Verdunklungspatriotismus

Über mehrere Jahre habe ich mit Stadtverwaltung und Stadtrat Jenas um eine Reduzierung der Lichtverschmutzung gekämpft. Ursprünglich wollte ich vor allem erreichen, dass die von vielen Bürgern als unangenehm empfundenen neutralweißen LED wenigstens durch warmweiße mit einem geringeren Blau-Anteil ersetzt werden. Allerdings sind die nicht ganz so effizient wie die neutralweißen. Ein Dilemma, das mich nach Einsparmöglichkeiten suchen ließ.
Ich fand heraus, wie völlig unsinnig wir unsere Städte beleuchten. Eins der Bilder, mit denen ich die Verschwendung von Licht erklärte, zeigt den Markplatz, der weit nach Ladenschluss, nämlich kurz vor Mitternacht, noch von strahlenden Schaufenstern und Ladenschildern und relativ nutzloser Fassadenbeleuchtung erhellt wurde. Warum nutzlos? Nun ja, es war kaum noch jemand auf der Straße, der sich hätte dafür interessieren können. Andererseits lagen vermutlich schon viele Anwohner in ihren Betten und versuchten mit Rolleaus und Vorhängen, das überflüssige Licht draußen zu halten.

Jena, Marktplatz, kurz vor Mitternacht: Wir haben’s ja. Äh, wir hatten’s.

Damals warf man mir mehr oder weniger vor, ins Mittelalter zurück zu wollen. Die Lichtstadt könnte unmöglich auf Beleuchtung verzichten, die Sicherheit, und überhaupt. Dass mit Wien (das nach 22 Uhr die Beleuchtung auf die Hälfte reduziert), Rheine (das nachts abschaltet) oder Fulda (das eine Richtlinie erlassen hat, die grelle Schaufenster ausdrücklich verdammt) gar nicht so kleine Städte voran gegangen waren, störte den Stadtrat nicht. Der fühlte sich als Interessenvertreter der Nachtschwärmer, nicht der Kiefern- oder Pappelschwärmer.
Inwzwischen befinden wir uns im Krieg, und so langsam dämmert selbst Politikern, dass wir nicht nur ein Gas- sondern auch ein Stromproblem haben und es im kommenden Winter vorn und hinten nicht reichen wird. Energiesparen ist ein Akt des Patriotismus.

Großzügig unterstützt vom Bundeswirtschaftsministerium, das keine Lösungen, aber warme Worte hat.


Und schau an: An einem der Schaufenster, die ich einst als schlechtes Beispiel markierte, klebt jetzt ein patriotisches Energiesparschild. Sie schalten Abends, wenn es keiner braucht, das Licht aus. Nicht um den Klimawandel zu stoppen. Nicht zum Wohle der Artenvielfalt, die ungestört ihren nächtlichen Geschäften nachgehen kann. Nicht zum Schutze des Nachtschlafes der Stadtbewohner. Auch nicht aus Rücksicht auf die Astronomen. All das war dem Ladeninhaber völlig egal.
Aber wenn wir einen Wirtschaftskrieg gewinnen wollen, dann geht sogar Umweltschutz.

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Bunter Staatensalat

Staatsgrenzen sind reine Willkür. Über Jahrhunderte wurden Ländereien erobert, erheiratet und erschachert – mitsamt Bevölkerung. Sie wurde so wenig gefragt wie Bäume und Gelbbauchunken. Auf Kultur, Sprache und Religion wurde keine Rücksicht genommen. Die Folge sind teils jahrhundertealte ethnische Konflikte.
Das Problem aufzulösen, gibt es ein einziges Mittel, das bisher nicht zu noch mehr Groll und noch mehr Unrecht geführt hat: die Volksbefragung. Sie wird, weil sie so zuverlässig funktioniert, nur selten angewendet.

