BTW2021.7: Die Alten sind schuld!

Seit Wahlkampf ist, vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Honk einen Aufruf startet, man möge doch seinen Großeltern ins Gewissen reden, damit sie endlich Grüne wählen. Es nervt. Es nervt so sehr, dass ich mich frage, warum ich nicht auf die Zukunft pfeife, die ich nicht erleben werde, und stattdessen FDP wähle, die mir am meisten Steuererleichterung verspricht.
Einen letzten Höhepunkt erreichte der Unfug mit der Altersverteilung der Wahlberechtigten, die die Tagesthemen in die Welt posaunten:

Diese Statistik gehört geradewegs in die Rubrik „mit der Wahrheit lügen“. Wenn man sich die Alterskategorien genau ansieht, stellt man fest, dass die unterste genau 4 Jahre, die nächste 7 Jahre, die drei folgenden 10 Jahre und die letzte aus unerfindlichen Gründen ungefähr 30 Jahre umfassen. Damit visualisiert man die angebliche Übermacht der Alten und überzeugt prompt die schlichteren Gemüter.
„Fast 40 Prozent“ sind im Rentenalter? Weil 38.3 % über 60 sind? Irgendwie hat man bei der ARD die Erhöhungen des Renteneintrittsalters in den letzten 30 Jahren schlicht verschlafen. Oder ist das ein Angebot? Wählt die Grünen, und ihr dürft wieder mit 60 in den hart erarbeiteten Ruhestand? Aber nein, Forderungen nach einer Absenkung sucht man im Wahlprogramm vergeblich.


Ein anderes Genie stellt fest, dass die willkürlich zusammengeklatschten Altersgruppen echt krass ungerecht verteilt sind und schlussfolgert, dass die Minderheit von 38 % „über den Klimaschutz entscheidet“. Mit anderen Worten: Er/sie hält 38 % für eine absolute Mehrheit. Auf meinen spöttischen Hinweis hin meldete sich Genie #3 mit der Feststellung, dass aber mehr als 50 % älter als 50 wären. Ja, das ist wohl so. Man muss schon sehr jung sein, um zu vermuten, dass ein 50jähriger, der jeden Tag auf Arbeit rennt und vielleicht politisch oder in einem Verein aktiv ist, ungefähr das Gleiche ist wie ein 90jähriger Pflegeheimbewohner. Ein 18jähriger hat ja auch die gleichen Interessen wie ein 58jähriger! Also zwischen 50 und 58 wird es echt schwer. Bin ich nun mehr 90 oder mehr 18? Findet euch damit ab: Solltet ihr 85 Jahre alt werden, dann wart ihr 41 % eures Lebens alt, also älter als 50; ihr werdet Probleme mit dem Rücken, den Knien oder dem Blutdruck haben, schlecht hören oder sehen und nach dem Essen Sodbrennen bekommen. Und möglicherweise von Grundsicherung leben.
Warum gerade die Ü50 die Problembären der Nation sein sollen? Auch da wurde ich aufgeklärt: weil sie mutmaßlich öfter CDU wählen als die Jungen. Na, da sollte man ihnen dankbar sein, denn bei der U18-Wahl ist in Thüringen die AfD gerade mit 17 % stärkste Kraft geworden, dicht gefolgt von der FDP. Jawohl, auch junge Menschen schaffen es, Nazis und Ausbeuterpolitiker zu wählen.

Ein weiterer hilfreicher Mitmensch erklärte mir, dass Wahlberechtigte und Wählende nicht identisch seien. Nicht genug, dass die Alten so lange leben, sie gehen auch noch relativ häufiger als die Jungen zur Wahl! Frechheit, oder? Der korrekte Aufruf lautet also: „Könnt ihr mal für mich wählen gehen? Ich habe gerade Besseres zu tun.“ Das sind so die Typen, die mit Mitte 30 die Wäsche noch von Mutti machen lassen, weil sie mit der Sortierung nach Temperatur und Farbe überfordert sind.
Ich zeige euch gern, wo das Waschpulver steht. Aber dann habe ich Besseres zu tun – wählen gehen.
(Natürlich wähle ich nicht die FDP. Aber auch nicht die Grünen.)

