Wahlwerbung 2019.02: 42

Wer kennt sie nicht, die Werbesprüche:
Fußpilz? – Champignon-Ex ist die Antwort!
Schimmel im Bad? – Pferdespray ist die Antwort!
Vandalismus? – Mehr Polizei ist die Antwort.

Nach diesem Schema hat die SPD ihre Werbekampagne aufgebaut:

Und da man die Werbesprüche im Hinterkopf hat, denkt man automatisch: Gut, dass mal einer was gegen diesen Zusammenhalt tut. Was auch immer da zusammen hält. Oder gegen Klimaschutz.
Das Plakat „Frieden – #europaistdieantwort“ habe ich leider nur im Vorbeifahren gesehen. Gegen den Frieden in Europa hat die SPD freilich schon was getan, indem sie deutsche Soldaten in den ersten Krieg seit 1945 schickte, angeblich zwecks Verhinderung eines Völkermordes in Jugoslawien. Den gab es zwar nicht, aber seither sind deutsche Soldaten wieder überall in der Welt unterwegs, und die Rüstungsausgaben steigen.
Das führt dann dazu, dass der Zusammenhalt in die Knie geht, denn irgendwoher muss das Geld ja kommen. Am besten von den Armen, die mucken nicht auf.
Dass Kriege nicht nachhaltig, sondern klimaschädlich sind, sieht zumindest die SPD in Jena nicht so. Der Versuch, eine Friedensklausel in die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt zu schreiben – nämlich dass Flächen für Gewerbeansiedlungen nur an Unternehmen vergeben werden sollen, die mindestens 95 % ihres Umsatzes mit zivilen Produkten erwirtschaften – scheiterte nicht nur, aber auch an der SPD.
Man sage nicht, die SPD mache haltlose Versprechungen.
Davon abgesehen weiß natürlich jeder, dass die Antwort nicht Europa ist, sondern 42.

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Action! – Interventionen in der Platte