  • Die Slowakei hat sich per Referendum von der Tschechoslowakei abgespalten. Tschechen und Slowaken leben recht freundschaftlich nebeneinander her, man treibt rege Handel, die Grenze ist durchlässig.
  • Das Elsass hat sich per Volksentscheid für die Zugehörigkeit zu Frankreich entschieden, obwohl die deutsche Geschichte unübersehbar ist und allenthalben Deutsch gesprochen wird.
  • Quebec wird in unregelmäßigen Abständen gefragt, ob es sich von Kanada abspalten möchte – und hat sich bisher immer wieder für den Verbleib entschieden.
  • Die Schotten wurden gefragt und entschieden sich nach der Drohung, ein unabhängiges Schottland könnte nicht in der EU bleiben, für den Verbleib in Gro0britannien – und konnten nicht in der EU bleiben. Seither rumort es am nördlichen Ende des gar nicht so einheitlichen Königreiches wieder.

Interessant ist, wie die westliche Wertegemeinschaft und die deutsche Politik insbesondere auf Abspaltungsbegehren reagiert:

  • Die Ukraine spaltet sich von der Sowjetunion ab – bravo, das Völkergefängnis musste weg. (kein Krieg übrigens, und anfangs verstand man sich)
  • Das Kosovo spaltet sich von Serbien ab – bravo, noch ein Völkergefängnis! Die NATO, auch Deutschland, führt Krieg zugunsten der Sezessionisten, die dankbar und zufrieden zur ethnischen Säuberung und Kirchensprengung übergehen. Das ist in Ordnung für die Wertegemeinschaft; sie schickt Geld und Waffen.
  • Der Donbass spaltet sich von der Ukraine ab – innere Angelegenheit der Ukraine, und wenn sie zu schweren Waffen greift, um die „abtrünnigen Provinzen“ heim ins Reich zu holen, ist das völlig in Ordnung. Tote Donbass-Russen regen keinen auf. Man schickt Geld. Nach Kiew, nicht in den Donbass.
  • Taiwan hat sich de facto von China abgespalten, aber China beharrt auf der rein theoretischen Einheit, und die UNO gibt ihnen Recht. Hier heißt es, China bedrohe Taiwan, und man versichert Taiwan der vollen deutschen Unterstützung. Einem Land, zu dem man nicht einmal diplomatische Beziehungen hat, weil es offiziell nicht existiert.
  • Tschetschenien – Islamisten versuchten, sich von Russland abzuspalten und terrorisierten alle Nicht-Tschetschenen, bis sie aus der Region flohen. Obwohl die meisten Deutschen keine besondere Sympathie für Islamisten hegen, liest man in den letzten Monaten immer wieder, Russland habe Tschetschenien überfallen.
  • Die Katalanen haben, da der Zentralstaat Spanien die Autonomie beschnitt und ein Referendum nicht zugesteht, selbst eins organisiert. Die Organisatoren sitzen, soweit man ihrer habhaft werden konnte, im Gefängnis. Die deutsche Politik meint, das sei eine innerspanische Angelegenheit und arbeitet wirtschaftlich und militärisch mit Spanien zusammen.
  • Die Westsahara wurde 1975 von Marokko annektiert. Zwar verlangt die UNO ein Referendum, aber das scheitert daran, dass Marokko nur verschiedene Grade von Abhängigkeit, aber keinesfalls die Unabhängigkeit akzeptiert. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hat just versichert, man sei da ganz einer Meinung. Man möchte Energierohstoffe aus Marokko, weil man mit Diktaturen, die die Rechte ihrer Nachbarn missachten, keinesfalls zusammenarbeiten kann.
  • Die Kurden, die lediglich auf kultureller Autonomie bestehen und dafür von der Türkei im eigenen Land, Syrien und dem Irak bombardiert werden, hat man für die NATO-Aufnahme Finnlands und Schwedens an Erdogan verkauft. Wen interessieren schon Kurden, wenn es um die Vergrößerung der Wertegemeinschaft geht?

Ob ein Land Völkergefängnis oder Wertepartner ist, leitet sich einzig aus dem Wert des Landes für unsere politischen Interessen ab. Wen interessieren Menschenrechte, Freiheit oder Rechtstaatlichkeit, wenn man keinen Machtgewinn daraus ziehen kann?

