Mir komm späder nach

Die Zeiten sind trostlos. Normalerweise neige ich zum Galgenhumor, aber heute ist ein Stück Humor gestorben, und ich frage mich, was ich dazu sagen soll.
1981 ging ich in die elfte Klasse – im sächsischen Rochlitz, das so sehr die Hauptstadt der Kuhdörfer war, dass Bücher, die anderswo in Minuten vergriffen waren, wochenlang in der einzigen Buchhandlung herumlagen. Ich hatte es damals als schreibende Jugendliche in die Karl-Marx-Städter Literaturwerkstatt geschafft, wo sich jeden Monat wieder die älteren und erfahreneren schreibenden Arbeiter und Angestellten über meine Texte schieflachten. Ich lernte, dass ich offenbar kein Talent zu ernsthafter Literatur hatte. Damals schmuggelte ich das erste Buch von Matthias Biskupek, „Meldestelle für Bedenken“ von Rochlitz, wo es herumlag, gleich mehrfach nach Karl-Marx-Stadt, wo die schreibenden Amateure danach gierten. So war das in der DDR. Menschen, die Bücher schrieben, die tatsächlich gedruckt wurden, flößten mir Ehrfurcht ein.
Ein paar Jahre darauf begegnete ich dem leibhaftigen Matthias Biskupek in Dresden beim Arbeitskreis Dramatik. Wir waren die einzigen Nichtraucher der Runde, im Abstand von Luftlinie 20 km geboren und neigten zu bodenständigen Ansichten über Literatur. Schreiben, das war ein solides Handwerk wie Tische und Stühle bauen. Das fand ich damals tröstlich. Immerhin hatte ich die Pubertät gerade erst überwunden, und die Schreiberei war eine Abnormität, für die man sich immer und überall rechtfertigen musste. Ich habe außerdem von ihm gelernt, wie man eine Grapefruit isst, ohne sich sinnlos zu besauen – nicht mit dem Löffel, sondern mit einem spitzen Obstmesser.
Dann kam die Wende, und alle Zusammenhänge brachen zusammen. Wenn euch irgendwo das Buch „Der Quotensachse“ über den Weg läuft – es ist das einzig wahre Buch über die Wende, 1996, als wir fast alle noch im Panikmodus lebten, mit einer erstaunlichen Lustigkeit geschrieben. Dafür habe ich ihn auch bewundert. Damals mussten wir uns immer und überall dafür rechtfertigen, in der DDR gelebt zu haben und schlimmer – nicht grausam unter ihr gelitten zu haben. Da kam einer daher und bestätigte aufs Schönste, dass alles so absurd, zufällig und unheroisch zugegangen war, wie ich es erlebt hatte.
Jahrhunderte später und in einem anderen Land trafen wir uns bei einer Lesung wieder, und seither regelmäßig unregelmäßig bei Treffen des Thüringer Schriftstellerverbandes. Es war immer gut, wenn Matthias da war. Er wusste alles und kannte jeden und steckte voller Anekdoten. Er kümmerte sich um Leute. Und er fand an allem die komische Seite. Er war der erste Mensch außerhalb meines Heimatdorfes, der das Wort „verurachen“ verstand.
Im letzten Jahr warf die Pandemie alle Zeitpläne so oft über den Haufen, dass ich die Manuskriptwanderung ausließ, und statt der Weihnachtsfeier der Thüringer Schriftsteller gab es Lockdown. Und jetzt werden wir uns nie mehr sehen, weil Matthias einfach so gestorben ist, mit gerade einmal 70 Jahren. Was für eine rotzblöde Pointe.
Meine Welt ist gerade ein bisschen dunkler geworden. Mach’s gut, Matthias, mir komm dann späder nach …

(Das Foto habe ich auf Matthiasens Homepage gestohlen. Ich wäre glücklich, könnte ich ihn jetzt fragen: Du, hast du was dagegen, wenn ich das für einen Nachruf verwende?)

