Machair

Vom Strand aus, behauptete die Loseblattsammlung mit lokalen Sehenswürdigkeiten, führe ein Fußpfad quer durch das machair zurück zum Campingplatz. Super, sagten meine Füße, da wollen wir hin. Der Strand war unglaublich – weiß, endlos und mit einem doppelt so großen Himmel oben drüber. (Das geht, wie jeder weiß, der zu viel Mathematik abgekommen hat. Im Gegensatz zum zweidimensionalen Strand hat der Himmel drei Dimensionen – und ist nach oben offen.) Es war Wetter. Das Einzige, was nicht war, war ein Fußpfad.
Also lief ich auf dem schmalen Streifen zwischen Schafweide und Loch in die ungefähre Richtung. Ich löste mittlere Paniken bei den Graugänsen im Loch und den Schafen außerhalb der Koppel aus. Letztere hatten vermutlich ein schlechtes Gewissen und befürchteten, gehütet zu werden. Die Gegend war ausgesprochen wenig vertrauenswürdig. Bei jedem Schritt gab der Boden nach, und bei jedem zehnten stand man in brauner Brühe, die die Socken feucht hielt, wenn sie Gefahr liefen, auszutrocknen. Im hohen Gras verbargen sich wadentiefe Wasserlöcher verschiedenster Größe. Uibhist a Tuath ist sich nicht sicher, ob es Festland ist oder doch eher Wasser.
„Machair“ hatte sich entfernt wie Maquis angehört, ein trockenes Gestrüpp in Südfrankreich. Ich hatte an Heidekraut gedacht. Und dann war’s Sumpf.
Tags darauf lernte ich dank der Royal Society for the Protection of Birds, was machair eigentlich ist: Machair. Wie der Karst in Slowenien hat es das gälische Wort in die Fachsprache geschafft. Tatsächlich ist machair der einzige Boden in der Gegemd, der nicht wie ein Tafelschwamm ist (von Felsen mal abgesehen). Es ist eine Mischung aus dem üblichen Torf und dem muschelkalkhaltigen Sand, der als Düne aufs Land hochwandert. Das Ergebnis ist trocken, stabil und fruchtbar. Dem Kalktrockenrasen um Jena ist es nicht unähnlich, obwohl das mit den Muscheln bei uns schon eine Weile her ist. Wo die RSPB etwas zu sagen hat, lässt man die Felder streifenweise gelegentlich brach fallen, und es bilden sich Blumenwiesen. Die wiederum sind Nahrungsgrundlage für die Große Gelbe Hummel, die hier lebt.
Auf dem Machair, hieß es, würden Hafer und Gerste angebaut. Ein bisschen verblüfft hat mich allerdings, dass sie das auf ein und demselben Feld und durcheinander tun. Bestimmt gibt es dafür ein gälisches Wort.

(Eins der Bilder anklicken, um die Galerie zu öffnen …)

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Religiöses Tauziehen

In Großbritannien wird Englisch gesprochen. Glaubt man als gemeiner Tourist und hatte damit bislang recht.
Es sei denn, man befindet sich auf Uist, das sich vielleicht auch Uibhist schreibt, mit irgendwelchen unverständlichen Vorsilben. Am Fährhafen hängt eine Fahne, die aussieht wie eine norwegische, die man versehentlich falsch eingefärbt hat: grün mit einem blau-weißen Kreuz darin. Man ist hier etwas Eigenes. Uibhist hat rund 5000 Einwohner, doch das ist kein Grund, nicht auf die eigene Eigenständigkeit zu pochen. Man ist aber auch Schotte. An jedem dritten Straßenschild klebt hinten eine blaue Fahne mit weißem Andreaskreuz, da und dort findet man noch immer Aufkleber, die wahlweise „YES“ oder „AYE“ verkünden, natürlich weiß auf blau.

Streetsign

Alle Wege führen nach Loch nam Madadh. Das ist das Loch, wo der Hund begraben liegt. Wörtlich.

