Heilige Tugenden

Jeronimo_Gemetzel

San Jerónimo, Granada

Wenn es Gott 24 Stunden am Tag regnen lässt, hat es auch der Atheist nicht leicht. Gefühlt die Hälfte aller Sehenswürdigkeiten Europas sind Kirchen, Klöster und Kapellen. Es lässt sich kaum vermeiden, bei einer derartigen Konfrontation mit Heiligkeit auf Ideen zu kommen. Etwa in den Klöstern Granadas. Die oberste Tugend der Mönche, so scheint es, war es, Visionen zu haben und sich niedermetzeln zu lassen. Die Bösen waren die Mauren, die Hugenotten und die Ungläubigen insgesamt, gelegentlich auch ein höllisches Monster. Es gibt zahllose, sehr drastische Bilder davon.

 

 

 

 

KathaeuserAxt

Karthäuser-Kloster, Granada

Mit dem rechten Glauben bewaffnet, kann man auch mit einer Axt im Schädel noch salbungsvoll dreinschauen. Blut fließt natürlich nicht. Das würde die Gewänder besudeln. Die Zombie-Apokalypse auf katholisch …
Und ja, man hat den rechtgläubigen Christen böse mitgespielt. Waren ja bekanntlich alle äußerst friedfertige Leute.

 

 

 

Heilige1

Karthäuser-Kloster, Granada

Es sei denn, sie hatten es mit diesen widerlichen Gottesleugnern und Feinden des rechten Glaubens zu tun. Da kann man schon mal grundsätzlich werden beim Schutze der Tugend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heilige2

San Jerónimo, Granada

Auch diese beiden entzückenden Wesen, die da so huldvoll die Hände über einen vermutlich christlichen Bau halten, scheinen den losen Kopf zu ihren Füßen vor lauter Anmut gar nicht zu bemerken.

 

 

 

 

 

 

 
Da bleibt einem nur noch, die gute alte Bibel zu zitieren:
Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!
Matthäus 7/5

Dann wäre da noch San Juan de Dios. Der widmete sich der Pflege von Alten und Kranken. Als das königliche Krankenhaus brannte, trug er die Leute eigenhändig hinaus. Er selbst kam, so will es die Legende, unbeschadet davon. Sein Krankenhaus in Granada, fast 500 Jahre alt, verfällt so langsam. Das Projekt der Restaurierung scheiterte anscheinend an der Wirtschaftskrise. Seine Knochen werden als Reliquien eifersüchtig gehütet und nicht etwa begraben.

SanJuanDios.jpg

 

 

 

Veröffentlicht unter Das Universum & der Rest | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Unter Piraten 6.0: Die Achse des Bösen vs. Westhausen

