Leitkultur und Hummeln

Herr Gauland von der AfD möchte Frau Özoguz nach Anatolien „entsorgen“, weil sie gesagt hat:
„Sobald diese Leitkultur aber inhaltlich gefüllt wird, gleitet die Debatte ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkommen zum Klischee des Deutschseins. Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar. Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt.“
Ihr Artikel ist es wert, vollständig gelesen zu werden, weil er ein Plädoyer für das Grundgesetz ist. Die beleidigten Leitkulturler reißen den Satz aus dem Zusammenhang und regen sich darüber auf, dass man ihnen die Kultur abspricht (und das zu Recht. Verstehendes Lesen gehört zu MEINER Leitkultur).
Ich frage mich, seit ich den verwaisten Satz gelesen habe: Gibt es eine typisch deutsche Kultur jenseits der Sprache?
Was ist typisch deutsch? Mir fällt genau eins ein, was von Nordsee bis Alpen und von Rhein bis Oder typisch deutsch ist: Brot. Deutsche im Ausland leiden tatsächlich unter schlechtem Brot, und wenn es nicht mindestens 10 Sorten gibt, die sich nicht nur in der Form (wie in Frankreich), sondern auch in Geschmack und Zusammensetzung unterscheiden, reagiert der Deutsche griesgrämig. Schon beim Bier hört es auf. Ich mag keins, und damit bin ich nicht allein. Christliche Wertegemeinschaft? Nicht im deutschen Osten. Bratwurst? Das ist ein Thüringisch-Fränkisch-Bayrisches Phänomen, und diese drei Völkerschaften sind sich in Sachen Wurst spinnefeind, wo doch völlig klar ist, dass die Thüringer die beste ist. Fußball? Es gibt eine große Minderheit, für die Fußball vor allem nervige Polizeiabsperrungen und trunkene Bierbauchträger bedeutet. Ich liebe den Schwaben Schiller, während mir der Geheime Rat Goethe mit seiner Bildungsprotzerei auf die Nerven geht, aber Millionen Deutsche lesen weder den einen noch den anderen freiwillig.
Wir trennen mit wahrhaft religiöser Begeisterung unseren Müll. Da sind andere Völkerschaften noch ganz am Anfang. Tendenziell gehört auch die Kriegsunlust zu den typisch deutschen Tugenden, obwohl man das angesichts unserer Regierung, die vom Volk immer wieder gewählt wird, nicht so recht glauben mag.
Weder die Karfreitagsprozession noch die Dorfkirmes oder der Schützenverein dürfen als typisch deutsch gelten. Es gibt Millionen Nichtchristen, Städter und Yoga-Praktizierende. Ich wäre versucht, Reise- und Wanderlust aufzulisten, wenn ich nicht genau wüsste, dass viele Deutsche nie den deutschen Sprachraum verlassen und allenfalls bis Mallorca kommen, weil man da Deutsch spricht und Schnitzel brät. Oder gar nicht erst vom Sofa steigen.
Um ganz ehrlich zu sein: Angesichts von „Weckla“, „Feudel“ oder „Hitsche“ bezweifle ich zuweilen, dass es eine einheitliche deutsche Sprache gibt. Das kann man ganz schrecklich finden – oder spannend und witzig.
Der Nachbar bezieht seinen Grassamen aus England, entfernt akribisch jedes Fremdkraut und mäht ihn allwöchentlich auf 5 cm herunter. Bei mir wachsen Klee, Minze, Vergissmeinicht, Löwenzahn und Gänseblümchen herum. Die Hummeln haben ihre Entscheidung getroffen, und die Ökologen vom Jena-Projekt meinen, mein Unkrauf sei resistenter gegen alle Unbilden der Welt.

PS: Ich freue mich auf den Kommentar eines Schützenvereinsmitgliedes, das natürlich auch Yoga trainiert. Eine muslimische Schützenkönigin gibt es ja auch bereits.

PPS: Zur ersten Runde der Leitkultur-Debatte kursierte im Web ein Fragebogen, mit dem man die Integrationsleistung von Zugewanderten testen wollte. Ich habe ihn abgearbeitet. Das Ergebnis lautete: „Du bist wahrhaftig Deutschland.“ Gute Nacht.