Eine Herausforderung sind die Straßenschilder. Vor fünf Jahren entdeckte ich auf Kintyre erstmals zweisprachige. Inzwischen sind die Highlands durchgängig mit Englisch in Schwarz und Gälisch in Grün beschildert. Auch auf Uist sind die meisten Schilder zweisprachig: groß in Gälisch und klein darunter in Englisch – falls man Glück hat. Mitunter verzichtet man auf den Untertitel. Landkarten und Navi kennen natürlich nur Englisch. Hier ist Phantasie gefragt. Zum Glück kann man nur langsam fahren, hat also Zeit zum Nachdenken.
Natürlich sprechen die meisten Uibhister auch Englisch, aber wie sie es tun, ist eine stete Rache für die Eroberung durch die Engländer. Wenn man Glück hat, versteht man, wovon die Rede ist.

Teampull1

Geht es hier zum Sportplatz?

Carinish oder auch Cairinis auf Uibhist a Tuath hat eine Sehenswürdigkeit: einen rund 1000 Jahre alten Teampull. Bei mir stellt sich da das Bild von stämmigen Schotten in Kilts ein, die heftig an einem Strick ziehen, McDonalds gegen McLeods, denn so heißt hier jeder zweite. Aber halt, das heißt Thug o’War. Und der Teampull heißt in der Übersetzung Temple und meint ein uraltes Kloster. Also keine nackten Männerbeine, sondern Mönche in langen Kutten.

Teampull2

Und so sieht das Ding aus, von dem das gälische Wörterbuch behauptet, es sollte Teampall heißen …

Das Gälische ist zum größten Teil so unverständlich wie Albanisch, obwohl es theoretisch zur gleichen Sprachfamilie gehört wie Deutsch, Englisch oder Französisch. Ich habe gelernt, dass „cladach“, das sich in der englischen Umschrift beharrlich „claddach“ schreibt – als würde durch das zusätzliche d irgendetwas verständlicher – keine gefährliche schottische Waffe ist, sondern ein harmloser Strand.
Und morgen finde ich heraus, was „machair“ eigentlich ist. Bisher weiß ich nur, dass es sehr nass ist und Socken tiefdunkelbrauch färbt …

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Das wahre Leben: Relativität

Wenn du dich bei 15°C, Nieselregen und heftigem Wind sagen hörst: „Lass und noch ein Stück gehen, solange das Wetter gut ist“, dann bist du in Schottland.

Und was ist das?

bonnieBanks2

Natürlich die bonnie, bonnie banks of Loch Lomond – when the sun shines bright on ebendieses. Sie sind wirklich sehr nett und haben einen erstklassigen Blick aufs Loch, der Ortschaft Balloch sei Dank.

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Leidkultur 4: Kuriositätenkabinett

Bratwurst_grauDas Konstrukt der Deutschen Leitkultur ist normativ gedacht. Wer unsere kulturellen Werte nicht teilt, der gehört nicht hierher. Der soll bleiben, wo die Bananen wachsen. Unverhandelbare Grundwerte wie das Verbot der Diskriminierung aus Gründen des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder Herkunft fehlen im Katalog allerdings. Oder die Koalitionsfreiheit, die nichts mit Regierungskoalitionen zu tun hat, aber das Recht auf freie Gewerkschaften, Parteien und Streik sichert. Stattdessen erfreut uns die AfD mit Gedöns, das die vage Gefühligkeit der Stammtischbrüder bedient. Der Stammtisch allerdings fehlt.

die D-Mark
Zwölf Jahre Faschismus sollen nicht prägend sein, wohl aber zwölf Jahre D-Mark? (Wir reden noch immer von Thüringen. Bis 1991 liefen hier Alu-Mark und Alu-Pfennig um). In den 52 Jahren meines Lebens habe ich drei verschiedene Währungen verwendet (den französischen Franc, mit dem ich über drei Monate meine Baguettes kaufte, lasse ich gnädig weg). Warum soll ausgerechnet die, die ich am kürzesten verwendet habe, für meine Kultur prägend sein? Kann man überhaupt ernsthaft annehmen, dass die Farbe der Geldscheine, mit denen man bezahlt, den Nationalcharakter prägt? Welchen Einfluss hat die D-Mark auf das Leben 2018 und welches charakterliche Defizit resultiert aus einem Mangel an D-Mark-Erfahrung? Für Leute, die um die Jahrtausendwende herum geboren wurden, ist die D-Mark ebenso Hörensagen wie ein Heller und ein Batzen, die beide mein, ja mein waren.