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BTW21.6: Irgendwas ändern

Kann ein Mensch eigentlich in verschiedenen Wahlkreisen als Direktkandidat antreten? Was ist, wenn er in allen gewinnt? Und hat die FDP eigentlich mehr als ein Mitglied? Ich frage, weil sie landauf, landab nur ein einziges Motiv plakatiert: Christian Lindner. Gerüchte besagen, dass die Partei sich nach der Wahl in LPD umbenennen wird – Lindner-Partei Deutschland.

Garniert wird der geringfügig variierende Dackelblick mit ebenso philosophischen wie inhaltsleeren Phrasen. „Panta rhei“, stellten die alten Griechen fest. Alles fließt. Nichts bleibt, wie es ist. Und die FDP? „Wie es ist, darf es nicht bleiben.“ Das heißt jetzt … irgendwas. Das Datum wird sich ändern, das Wetter, die Jahreszeiten. Und sonst so? Man könnte mit der gleichen Aussagekraft plakatieren: „Wir wollen irgendwas ändern!“ Dann würde allerdings jeder merken, was für ein Luftballon das ist: bunt, warme Luft und schnell geplatzt.

Von ähnlicher Aussagelosigkeit ist: „Der Schulweg muss wieder in die Zukunft führen.“ Man könnte einwenden, dass der Schulweg natürlich in die Schule führen sollte, aber das ist trivial. Was den Bildungsweg betrifft – der führt auf jeden Fall und unter allen Umständen in die Zukunft, weil das mit den Zeitreisen noch immer nicht funktioniert. Man fängt zu einem Zeitpunkt x an und kommt zu einem Zeitpunkt x + 10 bis 20 Jahre am anderen Ende an. Ob die Zukunft gut ist oder schlecht, ist eine andere Frage.
Ich würde gern vermeiden, dass die heutigen Kinder wegen der unsäglichen FDP-Politik sieben Tage die Woche und auch mal mehr als 10 Stunden am Tag oder 60 Stunden pro Woche arbeiten dürfen, weil es dem Unternehmen gerade in den Kram passt. Ich würde gern vermeiden, dass der durch Steuersenkungen ausgeplünderte Staat wieder auf die unsägliche Idee mit den Studiengebühren verfällt. Steuersenkungen sind das Lieblingsthema der FDP, und zwar nach der Devise „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Ich würde gern vermeiden, dass in dieser Zukunft noch immer Armut erblich ist, weil der Bildungserfolg in Deutschland mehr als in den meisten Industriestaaten vor allem vom Kontostand und Status der Eltern abhängt – und nicht von Intelligenz und Talent der Kinder. Mit anderen Worten: Ich würde gern verhindern, dass die FDP in dieser Zukunft irgendwas zu melden hat.

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BTW2021.5: Mach schön mache-mache

Seit Jahrzehnten wirbt die CDU nur mit Bildern von Mutti: Mutti in Lichtblau, Mutti in Frühlingsgrün, Mutti in Apricot …
In diesem Jahr muss man sich echt anstrengen, um ein Laschet-Plakat zu finden. Es gibt sie, aber bisher habe ich sie nur in der tiefsten Provinz gesehen. In kleiner Zahl. Stattdessen tut die CDU so, als werbe sie mit Themen.
„Machen, was Arbeit schafft“ plakatiert sie zum Beispiel. „Mülltonnen umkippen“, kommentiert der häusliche Gefährte und kommt mir damit um etwa zwei Zehntelsekunden zuvor. Mein Hirn bearbeitet nebenbei die Aufgabe Autofahren.
„Sozial ist, was Arbeit schafft“ war schon bei der letzten, vorletzten und vorvorletzten Wahl gequirlter Dung. Sozial ist nur, was anständig bezahlte, sichere und anständige Arbeit schafft – entstanden sind aber immer wieder McJobs, von denen und mit denen keiner leben kann.
Außerdem ist der Mangel an Arbeitsplätzen nicht das dringendste Problem. Wir haben eine Arbeitslosenquote von 5.6 %, Tendenz sinkend. Ein größeres Problem ist, dass die vorhandenen Arbeitskräfte nicht zur vorhandenen Arbeit passen. Man müsste in Ausbildung investieren und aufhören, Arbeitskräfte zu verheizen, als stünden noch Dutzende auf der Straße, die sich um jeden Drecksjob reißen. Das kommende Problem wird allerdings sein, dass die Digitalisierung immer mehr Arbeiten überflüssig macht, für die es keinen Ersatz gibt. Statt auf Teufel komm raus irgendwelche „Arbeit zu schaffen“, müsste man endlich über Arbeitszeitverkürzung reden. Die meisten Menschen haben gar kein Bedürfnis nach 40 Stunden Arbeit pro Woche, sie wollen nur anständig von ihrer Arbeit leben können. Wenn dafür 30 Stunden reichen, haben sie kein Problem damit.
Mindestens ebenso schlimm ist der Kehrreim „Deutschland gemeinsam machen“, der auf allen CDU-Plakaten steht. Als ich ihn zum ersten Mal hörte, musste ich sofort an die immer wieder anklagend vorgeführten Fotos aus DDR-Kinderkrippen denken, auf denen ein Dutzend Kinder in einer Reihe auf dem Töpfchen sitzt und gemeinsam macht. Wenn man das Bild einmal im Kopf hat, geht es nie wieder raus. Ich habe selbst nie im KIndergarten auf dem Topf gesessen, sondern zu Hause, aber da wurde auch nicht gewartet, bis ich mir in die Hose gemacht hatte. Gesessen wurde, wenn es dran war. Die freundliche Aufforderung meiner Mutter dazu lautete: „Nun mach schön mache-mache.“
Man weiß, was dabei herauskommt …