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Hinter den sieben Bergen

Thüringen besteht aus mehr als der A4 und dem Thüringer Wald. Echt wahr! Wenn einem die Stadt zum Halse heraushängt, bleiben die Nebentäler der Saale.
Der häusliche Gefährte hatte im mdr-Ländermagazin den Wetterbericht aus Schirnewitz – 88 Einwohner – gesehen und fand, da könnte man mal einen Blick werfen. Die Schirnewitzer Frauen bemalen Ostereier, mit denen der Ort üppig geschmückt wird. Tatsächlich sind es nicht nur bunte Plastikeier. Die allermeisten sind liebevoll händisch bemalt. Ich vermute, es ist ein schöner Vorwand, um zusammen zu sitzen, zu schwatzen und einen zu zischen. Aber in Zeiten, in denen Museen verriegelt und verrammelt sind, bieten die heidnischen Bräuche willkommene Abwechslung.
Von Kahla aus kommt man in den Reinstädter Grund. Das Saaletal ist ja schon eine unvorstellbare Erosionsleistung, aber auch der kleine Reinstädter Bach hat sich über Jahrmillionen tief in die Kalksteinplatten geschnitten. Die Berge sind so schön wie die um Jena. Es ist nur ruhiger.
Eigentlich war der Plan, von Geunitz zur Burgruine Schauenforst zu laufen. Das Problem: Auf dieser Seite gibt es keinerlei Hinweisschild oder gar eine Wegmarkierung. Der Anfang sah zwar gut aus, führte aber beharrlich nach Osten statt nach Süden. Irgendwann beschloss ich, von der anderen Seite anzugreifen, und wir kehrten um. Immerhin fand ich am Wegesrand ein Leberblümchen. Das ist in diesem Teil der Welt eigentlich nichts Aufregendes, aber dieses war nicht blau, sondern pink, und das ist ziemlich selten.
Da wir einmal in der Gegend waren, warfen wir wenigstens noch einen Blick auf die Wehrkirche und die Kemenate zu Reinstädt. Die fast 600 Jahre alte Kirche hat laut Wikipedia eine wunderschön bemalte Decke, ist aber natürlich geschlossen. Draußen stehen die Grabsteine der alten Rittersleut, und auf dem Friedhof blühten weiße Veilchen, was auch nicht ganz normal ist. Die Kemenate war Teil einer noch älteren Burg, ist allerdings ein ganz unromantischer Quader – und ebenfalls geschlossen. Die Ortschaft ist übrigens mehr als 1000 Jahre alt. Bis auf die Felder ringsum gibt nichts einen Hinweis darauf, wovon die rund 450 Einwohner eigentlich leben.
Auf der anderen Seite des Berges liegt im Hexengrund der Ort Rödelwitz – 3.5 km Luftlinie, aber 24 km Straße entfernt. Strecken fast wie in Nordnorwegen. In Rödelwitz gibt es Hinweisschilder für Wanderer, aber von da sind es auch nur noch anderthalb Kilometer bis zur Burgruine, deren Turm weit genug aus dem Wald ragt, dass man sich nicht verlaufen kann. Erbaut hat man die Burg vermutlich 1222, aber Mitte des 17. Jahrhunderts war sie schon eine dekorative Ruine, nachdem sie immer wieder die Besitzer gewechselt hatte. Allzu viel ist nicht übrig davon, aber man freut sich, irgendwas zu sehen, was man nicht jeden Tag sieht. Zu normalen Zeiten gäbe es eine Baude da oben, und vielleicht könnte man sogar auf den Turm steigen. Aber die Zeiten sind unnormal, und im Thüringer Hinterland gibt es noch nicht einmal einen brennenden Bratwurstrost – der erlaubt wäre. Jenseits der A4 liegt Thüringen im Dornröschenschlaf. Man sollte sich ein Wurstbrot mitnehmen.

(Eins der Bilder anklicken, um die Galerie zu öffnen)