die Fußball-Bundesliga
Echt jetzt? In Jena tobt der Kulturkampf. Etwa 5.000 der 108.000 Einwohner gehen regelmäßig zu Fußballspielen. Es ist eine laute und für viele Leute nervige Minderheit, verbunden mit Vandalismus und Randale. Insgesamt gibt es Nationen, in denen der Fußball einen weit höheren Stellenwert hat. Auf den Färöern gibt es mehr organisierte Fußballspieler als männliche Einwohnerl (weil viele in mehreren Mannschaften spielen). In Jena ist der populärste Sport das Laufen. Zum jährlichen Firmenlauf rennen 3.000 Menschen aktiv durchs Paradies. Deshalb will man die Läufer aus dem Stadion werfen und für die Fußballfans bis zu 60 Mio. Euro in den Umbau investieren, damit sie ihrer Drittligamannschaft aus nächster Nähe zusehen und endlich problemlos ihre Bengalfeuer auf den Rasen werfen können.
Während die Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften in den letzten Jahrzehnten immer geeignet waren, nationale Besoffenheit zu erzeugen und von missliebigen Gesetzen abzulenken, hat der Nationalstolz 2018 erhebliche Dellen bekommen. Und dabei ist Deutschland im Wechsel mit China alle zwei oder drei Jahre Exportweltmeister – was keinen dazu bringt, hupend und fahnenschwenkend durch die Städte zu fahren.

Gemütlichkeit
Frage zehn Deutsche, und du bekommst zehn Antworten, was gemütlich ist. Es ist eine reine Wohlfühlvokabel ohne Inhalt. Für den einen ist nackt in der Hängematte liegen und einen Joint rauchen Gemütlichkeit, für die andere das akribisch geputzte und behäkelte Wohnzimmer, in dem man aus dem Guten Geschirr Kaffee trinkt.
Sind wir Deutschen gemütlich? Zum Beispiel im Umfeld von Fußball-Bundesligaspielen? Oder auf der Autobahn, wo bei 200 km/h auf zehn Meter an den Vordermann gefahren und gehupt wird? Ähem.

Grimms Märchen
Die grimmigen Märchen sind zweifellos ein gemeinsamer Vorrat von Charakteren, Stories und Redensarten, eine Referenz, auf die man nach Belieben zurückgreifen und sicher sein kann, dass alle Deutschen wissen, wovon die Rede ist. Allerdings betrifft das nur eine kleine Untermenge der Märchen, die die Grimms gesammelt haben – diejenigen, die es als Bilderbücher gibt. Im schlimmsten Fall kennt man sie aus der verharmlosten, entbrutalisierten, „kindgerechten“ Form oder gleich in der zuckersüßen, pastellfarbenen Disney-Version. Ehedem waren viele Märchen brutale Belehrungsgeschichten, die Kinder davon abhalten sollten, vom rechten Weg abzukommen, und für Grundschulkinder sind sie der falsche Lesestoff.
Mir ist bewusst, dass sich auf meinem Blog zahlreiche Vielleser und Kulturbewahrer tummeln, aber wie viele Deutsche kennen wohl das Märchen vom Gevatter Tod, vom Katerlieschen oder, schlimmer noch, vom Machandelbaum? Die deutsche Volksseele verdrängt da so einiges, was eigentlich wert ist, bewahrt zu werden.