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Ökologisch korrekt bechern

KaffeeDie Grünen in Jena tun sich mit Ökologie schwer. Dafür haben sie einen Sinn für die unwichtigen Kleinigkeiten des Lebens. Der Gegenstand ihres neusten Kreuzzuges: der Papp-Kaffeebecher. 3 Milliarden davon werden in Deutschland verkauft, behaupten sie – ohne Angabe einer Zeiteinheit. Schrecklich, meinen sie. Der Coffee-to-go-Becher muss weg.
Ich bin so uralt, dass ich mich an Zeiten erinnern kann, in denen Bohnenkaffee, auch Richtiger Bohnenkaffee genannt, so teuer war, dass keiner auf die Idee gekommen wäre, ihn im Laufen runterzuschütten. Dazu setzte man sich und genoss. Darüber könnte man reden. Die Leute haben ein Problem mit dem Genießen. Aber das ist nicht der Ansatz der Grünen. Sie wollen hektisch-modernen Lifestyle mit grünem Ablasszettel. In diesem Fall: mit Becherpfand.
Wie allgemein bekannt ist, ist die Mehrwegquote seit Einführung des Dosenpfandes deutlich gesunken. Das war auch so eine grüne Weltrettungsidee.
Ihre alarmistischen Daten haben die Grünen bei der Deutschen Umwelthilfe abgeschrieben. Die rechnet höchst abenteuerlich, ausgehend vom Pro-Kopf-Verbrauch an Kaffee über den Anteil von Außer-Haus-Kaffee und den Milchanteil im Kaffee aus, dass jeder Deutsche 34 Wegwerfbecher pro Jahr verbraucht.
Belastbare Zahlen hat man nicht, lediglich Befragungsergebnisse aus Berlin, basierend auf einer Stichprobe von nur 1.001 Bürgern. Ein Drittel der Berliner konsumiert Kaffee aus Pappbechern, „viele bis zu zehnmal im Monat“. „Bis zu“ ist so ziemlich die vageste mögliche Angabe. Man kann das bei Emnid nachlesen. 10 % der Berliner verbrauchen mehr als 10 Becher pro Monat, weitere 9 % irgendwas zwischen 4 und 10 – da liegt also schon ein Faktor von 2.5 drauf. Es geht insgesamt um eine kleine Minderheit, die wirklich viel Müll produziert – und eine große Mehrheit, die nur hin und wieder aus Gründen zur Pappe greift. Zudem ahnen selbst die Leute von der Umwelthilfe, dass auf dem Land schon mangels Gelegenheit der Becherverbrauch deutlich niedriger ist.
Aus Erfahrung weiß ich, dass Bäcker in aller Regel coffee-to-sit (oder -to-stand) ebenso wie den zum Weglaufen im Angebot haben. Auch Tankstellen haben teilweise beides. Meine 65-Menschen-Firma, die mit Kaffee-Antrieb läuft, hat schon vor Jahren Keramik statt Pappe eingeführt (macht rund 150 Becher weniger am Tag, also etwa 30.000 im Jahr!) und deckt etwa 90 % meines Außer-Haus-Kaffeekonsums ab. Nur wenn ich zwischen Flügen und Zügen durch Bahnhöfe haste, greife ich zum Wegwerfbecher. Man darf die Statistik also anzweifeln. Und die Wirksamkeit von Becherpfand. Soll ich allen Ernstes meinen eigenen Edelstahlbecher auf Dienstreisen mitschleppen? Ich wage nicht zu berechnen, wieviel dessen Transport in einem Flugzeug nach China und zurück an Treibstoff kosten würde.
Wieviel Energie die Herstellung eines Mehrwegbechers kostet, unterschlägt die Umwelthilfe. Wie lange ist er im Einsatz? Wie oft fallen Tassen in Bäckerläden herunter? Wann sind sie von der Spülmaschine so zur Unansehnlichkeit gespült, dass sie im Müll landen? Sie behaupten, für die Reinigung brauche man nur wenige Millilter Wasser, während die Herstellung eines einzigen Pappbechers einen halben Liter verschlingt (Was so nicht stimmt. Das Wasser wird angeschmuddelt, aber nicht verbraucht. Es kommt wie bei der Kuh am anderen Ende wieder heraus, und die wichtige Frage ist die der Klärung. Die Wüste in der Sahel-Zone wird kein bisschen feuchter, wenn wir in Deutschland Wasser sparen.). Eine ordentliche, wissenschaftlich belegbare Ökobilanz gibt es nicht.
Mit anderen Worten: Die weltrettende Wirkung des Kaffeebecherpfandes ist mehr als fraglich. Ich hätte, statt die Stadtverwaltung zur Erarbeitung eines derartigen Konzeptes zu verpflichten, lieber einen Winterdienst auf Radwegen. Davon abgesehen entspricht ein einziges der A1-Doppelplakate, die gerade die Grünen im Wahlkampf so verschwenderisch aufhängten, etwa 38 Kaffeebechern, und das ist mehr, als der Durchschnittsdeutsche im Jahr verbraucht.