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Drahtzaun und Gebälk

Ostern, und noch immer ist Thüringen Katastrophengebiet. Ganz Thüringen? Nein, in Weimar und einigen anderen Orten simuliert man Normalität: Mit negativem Testergebnis darf man shoppen, bis man umfällt. Die Inzidenz liegt bei 122, und von Notbremse redet keiner mehr.
Aber ansonsten ist alles dicht. Zum Beispiel das Wasserschloss „Fröhliche Wiederkehr“ in Trockenborn-Wolfersdorf. Vor längerer Zeit waren wir da schon einmal aus Anlass des Denkmaltages und ließen uns erklären, wo es überall auseinander bröselt. Inzwischen ist es ordentlich aufpoliert, bietet theoretisch Cafè, Museum und Events – und ist in Privatbesitz. Man hat einen zweieinhalb Meter hohen Drahtzaun ringsrum gezogen, der auch das Fotografieren ziemlich effektiv verhindert. Er passt zum Schloss wie der Arsch auf den Eimer. Allenthalben steht dran, dass es kein öffentlicher Park, sondern Privatbesitz sei.
Bei Google finden sich etliche sehr erboste Kommentare – weil man schon für den Besuch des Cafés Eintritt zahlen muss (ehe man weiß, was auf der Karte steht), man unfreundlich empfangen wird und mitunter einfach geschlossen ist, auch wenn keine Pandemie stattfindet. Der Besitzer scheint ein Choleriker vor dem Herrn zu sein, der jeden, der sich eine Kritik erlaubt, mit Hausverbot belegt. Muss man derartige Möchtegern-Fürsten wirklich mit Fördergeldern päppeln? Und warum schafft es der Freistaat nicht, seine historischen Gemäuer zu erhalten?
Der Bau geht auf Johann Friedrich den Großmütigen zurück, den mit dem Fürstenbrunnen. Ehe er nach Jena kam, war er erst einmal in Wolfersdorf, und da er gerade aus der Gefangenschaft nach dem Schmalkaldischen Krieg kam, fand er es dort außerordentlich gemütlich. Damals war es sein Privatbesitz, sodass er das Bauzaunproblem nicht hatte. Es ist ein romantisches Märchenschlösschen, das sich allerliebst im Teich spiegelt.
Nach einem kleinen Spaziergang machten wir uns auf den Rückweg. Da kommt man durch so wunderbare Orte wie Obergneus und Untergneus. In Untergneus steht eine nette kleine Kirche. Wikipedia meint, sie sei exakt 201 Jahre alt. Da sie zum Täler-Pilgerweg gehört, ist sie – anders als die meisten Kirchen im evangelischen Teil Thüringens – geöffnet. Die Inneneinrichtung ist eher bescheiden. Es gibt eine 264 Jahre alte Orgel von bescheidener Größe (ja, sie stand schon im Vorgängerbau) und erstaunliche zwei Emporen.
Wenn man dreist ist, kann man auf den Glockenturm steigen, der eine unglaubliche Menge Gebälk enthält. An der Glocke hängt zwar noch ein Strick, aber daneben steht ein kleiner Motor, der einen Hammer gegen die Glocke scheppert.
Ringsum blühen gerade üppig die Traubenhyazinthen. Vor dem Tor zum Kirchhof steht ein uraltes Gerichtskreuz, wo ein Bauer einen Hirten erschlagen haben soll, weil der seine Schafe an der falschen Stelle weiden ließ. Die Thüringer scheinen traditionell jähzornig zu sein.

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Notfallblog: Neue Erkenntnisse

Ein Jahr Pandemie, kein Ende abzusehen. Immer wieder faszinierend, was das Gesundheitsamt so über die Verbreitung der Infektionen vermeldet. Ansteckungen geschähen zunehmend im familiären Umfeld. Da wäre die spannende Frage, wer sie in die kleinste gemeinsame Leidensgemeinschaft, den Haushalt, hineingetragen hat. Die Erkenntnis, dass Menschen, die ein Bett teilen, einander mit einer hochinfektiösen Krankheit anstecken, trägt wenig zur Eindämmung der Pandemie bei.
Jetzt ist das Gesundheitsamt in Jena aber einem ganz heißen Ding auf der Spur:

Infektionen entstehen durch den Kontakt mit infizierten Personen, eine Großzahl jedenfalls. Wer hätte das vermutet? Und was ist mit der restlichen Kleinzahl?

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Ich fühle mich nicht gemeint

