Paradies 1.11: Der Große Morgensegler

So, ab heute ist Frühling. Aber am Sonntag war der erste sonnige Morgen seit Wochen. An solchen Tagen ist im Jenaer Paradies zwar nicht der Bär, aber sonst alles los. Alles flattert, blüht, hämmert, treibt und paddelt.
Während Spechte schon fast so normal sind wie die Stockenten in der Saale, flog diesmal etwas ganz besonderes herum: eine Fledermaus. Ich habe keine Ahnung, welche Art das war. In Jena gibt es mindestens ein Dutzend, und Experten entscheiden anhand der Ultraschall-Rufe, was da so fliegt. Aber der Bursche war ziemlich groß und segelte sehr untypisch durch den Morgen.
Im Paradies ist halt alles ein wenig anders. Da singt auch zu Mittag die Nachtigall. Willkommen im Hotspot der Artenvielfalt!

Wie immer – anklicken, damit die Galerie aufgeht.

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Salix Emigrans

Im „Handbuch des Unnützen Wissens“ von Hanswilhelm Haefs findet sich unter anderem die durch nichts bewiesene Behauptung, Trauerweiden würden nach Ende ihrer Trauerzeit als Wanderweiden, Salix emigrans, auf Wanderschaft gehen. Das hielt ich immer für einen sehr lustigen und völlig unsinnigen Gedanken.
Bis ich vor der Aufgabe stand, das üppige Außengelände der Jenaer Imaginata vor einer Bepflanzung mit Gleditschie und Cotoneaster zu bewahren. Der Planer war der Meinung, nachhaltig heiße vor allem billig und pflegeleicht, und fiel aus allen Wolken, als ich Nahrungspflanzen für einheimische Insekten und Verzicht auf Invasoren forderte. Das seine Kunden ökologisch sinnvolle Bepflanzung verlangen, war ihm offensichtlich noch nie passiert.
(Einschub: Dass überall Cotoneaster alias „Bodendecker“ gepflanzt wird, hat nichts mit Überlegung zu tun, sondern mit „Das machen alle so, und es ist billig.“ Man kann es verhindern, wenn man bereit ist, auch nur eine einzige Stunde Widerstand zu leisten. Es gibt Alternativen.)
Ich stürzte mich also in die Feldforschung. Am Ende einigten wir uns auf eine Säuleneiche, Lavendel, Salbei und Thymian und Blumenwiese statt 5cm-Rasen. Zwischendurch allerdings informierte ich mich auch über die für Insekten hochleckeren Pappeln und Weiden. Und da stellte ich auf der Seite des NABU fest, dass es anscheinend auch Zugbäume gibt:

Salweide_NABU_NRW

In Deutschland kann man die Sal-Weide ganzjährig beobachten. In anderen Gegenden scheint das anders zu sein. Da zieht sie im Winter als Salix emigrans in freundlichere Gefilde – und hat womöglich auch winters Blätter.
Die Eiche übrigens, sagt der Schmetterlingsforscher meines Vertrauens, wird von Insekten auch sehr gern als Kantine genutzt. Sie kann demnächst auf dem Gelände der Imaginata ganzjährig beobachtet werden. Wobei … Wer beobachtet eigentlich Bäume?

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Das wahre Leben: Stranden erlaubt

Nicht dass es mich bei 6°C und Sturmböen unbedingt zum Baden in die Elbe getrieben hätte – aber wozu sich die Stadt Wedel ein Strandbad leistet, hätte mich wirklich interessiert.

Strandbad

Ich vermute, Stranden ist erlaubt …

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Angewandte Physik: Die Froschfußverwaschungsfunktion

Egal wie gut eine Optik ist, die Beugung wird man nicht los, denn jede Optik ist letztlich ein Loch, wenn auch ein mehr oder minder kompliziertes. Löcher haben Kanten, und an Kanten entsteht Beugung. Das ist der Grund, warum ein punktförmiges Objekt, das man an einem Ende in die Optik hineinsteckt, auf der anderen Seite im besten Fall als Serie konzentrischer Kreise herauskommt. Der Physiker nennt das Punktbildverwaschungsfunktion. Diese und verwandte Sauereien führen unter anderem dazu, dass man Punkte, die sehr eng beieinander liegen, nicht mehr unterscheiden kann.
Baron Rayleigh hat es auf den Punkt gebracht: Wenn das Maximum einer Punktbildverwaschungsfunktion mit dem ersten Minimum einer anderen zusammenfällt, dann kann man die Punkte gerade noch auflösen. Liegen sie enger zusammen, matscht alles zu einem scheinbaren Punkt zusammen. Die Funktion hängt vom Winkel ab, unter dem die beiden Punkte vom Auge aus liegen. Je näher man den Punkten kommt, umso größer wird der Winkel, umso mehr kann man auflösen. Das ist der Grund, warum wir näher an die Tafel am Bahnhof herantreten, um die kleine Schrift lesen zu können, die uns erklärt, dass ausgerechnet heute der Zug nicht fährt.