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Das wahre Leben: Im tropischen Thüringen

Thüringen lag ehedem in den Tropen, und am Ufer des warmen Meeres tummelten sich die Riesenasseln. Das ist eine Weile her, aber anscheinend ist der Freistaat per Kontinentaldrift wieder auf dem Weg in den sonnigen Süden:

Oder sie interpretieren „Heimat“ etwas großzügiger. Anfang der 90er, als alle im Osten ums Überleben kämpften, hatte eine LPG auf Rügen die schöne Idee, Bananen anzubauen, weil die EU den Anbau von Bananen ausdrücklich fördert. Alle lachten darüber, aber offenbar hatte das Projekt Erfolg. Die erste Ernte liegt bei Netto.

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Montag geht gar nicht

Praktisch täglich werden wir inzwischen mit Energiespartipps zugeschüttet. Energiespar-Duschköpfe (früher: Wasserspar-Duschköpfe), Waschlappen, 3-Minuten-Dusche, mehr Salat essen, bei 16°C nicht frieren … Keiner redet darüber, das Recht auf Reparierbarkeit in ein Gesetz zu gießen. Was wäre, wenn wir Waschmaschinen, Händys, Laptops, Rührgeräte usw. nicht wegwerfen müssten, sondern leicht, preiswert und schnell reparieren könnten? Würden wir am Ende Ressourcen sparen? Auf Kosten der Konzerngewinne?! Um Himmels willen, dann lieber die Armen hungern, frieren und stinken lassen!

Jena, Carl-Zeiss-Promenade. Der schwer lesbare Urheber: das Bundeswirtschaftsministerium


Zur Einordnung: Der HartzIV-Satz wurde heuer von 446 € auf stolze 449 € erhöht, um unglaubliche 0.7 %. Immerhin hat man sich inzwischen entschlossen, die Energiepauschale nicht mit dem Regelsatz zu verrechnen. Zusammen mit einer Entlastungszahlung im ersten Halbjahr kommt man tatsächlich auf eine Anhebung von 10 %. Klingt viel? Die Inflationsrate liegt ja nur bei 7.5 %? Nun ja. Bei Energie sind es 35.7 %, bei Lebensmitteln 14.8 %. Da HartzIV-Empfänger eher selten Möbel, Autos oder Damenhüte kaufen (sowas gehört echt zum Warenkorb …), sind die 7.5 % für sie ein schlechter Witz..
Nun hatte tatsächlich ein Politker der Linken, Sören Pellmann aus Leipzig, die naheliegende Idee, die Bevölkerung zu Protesten aufzurufen. Montags! Der Mann hat mit seinem Direktmandat der Partei den Einzug in den Bundestag gesichert. Was unseren Thüringen-Bodo nicht davon abhielt, ihn sofort abzuwatschen: Montagsdemo geht gar nicht. Zwar haben Linke jahrelang Montags gegen HartzIV demonstriert, aber seit einigen Jahren haben wiederum Rassisten, Reichsbürger und Querschwurbler den Tag gekapert.
Sofort also stürzt sich die woke Schlaumeierbrigade auf Pellmann, weil der Mann am gleichen Wochentag wie die Rechten demonstrieren möchte. Geht gar nicht! Der Tag ist verbrannt! Wie kann man nur?! Pellmann – und vielleicht die ganze Linke – ist ein Nazi!
Es zeigt das grundsätzliche Problem: Es geht fast nur noch um die richtige Form, die angemessenen Bezeichnungen, die kulturell unbedenkliche Frisur, den korrekten Tag – statt um die Armut im Lande. Und wenn die Rechten etwas haben wollen, dann überlässt man es ihnen kampflos. Wenn sie clever wären, würden sie sich jedes Jahr einen neuen Wochentag vornehmen, und innerhalb von sechs Jahren würde ihnen die ganze Woche gehören. Den Montag haben sie ja schon.
Ich habe ehedem für den 20. April und für den 9. November je eine Demonstration unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ angemeldet, um der Stadt die Möglichkeit zu geben, Nazi-Demos an diesem Tag zu verbieten. Da waren sie am 9. November gerade mit Fackel, Sarg und mehr oder weniger uniformiert durch die Stadt gezogen. Der 20. April ist der grausigste Tag für eine Demonstration, aber ich habe es getan, und es hat funktioniert.
Natürlich geht der Montag. Man muss nur wollen.