„Bei der Arbeit bin ich ein Mann“, habe ich dem Bayrischen Rundfunk gesagt. Sie fanden das witzig.
Bei der Arbeit spielen meine Genitalien keine Rolle. Ich arbeite, denke und argumentiere wie die anderen Männer um mich herum. Das hat den Vorteil, dass wir einander verstehen. Außerdem gibt es keinen „weiblichen Blick auf die Physik“. Wir glauben an Zahlen, zur Not auch an gerissene Entspiegelungsschichten, dezentrierte Linsen oder Lunker im Guss. Zahlen haben kein Geschlecht, und es nützt gar nichts, mit ihnen noch einmal darüber zu reden.
Ein Medium namens Deutschlandfunk nova berichtet über Forschung am CERN in Genf (über die man vor gefühlt 15 Jahren berichtete, sie würden ein Schwarzes Loch erzeugen, das unweigerlich die Erde verschlingen müsste. Es schlingt sehr langsam.), wo man Atome mit Lasern kühlt. Der Artikel ist die Elektronen nicht wert, die ihn im Web halten, denn es steht praktisch nichts drin. Man habe Antiwasserstoff-Atome auf rund -273°C gekühlt und arbeite jetzt daran, sie „noch weiter herunterkühlen“ zu können. Da hätte mich jetzt mal die Nachkommastelle interessiert, denn bei -273.15°C ist Schluss – da ist der absolute Nullpunkt, der so heißt, weil sich da nichts mehr bewegt. Wie Laserkühlung funktioniert, erfährt man bei Wikipedia. Der Artikel verliert darüber kein Wort.
Dafür kreiert er allerdings ein Wort: „Physikforschende“. Ich habe eine Weile gebraucht, um herauszufinden, warum es sich anfühlt wie die Plastikfolien-Waschzettel in T-Shirts, Unterhosen und überhaupt allem. Nehmen wir an, diese substantivierten Partizipien seien irgendwie sinnvoll. Physikstudierende sind Leute, die Physik studieren, Hausbauende sind Leute, die ein Haus bauen, und Physikforschende offenbar Leute, die Physik forschen. Ich forsche Physik. Das ist, liebe gendersensible Journalisten, einfach kein Satz, zumindest kein sinnvoller.


Hinzu kommt, dass ich mich einfach nicht „mitgemeint“ fühlen kann, denn seit 24 Jahren bin ich nicht in der Forschung, sondern in der Entwicklung unterwegs – wie die Mehrzahl der Physikstudierthabenden. Ist das ein Unterschied? Jawohl. Die einen versuchen herauszufinden, wie etwas funktioniert, und die anderen machen mehr oder minder nütze Dinge daraus. Und jetzt kommt mir bitte nicht mit „Physikentwickelnde“, denn ich entwickle keine Physik, sondern optische Geräte. Meistens mache ich sie kaputt. Ich harre noch der Antwort auf die Frage, ob sie auch dafür ein Neusprechwort haben.
Tatsächlich ist mir noch nicht eine einzige Physikerin begegnet, die auf eine gendersensible Sprache Wert gelegt hätte. Wer sich als Frau bei „Physikstudenten“ nicht angesprochen fühlt, übersteht das erste Semester nicht. Nach meiner Erfahrung bestehen vor allem die Frauen, die klischeegerechte Frauenberufe haben, auf geschlechtsspezifische Anreden. Physikerinnen brauchen das nicht.
Der Übergag ist freilich, dass die Forschenden, deren Artikel der DLFnova-Artikel zitiert, Christopher, William und Jonathan heißen. Da braucht man freilich eine geschlechterneutrale Bezeichnung. Physiker würde ganz gut passen.

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Notfallblog: Wer am Trog sitzt

Ich war lange Zeit bereit, an Unfähigkeit zu glauben, denn in Deutschland ist es gute Tradition, Spitzenpositionen nicht mit kompetenten Fachkräften zu besetzen, sondern mit Leuten, deren Grundqualifikation es ist, sich im Haifischbecken ihrer Partei behauptet zu haben. Die Reihe des Versagens ist schier endlos:

  • keine Grenzschließungen in Richtung China im Januar 2020
  • kein Nachverfolgen der Ischgl-Urlauber
  • keine Absage von Karneval und Fußball im Februar 2020
  • eine Corona-App, die nicht funktioniert
  • Erklärung ganz EU-Europas zum sicheren Reisegebiet im Juni 2020
  • keine Tests bei Reiserückkehrern, als klar war, dass auf Malle und in Bulgarien Coronapartys gefeiert werden
  • Der Finanzminister verteilt großzügig Milliarden, ohne zumindest Arbeitsplatzgarantien oder den Verzicht auf Dividenden- und Bonuszahlungen zu verlangen
  • grundsätzlich nie eine Kontrolle, ob Quarantäne-Anordnungen befolgt werden
  • keine Reisebeschränkungen vor Ende der Schulferien
  • keine Maßnahmen gegen Querdenker-Demos, obwohl man da kein bisschen Infektionsschutz beachtet
  • kein Pandemie-Plan für die Schulen – kein Schichtsystem, keine Klassenverkleinerung, keine Luftfilter, keine Verbesserung der Digitalinfrastruktur
  • keine Schulschließungen, als die Infektionen rasant anstiegen
  • keine Sequenzierung der Viren, deshalb keine Ahnung, welche Mutationen sich verbreiten
  • Lockdown „light“, nur Schließung von Gastronomie, Hotels, Läden und Kultur, während die Zahlen weiter stiegen
  • keine Teststrategie für Pflegeheime, die reihenweise durchseucht wurden
  • Ersatz der vorhandenen, oft selbstgenähten „Volksmasken“ durch „medizinische“ Masken als Pseudomaßnahme
  • überlastete Gesundheitsämter, die keine Kontaktnachverfolgung mehr schaffen
  • erste Impfungen mit viel Tamtam, aber der Impfstoff reicht nur für sechzehn Pflegeheimbewohner – damit in jedem Bundesland ein Bericht vom Impfstart gedreht werden kann
  • „harter“ „Lockdown“, bei dem alle arbeiten und 36 % der Kita-Kinder in der „Notbetreuung sind
  • viel zu späte Schließung der Grenzen zu Tschechien – und sofort Ausnahmen, als die Wirtschaft schreit
  • völliges Versagen der Anmeldeplattformen für Impfungen
  • Schulöffnungen, keine Luftfilter, aber immerhin Wechselunterricht, Notbetreuung in Kitas immer noch voll
  • zu wenig Impfstoff
  • Ankündigung von flächendeckenden Schnelltests; es fehlen Testkits
  • Friseure und Kosmetikstudios öffnen, mediale Euphorie. Botanische Gärten bleiben geschlossen.
  • „Lockerungen“, also Ladenöffnungen, Tierparks bleiben geschlossen
  • Ankündigung, dass auch Hausärzte impfen dürfen – irgendwann
  • die Händler und Gastronomen warten im März noch immer auf die „Novemberhilfen“ für den „Lockdown light“
  • Schulen werden durch privaten Initiativen mit Luftfiltern ausgerüstet
  • die Impfung mit Astra-Zeneca wird gestoppt, obwohl nicht mehr Nebenwirkungen aufgetreten sind als mit Biontek-Pfizer, der nicht gestoppt wird
  • zu wenig Impfstoff, nach vier Monaten sind gerade einmal 9 % der Bevölkerung geimpft, keine 4 % zum zweiten Mal
  • Gründonnerstag werden die Supermärkte geschlossen

Es ist so trostlos, dass man sich fragt, wie dieses Land zu einer führenden Industrienation werden konnte. Ein so völliges Versagen bei nahezu allem scheint unerklärlich – falls es denn ein Versagen ist. Aus Sicht einiger Akteure läuft alles blendend:

  • Supermärkte und Drogerieketten steigern ihren Umsatz erheblich (sie übernehmen Marktanteile von Spielzeug-, Haushaltwaren- und Bekleidungsgeschäften)
  • die Reichen in Deutschland werden deutlich reicher (sagt das Statistische Bundesamt)
  • die Autoindustrie schiebt ihre Restrukturierungen (= Entlassungen) auf die Pandemie statt auf die eigene Unfähigkeit
  • auch Unternehmen mit stabilen Einnahmen begründen mit COVID19, dass Lohnerhöhungen undenkbar sind
  • die Medizintechnik-Branche wächst und gedeiht
  • der Wert von Biontech verdreifacht sich auf 27 Mrd. Euro
  • alle Versandhandelsunternehmen verzeichnen rapide steigende Umsätze
  • der Einzelhandel kann auf Kosten kleiner, unabhängiger Geschäfte weiter monopolisiert werden
  • Paketdienste boomen
  • Politiker der CDU, einschließlich der Gesundheitsminister, verdienen sich mit Maskengeschäften dumm und dämlich

Wer am Trog sitzt, frisst, sagt das Sprichwort. Es gibt Leute, denen bekommt die Pandemie so gut wie eine Badekur. Sie haben vielleicht gar kein Interesse daran, dass der Notstand bald endet. Denn was ist die Gesundheit der Bevölkerung gegen die Gesundheit der eigenen Finanzen?