Rayleigh

Das Bild zum Rayleigh-Kriterium stammt von Wikipedia-Autor Ellande

Die Beugungsringe um einen Punkt im optischen Sinne sind verdammt klein. Ohne Mikroskop ist da nicht viel zu holen.
Zum Glück aber gibt es auch ein makroskopisches Modell des Ganzen – den Frosch. Der Frosch hat kleine Füße, die bei Ausbreitung des Frosches im Wasser Froschfußverwaschungsfunktionen erzeugen. In der Nähe des Frosches kann man zwei Gruppen nicht ganz konzentrischer Kreise erkennen (Da sich der Frosch bewegt, bewegt sich auch der Mittelpunkt der Kreise, der Fußpunkt, mit).

Froschfunktion1

Sie breiten sich nach allen Seiten aus, überlagern sich, interferieren, und sehen nach etwa einem Meter aus wie ein einziger großer Kreis. Sieht man die Welle an dieser Stelle, kann man zwar noch den Frosch auflösen, hat aber keine Information mehr darüber, dass der Frosch Füße hat. Hat er natürlich, aber dafür braucht man eine bessere Optik als das trübe Wasser im Teich.

Froschfunktion2

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Gefährliches Schottland

Eigentlich ist Schottland eine der ruhigeren Gegenden der Welt, wenn man von den epidemisch auftretenden „Midges“, widerwärtigen, winzigen, vor allem aber beißenden Insekten, absieht. Es gibt viel Platz, und die Leute sind freundlich. Je mehr Platz, umso freundlicher. Selbst die Touristen sind vergleichsweise harmlos und neigen nicht zu Exzessen.
Trotzdem gibt es erstaunliche Gefahren. Man findet in Alexandria, am Südende des Loch Lomond, zum Beispiel eine hochexplosive Chemiewaffenfabrik:

Whiskyfabrik

Und hier wird das Zeugs dann gelagert.

AlexandriaWhisky

Aber auch Uist, eine Gegend von hochgradiger Harmlosigkeit, birgt akute Lebensgefahren, zumindest für Angler. Ich gebe zu, mich hat es zunächst ziemlich verwirrt, weil mir bei „cast“ sofort „die cast“ einfiel, also Spritzguß. Wer, dachte ich, betreibt in dieser Einöde eine Spritzgussmaschine, und was ist daran gefährlich?

Fishwithcare

Um Leib und Leben zu riskieren, muss man sich allerdings ein bisschen blöd anstellen und genau das Loch suchen, über dem die Hochspannungsleitung hängt. Als gäbe es nicht noch ungefähr 1000 andere …

Ubhist_Fishing

Auch Dunkeld wirkt eher beschaulich. Man verehrt da den Herzog von Atholl, der Wasserleitungen einführte und einen Wald anlegte. Letzteres, behauptet das örtliche Museum, indem er Lärchensamen per Kanone verschießen ließ. Er ist damit vermutlich der Erfinder der Seed Bombs. Die sind eher ungefährlich. Mutmaßlich wurden in Dunkeld auch die Highland Games erfunden, die ein ziemlicher Aufreger waren, weil sich Männer bis aufs Hemd auszogen, um Rennen zu laufen. Das nannte man „indecencies“. Würde heute niemanden mehr umwerfen. Aber unter der Überschrift „Was ist los?“ wird tatsächlich eine Schlacht angekündigt. Bei der letzten blieben nur wenige Steine aufeinander.

Dunkeldbattle

Man sollte also besser in den Nachbarort Pitlochry ausweichen. Da besteht die größte Gefahr darin, sich zu überfressen.

BakinPitlochry

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Weniger Frauen wagen

Eichhorn

Piraten haben die völlig diskriminierungsfreie Eichhörnchen-Form von Dokumenten erfunden – als Option für Leute, die sich immer diskriminiert fühlen. Und als Witz.