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BTW2021.4: Grüne Grammatik

Ich bin ein Mutant. Meine Superkraft ist Korrekturlesen. Ich schaue drei Sekunden auf eine Powerpoint-Folie mit zu viel Text und rufe: „In der vierten Zeile ist ein N zu viel!“ Ich kann nicht anders.
Aber es gibt Fehler, die mich ganz besonders aufregen, und dazu gehört das unausrottbare „das Werk des Autoren“. Es bereitet mir körperliche Schmerzen. Die deutsche Sprache kennt stark und schwach deklinierte Substantive. Stark sind die, die sich im Genitiv ein -s wachsen lassen, schwach die mit -en. Blöderweise gibt es keine logische Erklärung dafür, jedenfalls keine erschöpfende. Der Autor jedenfalls ist ein starkes Substantiv (natürlich, ihr Honks!), also heißt es DES AUTORS. Ich ahne, dass die falsche Version in fünf bis zehn Jahren im Duden stehen wird, und ich könnte schon jetzt deswegen einen Tobsuchtsanfall bekommen.
Die meisten Wahlplakate gehen einem mit ihren möglichst nichtssagenden Wortgeklingel auf die Nerven. Manche ein bisschen mehr. Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, was mich am grünen „Es gibt keinen Planet B“ so wahnsinnig nervte. Der Planet. Der Planet, egal wie groß, ist ein ein schwach dekliniertes Substantiv. Das heißt, dass er in jedem außer dem ersten Fall hinten ein -en bekommt: des Planeten, dem Planeten, den Planeten. Und nein, das auf dem Plakat ist kein Nominativ. Wen oder was gibt es nicht? Den Planeten B. Es ist ein Akkusativ. Das heißt, es sollte einer sein. Sonst könnte man ja gleich schreiben: „Es gibt kein Planet B“.
Man kann keine Parteien wählen, die schon an der deutschen Grammatik scheitern.

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Staatlich alimentierte Spinnerei