(Ja, ich weiß, das ist eine Verschwörungstheorie. Aber sie ist um einiges logischer als die Theorie, wir alle sollten mit 5G-Sendemasten zu Zombies gemacht werden. Die Maskengeschäfte und die Parteienspenden der Autoindustrie immerhin sind bekannt.)

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Wunder mit Sauriergarnitur

Jena hat sieben Wunder. Korrekterweise: hatte, denn das Weigelsche Haus wurde 1998 (Das ist natürlich ein Tippfehler. 1898 war es.) abgerissen, und die Camsdorfer Brücke ist die Nachfolgerin der wunderbaren früheren Brücke. Ein unzerstörbares Wunder ist Mons, der Berg, genauer gesagt der Jenzig, mit 385 m der höchste und markanteste Berg um die Stadt, wobei wir hier eigentlich gar keine Berge haben, sondern einen Canyon im ehemaligen Meeresboden. Die Wunder waren in früheren Zeiten, als noch nicht jeder ein Handy mit Kamera mit sich herumtrug, Merkzeichen, mit denen man überprüfen konnte, ob der Handwerksgeselle tatsächlich in Jena war oder es mit Kahla verwechselt hatte. Oder ob er noch nirgends war gewest, nur gesessen in sei’m Nest, wie es das Wanderlied formuliert.
Das Wetter war positiver als vorhergesagt, und wie wir feststellten, waren wir seit Ewigkeiten nicht mehr auf dem Jenzig. Zwar sind wir keine jungen Wandersmänner mehr, aber das ist kein Grund, auf dem Sofa zu sitzen, wenn die Sonne scheint.
Vor einigen Jahren hat die Stadt beschlossen, dass der wunderbare Berg nicht wunderbar genug ist. Es gäbe ein verändertes Wanderverhalten, und die Leute wollten was erleben, statt durch Natur zu laufen. Seither gibt es den „Saurierpfad“ mit ein paar Taschensauriern aus Plastik, einer Hütte mit merkwürdigen Unterwassergeräuschen und Saurierbildern und einer App, die Saurier als 3D-Modell in die Landschaft montiert. Denn wo kämen wir hin, wenn die Leute beim Wandern die Natur links und rechts ansähen, statt aufs Handy zu starren? Sie nennen das „die Umgebung anreichern“ – in einer Landschaft, die ein staatlich anerkannter Hotspot der biologischen Artenvielfalt ist.
An einer Stelle gibt es – säuberlich eingerahmt – ein paar schöne Muschelkalkformationen zu sehen. Das hat mir gefallen. Es ist echt und 250 Mio. Jahre alt. Damals lag Thüringen in den Subtropen und war ein Meer nördlich von Böhmen. Man kann da die Bohrlöcher der Trias-Wattwürmer bewundern.
Heute tragen die Häuser der vor Äonen verstorbenen Muscheln und Schnecken zur beispiellosen Artenvielfalt bei. Sie bilden wunderbare Steilhänge und Magerrasenflächen. Im Moment ist die Natur noch ein wenig einfältig. Beim Aufstieg auf den Jenzig fallen die zahllosen Veilchen auf, aber es gibt auch Kleines Immergrün und gelb blühende Kornelkirschen, die keine Kirschen sind. Weiter oben wachsen Stinkende Nieswurz und Seidelbast. In zwei, drei Wochen wird der Frühling da ausbrechen und die Gegend ganz analog mit Leben anreichern.

(Ein Bild anklicken, um die Galerie zu öffnen)