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Rahmenhandlung: Wutwinter

Seit es keine COVID-Maßnahmen mehr gibt, sucht Jena verzweifelt nach neuen Gründen für pädaggogische Plakate

Deutschland 2022: Die Preise für Energie gehen durch die Decke. Parallel zu den Rekordpreisen an Tankstellen melden Mineralölkonzerne Rekordgewinne – ermöglicht durch den staatlichen „Tankrabatt“ von 3 Mrd. Euro, der verblüffenderweise nicht bei den Pendlern ankommt, sondern bei den Aktionären. Wer hätte das ahnen können?
Derweil steigen täglich die Erwartungen an die Bürger. Inzwischen sollen sie 20 % ihres Energieverbrauches einsparen, und noch ist August. Man möchte sie mit einer Gasumlage zugunsten notleidender Konzerne „motivieren“ zu sparen. Allein dieser Ansatz zeigt, dass man meint, bisher würde fröhlich verschwendet. Natürlich kennt jeder jemanden, der bei offenem Fenster fröhlich heizt. Aber bisher war Energie nicht billig, und die meisten Leute sparen schon. Was heißt: Die 20 % sind ohne Gewalt nicht zu haben.
So, wie es jetzt aussieht, wird man im Winter mindestens das Gas rationieren. Sollten die Leute dann den elektrischen Heizlüfter anwerfen (und warum sollten sie das nicht?), weden die Netze zusammenbrechen. Dann geht nicht nur der Heizlüfter aus, sondern auch das Licht und der Computer, an dem man eigentlich arbeiten wollte/sollte.
Es ist naheliegend, dass die Leute auf die Straße gehen, wenn sie frierend im Dunklen hocken und sonst nichts zu tun haben. Und weil es so naheliegend ist, wird schon mal verbal aufgerüstet. Brandenburgs Verfassungsschutzchef Jörg Müller hat das Schlagwort dazu geliefert: „Extremisten träumen von einem deutschen Wutwinter.“
Damit ist der Rahmen abgesteckt. Wer gegen eine Politik protestiert, die ihn frieren und im Falle der Sozialleistungsbezieher auch hungern lässt, der ist ein Wutbürger und Extremist, vorzugsweise ein rechter. (Dass man über Linksextremisten gar nicht erst schwadroniert, zeigt nur, wie erbärmlich harmlos linke Politik derzeit ist). Protest ist böse.
Dass es vielleicht einen Grund geben könnte, unzufrieden zu sein, muss dann nicht mehr in Betracht gezogen werden. Man muss nicht darüber reden, die exorbitanten Gewinne mit einer Übergewinnsteuer einzudämmen oder doch vielleicht die Vermögenssteuer wieder einzuführen oder, ganz schrecklich, die Erben gigantischer Vermögen ordentlich zu besteuern, während man das 9-Euro-Ticket als Ausdruck von „Gratismentalität“ verdammt.
Der Protest, der noch gar nicht angefangen hat, ist bereits öffentlich delegitimiert.

Anmerkung 1: Framing, deutsch „Einrahmen“ ist eine Propagandatechnik, mit der man Vorgänge in Zusammenhänge stellt – in die sie meist nicht gehören.
Anmerkung 2: Jena hat ein eigenes Paradies. Der Volkspark Paradies ist im Sommer dicht belagert, seit COVID ersetzt es wochenends drei bis vier Diskos.

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Notfallblog: Pandemie? Welche Pandemie?

