Oh my darling Valentine

guglhupfengelIch kann mich nicht nur an Zeiten erinnern, in denen es nachts noch dunkel war, sondern auch daran, dass es keinen Valentinstag gab.
Zum ersten Mal las ich davon in „Flowers for Algernon“ von Daniel Keyes*, und ich wunderte mich über den seltsamen amerikanischen Brauch. Das muss irgendwann zwischen 1980 und 1983 gewesen sein. Damals konnte man, wenn einem danach war, Frauen am 8. März etwas Nettes schenken. Mein ehemaliger Chef befolgte diesen Brauch aus DDR-Zeiten bis ins neue Jahrtausend. Zum 8. März gab es Schokolade. Aber es war nicht obligatorisch, und es hätte keine Beziehungskrise ausgelöst, zum Frauentag nichts zu verschenken.
Vor etwa 20 Jahren tauchte der Valentinstag auf, mutmaßlich im Schlepptau amerikanischer Filme. Die Süßwarenindustrie und die Blumenhändler witterten ihre Chance. Das Loch zwischen Silvester und Ostern musste irgendwie gestopft werden, insbesondere im Osten, wo man Fastnachten für eine Kinderbelustigung hält und also kaum Geld ausgibt. Zeitungen füllten ihre Ratgeberseiten mit Erklärungen und Geschenkideen, bis auch der Vorletzte begriffen hatte, dass es ein Sakrileg wäre, den Tag einfach zu ignorieren.
Inzwischen ist der Valentinstag so zwanghaft zu befolgen wie Weihnachten. „Da ist Valentinstag“ gilt als hinreichender Grund, politische Veranstaltungen zu verschieben. Jüngere Menschen reagieren geradezu panisch bei dem Gedanken, bei einer Vernachlässigung der Feierpflicht erwischt zu werden.
Ich bin zum Glück schon älter. Das heißt, ich durfte mich gestern ungestraft mit der Straßenbeleuchtung von Jena-Lichtenhain befassen, die das Dunkel in den Schlafzimmern stört. Was vielleicht auch mit Liebe zu tun hat.

* Im Gegensatz zu „Der Südpol schmilzt“ von Safronow ist das eine Geschichte, die ich nie vergessen werde, und zwar weil der Autor entgegen den Forderungen seines Verlegers das Ende nicht geändert hat. Es gehört zu den traurigsten Dingen, die ich je gelesen habe.

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Hellblaues Brot

frauentee„Bitte?“
„Ich hätte gern ein Männerbrot.“
„Was?“
„Ein Männerbrot.“
„Was soll denn das sein?“
„Ein Brot, das für die speziellen Bedürfnisse des Mannes optimiert ist.“
„Spezielle Bedürfnisse? Was kann man denn bei Brot für spezielle Bedürfnisse haben? Meiner isst am liebsten das Vollkornbrot.“
„Aber das ist kein spezielles Männerbrot?“
„Nein! So was gibt’s überhaupt nicht! Ein Brot ist doch keine Unterhose.“
„Ach.“
frauenmuesli
Männerbrot ist absurd? Vielleicht. Aber eigentlich nicht absurder als Männer-Tee und Frauen-Müsli – oder Frauen-Tee und Männer-Müsli. Gibt es alles. Nachdem wir in erfreulich vielen Bereichen Gleichbehandlung erreicht haben, einschließlich Unisex-T-Shirts, -Socken und -Turnschuhe, meint ausgerechnet der Lebensmittelhandel, er müsste wieder säuberlich nach Geschlechtern trennen.
Im Frauenmüsli sind „rote Früchte“, im Männermüsli blaue Heidelbeeren. Ist Pflaumenkuchen unweiblich? Müssen sich Männer schämen, wenn sie Erdbeermarmelade mögen? Im Frauentee ist Süßholzwurzel, im Männertee Ingwer. Ich mag Ingwer. Hab ich ein Problem mit meiner Gender-Definition?
Mein Mann übrigens bevorzugt Brot, das geometrisch perfekt in seine Brotdose passt. Das ist mutmaßlich wirklich ein Männerproblem, aber keines, für das wir eine Lösung vom Bäcker brauchen. Wozu gibt es Messer?

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Licht aus!