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Das wahre Leben: A9

Sonntag Mittag, aber die Autobahn am Kreuz München-Irgendwas ist so voll wie im besten Berufsverkehr. Ich sortiere mich mit Mühe auf die A9 in Richtung Nürnberg. Aus dem Radio hämmert AC/DC: „I’m on a highway to hell …“
Na, na, denke ich, so schlimm ist Nürnberg nun auch nicht.
Gefühlte Jahre später erreiche ich den vermuteten Ort des Bösen. „Nürnberg-Feucht“ steht an der Ausfahrt. Das ist untertrieben. Es gießt wie aus Eimern. Ich frage mich, wie sie bei diesem Wetter die Feuer in Gang halten. Insgeheim glaube ich ohnehin, dass es in der Hölle nass und kalt ist. Allein der Anblick der klatschnassen Autobahn unter tiefschwarzen Wolken macht mir kalte Füße.
Auf Höhe Pegnitz – mir wachsen inzwischen Schwimmhäute – ein braunes Schild am Straßenrand: „Teufelshöhle Pottenstein“.
Es gibt kein Entrinnen. Auf der A9 lastet ein höllischer Fluch. Aber der ist nass.

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Das wahre Leben: Firmennamen

Das Zeiss-Werk in Jena steht – wo schon – in der Carl-Zeiss-Promenade. In Babenhausen, einem Ort von großer Unwichtigkeit, steht in der VDO-Straße ein riesiges, ehedem zu Siemens VDO gehörendes Werk. Dem Hauptsteuerzahler der Stadt zuliebe nennt man schon mal eine Straße um, damit die Adresse stimmt.

RobertWelscher
In Südtirol treibt man das noch weiter. Dass Robert Welscher eine Ofenbau-Firma hat, ist nicht sonderlich lustig. Nur wenn man sich umdreht und fünfzig Meter weiter das Ortsausgangsschild sieht, weiß man: Hier macht man ganze Dörfer passend.

Welschnofen

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Menschenhandel in Jena

Erschröckliches musste ich dieser Tage in Jena entdecken. Von wegen Lichtstadt! Vor aller Augen bietet da ein Sklavenhändler seine Ware feil:

reduzierteDamen

Auf den ersten Blick fand ich das ganz schön frauenfeindlich, aber wenige Meter später stellte ich fest, dass es Männern nicht besser ergeht:

reduzierteHerren

Da werden wohl die Mauerblümchen der letzten Ü30-Party verhökert. Oder hat man sie, weil der Kleine Mann gerade so ungemein beliebt ist, etwa auf die halbe Größe geschrumpft? Puh, das wäre ja noch grausliger.
Ja, da ist man von Herzen froh, dass man weder besonders herrlich noch besonders dämlich ist.

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Kleine Männer und große Frauen

KleineMaennerZur Wahl war von allen Seiten, von der FDP einmal abgesehen, die Rede davon, man wolle „Politik für den kleinen Mann“ machen. Das ist nett. Man hat sie förmlich vor sich, die armen Kerle, die immer eine Leiter brauchen, um ans obere Regalfach zu kommen. Das ist nicht leicht. Vielleicht brauchen wir eine Obergrenze für Regale.
Allerdings haben es große Männer auch nicht so leicht. Die müssen nämlich ganz schön suchen, um ein passendes Bett oder passende Kleidung zu finden, und in alten Häusern müssen sie sich immer bücken.
Ich bin eher mittelgroß und obendrein eine Frau. Keiner kommt auf die Idee, für mich Politik machen zu wollen. Und erst die großen Frauen! Damenschuhe in Größe 46 sind echte Raritäten – da sollte frau sich besser ein anderes Hobby suchen. Außerdem haben viele Männer ein Problem, wenn so eine Frau von oben auf sie herabblickt, statt sie von unten anzuhimmeln. Große Frauen haben es mindestens ebenso schwer wie kleine Männer, auch wenn sie problemlos ans obere Regalfach kommen.
Deshalb erwarte ich spätestens zur Bundestagswahl 2021, dass endlich irgendein Politiker erklärt, er wolle Politik für die große Frau machen. Es ist an der Zeit.

