Was wir über die Erde nicht gelernt haben

Djupvik

Mindestens zur Hälfte war Erdkunde ein reines Grauen: stures Auswendiglernen von zusammenhanglosen und zu nichts zu gebrauchenden Fakten. Die Hauptstädte der sozialistischen Sowjetrepubliken? Kann man büffeln. Immerhin in Vilnius habe ich mal eine halbe Stunde auf dem Bahnhof gestanden. Eisenerzlagerstätten in Europa? Fangen sämtlich mit K an: Kriwoi Rog, Krasnodar, Kiruna, Kmagnitogorsk. Punkte so unerreichbar, dass sie auch auf dem Mond hätten liegen können. Warum ausgerechnet da ausgerechnet Eisenerz? Das hat man uns nicht erzählt. Aber wir konnten brav vier Lagerstätten aufsagen, von denen wir nicht wussten, wo sie liegen. Irgendwo wurde Maniok angebaut und woanders Bataten: Hatten wir Maniok und Bataten schon einmal gesehen? Natürlich nicht. Gegessen? Erst recht nicht.
Wir haben zwar gelernt, dass in Thüringen Jura, Kreide und Trias (Trias? Hat das schon mal einer gesehen?) ihre Sedimente hinterlassen haben, aber vom tropischen Thüringer Meer mit seinen Riesenkellerasseln am Ufer habe ich nur dank meiner unplanmäßigen Begeisterung für Paläontologie gelesen. Zusammenhänge? Werden gemeinhin überschätzt.
Die norwegischen Fjorde wurden uns anhand einer Landkarte vom Sognefjord beigebracht. Lange Meereszipfel im Festland? Heißt Fjord – auswendig lernen! Kein Wort von tiefblauem Wasser unter mitternächtlicher Sonne, von grünen Wiesen am Ufer, schneebedeckten Bergen, die mit vierhundert Metern Höhe sehr überzeugend ein Hochgebirge mit all seiner Unwirtlichkeit simulieren und Wasserfällen, die hundert Meter tief hinab stürzen. Kein Wort von Trollblumen..
Warum beschreibt man die Erde, wenn man von ihrer Schönheit nichts wissen will?

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Bäume, wie sie im Buche stehen

Gestern habe ich diesen Post gefunden, den ich irgendwie verschusselt hatte:

(reinklicken, um die Galerie von Buchenbäumen zu öffnen)

Es gibt ja nicht nur bedrohliche und invasive Gewächse. Es gibt auch rundum positive. Der deutsche Buchenwald etwa, wenn man den Missbrauch seines Namens tapfer ignoriert, gehört zu den schönsten Wäldern überhaupt: Eine Säulenhalle, die von der Moschee von Córdoba unzureichend kopiert wird, elegant, riesig, grün.
Als Laubbaum wirft die Buche alljährlich ihre Blätter ab und macht damit Platz für einen Teppich von Frühblühern, die sich mal schnell ins Licht drängeln. Auch Unterholz ist möglich. Der Buchenwald ist nicht der finstre Tann.
Im April findet man zwischen den riesigen Stämmen auch ganz winzige Buchen, die eher nach Kapuzinerkresse aussehen als nach zukünftigen Bäumen. Der Buchfink muss sich dann bis zum Herbst was anderes suchen. Die Eckern sind gerade gekeimt.

 

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Normal ist das nicht

Haus_FCC

Wer sein Haus gelb und weiß streicht, ist praktisch selbst schuld, wenn jemand blau ergänzt.