Als Stadtrat bekommt man alles Mögliche auf den Tisch, zum Beispiel das Projekt „72 Hour Urban Action“ von JenaKultur, weil es künstlerisch-architektonische „Interventionen“ in den öffentlichen Raum von Jenas erster Plattenbausiedlung Neulobeda bringen soll. Zehn Gruppen à zehn Menschen sollten in 72 Stunden aus Holz Objekte schaffen, die irgendwie in den öffentlichen Raum eingreifen. Dazu war ein wenig Volksfest im Neubaugebiet geplant. Beworben wurde das Ganze überall im Stadtgebiet mit einem über Lobeda schwebenden Kosmonauten auf Großplakaten, und es kostete 426.800 €. Davon bezahlt die Stadt runde 100.000 €, aber der Rest sind auch Steuergelder.
Ich habe die Angelegenheit von Anfang an skeptisch betrachtet, vor allem weil ich im Sozialausschuss regelmäßig um die Almosen der Vereinsförderung feilschen muss. Da geht es zuweilen um hundert Euro. Aber es soll mir keiner nachsagen, ich würde über Dinge lästern, die ich nicht gesehen habe.
Ich war also dort. Es wirkte wie eingeschlafene Füße. Das Wetter war nicht gerade förderlich: 9°C, kalter Wind, wenigstens kein Schneeregen mehr. Die Bevölkerung spazierte immerhin um das Ortszentrum von Lobeda-West herum, wo sich auch das Zentrum der Aktion befand. Entferntere „Interventionen“ blieben eher unbeachtet. Statt an Raumfahrt erinnerten die Arbeitsorte eher an den Aufbau von IKEA-Möbeln oder das Zusammennageln von Rosenspalieren im Garten. Sie hatten aber tollere Namen und künstlerische Konzepte.
Die wesentliche Erkenntnis: Lobeda ist um einiges großzügiger und grüner als die neuen, hochwertigen Wohngebiete, die in den letzten Jahren entstanden sind. Eine erstaunliche Vielfalt von Bäumen und Sträuchern wächst freudig durcheinander, und weil die meisten Bäume richtige Erdstreifen statt knausriger Baumscheiben haben, sehen sie auch gut aus. Nur die Infrastruktur ist eher spärlich. Bis auf die 72HUA-Biergärten, die mittags um 12 noch nicht in die Gänge gekommen waren, gab es nirgends etwas zu essen.
Die erste Intervention namens „Alles gut“ bestand aus mehreren Dreiecksprismen, die auf bewegbare Objekte ausgerichtet waren und eine Art bespielbares Kaleidoskop bildeten. Nett, aber für den Freiraum eigentlich nicht zu gebrauchen. Wenn schon während des Baus ständig jemand mit dem Staubwedel herumläuft, weiß man, dass die Objekte nach einem Monat verdreckt sein und nicht mehr funktionieren werden. Irgendwie schade.
Eine zweite, „All over the Platz“ genannte Intervention bestand aus schrägen Sitzmöbeln am Salvador-Allende-Platz, der jetzt „Stadtplatz“ zu heißen scheint. Der ist großzügig, äußerst kahl und völlig frei von Bänken. (Am anderen Ende von Jena, in Nord, haben Anwohner darauf bestanden, KEINE Bänke zu installieren, weil da jemand lungern könnte …). Sitzmöbel sind also sinnvoll. Aber wer wird die liebevoll integrierten Topfpflanzen pflegen?
Der Rest war irgendwie … Unter „innovativen architektonischen Lösungen“ hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. „Hinter dem Eisernen Vorhang“ sah exakt wie IVAR aus und der Intervention „Das Relikt“ erstaunlich ähnlich – die umstand den seit Äonen trockenen ehemaligen Springbrunnen vor dem nicht mehr existierenden Kulturzentrum. Ein aufgespanntes Netz mit blau-weiß-gelben Fransen dran auf dem Autobahntunnelberg überzeugte mich so wenig wie ein paar hölzerne Podeste in der Emil-Wölk-Straße, die perfekt zu den zugenagelten Fenstern einer ehemaligen Gaststätte passten.
Am Ende stießen wir doch noch auf ein Projekt, das uns gefiel: „Das Alles“ oder auch „The Everything“. Auf einer ungenutzten Grünfläche über den verbuddelten Fernwärmeleitungen legte man ein Biotop an. Die zehn Mitarbeiter pflanzten wie besessen Grünes, von Clematis über Gartenkräuter bis Erdbeeren. Die IVAR-Regale waren mit allerlei Geäst befüllt, aber auch mit Hohlblockziegeln – ein gigantisches Insektenhotel. Die Mission, erklärte eine begeisterte junge Frau, sei es, einen Aufenthaltsort nicht vorrangig für Menschen, sondern für kleinere Mitbewohner zu schaffen.
„Die Zackenschoten müssen weg“, sagte ich mit Blick auf die gelbe Pracht auf der Wiese, und sie erklärte, die würden sie dann noch ausgraben.
Dieses Objekt war auch keine architektonische Offenbarung, aber es war offenbar nachhaltig, sorgte für Farbe im Plattenbaugebiet und schuf Lebensräume. Dafür gab es Sympathiepunkte.
„Wir sind Projekt A“, sagte die junge Frau. „Es gibt einen Publikumspreis, da können Sie für uns stimmen.“
Das taten wir. Im Austausch für den Stimmzettel gab es einen Getränkebon. Die Veranstalter schienen das Interesse der Bevölkerung recht zurückhaltend einzuschätzen, wenn sie zu solchen Mitteln griffen …

(Auf ein Bild klicken, um die Galerie zu öffnen.)

Immerhin schon zwei Tage später fand ich dank der Lokalpresse heraus (JenaKultur hat die meisten Informationen zum Thema auf Instagramm verbuddelt – kein Zugriff ohne Account), dass das universelle Biotop den Jury-Preis gewonnen hatte, während der Publikumspreis an die schrägen Sitzmöbel ging. Drei Tage später klagte eine Frau aus der Stadtverwaltung über die Folgekosten – und dass man das Grünzeug würde gießen müssen. Aber die Sitzmöbel würden benutzt. Immerhin.