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Nur Sturm und kein Bier

Morgens war schönes Wetter: blauer Himmel, Sonnenschein. Eine Versuchung. Also ab nach draußen, diesmal über die Landesgrenze nach Eckartsberga, wo es mit einer Windmühle und einer Burgruine Sehenswürdigkeiten im Draußen gibt. Dumm nur: Kaum waren wir unterwegs, da zog es sich zu und begann zu nieseln.
Eckartsberga ist eine Stadt, hat aber mitsamt den vereinnahmten Dörfern nicht mehr als 2300 Einwohner. Nicht nur Thüringen hat winzige Städte.
Die Windmühle ist eine Holländerwindmühle, was heißt, dass sie oben eine drehbare Kappe hat, während der Rest festgemauert in der Erden steht. Außerdem gibt es ein zweites kleines Windrad, das nur dazu da ist, das eigentliche Flügelrad in den Wind zu drehen. Letzteres fehlt allerdings, obwohl man im vergangenen Jahr die Mühle mit EU-Fördergeldern repariert hat. Es gibt ein paar Schaukästen mit einem chaotischen Sammelsurium an Informationen und völlig verschossenen Bildern. Als sie gebaut wurde, war diese Art von Mühle Hightech vom Feinsten. Das habe ich hinterher bei Wikipedia gelesen.
Dummerweise hat man die Mühle an einer windigen Stelle aufgebaut. Es war sehr windig. Wir wussten sofort: Mit Wandern wird das heute nichts.
Auf dem gegenüberliegenden Berg steht die Eckartsburg, die vielleicht 998 von Ekkehard I., Markgraf von Meißen, in Auftrag gegeben wurde, aber sicher ist das nicht. Es könnte auch irgendeine andere Befestigung in der Gegend gewesen sein. Wikipedia meint, er gelte als Erbauer, aber das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Da hätte er viel zu tun gehabt. Die Ruine enthält – mutmaßlich – eine Gaststätte und ein Museum. Tatsächlich kommt man nur bis ans eiserne Tor, von wo aus man fast nichts sieht. Man kann einmal rundherum laufen und sich die geologische Störung im oberen Muschelkalk ansehen. Das müssen die nördlichen Ausläufer des Thüringer Meeres gewesen sein.
Gerüchten zufolge hat der Geheime Rat Goethe inspiriert von der Burg die Ballade „Der getreue Eckart“ geschrieben. Ich hatte etwas Abenteuerliches mit Rittern und Schlachten erwartet, aber tatsächlich ist es eine Kinderbelehrungsgeschichte: Geht schön rechts und grüßt die Leute – und zu Hause haltet einfach mal die Klappe. Zum Angstmachen bemüht er „die Hulden“, die als wilde Jagd herumziehen; das übliche, christliche Gemisch aus Verächtlichmachung der alten Götter und Frauenfeindlichkeit. Besonders schön, dass er „die Hulden“ als „unholdige Schwestern“ bezeichnet und sich damit kein bisschen albern vorkommt. Sie trinken den armen Kindlein das Bier weg (die deshalb zu Hause Schläge befürchten). Wahrscheinlich standen die Hulden wegen irgendeiner Seuche wie wir vor verschlossener Türe.
Hulda, Holda, Huldra oder Frau Holle, wie sie die meisten kennen, war eine Totengöttin. Vielleicht zieht sie in den stürmischen Märznächten tatsächlich um die Burg, wer weiß. Man sollte höflich zu ihr sein, genau wie zu Kobolden, Wichten, Erdweibeln und Wasserleuten. Höflichkeit kostet wenig, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es sich entweder um entfernte Vorfahren oder die Götter derselben handelt. Wenn man die nicht grüßt, ist zu Hause die Hölle los. Also die Hulda.

(Die Galerie öffnen, indem man auf eins der Bilder klickt.)

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Hier war mal was

Gera ist der steingewordene Abriss Ost. Wenn wir durch Gera gehen, erklärt mir der häusliche Gefährte an jeder zweiten Ecke, dass da früher das Werkzeugmaschinenwerk, die Elektronikfabrik oder die alte Judohalle standen. Man könnte auf das Ortseingangsschild gut schreiben: Da war mal was. Das hieß Gera, war Bezirksstadt und Industriestandort. Heute ist man nicht einmal mehr Großstadt.
In Unternhaus gibt es immerhin noch einen Rest des „Hauses“, was ehedem das Schloss von irgendwelchen Reußen war. (Die Reußen wollen übrigens auch ihren 1945 enteigneten Besitz zurück – den sie großenteil der Fron und Leibeigenschaft verdanken.) Davon sind eine dekorative Brücke, der Bergfried und ein paar Nebengebäude übrig. Die Ausflugsgaststätte aus DDR-Zeiten (weil es die arbeitende Bevölkerung ja ein bisschen schön haben sollte) wird theoretisch wieder bewirtschaftet, nachdem sie Jahrzehnte leer stand, ist praktisch aber wegen COVID19 geschlossen. Der Ausblick über die Stadt hat noch geöffnet.
Ringsum gibt es eine Menge Buchenwald, der eine bedenkliche Menge von Spechten enthält. Da ist, scheint es, der Wurm drin.
In Gera gibt es eine Menge schöner alter Häuser aus einer Zeit, als man Erker, Säulchen und Ornamente noch nicht peinlich fand. Das könnte schön sein, wenn nicht jedes dritte Haus aussähe, als hielte es nur noch der Dreck zusammen. Wenn wieder einmal ein Politiker schwadroniert, im Sozialismus habe man alles verkommen lassen, fällt mir allemal Gera ein, Gera 30 Jahre danach. Statt die Altbauten zu sanieren, klotzt man hochwertige Appartments an das Elsterufer, wie sie überall im Lande stehen. Sie sind nicht schön, jedenfalls nicht von außen. Ein Stück weiter, versteckt in einer kleinbürgerlichen Einfamilienhaussiedlung, gibt es noch zwei Bauhaus-Bauten, kenntlich an den Denkmal-Plaketten neben der Haustür.
Der Hofwiesenpark, in seiner jetzigen Form ein Überbleibsel der letzten BuGa in Thüringen, fällt im Moment vor allem dadurch auf, dass man ihn allabendlich komplett abschließt – einschließlich des Radweges an der Elster entlang. Seltsamerweise hat noch niemand den Aufstand dagegen geprobt, was vielleicht daran liegt, dass es im flachen Gera viel weniger Radfahrer gibt als im steilen Jena. Kann sein, es gibt im Sommer dort Blumen.