Winnetou
Ein gefälschter Indianer, über den ein sächsischer Hochstapler, der nie im Wilden Westen war, rührselige Geschichten geschrieben hat, als deutsche Leitkultur. Der Mann behauptete, das alles selbst erlebt zu haben, heftete sich einen Doktortitel an und gab vor, mehrere Dutzend Sprachen fließend zu sprechen. Wenn man ehemals führende Politiker heranzieht, dann ist er wohl wirklich ein Vorbild, wenn auch ein schlechtes.
Und haben die das mal gelesen? Ich schon. Es war ein Reimport über Minsk, weil man Karl May in der DDR erst gar nicht und dann nur mit Glück, Beziehungen oder viel Hartnäckigkeit erwerben konnte. Vorsichtig ausgedrückt: Wenn das die deutsche Leitkultur ist, dann gute Nacht, lieb Vaterland. Dann doch lieber Lieselotte Welskopf-Heinrich oder Antje Babendererde. Aber die beiden Damen sagen der AfD vermutlich nichts.

Wurst (Thüringer Bratwurst, bayrische Weißwurst etc.)
Über den Wurst-Glaubenskrieg habe ich mich schon ausgelassen. Allerdings ist Wurst wirklich eine sehr deutsche, aber nicht ausschließlich deutsche Angelegenheit. In Frankreich und Spanien gibt es exzellente Würste, und die katalanische Butifara kann mit der thüringischen Bratwurst in der gleichen Liga spielen, wie auch der FC Barcelona keine Probleme hätte, in der Bundesliga mitzumischen – die dann vielleicht weniger langweilig wäre.

Was fehlt? Das Sammelsurium ist so beliebig, dass von Papst bis Eierkuchen praktisch alles fehlt. Nee, den Papst hatten wir ja schon. Aber ansonsten passt praktisch alles dazu: Filzpantoffeln, Gartenzwerge (die nebenbei bemerkt eine unendlich lange und ernste Traditionslinie haben, die leitkulturfähig wäre), Raachermanneln, Krautsalat, markierte Wanderwege, Weihnachtslieder, Topflappenhäkelwettbewerbe, Kirmesvereine, Stoppschilder, auf denen noch „STOP“ steht, die Unfähigkeit, richtig durch einen Kreisverkehr zu fahren, und der Grundsatz, dass verboten ist, was nicht ausdrücklich erlaubt wurden, eine Vorliebe für falsch verstandene und ausgesprochene Worte und Namen aus fremden Sprachen. Und Mülltrennung, unbedingt auch Mülltrennung.
Diese Liste darf beliebig fortgesetzt werden. Ich bereite meinen Ausbürgerungsantrag vor.

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Leidkultur 3: Das Eiapopeia vom Himmel

Nudelmesse2
Die Leitkulturbroschüre, über die ich mich hier auslasse, stammt von der Thüringer Höcke-AfD. Wir reden vom deutschen Osten, der so speziell ist, dass amerikanische Wissenschaftler in einer Studie über den Zusammenhang von Religiosität und Kriminalität Deutschland noch Jahre nach der Vereinigung als zwei verschiedene Datensätze verarbeiteten. Für die AfD ist das Christentum Deutsche Leitkultur – es stellt 13 % der Leitkulturelemente.

Benedikt XVI. („Wir sind Papst“)
In Thüringen gibt es zwar eine nennenswerte katholische Minderheit (7.8 %) im Eichsfeld, aber die übergroße Mehrheit von 68 % sind mehr oder weniger überzeugte Heiden. Daneben gibt es 22.2 % evangelische Christen und eine Handvoll anderer Bekenntnisse. Nach meiner Erfahrung sind viele davon Zugewanderte aus den alten Bundesländern, wo man den alten Bräuchen noch stärker anhängt. Die Thüringer Leitkultur ist atheistisch, und die meisten Thüringer halten die Eichsfelder für ein bisschen seltsam und Männer in langen Kleidern für peinlich. Sie feiern Ostern mit Eiern und gutem Essen und Weihnachten mit Tannebaum und noch besserem Essen
Herr Ratzinger stand vor seiner Papstwerdung übrigens der Nachfolgerorganisation der Inquisition vor. Aus dieser Leitkultur würde ich gern auswandern, und zwar sehr weit. Ich bin ganz bestimmt nicht Papst, sowenig wie ich Deutschland bin, sondern Gelegenheits-Pastafari. Es fällt mir erheblich leichter, an Nudeln zu glauben als an einen allmächtigen Gott.