Sicher, ich hätte vorsichtiger sein können. Weiter viel Abstand halten, nicht im Tearoom essen, sondern auf der Parkbank, mit Maske einkaufen. Aber was soll weitab vom Schuss, im schottischen Hochland, schon passieren? Was außer einer COVID-Infektion?
Und da war sie: Feuer im Rachen, ein Wasserfall aus der Nase und Hustenanfälle, gegen die Vulkanausbrüche ein Witz sind. Einfach so nach Hause fahren, ist auf einer Insel beliebig schwierig – zumal die Fähren ausgebucht waren. Also viel in der freien Natur herumschlurfen, leichte Spaziergänge, und möglichst wenig Kontakt zur Menschheit.
Nach einer Woche wieder zu Hause, und der Schnelltest noch positiv. Die Website des Gesundheitsamtes verwies mich an den Hausarzt, sollte ich Symptome haben. Ja, Symptome hatte ich reichlich.
Die Ärztin: „Also meinetwegen müssen wir jetzt keinen PCR-Test machen.“
„Aber ich brauche doch eine Bescheinigung für die Arbeit, ich kann doch nicht …“
„Ich kann Sie aufgrund der Symptome krank schreiben.“
„Dann komme ich zum Freitesten wieder?“
„Das brauchen Sie nicht. Sie müssen sich nur fünf Tage absondern, und da die Symptome vor einer Woche angefangen haben, haben Sie das jetzt hinter sich. Aber vielleicht sollten Sie nicht unter Leute gehen.“
„Äh, ja, natürlich nicht. Muss ich das jetzt dem Gesundheitsamt melden?“
„Nein, das brauchen Sie nicht.“
Das war’s. Ich hustete und schnupfte, aber im Grunde hätte ich mich fröhlich ins Getümmel stürzen können, statt mich zu Hause vor dem Computer einzumauern. Heute liegt die Inzidenz bei 381, und ich wundere mich nicht mehr, warum sie trotz Sommer nicht zurück geht. 171 Menschen sind an COVID gestorben. Keiner redet mehr darüber.
Am Wochenende ist eine ganzseitige Anzeige des Gesundheitsministeriums in der Werbezeitung, in der man der uninteressierten Menschheit erklärt, dass die Pandemie nicht vorbei ist. War offensichtlich billiger, als weiter Tests zu bezahlen oder das Recht auf Homeoffice zu verlängern oder sonst irgendeine Maßnahme zu ergreifen.

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Und Montags heiße ich Achim

Seit die Regierungsparteien ihr „Selbstbestimmungsgesetz“ vorgestellt haben, kochen überall die Emotionen. Bedenken haben es schwer, werden meist geradewegs in die rechte hintere Ecke gestellt werden. Soll man Menschen schikanieren, die überzeugt sind, dem anderen Geschlecht zuzugehören, egal wie ihr Körper aussieht? Natürlich nicht. Allerdings ist es nicht so einfach. Gesetze, in denen für Männer und Frauen verschiedene Regelungen gelten, beziehen sich ganz eindeutig auf körperliche Unterschiede, nicht auf mentale. Der Geschlechtsdimorphismus beim Menschen ist eher gering, aber Frauen sind im Durchschnitt kleiner, leichter und selbst bei gleicher Größe weniger muskulös als Männer. Deshalb gibt es im Arbeitsschutz unterschiedliche Grenzwerte, die im Extremfall Mutterschutz enden. Wie soll man diese Regelungen einhalten, wenn das biologische Geschlecht gar nicht erst bekannt ist?