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Und ein Wasser wird gelassen

In Pandemiezeiten ist Wasser ein Problem. Gegen das von unten helfen feste Wanderschuhe. Von oben wird es schon schwieriger. Sollte es regnen, kann man sich in kein Café und kein Museum zurückziehen. Nicht einmal in ein öffentliches Gebäude, wenn man nicht drei Tage vorher einen Termin reserviert hat. Ich erinnere mich, wie ich eine Viertelstunde im Treppenhaus des Rathauses von Stornoway stand und Aushänge studierte: Werbung für eigenbeiniges Treppensteigen, Zeiten für die Familienberatung, Müllabfuhr … Das Rathaus war einfach das nächste verfügbare Dach gewesen, als der Wolkenbruch kam. In COVID-Zeiten bleiben nur Supermärkte, aber wer will schon in Gewerbegebieten wandern gehen? Oder man muss in der Nähe der eigenen Behausung bleiben.
Ähnlich schlimm ist das Wasser von innen. Man bekommt beim Bäcker zwar noch einen überteuerten Kaffee, um sich aufzuwärmen, aber dann wird es schwierig. Aus Gründen des Infektionsschutzes sind öffentliche Toiletten samt und sonders geschlossen. Nicht dass es viele davon gäbe. Da ist es gut, in der Wildnis zu sein.
Das Wetter dräute, aber es dräute nicht so sehr, dass es die Sehnsucht nach IRGENDWAS unterdrückt hätte.
Das Penickental in der Südostecke Jenas ist um diese Jahreszeit eine von unten ziemlich nasse Angelegenheit. Es sprudelt, gluckert, rauscht, tröpfelt. Der Penickenbach setzt das halbe Tal unter Wasser, aber der Weg ist bestens in Ordnung. An Blumen fehlt’s im Revier. Später im Jahr gibt es Orchideen, im Moment nur verstreut Winterlinge.
Der Fürstenbrunnen ist eine legendäre Quelle, wo man Johann Friedrich den Großmütigen begrüßte, als er aus der Gefangenschaft heimkehrte. Der hatte im Schmalkaldischen Krieg auf der falschen Seite gestanden und nachfolgend seine Universität in Wittenberg eingebüßt. Deshalb ist er in Jena Gegenstand dauernder Verehrung – weil er hier seine Ersatzuniversität gründete.
Ansonsten gibt es weiter oben einen von Forstwirtschaft weitgehend unbeschadeten Buchenwald. Das ist in und um Jena die natürliche Form des Waldes, die sich entwickelt, wenn man ihr nicht reinpfuscht. Derzeit ist er noch kahl, doch auch das wird sich bald ändern.
Zuvor aber zogen Wolken auf.

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PS: Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Lied „Und in Jene lebt sich’s bene“. Da feierte man, dass die Straßen so schön sauber sind, weil man einmal pro Woche die Leutra durch die Stadt laufen ließ. Heute biegt sie vor der Innenstadt ab, verschwindet in einem Rohr und landet ein Stück weiter in der Saale. Wenn sie durch die Innenstadt läuft, ist Hochwasser und der Jubel sehr begrenzt.

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