das evangelische Pfarrhaus
Nachdem ich etwa 20 Jahre lang in Jena-Lichtenhain gewohnt hatte, erklärte mir der Ortsteilbürgermeister meines Vertrauens: „Das Haus war früher mal das Pfarrhaus“ – gleich nach: „Hier unter der Straße liegt eine alte Zisterne. Lichtenhain hatte früher eine eigene Brauerei.“ Aha. Ob Jena ein Pfarrhaus hat – keine Ahnung. Das Dorf, aus dem ich stamme, hatte keins. Die nächste Stadt? Weiß Gott. Falls er sich darum kümmert.
Die meisten Thüringer haben nicht die Spur einer Beziehung zu irgendwelchen Pfarrhäusern. Feuerwehrhäuser sind etwas anderes. In den meisten Dörfern ist die Freiwillige Feuerwehr das Zentrum des kulturellen Lebens und beispielsweise für das Aufstellen des Maibaumes zuständig. Woher dieser Brauch kommt, weiß keiner so recht. Vermutlich ist der Baum kein Phallussymbol, aber für das Aufstellen sind ausschließlich Männer zuständig. Es wird heftig getrunken dabei, und je betrunkener, umso weniger will das Ding stehen (was vielleicht doch für das Phallussymbol spräche …). Von Lichtenhain wird berichtet, dass einer der Feuerwehrmänner beim anschließenden Maifeuer mit den Kameraden in Streit geriet, an Ort und Stelle austrat, die Uniform ablegte und in Unterhose nach Hause marschierte.
Ich schweife ab.

Martin Luther und die Reformation
Das Lutherjahr hat Jena, wo drei Viertel der Einwohner gottlose Ungläubige sind, 100.000 Euro gekostet, weil der Oberbürgermeister und gelernte Pfarrer meinte, einen Kirchentag üppig finanzieren zu müssen. Ich war die Einzige im Stadtrat, die die unglaubliche Summe zugunsten der Bedürftigen kürzen wollte.
Luther verdanken wir einen Feiertag, wenn auch einen, der gelegentlich aufs Wochenende fällt und immer in eine Jahreszeit, die eher trübsinnig daher kommt. Aber man soll nicht undankbar sein. Man kann Plätzchen backen. Luther verdanken wir auch eine reichseinheitliche Sprache. Andererseits hetzte der Luther gegen die Bauern, die das mit der Reformation zu ernst meinten und gegen die Obrigkeit aufmuckten.
Zumindest in Deutschland und Skandinavien pflegt man, wo die reformierte Kirche vorherrscht, ein eher entspanntes Verhältnis zum Glauben. Ich denke nicht, dass dies Luthers Absicht war, doch wer einmal zu zweifeln beginnt, der ist über kurz oder lang für den Glauben verloren. Anscheinend reicht es, an den ehernen Formen zu zweifeln.

die Schlosskirche Wittenberg
Wer sie gesehen hat, weiß, dass sie nicht wegen besonderer architektonischer Reize in der Liste gelandet ist, sondern weil der Dr. Luther da seine Thesen an die Tür genagelt haben soll. Also ein Doppel-Luther.