Mir bildet sich ein Knoten im Gehirn, wenn Menschen zwar überzeugt sind, im falschen Körper geboren zu sein, dann aber Namen und Kleidung ändern, nicht aber ihren Körper – was bei etlichen Transaktivisten in der Belehrung gipfelt, dass Männer natürlich Kinder gebären können!!! Wäre es nicht so offensichtlich absurd, würde ich sagen, sie seien in der falschen Kleidung geboren. Was sich albern anhört, aber einen ernsten Kern hat.
Wie das Ärzteblatt vermeldete, hat sich die Zahl transsexueller Kinder in den letzten zehn Jahren verfünffacht. Während bei Erwachsenen seit Jahrzehnten mehr Männer als Frauen transsexuell sind, ist es bei Jugendlichen umgekehrt. Da machen Mädchen drei Viertel der sich im falschen Körper Fühlenden aus.
An dieser Stelle kam ich ins Denken. Die Pubertät ist zweifellos eine Zeit großer und kleiner Katastrophen und für einen Großteil der Betroffenen traumatisch. Als Mädchen sieht man sich mit unerfüllbaren Idealen konfrontiert, sobald man mit elf, zwölf Jahren zum ersten Mal blutet. Der öffentliche Raum ist voll von Vorbildern mit perfekten Körpern – während man selbst unkontrolliert wächst, keine nennenswerten Brüste hat, dafür aber das Gesicht voller Pickel (und jeden Monat aufs Neue grauenvolle Krämpfe). Ich vermute, dass es auch Jungen nicht ganz einfach haben, aber Mädchen trifft es früher. Ich kann verstehen, dass man in dieser Situation versucht, aus dem Rollenklischee zu flüchten.
Seltsamerweise spielen diese Klischees in der Debatte aber überhaupt keine Rolle. Ich bin ein Paradebeispiel für den Konflikt zwischen Rollenklischee und Selbstbild. Ich habe Physik studiert, bin Kampfsportler, Pirat und schreibe Science Fiction – alles absolut männliche Domänen. Mit 16 erfand ich mein erstes männliches Pseudonym. Achim war ein Deckmantel, um anders zu sein, wenigstens in meinem Texten. Hätte mich damals jemand gefragt, ob ich lieber ein Junge sein würde, ich hätte vermutlich ja gesagt.
Ich glaube, was wir wirklich brauchen, ist ein radikaler Kampf gegen die Klischees. Gegen rosa Osterhasen und hellblaue Osterhasen, gegen Ecken mit Mädchen-Spielzeug und andere Ecken mit Jungen-Spielzeug, gegen geschlechterspezifische Benimmregeln. Jeder, der einen Satz mit: „Wie kann man als Mädchen …“ oder „Aber ein Junge macht …“ anfängt, sollte am Rathaus an den Pranger gestellt werden. Mit einem Schild um den Hals: „Ich sorge dafür, dass sich Kinder und Jugendliche in ihrem Körper fremd fühlen“. Und ja, man sollte ihn/sie mit faulen Tomaten bewerfen. Klingt brutal, ist aber harmlos gegenüber dem, was diese Leute Kiindern antun.
Vielleicht sollten wir jedem mit zwölf oder vierzehn Jahren die Möglichkeit geben, sich ein halbes Dutzend Namen für alle Gelegenheiten zuzulegen. Oder einen für jeden Tag der Woche. Vielleicht sollten wir uns von der seltsamen Meinung trennen, Kleidungsstücke hätten ein Geschlecht. Die Menschheit hat gelernt, sich mit Frauen in Hosen abzufinden, und die Schotten sehen in etwas, das man gender-inkorrekt für einen Rock halten könnte, ziemlich cool aus. Vielleicht sollten wir aufhören, Berufe in Frauen- und Männerberufe zu teilen.