Wahrscheinlich habt ihr euch auch schon mal gefragt, wie es der Bundesregierung gelingt, Millionen für Beraterverträge auszugeben. Was tun die für ihr Geld?
Abgeschlagen auf Platz 12 ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung, vielleicht weil die Bildung sowieso Ländersache ist und der Bund nur wenig reinreden darf. Es gibt nur eine Million Euro pro Jahr für Berater aus. Aber da hätte ich Insider-Informationen, denn einer der Berater des BMBF bin ich.
Das Ministerium leistet sich eine Gruppe professioneller Glaskugelbetrachter, die nach eigenen Aussagen von den anderen Mitarbeitern des Ministeriums für etwas seltsam gehalten werden. Sie versuchen herauszufinden, mit welchen Problemen wir uns in 15, 30 oder 50 Jahren herumschlagen werden. Das ist nicht so verrückt, wie es auf den ersten Blick aussieht. Man stelle sich vor, wir hätten den Klimawandel voraussehen und rechtzeitig in einen ökologischen Umbau des Waldes oder Regenrückhalteeinrichtungen investieren können! Oder wir hätten geahnt, dass in Zeiten der Globalisierung Pandemien viel schneller über die Welt getragen werden können … Man hätte Maßnahmen ergreifen können.
In der Regel lädt man Experten, mitunter aber auch Leute von der Straße ein, um in die Zukunft zu blicken. Der geschätzte Kollege Karlheinz Steinmüller hatte vor einigen Jahren die wilde, aber charmante Idee, andere professionelle Glaskugelleser einzuladen: Science-Fiction-Autoren. Science Fiction ist keine Futurologie. Dafür hat sie zu viel Spaß am Chaos. Aber sie kommt auf Ideen. Und so lud man kürzlich wieder einen Haufen Autoren zum Workshop. Mutmaßlich bin ich wegen meiner Vorliebe für die nähere Zukunft und Social Fiction in die Runde geraten. Thema: Wie sieht die Welt 2070 aus – und was passiert da? Blöd war nur, dass das Ganze als Videokonferenz stattfand – das Restrisiko hatte sich als Pandemie manifestiert.
Jeder brachte seine persönlichen Lieblingsthemen mit und kippte sie auf den gemeinschaftlichen Komposthaufen. Recht schnell bildeten sich Dinge auf dem Haufen, so wie die notorischen Kürbisse. Geradezu vorbildlich entschieden wir uns – wie geplant – für genau sechs Kürbisse, also Themen, zur weiteren Beackerung:

Der kollektive Komposthaufen mit Kürbis-Clustern
  • Black Swan Event: Nach dem 3. Weltkrieg
  • Fake World: Das Ende der Realität
  • Zusammenleben mit nichtmenschlichen Lebensformen
  • Fridays for Future gewinnt
  • Eine Welt voller Genies
  • ET lebt – und besucht die Erde

Klingt jetzt nicht so überraschend? Ja, viele dieser Themen hat man in der SF schon gesehen, aber die Antworten sind doch immer wieder neu. Etwa die: Nach dem begrenzten Atomkrieg startet die Zivilisation von Ilmenau aus neu. In Thüringen konnte man auch schon beobachten, wie ein Land ohne Regierung funktioniert. Thüringen ist die neue große Antwort – zumindest wenn man mich in der Arbeitsgruppe hat.
Ich durfte mich einige Stunden mit den Kollegen Bernd Flessner, Uwe Hermann, Tobias Meißner und Uschi Zietsch herumbalgen, spinnen, plotten … Es war großartig. Der häusliche Gefährte kommentierte, bei meinen sonstigen Videokonferenzen würde ich nicht so viel lachen. Normalerweise arbeiten Autoren eher allein im stillen Kämmerlein, aber das scheint die Folge eines festverwurzelten Vorurteils zu sein.
Keine Ahnung, was das BMBF mit dem Ergebnis dieser virtuellen Orgie anfängt. Es bezahlt gutes Geld dafür – mein Steuergeld! Lustiger kann man das nicht verbraten. Wahrscheinlich schauen sie gerade nach, wo dieses Ilmenau eigentlich liegt.

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Bilder, Machtworte und eine englische Zukunft

Manchmal brauche ich einen Tritt in den Hintern. Als die Exodus-Redaktion fragte, ob ich nicht etwas zum Thema Klimawandel schreiben wollte, war es genau das. Ich habe geschrieben. Das Ergebnis kann man in „Der grüne Planet“ lesen, und das Ergebnis der Folgeanfrage in „Pandemie„. In aller Regel finde ich das Thema im ersten Moment grauenvoll, im zweiten habe ich das Gefühl, dass garantiert alle das Gleiche schreiben. Dann schreibe ich eine Geschichte. Dann schreibe ich noch eine Geschichte. Und dann schreibe ich mindestens noch eine dritte. Nach einigem Herumeiern schicke ich eine wirklich ab. Mitunter bleiben Reste übrig.

