie hatte ich die wilde Idee, die Wähler könnten sich für jemanden entscheiden, der ihre Interessen vertritt – etwa die Lobedaer jenawohnen-Mieter, die kurz vor der Wahl einen wütendenden Fragebogen schickten, weil man ihnen just die Miete erhöht hatte. Was soll ich sagen? Von den lächerlichen 31 % der Lobedaer, die überhaupt gewählt haben, haben 61 % Mieterhöhungsbefürworter gewählt. Glückwunsch, Leute, das ist im Wortsinne selbstgewähltes Elend! Bei 3 % pro Jahr habt ihr zu Ende der Amtsperiode dann 18 % mehr zu zahlen.
Es war merkwürdig still. Clemens, der Fels in der Brandung der Kommunalpolitik, schwieg so laut, dass es kaum auszuhalten war. Nach 20 Stunden rief er an, sagte: „Schwarzer Undank!“ und überlegte, alles hinzuwerfen.
48 Stunden später, kurz vor der Stadtratssitzung, rief er erneut an, erklärte, er sei von der depressiven in die manische Phase gewechselt, und was man mit dem Verkehr rings um den neuen Uni-Campus treibe, ginge ja gar nicht. Super, sagte ich, ich habe bis Mitternacht alte Dokumente gewälzt, um das Problem der Stellplatzablöse im Detail ausbreiten zu können. Wir können nicht anders.
Am Wochenende war ich an einer politischen Prozession rings um eine Brachfläche in Jena-Burgau beteiligt. Auch die Burgauer waren mit ihren Wählerstimmen sehr zurückhaltend. Aber sie sagen nicht mehr: „Die da oben machen ja doch, was sie wollen.“ Das haben sie von mir gelernt, ohne es so recht zu wissen.
Das Leben ist nicht einfach. Im Moment ist es eher so drei- bis vierfach.

 

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