Dienstag. Man erzählt uns im Sozialausschuss, der Stadionumbau würde wohl teurer werden. Jedenfalls verlangt die Polizei Umbauten an einer Brücke und einer Eisenbahnunterführung, um Gästefans gefahrlos zum Bahnhof treiben zu können. Würde 5 Mio. € kosten.
Mittwoch. Firmenlauf im Ernst-Abbe-Sportfeld und im umgebenden Paradies. Knapp 3000 Teilnehmer, die äußerst friedlich ihre Runde durch die Saaleaue drehen, schwitzen, keuchen, jubeln, feiern. Alle zehn Minuten werden sie ermahnt, auf gar keinen Fall auf den Rasen zu treten, damit dem kostbaren grünen Teppich auch kein Halm gekrümmt werde.
Donnerstag: Relegationsspiel, der FCC gewinnt. Anschließend stürmen die Fans das Stadion, zerlegen die Tore und buddeln Souvenirs aus. Der grüne Teppich sieht aus, als wären die Motten drin. Die Polizei äußert sich enttäuscht, zumal sie offenbar auch noch mit Böllern beworfen wurde. Dabei hatten die Fans gerade gelobt, sich an die Regeln zu halten, damit ihnen die Polizei im Gegenzug erlaubt, weiter in ihrer Südkurve zu stehen, die so etwas wie die Heilige Stadt der Heimfans ist. Was macht die organisierte Fanszene? Entschuldigt sie sich? Bietet sie Schadenersatz an? Nö. Sie gibt sich beleidigt und erklärt, das sei kein Vandalismus gewesen, sondern alles ganz normal.
Deutlicher, glaube ich, kann man nicht zeigen, dass man den letzten Pfiff noch nicht gehört hat. Weswegen wir im Stadtrat beantragt haben, den Quatsch mit der Südkurve ein für alle Mal zu beerdigen, denn schon beim Umbau schlägt sie mit 400.000 € Mehrkosten zu Buche. 400.000 € sind eine Irrsinnssumme, mehr als das Doppelte dessen, was alle Sportvereine der Stadt pro Jahr als Zuschuss bekommen. Wir feilschen um zwei Sandsäcke, einen Schaukasten, eine BuFDi-Stelle, die Kosten für die Reinigung einer Dachrinne … Um Krümelkäse. Aber beim Fußball kann es kaum teuer genug werden. Das Gesamtprojekt ist inzwischen bei 52 Mio. € angelangt.
Im Stadtrat ergehen sich alle in Lobreden auf unsere tollen Fans. Es ist normal, nach einem gewonnenen Aufstiegsspiel den Rasen mit nach Hause zu nehmen. Alles bestens, kein Grund zur Aufregung, und kostet auch nur Steuergeld. Nur die 3000 Ausdauerläufer, die werden sich wegen ihrer Renitenz, mit der sie da und dort auf den Rasen getreten sind, eine neue Bleibe suchen müssen. Denn die mit Steuergeldern trefflich neu gebaute Laufbahn (ein Vergnügen!) wird man herausreißen, damit es die Fans beim nächsten Stadionsturm nicht so weit haben.
Muss man nicht verstehen.

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Unpolitisch genderneutrale Toiletten

UnisexUnisex-Toiletten sind ja so ein Piraten-Ding. Was hat die Menschheit gelacht, als man in Berlin so etwas einführen wollte.
Meine Firma ist umgezogen. Mit Entzücken durfte ich feststellen, dass sich am Ende des verwinkelten Labortraktes zwei Unisex-Toilettenboxen befinden. Soweit ich weiß, sind sich alle meine Kollegen über ihr Geschlecht im Klaren. Daran liegt es nicht. Es war einfach nicht viel Platz übrig, weil wir den Platz lieber mit unhandlichen Messaufbauten vollstellen.
Als Vertreterin des Minderheitengeschlechtes im Laborgeschoss finde ich die Neuerung ausgesprochen gut. Früher, bei der Weltfirma Zeiss. musste ich jedesmal hundert Meter laufen (kein Witz), bis ich auf die nächste geschlechtsspezifische Kloschüssel durfte. Jetzt geht das deutlich schneller. Hinter den beiden Boxen gibt es übrigens auch noch ein Pinkelbecken.
Bis jetzt funktioniert das alles sehr harmonisch. Weder hat sich jemand beschwert, noch kommt es zu hemmungslosen Orgien. Und irgendwie sehen die beiden Symbolmenschen aus, als seien sie sehr glücklich, dass sie endlich einmal zusammen sind.

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Die Erbarmungslosen

Natürlich kann man sich hinstellen und fragen, warum aus Anlass des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes keiner eine „Freiheit statt Angst“-Demo organisiert und wo das Meer orangefarbener Fahnen bleibt. Nicht dass es aus anderen Anlässen orangefarbene Meere gäbe. Aber natürlich kann man fragen, und auf jeden Fall in einem anklagenden Ton.
Allerdings bemerke ich in letzter Zeit bei mir eine gewisse Unduldsamkeit bei derartigen Fragen. Ich neige dazu zu antworten: „Weil du sie nicht organisiert hast. Weil du es wichtiger findest, flammende Anklagen wegen der Untätigkeit anderer zu schreiben.“
Ich war letztes Jahr zur Anti-TTIP-Demo in Leipzig. Das NetzDG ist zweifellos ein untaugliches Mittel gegen Volksverhetzung (so hieß das mal, ehe man Hate Speech erfand). Aber private Schiedsgerichte, vor denen Unternehmen gegen Staaten und Kommunen klagen können, weil ihnen die Gesetze und Ratsbeschlüsse beim Profitmachen im Wege sind, finde ich wichtiger. Wie wir leben werden, entscheidet sich nicht auf Twitter, sondern da, wo über Geld entschieden wird: über Löhne, über „Öffentlich-Private Partnerschaften“ zum Wohle der Investoren, über die Privatisierung von Schulen und Straßen und die Preise für Trinkwasser.
Es waren damals drei Jenaer Piraten in Leipzig. Am Infostand zum 1. Mai standen vier: ein chaotisch-engagierter Generalsekretär (was wir nicht alles haben), ein nimmermüder Energiepolitik-Aktivist und zwei überarbeitete Stadträte, die eigentlich lieber die Unterlagen der nächsten Sitzung gelesen hätten. So ist das.
Wenn du einmal die Verantwortung übernimmst, dann wirst du sie nie wieder los. Egal was du tust – es ist nie genug. Immer kommt einer und fragt, warum du dies und das nicht getan hast, dich über irgendein Thema nicht aufgeregt hast, irgendetwas nicht vehement genug verfolgt hast. Wenn du 7 Tage die Woche Kommunalpolitik machst, fragt garantiert einer, warum du keine Unterschriften für die Bundestagswahl sammelst. Und das Blödeste daran: Am liebsten tun das die eigenen Leute und bevorzugt die, die gerade der Meinung sind, sie hätten auch nur ein Leben und müssten sich jetzt dringend erholen.
Dann frage ich mich, ob ich mich nicht auch einfach mal erholen sollte und zusehen, wie es der verbleibende Rest erst recht nicht gebacken kriegt. Dann könnte ich mich aufregen und sagen: Ohne mich kriegt ihr auch gar nichts auf die Beine. Was bitter richtig ist: Ohne Leute kriegt man weder was gebacken noch auf die Füße gestellt.
Derweil backen wir kleine Brötchen, aber wir backen noch. Ich kann nur nicht die ganze Welt retten.