Was fehlt? Natürlich das alte Germanentum mit seinen zahllosen wunderlichen Göttern. Die Germanen wurden mit Gewalt christianisiert und müssen sich jetzt anhören, die übergestülpte Religion aus dem Nahen Osten wäre ihre Leitkultur. Man könnte darüber lachen, hätte die Kirche nicht alles kurz und klein geschlagen, wo sie hinkam. Nein, die germanischen Götter waren nicht die Verursacher des deutschen Faschismus. Ich finde, man sollte sie durchaus in der Schule behandeln, so wie die griechischen Götter behandelt werden, statt sie dem rechten äußeren Rand zu überlassen. Als Ansatz empfehle ich Gaiman oder Krappweis, beide des Völkischen ziemlich unverdächtig.
Auch fehlt Dr. Karl Marx, der meinte, Religion sei Opium für das Volk. Der hat in Jena, mitten in Thüringen, promoviert. Des Kontrastes wegen sollte er unbedingt erwähnt werden.
Und schließlich wäre da Nudeln-mit-roter-Soße, das ostdeutsche Universalgericht. Vor 40 Jahren habe ich gemeinsam mit meinen Mitschülern bei der Schulküche einen Petition eingereicht, man möge bitte mindestens einmal pro Woche Nudeln mit roter Soße kochen. Nudeln sind kooperativ. Sie passen zu allem. Sie machen satt. Sie sind nicht ungesund, wenn man es nicht übertreibt. Und wie das Fliegende Spagettimonster so schön sagt: „Mir wär’s wirklich lieber, du würdest nicht Multimillionendollar-Kirchen, Moscheen, Tempel, Schreine für Meine Nudlige Güte erbauen. Das Geld kann man nun wirklich sinnvoller anlegen. Sucht euch etwas aus:
– Armut zu beenden
– Krankheiten zu heilen
– in Frieden leben, mit Leidenschaft lieben und die Kosten von Kabelfernsehen senken. Mag ja sein, dass ich ein komplexes, allwissendes Kohlenhydratwesen bin, aber ich mag die einfachen Dinge im Leben. Ich muss es wissen, ich bin der Schöpfer.“
… und Feuerwehren natürlich.
Ramen.

PS:
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Das stammt von Leitkultur-Element Heinrich Heine, aus dem Wintermärchen.

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Petrolbomber

Motorman

PetrolbomberDas ist Derry. Auf der anderen Seite der Stadtmauer heißt die Stadt Londonderry. Hier aber passiert man eine Hauswand mit der Aufschrift: „You are now entering FREE DERRY“. Die Eastside Gallery thematisiert den Blutsonntag 1972, als Soldaten eine friedliche Demonstration beschossen. In der Folge eskalierte der Nordirlandkonflikt. Bomben explodierten, und Menschen starben. In Derry warf man die Polizei aus dem Viertel Bogside und beschloss, sich selbst zu verwalten.
Keiner, der seine Sinne beisammen hat, kann abstreiten, dass es auch in Deutschland Exzesse von Seiten der Staatsgewalt gibt, obwohl da gemeinhin nicht geschossen wird. In Jena zum Beispiel. Da rückte im Morgengrauen die sächsische Polizei (die in Thüringen eigentlich nichts zu melden hat) in die Wohnung des Jugendpfarrers ein und hielt in Wohn- und Amtsräumen eine Durchsuchung ab. Er war im Urlaub in Italien. Seiner Tochter wie einigen nicht zufällig anwesenden Landtags- und Bundestagsabgeordneten verweigerte man die Teilnahme an der Maßnahme. Den unabhängigen Zeugen hatte man praktischerweise nämlich schon mitgebracht – einen Praktikanten der Dresdener Staatsanwaltschaft. Pfarrer sind übrigens wie Ärzte oder Rechtsanwälte eine besonders geschützte Berufsgruppe, deren Amtsräume eigentlich tabu sind.
Man beschlagnahmte den Transporter der Jungen Gemeinde als Tatmittel, weil angeblich daraus zu einem Sturm auf die Polizei aufgerufen worden war. Wenn in Dresden der rechte Rand aus Anlass der Zerstörung der Stadt im 2. Weltkrieg demonstriert, dann demonstriert die Jenaer Junge Gemeinde auf der anderen Seite dagegen. Indes, man konnte dem Pfarrer nichts nachweisen und stellte das Verfahren ein. Nach fast vier Jahren wurde der Transporter wieder freigegeben, da man nirgends Reste der kriminellen Worte darin gefunden hatte.
Derzeit kriselt es wieder in der Stadt. Nachdem eine Jugendbande im Einkaufszentrum gestohlen, randaliert und die Polizei angegriffen hatte, ging die Polizei zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber allen Jugendlichen, die irgendwie nicht 100 % angepasst aussehen, über. Anlasslose Kontrollen, bei denen in der Regel Alkohol, Zigaretten oder Hasch gesucht werden, sind in manchen Vierteln alltäglich. Die Jugend fühlt sich schikaniert, die Nerven liegen blank.
Bildlichen Ausdruck fand das an einer Wand der Skateranlage im Paradies, deren Gestaltung man der Jungen Gemeinde überlassen hatte. Die Leute da sind ein bisschen speziell und können keiner Gelegenheit zur Provokation widerstehen. Also schufen sie die Jenaer Variante des Petrol Bombers unter der Losung „Fight back“. Was mehr oder minder heißen könnte: Lasst euch nichts gefallen. Man könnte das als Zustandsbeschreibung der Bundesrepublik im Jahr 2018 sehen. Man könnte eine therapeutische Wirkung vermuten: Wer zur Spraydose greift, greift nicht zum Molotowcocktail.