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Modernes Wandern

Jena hat sein Wanderwegenetz „optimiert“, also eingekürzt – um fast ein Drittel oder 97 km. In der Begründung steht, jeder hätte seit 1890 je nach Bedürfnis neue Wege angelegt, da sei eine qualitative und quantitative Überarbeitung geboten gewesen. Ich weiß nicht, wie lange man gegrübelt hat, bis jemandem die inhaltsleere Phrase „Weniger ist mehr“ eingefallen ist. Nein, sagt der gemeine Physiker, weniger ist weniger, und zwar 97 km.
Ich habe mal versucht, die Jenaer Horizontale abzuwandern. Das sind 100 km, die nicht horizontal verlaufen, sondern auf und ab wie eine Achterbahn, und nach etwa 70 km wusste ich, dass ich keinen Berg mehr hinabsteigen können würde, und warf das Handtuch. Aber ich habe dadurch eine ziemlich gute Vorstellung, wieviel 97 km sind.
Zur Begründung der Überarbeitung wurde angeführt, es gäbe ein verändertes, „modernes Wanderverhalten“. Die Leute hätten gern Rundwege von zwei bis drei Stunden. Das wäre dann ungefähr der normale Sonntagsausflug, den ich seit meiner Kindheit kenne. (Rundwege von 100 km sind für Verrückte und solche, die es werden wollen.)
Und weil man mit alldem Geld spart, hat man es für andere unnütze Dinge übrig:

ModernesWandern1

Mal davon abgesehen, dass eine Website auf einem Dumbphone ebensowenig augmented reality ist wie ein Faltblatt von der Forstverwaltung … Damit, dass man Animationen fürs Händi bereitstellt, will man allen Ernstes das Naturerlebnis steigern? Indem man dem modernen Menschen auch im Wald die elektronische Scheuklappe aufnötigt, will man ihn dazu bringen, mehr Natur zu erleben? Komm, wir gehen in die Natur, das ist fast wie daheim vor der Glotze?
Vielleicht bin ich ja tatsächlich das Auslaufmodell des wandernden Menschen, der vor allem der Natur wegen wandert – und wegen der Freude daran, die eigenen Füße zu benutzen. Beim Benutzen der Füße auf naturbelassenen Wanderwegen würde ich von der Benutzung des Händis als visuelles Medium unbedingt abraten. Es gibt da so Dinger, die heißen Wurzeln. Die liegen ziemlich unorganisiert im Wald herum. Ich habe sogar schon erlebt, dass eine Kreuzotter mitten auf dem Weg lag. Kommt vor. In der Natur. Auf eine Steigerung dieses Erlebnisses kann ich gut verzichten.
Das Schöne am Wandern ist, dass man sich für einige Zeit nicht mit der Informationsgesellschaft herumschlagen muss. Im Freien zu sein, ist gut für die Augen, weil sie häufiger umfokussieren müssen. Natürlich nur, wenn man mit ihnen in die Gegend schaut und nicht aufs Display. Man sieht Dinge. Natur. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man immer wieder Neues. Wenn das eigene Wissen nicht reicht, kann man von unbekannten Pflanzen und Tieren Fotos machen und zu Hause bei Wikipedia oder anderswo nachsehen, was man da gesehen hat. Funktioniert und sorgt für schöne Erinnerungen. Wenn ich bei jedem unbekannten Falter unterwegs erst einmal das Lepiforum zu Rate ziehen würde, dann würde ich Stunden später ankommen und den häuslichen Frieden ernsthaft gefährden.

(auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen.)

Das Beste am Wandern ist, dass man Dinge erlebt, die man zu Hause einfach nicht erleben kann. Mit geballter elektronischer Unterstützung hätte ich mich zum Beispiel nicht verlaufen, wäre nie auf die falsche Ebene des Steilhanges geraten, hätte dort keine seltsamen schwarzgelben Hubschrauber gesehen und nie erfahren, dass „Schmetterlingshaft“ nicht einfach ein Adjektiv ist, sondern eine Artbezeichnung. Verlaufen gehört zum Naturerlebnis definitiv dazu. Die modernen Zielgruppen ahnen ja nicht, was sie da verpassen.

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Neues von der Jagd

Herrje, bin ich blöd …
Ich müsste es inzwischen eigentlich besser wissen. Auf meiner Jagd nach Aurora-Faltern kamen mir immer wieder Weißlinge unter. Weißlinge habe ich schon reichlich in meiner Sammlung. Habe ich also ignoriert.
Bis ich heute aus lauter Frust (das kleine weiße Miststück ist immer noch unwillig) doch mal einen davon fotografiert habe. Sah komisch aus.

Aurora2

Ich also ins Lepiforum gestürzt und gewühlt. Ein Weißling, definitiv ein Weißling. Bloß welcher? Nachdem ich alle mehrfach durch hatte, stolperte ich über die Bemerkung, Pontia edusa werde gern mit dem weiblichen Aurora-Falter verwechselt.  A-ha. Hätte ich wissen können, weil ich die ganze Zeit darüber spotte, dass Aurora genau wie der Zitronenfalter ein Weißling ist.
Das ist also auch Aurora, auch wenn sie gar nicht so aussieht. Und ich habe sie auf der Aurora-Jagd einfach ignoriert. Ich Trottel.