Als sich Uli Bendick, der den grünen Planeten illustriert hat, bei mir mit einem Experiment meldete, war die Zeit des Restes gekommen. Das Experiment: Uli schickte mir eine Unzahl von Science-Fiction-Bildern und bat, mir eins herauszusuchen und eine Story dazu zu schreiben. Die meisten Bilder machten mich ratlos. Sie waren irgendwie zu glatt, zu durchgestylt und zu kosmisch. Das fing nicht gut an. Dann stolperte ich über einen düsteren Schmetterling, und der erinnerte mich an die Gestalt eines Schmetterlingsforschers, der beim Klimawandel auf der Strecke geblieben war und in einem Ordner namens „halbfertiger Kram“, meinem literarischen Fegefeuer, herumdümpelte. Ich sehe ein, dass die Illustratoren immer dieses Problem haben: Unsereiner schreibt irgendwas zusammen, und sie können sehen, was sie daraus machen. Und dann nörgelt der Autor todsicher herum, dass es ihm zu lila ist und die Bäume zu künstlich aussehen. So oder so – die Schmetterlingsgeschichte „Stille Post“ gibt es in „Am Anfang war das Bild“ im Hirnkost-Verlag. Es ist ein Bilderbuch mit Bildern zu Geschichten zu Bildern.

Fast gleichzeitg meldete sich das dritte Exodus-Projekt „Macht und Wort„. Da war ich noch im Pandemiemodus. War ja auch mitten in der Pandemie. Ergebnis war eine ganz besondere Krankheit, ein politisches Kasperletheater und eine Welt, in der die Behinderten von gestern die Bevorteilten von morgen sind. Ich hatte viel Spaß dabei. Beide Bücher gibt es ab Oktober.


Nummer drei war eine Ausschreibung des BMBF zur Zukunft der Arbeit. Mit diesem Thema habe ich mich schon öfters herumgeschlagen, aber da es ein Forschungsprojekt war, habe ich es diesmal eher als Weltenbaukasten denn als Amoklauf aufgezogen. Aber tatsächlich hat dieses Buch eine Seite „Inhaltswarnungen“, und da taucht bei „Die Moralische Instanz“ unter anderem „Mord“ auf – wie bei fast allen anderen. Die Zukunft der Arbeit, lässt man SF-Autoren darauf los, wird gefährlich.
Wobei auch der Lektor mit seinem Leben spielte. Nicht nur, dass er jedesmal nörgelte, wenn meine von der Welt genervte Heldin aus der Rolle zu fallen versuchte, und mir kurzerhand den LETZTEN Absatz umschrieb, ohne das irgendwie zu erklären – er zimmerte mir auch noch falsche Kommata in den Text! Ich habe einmal im Leben die Diva gespielt und ihm erklärt, was ich davon halte, letzte Absätze umzuschreiben. Und darauf bestanden, dass mein Beruf Physiker und nicht Physikerin ist. So viel Exzentrik muss sein.
Das Buch „FutureWork„, das aus unklaren Günden nicht „Künftige Arbeit“ heißen durfte, versteht sich als Fachbuch mit literarischen Partikeln. Es gibt viel Theorie, aber keine Bilder. Der akademische Essay von Julia Grillmayr fokussiert sich nach einem Einstieg über Karel Capeks „RUR“ auch nur auf angloamerikanische SF – und versteigt sich zu der Behauptung, Zukunftsszenarios zur Arbeitswelt gäbe es in der deutschsprachigen SF eher selten. Das sagt wenig über die deutsche SF-Szene und viel über ihre Lesegewohnheiten.
Das Buch ist also speziell. Aber die Literatur darin ist lesenswert. Der geschätzte Kollege Steinmüller ist auch dabei. Die pdf-Version gibt es übrigens kostenlos, das Papierbuch ist recht teuer.

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Wahl 2021.3: Meine vier Abgeordneten

Wer kennt das nicht:
Sonntag Nachtmittag klingelt das Telefon, und der Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises erkundigt sich, wo einen der Schuh drückt, was man sich von der Politik wünscht und wie er in der kommenden Woche abstimmen soll … Passiert noch häufiger als die wunderbaren Gewinne und Erbschaften, die einem per Mail ins Haus flattern.


[Hier muss ich einfügen, dass der Europa-Abgeordnete meines Vertrauens, Patrick Breyer, tatsächlich per Mitgliederbefragung die Meinung der Partei einholt, wenn sie nicht klar im Programm steht. Dafür liebe ich ihn.]