… kommt jetzt ein bisschen spät, aber manchmal ist es so …

Piraten_S50

„Wir  rechneten, wir fürchteten … wir freuen uns, dass so viele da sind“, beginnt der Vorsitzende seine Parteitagseröffnung. Das beschreibt den Zustand der Thüringer Piraten ziemlich zutreffend. Als ich 2012 zum ersten Mal einen Piraten-Parteitag sah, war ungefähr das Fünffache an Leuten da. Aber die, die 2016 in Erfurt in der Alten Parteischule in einem heruntergewirtschafteten Hörsaal hocken, sind allesamt wild entschlossen, Politik zu machen. Viele sitzen irgendwo in Kommunalparlamenten. Es sind 26, als es zur ersten Abstimmung kommt. „Endlich wieder normale Leute“, heißt es.
Es geht ausschließlich um Inhalte, Programmanträge und Positionspapiere. Im allerersten geht es darum, dass noch auf dem Parteitag Anträge geändert werden dürfen. Ich bin aus grundsätzlichen Gründen dagegen, aber tatsächlich hat niemand nach Lektüre  der Anträge entschieden, ob er zum Parteitag kommt oder nicht, wie ein Stimmungsbild zeigt. Fortan mache ich ausschweifend Gebrauch von der neuen Möglichkeit. Denn viele Anträge sind gut gemeint – und das ist bekanntlich das Gegenteil von gut. Ich bin schon froh, wenn bloß ein Komma fehlt.
Neben unseren eigenen Ergüssen gibt es noch vier Vorträge von der Außenwelt. Die AG Strategie in Form von Ron und Thomas aus München erklärt, wie wir uns verkaufen sollen: „Wenn wir selber nicht wissen, worin wir uns von anderen Parteien unterscheiden, dann können wir es auch den Wählern nicht erklären.“ Stimmt. Ich sage immer: Wir nehmen das mit der Bürgerbeteiligung wirklich ernst. Die Jungs aus Bayern sind witzig, übersehen aber, dass wir fast alle Kommunalpolitik machen. Mit digitaler Agenda kann man da keinen Blumentopf gewinnen, und ohne Vollprogramm von Kita bis Kleingarten geht gar nichts.
Die Gleichstellungsbeauftragte von Thüringen, Katrin Christ-Eisenwinder, bringt eine Menge Gemeinplätze und zwei Ü-Eier mit. Der Ü-Ei-Test geht in meinen Augen nach hinten los, denn der König der Löwen nebst Kronprinz im genderneutralen Ei ist nicht unniedlicher oder bastelintensiver als das gelbe Tier im rosa Mädchen-Ei. Sie meint, Sprache hätte einen Auswirkung auf die gesellschaftliche Realität, also das Bewusstsein bestimme das Sein. Hm, vielleicht mal Marx lesen?
Stephan Kramer, neuer Chef des Verfassungsschutzes, ist erstaunlich sympathisch. Er beginnt durchaus liebevoll mit einem Loblied auf die Piraten. Auch spricht er nicht von „linker Gewalt“, sondern von „autonomer Gewalt“, bei der es vor allem um das „Bürgerkriegserlebnis“ ginge. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Außerdem sei dieser Komplex weit abgeschlagen hinter rechter Gewalt und potentieller islamistischer Gewalt. Die AfD findet er sichtlich unsympathisch, aber: „Abstruse Meinungen zu vertreten ist keine Frage für den Verfassungsschutz.“ Insgesamt ist er bescheiden, entschuldigt sich für die Scheiße, die man in Sachen NSU angerichtet hat, und gibt sich viel Mühe, uns von seiner urdemokratischen Überzeugung zu überzeugen. Fast könnte man zu der Überzeugung gelangen, so schlimm sei der VS gar nicht.
Richtig schlimm ist dagegen Matthias Hey, nach eigener Aussage “ Vorsitzender nicht der größten, sondern der sympathischsten Fraktion im Thüringer Landtag.“ Damit meint er die SPD. Er versucht, uns die Gebietsreform nahezubringen. Dazu gibt er sich Mühe, die Thüringer als ein Volk von verschrobenen, kleingeistigen Bergbewohnern darzustellen. Dass jemand ein Volksbegehren gegen die Reform startet, findet er unsäglich provinziell und spießíg. Obwohl ich selbst bislang keine gesicherte Meinung habe, würde ich für die Zulassung des Begehrens unterschreiben. Weil es unser verdammtes demokratisches Recht ist. Heys Argumentation läuft dann darauf hinaus, dass
a) alle anderen Länder schon Gebietsreformen gemacht hätten, nur die schnarchigen Thüringer nicht
b) sich irgendwann in zehn Jahren bestimmt eine nicht bezifferbare Einsparung ergeben würde
c) es nicht gut aussähe, würde man jetzt zurückrudern, nur weil es dem Volk nicht passt.
Durchregieren als Tugend. Festnageln lässt er sich auf nichts, und ob die letzte Kreisreform in Thüringen oder die zwei Reformen in Sachsen irgendeine nachweisbare Einsparung gebracht haben – weiß er offenbar nicht. Meine diesbezügliche Frage beantwortet er sehr wortreich nicht. In diesem Fall bin ich schon fast dagegen, weil ein derartiger Charakter dafür ist.
Die Piraten sind sich in dieser Frage herzhaft uneins. Da ist einerseits Bernd aus Westhausen hinterm Berg, und da sind andererseits die Städter von der „Achse des Bösen“. Aus Westhausen und Gotha gibt es höchst widersprüchliche Positionspapiere zum Thema, auf den ersten Blick unvereinbar. Aber es gelingt uns mit Hilfe von Beschluss #1, alle so zurechtzuschneiden, dass zustimmungsfähige Texte herauskommen. Kommunale Selbstverwaltung stärken, Bürokratie bürgerfreundlich ins Internet verlagern, vereinheitlichte Datensysteme … Funktioniert alles unabhängig vom Verlauf der Kreisgrenzen. Es ist die Quadratur des Kreises, und sie funktioniert, ohne dass einer aus Parteidisziplin seine Meinung verbiegt. Das verblüfft mich an den Piraten immer wieder.
Obwohl sich viele Sorgen um die Zukunft der Partei machen, scheint es unmöglich, dass ein derart pragmatisches Team unter die Räder kommen sollte. Wir werden sehen.

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar

Minarette verbieten?