shanghai_nacht
Es gab Zeiten, da war es nachts dunkel. Flächendeckende elektrische Straßenbeleuchtung hat sich hierzulande in den letzten etwa 50 Jahren entwickelt. Sie galt als Fortschritt. Es gab sogar einen Science-Fiction-Roman, der beschrieb, wie man eine zweite Sonne installiert, um die Nacht ein für alle Mal zu vertreiben. Mehr Licht, mehr Produktivität, mehr Ernten in der gleichen Zeit, mehr Sozialismus! In drei, vier beschwichtigenden Sätzen wurde erwähnt, dass man damit das gesamte irdische Ökosystem zerstören würde. Zum Teufel damit! Zum Glück war das technisch nicht ganz so einfach.*
Inzwischen gibt es das Wort „Lichtverschmutzung“, und es dämmert die Erkenntnis, dass zu viel Licht schädlich sein könnte, ebenso wie ständiger Lärm.
Chinas Millionenstädte sind grellbunt beleuchtet. Alles leuchtet, blinkt, bewegt sich. Es ist ein unglaublicher optischer Lärm. Aber wenn man – auf Dienstreisen kommt man nur zu unsinnigen Zeiten an die frische Luft – gegen 22:05 Uhr ein Foto zu machen versucht, ist es stockdunkel. Um zehn gehen die bunten Lichter aus, und es wird Nacht. Bei uns leuchtet Werbung Tag und Nacht. Hat eigentlich mal ein Soziologe untersucht, wie effizient hellleuchtende Werbung um 03:00 Uhr in der Nacht ist? Wie aufnahmefähig man ist, wenn man um diese Zeit von was auch immer heimkehrt?
In Tschechien gibt es ein Gesetz gegen „unnötiges Licht“, inklusive heftiger Geldstrafen. In Slowenien schaltet man Mitternacht ab – Werbeschilder, Schaufensterbeleuchtung, Wegbeleuchtung in Parks und Umgebung, die Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten. Die Städte sind erheblich dunkler. Statt den Leuten Energiesparlampen und defizitäre LED-Lampen aufzudrängen, sollte man abschalten, was überflüssig ist.

* Ich habe Autor und Titel erfolgreich verdrängt. Mit 14 fand ich ihn bedenklich, heute finde ich ihn in krimineller Weise bescheuert.

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Das wahre Leben: Bitte nicht weiterleiten

Warum man seine e-Mails vorm Versenden doch lieber noch einmal lesen sollte:

impotentpersons

Die gebe ich dann lieber nicht weiter. Könnte peinliche Erklärungen notwendig machen.

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Nu guck – Bürgerbeteiligung in Hasselt

Hasselt verblüfft mich immer wieder. Jedesmal, wenn ich hinkomme, ist die Stadt anders. Zum Beispiel die Grafitti-Galerien, die mal auftauchen und mal verschwinden und anscheinend jährlich übermalt werden. Sie sind keine nervigen Schmierereien, sondern Teil des Gesamtkunstwerkes. Das Rotkäppchen mit dem Wurm im Korb und dem dreiäugigen Wolf hat mich beeindruckt.
Noch mehr aber der Umstand, dass es eine „Stad met een plan“ ist. Man hat hier einen Plan, und den stellt man mitten in der Fußgängerzone in einem Ladenlokal aus. Jeder kann reingehen und sich Planzeichnungen und Modelle ansehen. Aber das ist noch nicht alles.
Am Slachthuiskai ist schon wieder eine gigantische Baugrube entstanden. Gleich daneben stehen mehrere Container, in denen das Projekt „Quartier Bleu“ dargestellt wird. Obendrauf gibt es auch noch einige Sitzbänke, von denen aus man das Baugeschehen beobachten könnte, wäre man als Dienstreisender nicht zu völlig unsinnigen Zeiten unterwegs. „Kom kijken“ lädt man ein. Wenn schon Baustelle, dann macht man halt eine Sehenswürdigkeit draus, und wahrscheinlich sitzen regelmäßig kleine Jungs da und bestaunen atemlos die Bagger.
Die Baugrube hat das Rotkäppchen verschlungen. Aber irgendwo wird es todsicher wiedergeboren.

(zum Öffnen der Galerie anklicken.)

 

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Angewandte Physik 4: Was ist eigentlich Lebensdauer?

engel_eieruhrBei der Glühbirne ist die Lebensdauer ziemlich klar definiert. Irgendwann macht es „bing!“, und es ward nicht Licht, sondern ein Fluch.
Bei LED ist das anders – es hängt von der Definition ab. In der Literatur kreisen Werte zwischen 20.000 und 60.000 Stunden. Das klingt verdammt viel. Die am häufigsten angegebenen 50.000 h sind eindeutig aus dem Prospekt von Osram abgeschrieben. Der Wert gilt für die definierten Verhältnisse eines Wohnraumes. Automobil-Zulieferer nehmen 30.000 h an, weil die Umweltbedingungen im Auto weniger ideal sind. Etwa so wie die für Straßenlampen. Wenn eine Straßenlampe im Mittel 10 h pro Tag leuchtet, käme man damit auf etwa 8 Jahre. Das spart Geld. Vor allem spart man sich damit den Menschen, der die Dinger wartet.
Diese Zeit gilt für den LED-Chip, der ziemlich unkaputtbar ist. Aber eine LED ist keine Glühbirne, die man einfach an einen Draht anschließt. Sie braucht Elektronik. Wie lange die hält, sagt keiner. Mein Kollege, der mir das Spektrometer geborgt hat, berichtete, er habe wieder eine übel flackernde LED-Lampe entdeckt. Vermutlich hat die Elektronik die Kälte der letzten Tage nicht vertragen. Ob man jetzt Elektronik oder Lampen tauscht, ist vom Wartungsaufwand her kein Unterschied. (Übrigens frisst die Elektronik auch Strom, und das kann die Effizienz um 20 % drücken – wovon niemand redet).
Hinzu kommt der Dreck. Logischerweise strahlt eine saubere Lampe mehr Licht ab als eine eingedreckte. Dazu gibt es sogar Untersuchungen. Die wirksamste Energiesparmaßnahme ist tatsächlich – Lampen putzen (mal ganz abgesehen vom Dshinni, der dann vielleicht erscheint und uns Wünsche erfüllen würde). In 8 Jahren sammelt sich eine Menge Dreck an. So lange sollte man nicht warten.
Und was passiert eigentlich am Ende der Lebensdauer? Nichts. Die Lebensdauer ist eine Definitionsfrage. Am häufigsten wird definiert, dass die Lebensdauer am Ende ist, wenn die LED nur noch 50 % des ursprünglichen Lichtes abstrahlt. Bei gleicher Leistungsaufnahme übrigens. Das heißt einerseits, dass es in 8 Jahren in der Stadt ziemlich dunkel sein wird. Andererseits reduziert es die tatsächliche Effizienz. Die Lichtleistung fällt normalerweise am Anfang stärker ab als am Ende, aber nehmen wir der Einfachheit halber mal einen linearen Verlauf an. Dann sackt die Effizienz von 150 auf 112 lm/W im Mittel. Blöd, oder?
Einen Vorteil hat es natürlich: Sollte die Lichtstadt Jena in 8 Jahren wegen all der ebenso schönen wie teuren Klimaschutzprojekte kein Geld mehr haben, dann kann man die trüben LED einfach weiterfunzeln lassen, ohne dass es so ganz dunkel wird. Die Lichtstadt wäre dann nur ziemlich duster.