Wir alle wissen, wie liebevoll sich die MdB zwischen den Wahlen um die Meinung ihrer Wähler kümmern. Man merkt es immer, wenn die Politiker sagen: „Wir machen das jetzt mal so“, obwohl 80 % der Bevölkerung dagegen sind. Kriegseinsätze der Bundeswehr zum Beispiel, Anhebung von Mehrwertsteuer und Renteneintrittsalter oder komplett verkorkste Rechtschreibreformen.


Deshalb rührt es mich umso mehr, dass nicht weniger als vier Kandidaten genau für mich Politik machen wollen! Zumindest verkünden sie das quer durch die Stadt auf Plakaten. Sie schreiben nicht: „Für mich und meine G’schaftlhuber in den Bundestag!“ sondern ausdrücklich: „Für Sie/euch in den Bundestag“, also für mich. Das betrifft Hubert Aiwanger von den Freien Wählern, der in Thüringen gar nicht zur Wahl steht, die VOLT-Spitzenkandidaten Leonard Sophie Trautmann und Maximilian Volz und – jetzt erwischt es den schon wieder – Mike Mohring von der CDU, der seit 22 Jahren im Thüringer Landtag herumsitzt und mich nicht ein einziges Mal gefragt hat, was ich von seiner Politik halte. Sagen wir mal so: In der Opposition hat er mit seiner CDU weniger Schaden angerichtet.


Aber jetzt wird ja alles gut. Ich schreibe schon mal eine Wunschliste, damit die Jungs gleich wissen, wie sie losregieren sollen, sobald sie im Bundestag sitzen. Für mich.

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Wahl 2021.2: Jungbrunnen CDU

Das ist ein Screenshot der Augsburger Allgemeinen, Ausgabe vom 14.02.2020

Mike Mohring, einstiger Kronprinz der Thüringer CDU, der als Spitzenkandidat 2019 ein historisch schlechtes Ergebnis von 21.7 % einfuhr, kandidiert in Jena für den Bundestag. Der Mann wird in diesem Jahr fünfzig, und so sah er im letzten Jahr auch aus. Ich weiß, wovon ich rede – ich war auch schon mal jünger. Dass er die Wahl vergeigt hatte und nach dem Kemmerich-Eklat auch noch den Fraktionsvorsitz abgeben musste, ließ ihn sogar noch älter aussehen..
Mohring ist ein Stockkonservativer, und wenn man weiß, dass er von Dieter Althaus protegiert wurde, erwartet man nichts Gutes. In Althaus-Zeiten war Thüringen stolz darauf, die niedrigsten Löhne Deutschlands zu haben. Vor einiger Zeit kam die CDU dann auf die unsinnige Idee, mit 5000 € Rückkehrprämie pro Kopf die Wirtschaftsflüchtlinge zurück in den unter Fachkräftemangel leidenden Freistaat zu locken. Das überzeugte nicht mal die Wähler (die ja schon da waren und sich fragten, warum sie nichts kriegen). Zu Althaus-Zeiten wollte man auch unbedingt eine Herdprämie einführen. Mit den Kindergärten fremdelte die CDU. In letzter Zeit ist Mohring damit aufgefallen, dass er für den Erhalt auch der letzten von noch zehn Kindern besuchten Dorfschule kämpft. Solange die CDU an der Regierung war, hat sie fröhlich Schulen geschlossen. Aber das hat sie so gründlich vergessen, dass sie heute streng dagegen sein kann. Mehr, als anderen die eigenen Fehler vorzuwerfen, kriegt die CDU im Landtag nicht auf die Reihe. Was im Land schon Mist ist, muss man nicht auch noch im Bund haben.

Und das hängt gerade an allen Ecken und Enden der Stadt.

Schier unglaublich ist allerdings, wie Mike Mohring sich erholt hat, seit er nicht mehr die Bürde des Fraktionsvorsitzes schleppen muss. Er sieht echt zwanzig Jahre jünger aus. Keine Falten, keine grauen Haare mehr. Auf seinen Plakaten wirkt er, als hätte er die Karriere bei der Jungen Union noch vor sich. Tut dem armen Mann das Bundestagsmandat nicht an. Lasst ihn auf dem Hinterbänklerposten in Thüringen. Dann geht er zur nächsten Landtagswahl als Quotenjugendlicher durch.