Es sind die seltsamsten Dinge, mit denen man zuweilen das Volk in Bewegung versetzen kann. Derzeit scheint ein Minarett-Verbot in Deutschland durchaus mehrheitsfähig. Die Schweizer haben eine derartige Initiative angenommen – obwohl es in der Schweiz gerade einmal 4 Minarette gab. Da muss man um die kulturelle Identität schon fürchten.
Hätte sich das mit den Minaretten schon vor einigen Jahrhunderten in Europa durchgesetzt, dann müsste das spanische Sevilla beispielsweise auf diese Sehenswürdigkeit verzichten – vermutlich die am meisten fotografierte:

Giralda

La Giralda, Sevilla, Spanien

Die Spitze des ehemaligen Minaretts, das heute ein Glockenturm ist, ziert übrigens ein Sinnbild für den christlichen Glauben – eine Wetterfahne. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Wetterfahne_Giralda

Veröffentlicht unter Das Universum & der Rest | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Ungeklärte Phänomene: Chinesische Hotelzimmer

ChinaKloIch weiß ja nicht, was ihr auf dem Klo so treibt. Zeitung lesen erfreut sich in Deutschland einiger Beliebtheit. Aber Telefonieren? Fakt ist, in keinem chinesischen Hotelzimmer fehlt das Telefon gleich neben der Kloschüssel. Wenn das Papier alle sein sollte, dann kann man immerhin sofort den Zimmerservice anrufen.

Veröffentlicht unter Das Universum & der Rest | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

Wer Augen hat zu sehen

Die einheimische Natur ist nach Meinung der Verfasser des neuen Jenaer Stadtbaumkonzeptes einfach zu langweilig.

„Nach Analysen von KIERMEIER (1990) blühen allerdings 90% der einheimischen Gehölzarten von April bis Mitte Juni, haben etwa ein Drittel unscheinbare Blüten und fast die Hälfte unscheinbare Früchte, kommen bestimmte Farben bei Blütenkrone (zum Beispiel orange, blau) oder Frucht (zum Beispiel weiß, orange) nur sehr selten vor. Soll auf die Wünsche nach blühenden Gehölzen im Sommer und Herbst, attraktiven Blüten oder Fruchtschmuck und bestimmten Farben eingegangen werden, dann muss man auch auf nichtheimische Arten zurückgreifen.“

Sie ist nicht bunt genug, hat keine blauen Blüten und keine weißen Früchte. Wenn die in China orangefarbene Blüten an Bäumen haben, dann geht es nicht an, dass Deutschland hinterherhinkt und sich mit weiß und rosa bescheidet. Außerdem blüht das ganze deutsche Gebäum zur gleichen Zeit. Das hat sich über Jahrtausende bewährt – wegen dieser seltsamen Einrichtung, die wir Jahreszeiten nennen. Aber ist das ein Grund?
Dann liest man freilich noch Folgendes:

„In diesen, hauptsächlich zum Wohnen genutzten, Stadtgebieten finden Bäume mit Blüh- und Herbstaspekten, welche die Jahreszeiten erlebbar werden lassen, bevorzugten Gebrauch.“

Jahreszeiten erlebbar werden lassen … Darauf muss man erst einmal kommen. Die Leute haben bisher gar nicht mitbekommen, dass die Bäume im Winter kahl sind, im Frühjahr blühen, im Sommer satt grüne Blätter entwickeln, die im Herbst bunt werden. „Herbstaspekte“? Gibt es einen einzigen deutschen Laubbaum, der sich im Herbst nicht verfärbt? Und wie steigert es eigentlich die Erlebbarkeit der Jahreszeiten, wenn Bäume künftig bis in den Spätsommer hinein blühen sollen? Heißt das als erweiterter Frühling dann Frühherbst? Oder Spätling?
Mit diesem in sich unlogischen Geschwurbel wird begründet, warum in Jenas Wohngebieten mit Schnee-Felsenbirne, Kupfer-Felsenbirne, Schmalblättriger Ölweide, Amerikanischer Gleditschie, Gemeiner Robinie und Sachalin-Korkbaum als invasiv bekannte Baumarten angepflanzt werden sollen. Der Korkbaum ist dabei mein Liebling, denn das Konzept stuft ihn selbst ein mit „Als Straßenbaum ungeeignet“. Um anschließend zu erklären, dass man auf die Neophyten nicht verzichten kann, weil man sonst nicht genügend Straßenbäume hätte.