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Hurra, es geht bergab!

Zackenschotenschoten

Zackenschotenschoten: klein, rund und mit einem Zacken. Was so aussieht, muss raus.

Den Zackenschoten auf der Wiese zwischen Ammerbacher Oberweg und Ammerbacher Mittelweg (ja, die heißen wirklich so) geht es nicht gut. Bisher nahmen sie an, keine natürlichen Feinde zu haben. Haben sie aber. Sie sind nur halb so groß wie im letzten Jahr, und die meisten stehen in losem Boden. Manche sind keine zwanzig Zentimeter hoch. Die Pfahlwurzeln haben zwei, drei, vier Notwürzelchen getrieben, an deren Ende die kümmerlichen Exemplare wachsen. Denn die Pfahlwurzeln wurden gekappt.
Das ist eine gute Nachricht. Ich bin seit inzwischen drei Jahren mit dem Unkrautspaten unterwegs. Ich zwinge mich, nicht jeder Pflanze am Wegesrand zu Leibe zu rücken, sondern säuberlich vom Oberweg aus alles auszustechen, was unangemessen gelb aus der Wiese ragt. Sie sind jedes Jahr wieder da, aber dieses Jahr schwächeln sie. Ich beginne, den gleichen grimmigen Optimismus zu entwickeln wie unser Jenaer Zackenschotologe Gunnar Seibt, der durch nichts zu entmutigen ist.

KeineZackenschote

Irgendein anderer gelber Kreuzblütler: lange, dünne Schoten ohne Spitze. Harmlos. Darf bleiben.

Wenn jeder Jenaer jeden Tag nur eine einzige Zackenschote ausrisse, dann hätten wir in anderthalber Woche eine Million weniger davon. Eigentlich kein großes Ding, eine Pflanze pro Tag … Es machen nur zu wenige. Allerdings ist der dichte Bestand am Ammerbacher Mittelweg entlang, den ich bisher tapfer ignoriert habe, seit zwei Tagen verschwunden. Da hat sich ein zweiter Fressfeind gefunden. Noch ist Hoffnung.

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Paradies 1.9: Neue Vogelzählung

Am letzten Wochenende hielt der NABU mal wieder seine allgemeine Vogelzählung ab. Im Garten zwitschert es zwar heftig, aber nur in seltenen Fällen lässt man sich auch sehen und zählen. Immerhin konnte ich die zwei Stockenten erfassen, die gelegentlich zwischen dem Feuerlöschteich von Lichtenhain und der Saale pendeln. Man hat ihnen im Bergdorf sogar ein Entenhäuschen aufgestellt.
Ansonsten geht man zum Zählen ins Paradies, den Volkspark an der Saale, bewaffnet mit Notizbuch und Kamera. Letztere braucht man nicht nur, weil der Zoom eine ordentliche Vergrößerung hergibt, sondern auch, um zu Hause in Ruhe zu überlegen, was man da eigentlich gesehen hat. Immerhin 17 Vogelarten tummelten sich. Der Gänsesäger allerdings sägt jetzt woanders.
Dafür gab es einen anderen seltsamen Vogel zu sehen, den ich immer für eine religiöse Kulthandlung hielt: die Gabelweihe, auch unter dem Namen Rotmilan bekannt. Amseln gibt es in nass und trocken, und die Kohlmeise versucht sich im Schwirrflug wie der Kolibri. Vielleicht eine Kolmeise.

(Anklicken, um die Bilder der Galerie in voller Größe zu sehen.)

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