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Wahl 2021.1: Bis zu drei Kleidergrößen abnehmen

Das politische Angebot ist trostlos. Kürzlich wurde ich gefragt: „Was muss man denn wählen, damit Laschet nicht Kanzler wird?“ Das ist unbeantwortbar, weil nahezu jeder mit jedem koalieren könnte und der Wahlsieger nicht notwendig den Kanzler stellt.
Armin Laschet ist der größte anzunehmende Politunfall, und er ist nur deshalb Kanzlerkandidat, weil es aus Proporzgründen unzulässig ist, dass der bayrische Schwanz mit dem restdeutschen Hund wedelt. Und weil Merz noch schrecklicher gewesen wäre. Laschet beweist in NRW seit Monaten, dass er unfähig ist, wissenschaftliche Fakten auch nur zur Kenntnis zu nehmen. COVID19 war für ihn die Chance, sich und die Seinen zu bereichern, und die Hochwasserschutzauflagen, die SPD und Grüne der chemischen Industrie aufs Auge gedrückt hatten, hat er mit Hilfe der FDP wieder rückabwickeln lassen. Echt toll. Dass er während einer Trauerrede für die Opfer des Hochwassers, die vielleicht leben würden, hätte sein Katastrophenschutz nicht weitgehend versagt, fröhlich Witze erzählt, passt ins Bild. Beim Wiederaufbau an der Ahr lässt sich sicher trefflich Geld verdienen, und irgendwer in der Verwandt- oder Bekanntschaft hat ja wohl ein Bauunternehmen.
Annalena Baerbock, kurzzeitig zur Lichtgestalt hochgejubelt, die uns alle retten wird, hat sich höchstselbst demontiert. Natürlich sind es lässliche Sünden, ohne Quellenangabe aus Wikipedia kopiert und den eigenen Lebenslauf aufpoliert zu haben [Das mit Wiki ist freilich eine Dummheit, die Durchschnittsschüler vor dem Abitur überwunden haben]. Der Schaden ist gering, aber es wirft ein Licht auf den Charakter. Annalenchen hat das Verlogene des Politikbetriebes vollständig verinnerlicht. Es geht nicht um bessere und ehrlichere Politik, es geht um das Produkt Baerbock, das an den Wähler gebracht werden muss. Dazu braucht man wenigstens eine angefangene Promotion und ein Buch. Das hat schließlich jeder. „Ich komme aus dem Völkerrecht“ hört sich an, als hätte sie jahrzehntelang Staatsverträge formuliert, nicht halbherzig eine Promotion angefangen und zugunsten der Funktionärskarriere hingeworfen. Es ist Marketing, und es ist etwa so glaubwürdig wie die Werbung für Schlankheitsmittel – „So können Sie langfristig bis zu drei Kleidergrößen abnehmen“. Von ihren Mitbewerbern unterscheidet sie sich vor allem dadurch, dass sie noch keine Gelegenheit zu Fehlleistungen im Amt hatte.


Bleibt Olaf Scholz, und seine Kompetenz besteht darin, dass der Mann nicht auffällt. Er sieht aus, als hätte er schon immer da gestanden. Bisher musste er nur abwarten, dass die anderen sich zerfleischen. Seit dem letzten Politbarometer haben Grüne und CDU erkannt, dass sie einen gemeinsamen Feind haben – und blasen zum Sturm. Erstmals wird über die Cum-Ex-Geschäfte und Scholz‘ Vertuschungen geredet. Da der Durchschnittsbürger nicht versteht, was Cum-Ex eigentlich ist [zugegeben, das Ganze widerspricht so völlig dem gesunden Menschenverstand, dass auch ich mich schwertue], wird sich die Kampagne wohl totlaufen, zumal der deutsche Durchschnittsdepp Steuern für Raub hält und Steuerbetrug für Heldentum. Irgendwann regt er sich dann wieder auf, dass das Krankenhaus schließt, die marode Brücke zum Nachbarkaff gesperrt wird und in den Schulen der Unterricht wegen Lehrermangel ausfällt … [Jawohl, der Staat könnte das vorhandene Geld auch sinnvoller ausgeben. Aber reiche Betrüger sorgen dafür, dass die armen Hanswürste blechen müssen – egal wofür.]
In der Wühlkiste mit den Kanzlerkandidaten sieht Scholz einigermaßen vorzeigbar aus. Er macht keine saudummen Fehler. Natürlich ist ein weiterer Genosse der Bosse das Vorletzte, was uns gerade noch gefehlt hat. Er lässt kackfrech mit „12 Euro Mindestlohn“ plakatieren, obwohl der letzte SPD-Kanzler für den Spruch bekannt wurde, Deutschland habe den besten Niedriglohnsektor der Welt. Das will ich nicht.
Und das andere auch nicht.
Eigentlich könnte man die Wahl wegen COVID19 oder schlechten Wetters ausfallen lassen und ohne Regierung weitermachen. Ich erwäge, für fünf Jahre in Winterschlaf zu gehen.