Das Faszinierende an der Lochaber School Pipe Band – sie ist gemischtgeschlechtlich. Männlich? Weiblich? Egal, solange der Ton stimmt.

Auf jeden Fall sollten wir aufhören, so zu tun, als sei das Geschlecht eines Menschen eine Art Supereigenschaft, die sein ganzes weiteres Leben bestimmt. Dann gäbe es vermutlich weniger junge Menschen, die panisch versuchen, ihre Vorstellung von Leben zu retten, indem sie ihr Geschlecht aufgeben.

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Das tote Pferd

Wenn du bemerkst, dass du auf einem toten Pferd sitzt, steig ab.

Es ist nicht geklärt, ob die Dakota wirklich ein Sprichtwort dieses Inhalts haben, aber wo immer irgendetwas gemanagt wird, wird das tote Pferd früher oder später erwähnt. Geklärt ist hingegen, dass Außenministerin Annalena Baerbock im Februar verkündete, die beschlossenen Sanktionen würden „Russland ruinieren“.
Das ist nicht eingetroffen. Russland verkauft weniger Gas und Öl als vor dem Krieg, aber da die Preise durch die Decke gegangen sind, nimmt es mehr Geld ein als vor dem Krieg. Von der Preissteigerung profitieren auch Menschenrechtshochburgen wie Katar, Saudi-Arabien oder die USA. Letztere kommen vor Lachen nicht in den Schlaf, weil sie endlich ihr teures und doppelt umweltschädliches Frackinggas nach Europa verkaufen können – auf Initiative grüner Minister.
Der Ruin Russlands ist ausgeblieben. Das Sanktionspferd ist so tot, dass eigentlich nur noch die Knochen übrig sind, aber das hält unsere Regierung nicht davon ab, es weiter zu reiten.
Tatsächlich ist man damit gerade dabei, eine Volkswirtschaft zu ruinieren: die deutsche. Die Inflation lag im Juni bei 6.9 %, Tendenz steil steigend. Kein Mensch weiß, ob wir im Winter Gas und Öl haben werden. Die Raffinerie in Schwedt – mit russischem Mehrheitseigner – steht vor dem Aus und mit ihr die Ölversorgung in großen Teilen des deutschen Ostens. Aber wen interessiert schon Ostdeutschland?
Die Lage ist so prekär, dass nicht nur Sozialverbände und Gewerkschaften bei der Regierung vorstellig werden, sondern auch immer mehr Lobbyverbände aus der Industrie. Vonovia beschließt, seinen Mietern von 22 bis 6 Uhr die Heizung runter zu drehen, ohne nach Schichtplänen zu fragen. Hamburg erwägt, Warmwasser zu rationieren. Der Kreis Ludwigsburg denkt über Wärmehallen nach, damit Arme im nächsten Winter nicht erfrieren. Noch sieht es so aus, als könnte man sich eine erträgliche Raumtemperatur mit mehr Geld kaufen, aber wenn der Industrie das Gas ausgeht, wird man es der Bevölkerung rationieren. Das dementiert man nicht mal mehr.
Schon jetzt überschlagen sich alle mit Ratschlägen. Der mdr stellt fest, Privathaushalte könnten viel leichter Energie sparen als die Industrie. Die Lebensmittelindustrie brauche Gas beispielsweise zum Kochen, Dünsten und Braten. Wie gut, dass man zu Hause nicht kochen muss! Salat und Müsli reichen doch! Es tobt ein Unterbietungswettbewerb. Peter Hauk (CDU), Landwirtschaftsminister von BaWü, findet 15°C völlig in Ordnung. Mit einem Pullover stürbe man daran nicht.

Das Bild ist authentisch. Die hier mitlesende Inge giff zur Kamera.

Ich weiß, wovon er redet. Im ersten Studienjahr fiel im Wohnheim die Heizung aus, die Temperatur sackte auf ebenjene 15°C. Wir führten Protokoll und zeichneten Messkurven. Vor allem aber froren wir 24 Stunden am Tag (es war vorlesungsfreie Zeit, und wir paukten für die Matheprüfung). Wir hielten uns mit Unmengen von Tee und heißem Pudding einigermaßen am Leben. Auf solchen Luxus wird man im nächsten Winter verzichten müssen, denn wer mit Gas kocht, lässt den Ofen besser kalt. Und alle anderen auch – zum Wohle der Industrie. Wir heizten damals mit Sport – eine Viertelstunde mit drei Personen erwärmte den Raum tatsächlich um ein Kelvin. Auf diesen Ratschlag warte ich noch.
Eigentlich kann man nur noch hoffen, dass die Erderwärmung uns einen warmen Winter beschert …

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Alba: Cac (Kacke)

In unregelmäßigen Abständen kocht die Empörung in Sachen öffentlicher Daseinsentsorgung hoch. Die Lieblingsthemen des äußeren rechten Randes: Unisex-Toiletten und die Bereitstellung von Tampons oder Binden auf Toiletten für Frauen. Zu ersterem hat die AfD im Thüringer Landtag allen Ernstes eine Anfrage eingebracht (Kosten für die Einrichtung einer Unisex-Toilette an der Jenaer Uni – übrigens etwa 30 €), bei letzterem erklären reihenweise Männer, dass sie sich schließlich rasieren müssen und Frauen sich auf sowas doch vorbereiten könnten. Wer kennt das nicht – plötzlich und unerwartet stellt man einen heftigen Bartwuchs fest, der sofort beseitigt werden muss, ehe Schlimmeres passiert …


In anderen Ländern sieht man das entspannter. In einem Supermarkt im schottischen Fort William (das korrekterweise An Gearasdan heißt) gibt es nicht nur Kundentoiletten, deren Benutzung selbstverständlich kostenlos ist, sie weisen auch freundlich darauf hin, dass man auf Anfrage kostenlose sanitäre Produkte bekommt. Wer auch immer die ominöse Sandy ist. Dabei könnte man in einem Supermarkt die Tampons sogar kaufen. Und trotzdem tun sie das. Die als geizig verschrieenen Schotten.