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Für 2.29 Euro Gehirnwäsche

Es gibt besorgte Bürger, die sich heftig gegen „Frühsexualisierung unserer Kinder“ wenden – und damit gegen Aufklärung in der Grundschule zu Felde ziehen. Als ob die Wahrheit darüber, woher die Kinder kommen, dauerhafte psychische Schäden verursachen könnte. Als ich in diesem Alter im Zoo einen Storch sah, war mir klar, dass dieses halbe Hemd gewiss keine Kinder bringt. Die Erwachsenen hatten mich mal wieder verarscht.

Rosa_Hasen
Worüber die besorgten Bürger auffällig wenig reden, ist die allgemeine Pinkifizierung der Kinderwelt. Über die Unmöglichkeit, geschlechteruneindeutige T-Shirts für Kleinkinder zu kaufen, habe ich mich ja schon ausgelassen. Aber das ist nicht alles. Die Menge der Kindersachen, die keine Geschlechtszuordnung haben, scheint immer kleiner zu werden. Spielsachen gibt es in rosa und blau, und natürlich sind die Autos und Bagger blau, die Babypuppen und superniedlichen Ponys rosa.
In einem Alter, in dem Kinder zum ersten Mal feststellen, dass sie eine Person sind, die unabhängig von ihren Eltern existiert, wird ihnen unbarmherzig eingehämmert, dass es zwei Sorten von Menschen gibt: blaue und rosafarbene. Der Geschlechtsunterschied wird ihnen eingebläut und eingepinkt. Dass es tatsächlich einen handfesten Unterschied gibt, der auch dann noch da ist, wenn man die geschlechtseindeutigen Hemdchen ausgezogen hat, ahnen sie nicht einmal. Aber sie wissen: Ich bin ein Mädchen, Mädchen sind pink, und also spiele ich mit dem Zeug in Pink – das ein Junge auf gar keinen Fall anfassen würde. Ich habe Studenten im Karate-Training erlebt, die sich vehement weigerten, ein rosafarbenes Springseil zu benutzen.
Die Aufteilung nach einem binären Farbsystem lässt den Kindern wenig Möglichkeiten herauszufinden, was oder wer sie tatsächlich sind. Natürlich gibt es Eltern, die sich in geschlechtsneutraler Erziehung versuchen, aber sobald das Kind mit anderen Kindern zusammenkommt, die dem Farbcode entsprechen, ist jede Mühe verloren. Wenn andere Mädchen rosa sind, dann wollen sie auch rosa sein. Sie werden Jahre brauchen, um die Gehirnwäsche zu überwinden und herauszufinden, dass sie eigentlich viel lieber Moosgrün, Ockergelb oder Schwarz mögen. Und vielleicht werden sie nie herausfinden, dass ihr wahres Talent im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik liegt – weil beides irgendwie blau ist. Ehe sie begreifen, dass sie vor allem Menschen sind, müssen sie vergessen, dass sie unbedingt Mädchen und Jungs sein sollen.
Wenn ihr euren Kindern eine faire Chance geben wollt, dann schenkt ihnen Schokoladenosterhasen in Braun, mit goldenen Ohren meinetwegen.

PS: Wenn einer meint, ich würde mit dem Wort „Pinkifizierung“ die Jungs unzulässig ausgrenzen, dann möge er einen Moment bedenken, dass ich selbst mal ein Mädchen war. Ich habe ein Recht auf meinen Blickwinkel. Und ich habe zu oft gehört, ein Mädchen tue dies oder das nicht.

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Gestatten: Aurora

Sie torkeln schon seit einer Woche durch meinen Garten, ohne sich auch nur für eine Sekunde auf ihre sechs Beine zu setzen. Wozu hat man Ostern? Klar, man verfolgt im Park eines ehemaligen Altersheimes und noch ehemaligeren Klosters Schmetterlinge. Mit anderen Worten: Man läuft mit der Kamera in der Hand wie ein Idiot in chaotischen Schlangenlinien über die Wiese, und zwar eine halbe Stunde lang. Darunter geht es auf gar keinen Fall.
Der häusliche Gefährte sitzt derweil gemütlich auf der Bank und weist freundlich darauf hin, dass die Biester doch gelegentlich sitzen, nämlich da hinten in ungefähr zwanzig Meter Entfernung. Ich fotografiere vor lauter Verzweiflung Löwenzahn, der den unschätzbaren Vorteil hat, nicht fliegen zu können
Aber auch Falter müssen hin und wieder auftanken, und diese tun es ausschließlich an Wiesenschaumkraut. Gestatten – der Aurora-Falter:

Aurora

Es handelt sich naheliegenderweise um einen Weißling.
Dass ich dieses Biest unbedingt erwischen und hier verewigen musste, liegt auf der Hand. Was mir trotz ausdauernder Verfolgung bisher entkommen ist, heißt wegen unzureichender Informationen bisher „kleines weißes Miststück“. Irgendwann, ich bin mir ganz sicher, wird es entkräftet zu Boden sinken – und dann wird es gnadenlos bestimmt.

Loewenzahn.jpg

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Algorithmen auf der Straße

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Im Moment tut sich einiges auf Deutschlands Straßen. Am Sonnabend waren je nach Quelle zwischen 100.000 und 200.000 Demonstranten gegen die neue Urheberrechtsrichtlinie der EU auf den Straßen.
Alles konzerngesteuerte Algorithmen, meint der Vater der Richtlinie, der CDU-Politiker Axel Voss. Wow, denke ich, die Künstliche Intelligenz ist echt schon viel weiter, als ich dachte. Jetzt laufen die Algorithmen schon auf der Straße herum und schwenken Schilder. Das muss man erst einmal hinkriegen. Einige sehen sogar aus wie Leute, die ich persönlich aus dem Real Life kenne. Sie reagieren auch super, wenn man sie anspricht. Die meisten würden mühelos den Turing-Test bestehen. Hätte ich sie einfach so auf dem Markt getroffen statt auf der Demo, ich hätte sie glatt für Menschen gehalten.
Das war allerdings nicht die letzte Fehlleistung der CDU, die von den Algorithmen inzwischen #NieMehrCDU genannt wird. Daniel Caspary, MdEP, verkündete: „Nun wird offensichtlich versucht, auch mit gekauften Demonstranten die Verabschiedung des Urheberrechts zu verhindern. Bis zu 450 € werden von einer sogenannten NGO für die Demoteilnahme geboten.“ Und er wittert, durch die Demonstrationen sei die Demokratie in Gefahr. Ja, das Volk stört schon mal bei der Volksherrschaft …
Vermutlich einige tausend haben sich inzwischen erkundigt, wo sie ihr Demogeld bekommen. Logistisch ist das offenbar doch ein bisschen viel für die klugen Algorithmen. In Jena bekam ich zu hören, das Geld stecke im Uploadfilter von Google fest. Es reichte also nicht mal für eine Bratwurst, nur für sagenhaftes Frühlingswetter. Immerhin.
Übrigens gibt es schon ein Urheberrecht, das noch übrigenser nicht mit dem Verwertungsrecht identisch ist, obwohl alle Welt so tut. Ganz ohne Internet gehen von jedem Buch, das bei Amazon gekauft wird, ganze 10 % an den Autor (wenn der Verlag fair ist), aber 50 % an den Internethändler. Erklärt mir das mal, statt das Zitieren und Verlinken von Inhalten kostenpflichtig zu machen. Natürlich streicht auch der Verlag 40 % ein. Wer daran zweifelt, dass das berechtigt ist, der sollte mal ein paar der unlektorierten e-books lesen, die es ebenfalls bei Amazon von Selbstverlegern gibt. Der Science-Fiction-Autor Charles Stross stellt seinen Lesern einige seiner Storys kostenlos auf seiner Website zur Verfügung. Wenn man ihm dafür etwas Gutes tun wolle, schreibt er, sollte man seine Bücher kaufen – denn dann hätten auch die Mitarbeiter seines Verlages etwas davon.
Helga Truepel von den Grünen ist übrigens auch ein Herzchen. „Schranken für Parodie, Zitatrecht, Review und Pastiche werden europaweit vereinheitlicht. Da muss dann nichts gefiltert werden.“, meint sie. Das ist ungefähr so, als müsste man keine Blitzer mehr aufstellen, wenn in der ganzen Stadt Tempo 30 gilt. Und bei aller Intelligenz der wandelnden Algorithmen – was Parodie und was Ernst ist, kann selbst ein Mensch nur schwer erkennen. Bei Voss, Caspary und Truepel jedenfalls frage ich mich, ob der Postillon sie erfunden hat.

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