Krawallbild1

Das Original der Jungen Gemeinde

Krawallbild2

Die von Junger Union und Unbekannten bearbeitete Variante

Es führte zu einem Aufschrei. Stadtverwaltung und Kommunalservice waren nicht begeistert, und krach! war das Ding ein Fall für den Stadtrat. Der zeigte allerdings deutliche Ermüdungserscheinungen und beschloss, die Sache nach der Sommerpause im Jugendhilfeausschuss zu behandeln. Das war eine bewundernswert erwachsene Reaktion. Man will diskutieren, was Kunst und freie Meinungsäußerung und was Aufruf zur Gewalt gegen Staatsorgane sein könnte.
Die Rechnung hatte man freilich ohne die Junge Union gemacht. Die präsentiert sich auf ihrer Website mit Anzügen und Schlipsen, ist also genau die bräsige Truppe, der man revolutionäre Ungeduld abkauft. Sie entschied, das Wandbild sei „unerträglich“ und brachte Korrekturen an. Die handwerkliche Qualität kann mit der Großen Gruppe im Kindergarten gut mithalten. Erstaunlicherweise wurde aus dem Anarchisten-A ein Antiatomkriegszeichen. Seit wann ist die CDU gegen Atomwaffen? Wird Rammstein geräumt? Love and peace, und die Polizei wird mit Herzen beworfen. Die martialischen Polizisten mit dem Gummiknüppel in der Hand hat man übrigens nur zur Hälfte korrigiert. Ein bisschen Polizeigewalt als Drohung scheint in Ordnung. Auch ein roter Stern wurde CDU-schwarz übermalt. Wenn man es für eine gute Idee hält, einen Schwelbrand mit Benzin zu löschen, dann kann man das für eine coole Aktion halten.
Die Korrektur ist inzwischen korrigiert. Das Anarchisten-A ist zurückgekehrt, jetzt mit Ausrufezeichen. „JU ihr Volldeppen“ steht daneben. Das kann man so stehen lassen.

PS: Dass Version 3 (die 2 war zu schnell bearbeitet worden, um sie zu fotografieren) so grau aussieht, liegt an der schrägen Beleuchtung – die die JU-„Korrekturen“ mit relativ matter Farbe deutlicher sichtbar macht.

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Das wahre Leben: Backwaren

VisitScotland betreibt eine perfekt deutsche Website, auch wenn man da nie das findet, was man eigentlich gesucht hat. Es gibt immer wunderschöne Videos und Fotos von Schottland. Und Plätzchen:

ScotchShortbread

Die sind offenbar gefährlich, oder wie kommt das Wort „sterben“ da rein? Vielleicht weil man Gefahr läuft, sich totzulachen.
Leider hat man die Kuriosität inzwischen in langweiliges Deutsch korrigiert. Ach Leute, hättet Ihr nicht ein Rezept für Shortbread ergänzen können?

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