Ministerpräsident Bodo Ramelow hat die Thüringer Piraten mit der Thüringer AfD in einen Topf geworfen, weil beide Parteien das Paritätsgesetz kritisiert haben. Und darüber gespottet, dass auf der Wahlliste für den Landtag nur eine Frau steht. Irmgard ist eine Heldin, keine Frage. Aber damit ist das Frauenpotential auch größtenteils erschöpft. Ja, die Piraten sind eine Partei der Ingenieure, Physiker und Programmierer. Solange man in diesen Fächern keine Quote einführt, wird sich der Frauenanteil kaum erhöhen. Das heißt nicht, dass die Piraten irgendwie gegen Gleichberechtigung wären – im Gegenteil. Sie erfassen nicht mal das Geschlecht ihrer Mitglieder, um zu zeigen, wie unwichtig sie finden, was politisch aktive Menschen zwischen den Beinen haben.
Ich finde das Gesetz wenig hilfreich. Kein Mensch weiß genau, warum Frauen seltener als Männer für politische Ämter kandidieren, und keiner will es wissen – man hat ja schon die Lösung, da braucht man keine Ursachenforschung mehr. Es könnte sein, sie haben einfach keinen Bock auf das Rattenrennen. Ich glaube mich an einen Befund zu erinnern, dass sich Frauen durchaus engagieren, aber bevorzugt da, wo sie in ihrem Umfeld konkrete Dinge beeinflussen und verbessern können. Das erklärt es eigentlich. Als Politikerin einer kleinen Oppositionspartei kann man kaum etwas beeinflussen, weil die Großen einfach alles ablehnen – und wenn es nur ist, um die Sache ein Vierteljahr später als die eigene geniale Idee ausgeben zu können.
Im Stadtrat Jena haben zwei Frauen hingeschmissen, weil das Ehrenamt nicht mit der Familie vereinbar war. Bei den Männern waren die Gründe Umzüge, gut dotierte Jobs bei der Stadt und der Tod. Der Unterschied ist auffällig. Kann man mit einem Gesetz ändern, dass Männer ein zeitaufwendiges Amt besser mit ihrer Familie vereinbaren können als Frauen? Wohl kaum. Es ist eine Frage persönlicher Prioritäten. Es steht zu befürchten, dass man Frauen zu einer Kandidatur nötigt, weil man per Gesetz eine Frau braucht. Wer soll verhindern, dass die drei Tage nach der Wahl ihr Amt niederlegen und Platz machen für einen Mann, dem eine Frau den Haushalt schmeißt? Und dann?
Bei den Piraten kandidieren tatsächlich nur Leute, die das Mandat wirklich haben wollen. Jede andere Partei stellt zumindest in Jena exakt so viele Kandidaten auf, wie der Stadtrat Sitze hat. Man kann ja nie wissen. Jeder Kandidat zieht noch eine Handvoll Stimmen bei Freunden und Familie. Entsprechend wird jeder verfügbare Besenstiel aufgestellt.
Die Piraten sind in Jena mit einer streng unparitätischen Liste angetreten (Mischungsverhältnis 1:7) und zogen exakt paritätisch in den Stadtrat ein. Hätte es ein Paritätsgesetz gegeben, dann hätte die Piratenliste nur zwei Kandidaten gehabt. Uns hätten mindestens 750 Stimmen gefehlt, wahrscheinlich mehr. Wir hätten nur einen Sitz im Stadtrat gehabt – und die Piratin im Stadtrat hätte es nie gegeben. Jauchzet, frohlocket – weniger Frau im Rat dank Paritätsgesetz!

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Nr. 35 mordet

In diesem Jahr gab es wenig Sondervögel. Die Erlenzeisige, wenn sie erst einmal vom Paradies in unseren Garten umgezogen sind, kommen in solchen Unmengen, dass sie schlagartig in die Kategorie „das übliche Gesocks“ fallen.
Inzwischen allerdings ist Vogelart Nr. 35 aufgetaucht – der Sperber. Als wir ihn das erste Mal sahen, schoss er am Vogelhaus vorbei durch den Garten und griff sich einen Zeisig aus der Luft. Das zweite Mal auch. Er hält unsere Mittagsgäste für das Mittagessen und ignoriert Erdnüsse und Sonnenblumenkerne ebenso wie Mehlwürmer.
Seit das Futterhaus im Dickicht von Schlehe, Hagebutte und Flieder steht, ist es mit der eleganten Fliegerei vorbei. Jetzt sitzt er ein wenig ratlos auf dem Futterhaus, während die Zeisige verdrossen im dichten Gezweig der Schlehe hocken und warten, dass er sich endlich vom Acker macht.Sperber
Natürlich weiß ich, dass der Sperber erheblich seltener ist als die Erlenzeisige und auch von irgendwas leben muss. Aber einerseits hätte er dann wenigstens zu Vogelzählung auftauchen können, und andererseits könnte er bitte Vögel fressen, die ich nicht persönlich kenne – und die Reste nicht einfach im Garten liegen lassen.

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