In einem Café in der Kleinstadt Forres stand das Zeug sogar einfach auf der Toilette herum. Nein, sie werden nicht gestohlen, ebensowenig wie normale Leute Klopapierrollen im Restaurant stehlen. Aber in Deutschland hört es sich immer an, als würde das Land unweigerlich in den Ruin getrieben, gäbe es auf öffentlichen Toiletten nicht nur Papier, sondern auch Binden.


In Sachen Geschlechtertrennung hat man in New Galloway eine neue kreative Variante gefunden. Das kann dann schon mal schwierig werden, wenn man nicht genau hinsieht oder den Slang der Highlander nicht drauf hat …

Ich mag sie, die Schotten. Ach so – „Alba“ ist die gälische Bezeichnung für Schottland

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Alles außer Gleise

Aus unerfindlichen Gründen ist es zu Himmelfahrt notwendig, in Herden durch die Gegend zu ziehen und zu viel Bier zu trinken. Eher kein Tag, an dem man im Jenaer Paradies sein sollte, insbesondere nicht, wenn man weiblich und/oder nüchtern ist.
Aber es gibt Alternativen, zum Beispiel das Gleistal zwischen Jenalöbnitz und Löberschütz.Darüber liegt der Große Gleisberg – dachte ich zumindest, bis ich oben war und am Aussichtspunkt einen Pfeil in Richtung Großer Gleisberg fand. Tatsächlich stand ich auf dem Alten Gleisberg. Mutmaßlich gibt es auch einen Neuen Gleisberg, was mich ein wenig zum Grübeln brachte, weil Ostthüringen tektonisch erfreulich langweilig ist. Die Berge sind – alle! – um die 200 Millionen Jahre alt.
Jedenfalls ist der Alte Gleisberg ein Landschaftsschutzgebiet mit – tata! – Kalkmagerrasen und einer geradezu überwältigenden Artenvielfalt. Die Beschilderung des Weges ist zufällig, manchmal weiß-grün, manchmal weiß-gelb und meistens gar nicht. Auf der Löberschützer Seite kann man froh sein, wenn man im Sternbild der Bergziege geboren wurde, weil der Weg mehr so ein Wildwechsel ist. Nichts für Spaziergang im Sonntagsstaat.
Der häusliche Gefährte meinte auf der Hälfte des Weges, ich sollte statt Schmetterlingen lieber Setzlinge fotografieren, weil man damit weniger Stress hat, und deshalb gibt es erst einmal Flora.
Auf dem Gleisberg wachsen mindestens drei Arten von Orchideen (Wikipedia führt zwei andere Arten an, die ich nicht gesehen habe). Außerdem findet man erstaunlicherweise Pfingstrosen inmitten der Glatthafer-Wiesen. Da man Pfingstrosen im Tal auch anbaut, hat man sie wohl mit Gartenabfällen verschleppt. Eigentlich sind sie weiter südlich zu Hause, aber anscheinend fühlen sie sich wohl in Thüringen. Auch Deutsche Schwertlilien stehen auf den Wiesen. Die hat man im Mittelalter um Burgen gepflanzt, weil man hoffte, sie könnten Feinde abwehren. Wenn man den Zustand der Saale-Burgen so sieht, sollte man sich lieber nicht auf floralen Beistand verlassen..
Besonders beliebt waren heute die Blüten der Esparsette, einer Klee-Art. Die Steinhummeln umschwärmten die rosa Kegel begeistert. Aber auch sonst summte, brummte und flatterte es.
Bewohnt war der Gleisberg übrigens schon vor 2500 Jahren. Man buddelt regelmäßig in der Erde und fördert den Müll unserer Vorfahren zutage. Was es hingegen weder im Gleistal noch auf einem der Gleisberge gibt, sind Gleise.

WordPress hat mich gerade damit überrascht, dass es die Galerie namens „gekacheltes Mosaik“ nicht mehr gibt – ebensowenig wie das fröhliche Herumschieben, bis alles gut aussieht. Ich hoffe, wenigstens das mit dem Anklicken eines Fotos funktioniert noch – dann sollte die Galerie in voller Größe geöffnet werden …

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