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Alte weiße Männer

Dieser alte Mann steht im Geraer Dahliengarten

Der alte weiße Mann in meinem Haushalt findet den Begriff „alte weiße Männer“ zum Kotzen, weil aus der gewöhnlichen Zustandsbeschreibung ein Kampf- und Beleidigungsbegriff geworden ist. Außerdem hat er sich das nicht ausgesucht und wäre durchaus lieber jünger.
Der gedankenlos hingerotzte Schmähbegriff verrät den Mangel an logischer Bildung derer, die ihn benutzen. In erster Näherung mag die Eigenschaftenkombination „alt, weiß, männlich“ eine notwendige Voraussetzung für eine Machtposition in dieser Gesellschaft sein, aber es ist gewiss keine hinreichende. Dass die meisten Mächtigen alt, weiß und männlich sind, heißt eben nicht, dass alle alten weißen Männer reich und mächtig sind. Wer mit Ü50 aus Versehen den Job verliert, weil beispielsweise zugunsten des Shareholder Value restrukturiert, verschlankt und nach Asien verlagert wird, der hat verdammte Mühe, einen neuen zu finden. Da winken Niedriglohn und Hartz IV. Ein schönes Privileg. Dass andere noch mehr benachteiligt sein könnten, macht die Lage nicht besser.
Dass Frauen nicht, nur weil sie Frauen sind, irgendetwas verbessern, kann man an Gestalten wie Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Julia Klöckner beobachten. (Wobei, angesichts von Armin Laschet beschleicht einen das Gefühl, wir könnten es schlimmer treffen). Haben die für mehr Gerechtigkeit, Frieden auf Erden oder gar gleichen Lohn für gleiche Arbeit gesorgt? Äh, nö. Und nichtweiße Männer wie Cem Özdemir haben genau das auch nicht getan, als sie am Trog der Macht saßen. Wären die Jungen besser? Kennt ihr Philipp Amthor? Sie machen Politik für die, die das meiste Geld rüberreichen – unabhängig von Alter, Farbe und Geschlecht.
An dieser Stelle könnte man mit dem Quatsch aufhören und anfangen nachzudenken. Früher haben Linke mal die Klassenfrage gestellt. Da verliefen die Grenzen zwischen oben und unten, nicht zwischen Männern und Frauen, Weißen und Nichtweißen, Alten und Jungen. Es ging um freie Sonnabende, höhere Löhne, Arbeitszeitverkürzung, Verhinderung von Kriegen, um Dinge, die das Leben von Millionen direkt und dauerhaft beeinflussten. Das heutige Lifestyle-Gedöns ist Beschäftigungstherapie, damit keiner auf die Idee kommt, nach Eigentumsverhältnissen zu fragen. Wer als Linker vor allem um Gendersterne und Nichtweißen-Quoten kämpft, der hat sich mit den Zuständen abgefunden. Der tapeziert nur neu in der Wohnung, die ihm nicht gehört – was den Schwamm in den Balken nicht weiter stört.
Heute würden sie die Weltrevolution nicht in Gang bekommen, weil zunächst die Quoten ausgetüftelt werden müssen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch? Geht nicht. Müsste mindestens Proletarier:innen heißen – und darüber, ob da ein Unterstrich, ein großes Binnen-I oder ein Gendersternchen gehört, könnte man lange streiten. Statt sich zu vereinigen, zerlegen sie sich in immer kleinere, divers diskriminierte Grüppchen. Ehe mensch die Unterstützung eines weißen und – Himmel hilf! – alten Mannes annimmt, muss der zunächst bekennen, Teil des Problems zu sein. Welches auch immer.
Karl Marx, weiß, männlich und so alt, dass er tot ist, rotiert im Grabe.

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