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Leseschwäche und Dyskalkulie

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Das tut die Gewerkschaft übrigens auch. Und Bratwurst.

Seit der Bundestagswahl heißt es immer wieder, größere Teile der Bevölkerung hätten sich „von der Demokratie abgewandt“. Warum? Weil sie AfD gewählt haben. Die kann man mögen oder nicht – sie sind zur Wahl gegangen und haben eine zugelassene Partei gewählt. Das, liebe Leute, ist Demokratie, auch wenn zuweilen seltsame Dinge rauskommen dabei. Tatsächlich haben sich 24.2 % von der Demokratie abgewandt – und gar nicht erst gewählt.
Ebenso unlogisch ist das Einschlagen auf die Sachsen. Jawohl, die AfD hat in Sachsen einen sehr knappen Vorsprung von 0.1 % auf die CDU. Aber auch von den Sachsen ist ein Viertel der Wahl ferngeblieben. Von den anderen haben 73 % nicht AfD gewählt. Je nach Betrachtung trifft die pauschale Sachsenschelte zwischen 81 und 73 % Unschuldige. Mit anderen Worten: Drei von vier Sachsen fühlen sich ganz zu Recht angepisst. Oder drei von fünf. Die Nichtwähler kann man, falls sie nicht dement sind oder akut mit 40°C Fieber im Bett liegen, ruhig ein wenig beschimpfen, obwohl auch sie ein demokratisches Recht wahrnehmen. Aber 3 von 5 werden wieder mal völlig grundlos als defizitäre Ossis abqualifiziert.
Davon abgesehen, gibt es auch im Westen Deutschlands Regionen, wo die AfD auf 27 % oder mehr gekommen ist, und vielleicht sollte man darüber nachdenken, was die gemeinsam haben. Da käme man am Ende zur Erkenntnis, dass es vielleicht nicht am Demokratiedefizit in der DDR liegt, sondern an Deindustrialisierung und Verarmungspolitik. Beispielsweise.
Darf man die AfD trotzdem unappetitlich und ihre Wähler dumm finden? Ja, definitiv. Einerseits haben wir Meinungsfreiheit. Andererseits leiden die AfD-Wähler unter Leseschwäche, so wie die Sachsen-Kritiker mit Dyskalkulie geplagt sind. Ansonsten wüssten sie, dass diese Partei für die Armen und Abgehängten, für die Arbeitenden und Rentner nichts im Programm hat. Eher im Gegenteil. Die AfD ist gegen Vermögens- und Erbschaftssteuer, aber für sachgrundlos befristete Arbeitsverhältnisse und Leiharbeit. Sie ist dagegen, dass alle in die Krankenkassen einzahlen. Sie will mehr Geld für Aufrüstung, aber nicht mehr für Schulhorte – einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung lehnt sie ab. Mehr Videoüberwachung findet sie dagegen gut. So weit, so widerlich. Mit Tracht tragenden Frauen und „Wir haben genug Vielfalt“ zu plakatieren, ist auch geschmacklich das Äquivalent zu den Dingen, die sich ganz hinten im untersten Kühlschrankfach tummeln. Ich kenne keine einzige Frau, die außerhalb von Volkstanz oder Laientheater freiwillig eine Tracht trüge. Frauen sind auch eher selten AfD-Wähler. Wir ahnen warum.
Die AfD zu wählen, ist etwa so sinnvoll wie die Einstellung: „Schad‘ meiner Mutter gar nischt, dass’sch an de Hände frier‘ – was kooft se mir kenne Hannschuh!“
Es sei denn, man ist so ein Rassist, der Leute verrecken lassen möchte, weil er Angst hat, dass sein Kita-Beitrag um 10 Euro steigen könnte wegen der kleinen Syrer. Der hat mich unter „linksfaschistisches Schmarotzerpack“ subsummiert. Ich habe ihn freundlich wissen lassen, dass er der Schmarotzer ist, weil er die regelmäßigen Erhöhungen seines E12-Gehaltes (brutto 5.100 €) gern mitnimmt, aber weder in der Gewerkschaft ist noch zum Warnstreik vor die Tür geht. Und ja, das finde ich asozial.

(Die Positionen der AfD kann man bislang noch beim Wahl-o-maten nachlesen. Die ihres Wählers durfte ich mir persönlich anhören.)

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