Ich glaube, das war jetzt wirklich alles zum Thema. Oder hat noch jemand Fragen?

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Angewandte Physik 3: Die nächtens grauen Katzen

Teil 1 dieser Abhandlung hat sich erstaunlich weit verbreitet. Ein Mensch namens @magg0t warf ganz richtig ein, das Licht der Natrium-Dampflampe habe ja erst recht ein defizitäres Spektrum. Allerdings bärmeln hunderte Bürger über das eklige LED-Licht, aber keiner über den falschen Farbeindruck bei den gelben Na-Funzeln. Um das aufzudröseln, müsste man Psychologe und kein Physiker sein. Denn das menschliche Empfinden und messbare Größen sind – ja, das hatten wir schon. Ich kann aber eine Theorie anbieten.
Dass der Mensch sich mit seinen Augen in einem dreidimensionalen Farbraum bewegt, ist nur die Hälfte der Wahrheit. Das tut er nur, wenn er tagsüber mit den Zäpfchen und ihren High-end-Vollfarbsensoren in die Welt schaut. Wird es dunkel, schalten wir auf Stäbchensehen um. Die haben nur ein lichtempfindliches Pigment, höchste Empfindlichkeit bei etwa 500 nm. Das reduziert die Informationen auf hell und dunkel. Nachts sind alle Katzen grau. Das stört uns nicht, weil wir es vom ersten Lebensjahr an gewöhnt sind.
Ich vermute, unser Gehirn, das sich ohnehin gern auf das Wesentliche konzentriert, gibt sich nicht lange mit der nutzlosen Farbinformation der extrem einfarbigen Na-Lampen ab und schaltet kurzerhand auf Schwarzweißsehen. Damit ist die Welt wieder in Ordnung, und die liebe Seele hat Ruh. Anders ist das mit dem scheinbar weißen LED-Licht, das irgendwie nicht richtig aussieht und damit unserer Alltagserfahrung widerspricht. Das mag das Gehirn gar nicht. Das Gehirn hat gern seine Ordnung.

manul
Mit Gelbtönen geht es sowieso ein bisschen schlampig um. Das merkt man, wenn man für die Vorführung der 1000 schönsten Urlaubsfotos nicht das klassische weiße Bettlaken zur Hand hatte, sondern nur eine hellgelbe Wand. Bei den ersten Bildern sieht das komisch aus. Aber die Wolken und Schwäne auf Bild 217 sehen eindeutig weiß aus. Klammheimlich hat das Gehirn einen Weißabgleich vorgenommen – denn Wolken sind nun mal nicht zitronengelb, und das weiß unser Denkapparat todsicher. Also sorgt er für Ordnung.
Die Sache mit den zwei visuellen Sensoren erklärt nebenbei auch, warum Spezialeinsatzkräfte wie Tierfilmer oder Fallschirmjäger lieber eine rote Taschenlampe benutzen. Mit den Rot-Sensoren auf den Zäpfchen sehen sie, solange die Lampe angeschaltet ist. Sobald es dunkel ist, übernehmen die Stäbchen, die vom roten Licht völlig unbeeindruckt sind. 500 nm Empfindlichkeitsmaximum, blaufichtengrün. Fürs Nachtsehen ist die Na-Lampe also auch hilfreich. Außerhalb des Lichtkegels ist es nicht so dunkel, nicht weil es nicht so dunkel wäre, sondern weil wir im kurzwelligen, blauen Bereich nicht geblendet sind.
Und die Katzen – die sind unter dem gelben Licht natürlich nicht grau, sondern gelb. Was sonst.

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