Auch die Natur steht neuerdings im Wettbewerb der Globalisierung. Wer nicht in der Lage ist, die Schönheit der einheimischen Pflanzen zu sehen, der wird nicht etwa aufgeklärt – der bekommt eine Disney-Version von Natur.

Für alle, bei denen noch Hoffnung ist, hier ein paar Beispiele mit Blüh- und Herbstaspekten (irgendeins anklicken, um die Galerie zu öffnen):

Veröffentlicht unter Biotope, Jena | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Das wahre Leben: Chinesisches Abendessen

… oder was man sich im Traume nicht vorstellen könnte

„Das sind Erdnüsse!“
„Ja, ich weiß. Die sind gut, aber auch furchtbar kompliziert, weil sie rund sind.“
„Isst du keine runden Dinge?“
„????? … äh, ich esse normalerweise nicht mit Stäbchen.“
„????? … oh.“

Wie ich danach feststellte, komme ich inzwischen auch mit runden chinesischen Dingen klar, nur irgendwelche Glibberwürfel aus Reismehl sind nach wie vor ein Problem – aber das ist nasse Seife auf Fliesen auch.

Veröffentlicht unter Das Universum & der Rest, Uncategorized | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Weich im Moospolster eingebettet

Mahonie

Auch die Mahonie zeigt in Thüringen invasive Neigungen

Anfang 2014 fragte die grüne Thüringer Landtagsabgeordnete Jennifer Schubert den CDU-Umweltminister nach invasiven Pflanzen, etwa wie man die Gefahr der Ausbreitung in die freie Natur einschätze oder welche Kostenentwicklung für die Bekämpfung man erwarte. Kluge Fragen. Die Grünen waren damals noch Opposition.
2015 und eine Regierungsbeteiligung später zeichnet Anja Siegesmund (Grüne), inzwischen Umweltministerin, ein noch nicht existierendes Stadtbaumkonzept des Thüringer Institutes für Nachhaltigkeit und Klimaschutz (ThINK) mit dem Thüringer Umweltpreis aus. Macht 5.000 € und die Referenz, dass es ja gut sein muss, weil es ausgezeichnet wurde. Mehrere Mitarbeiter des privaten ThINK sind auch Mitglieder im Kreisverband Jena der Grünen. Mit ausgezeichnet wird die Pflanzempfehlung für allgemein als invasiv bekannte Arten wie Gemeine Robinie, Rot-Esche, Amerikanische Gleditschie oder Rot-Eiche. Die Robinie kam bei Schubert noch als Negativbeispiel vor. Mein Liebling im Konzept ist allerdings der Sachalin-Korkbaum, eingestuft mit „als Straßenbaum ungeeignet“. Er wird deshalb für größere Freiräume wie in den Eigenheimsiedlungen Fuchslöcher und Himmelreich vorgeschlagen – in nächster Nähe zur freien Natur. Auch er ist invasiv. Gute Startbedingungen.
Dabei wird immer wieder behauptet, auf invasive Arten könnte man unmöglich verzichten, weil sie die einzigen seien, die in hoch versiegelten, überhitzten und trockenen Innenstadtbereichen überleben könnten, auf dem Eichplatz zum Beispiel. Dort wachsen jede Menge Ahornblättrige Platanen, wie man sie auch in Südfrankreich an jedem Straßenrand findet, unter anderem auf der urbanen Hitzeinsel Marseille. Da ist es tatsächlich wärmer und trockener als bei uns, und die Platanen überstehen das. Warum müssen wir dann im Himmelreich Sachalin-Korkbäume auf die grüne Wiese pflanzen? Weil die Rathausgasse zu stark versiegelt ist?
Die Spezialisten des ThINK können sich auf die Unterstützung des Stadtentwicklungsdezernenten (Grüner) und der CDU/SPD/Grüne-Koalition verlassen. Die Abweichler aus CDU und SPD hat man inzwischen auf Kurs gebracht, damit sie nicht doch noch dem Piraten-Antrag zum Verzicht auf invasive Arten zustimmen. Sie verkündeten nach der Abstimmung, „zerrissen“ zu sein. Die Grünen muss keiner auf Kurs bringen: Stadtrat Heiko Knopf (Grüne) lobt überschwänglich die tolle Arbeit von Projektleiter Daniel Knopf (ThINK). Ist sicher nur ein Zufall, denn verwandt können die unmöglich sein. Da würde man sich ja schämen.
Nein, in Jena haben wir keinen Filz. Wir haben ein Moospolster. Das ist an sich zwar nicht invasiv, aber doch eine Bedrohung für die Jenaer Ökosysteme.

Veröffentlicht unter Biotope, Jena, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 4 Kommentare