Notfallblog: Gebetsfahnen

Es gibt eine neue Version des Sitzverbotes auf Parkbänken – manche Bänke streicht man seit Wochen

In Pandemiezeiten kommt als erstes die Logik unter die Räder. Politiker formulieren Schlussfolgerungen, ehe sie einen einzigen Blick auf die Fakten geworfen haben. Keiner denkt ernsthaft darüber nach, Erkenntnisse zu analysieren. Und erst recht versucht niemand herauszufinden, ob Maßnahmen irgendetwas nutzen.
In Jena ist die Lage längst nicht mehr unter Kontrolle. Die 7-Tage-Inzidenz liegt seit zwei Wochen bei ungefähr 100. Anfangs wunde die Bevölkerung noch darüber informiert, wo sich die Leute mutmaßlich infiziert hatten. Inzwischen kann man nur noch zwischen den Zeilen lesen. Zum Glück war das in der DDR eine reguläres Ausbildungsfach.
COVID19 hat in zwei Altersheimen und im städtischen Hospiz Einzug gehalten. Sowohl Bewohner als auch Beschäftigte sind betroffen. Man ahnt, wie es enden wird.
Parallel gibt es fast täglich eine neue Schließungsmeldung aus Schulen und Kitas. Zwei Kitas wurden in der letzten Woche komplett geschlossen, weil es keine Gruppentrennung gab. War da nicht mal was? War die Trennung nicht Voraussetzung für den Regelbetrieb? Zwei weitere und eine Grundschule sind schon seit der Vorwoche dicht. In acht weiteren Schulen sind einzelne Klassen in Quarantäne. Mit anderen Worten: Ein Drittel der Jenaer Schulen ist Seuchengebiet.
Jetzt hat Jena reagiert. Seit dem Wochenende gilt innerhalb des Grabenringes, der schon lange nicht mehr aus Gräben, sondern Straßen besteht, allgemeine Maskenpflicht. Im Freien. Auf der Liste der Infektions-Hotspots stehen Straßen ziemlich weit unten. Selbst Biergärten gelten allgemein als ungefährlich – im Gegensatz zu Gottesdiensten, die als einzige Veranstaltungen noch stattfinden dürfen. In Läden, Verkehrsmitteln und öffentlichen Gebäuden gilt in Jena seit April durchgehend Maskenpflicht. Das ist in Ordnung. Aber wie um alles in der Welt will man mit Maskenpflicht auf dem Eichplatz das Infektionsgeschehen in Altenheimen und Kitas eindämmen?
Die Maske wird endgültig zur Gebetsfahne. Es ist geradezu ausgeschlossen, dass sie irgendwas an den tatsächlichen Problemen ändert, aber he, wir tun was! Mit der gleichen Wirkung könnte man mit dem Weihwasserkessel durch die Stadt laufen oder eine Hexe verbrennen. Wirksam ist die Maske wahrscheinlich nur gegen Naschkatze und Paradiesvogel, denn der Einkauf in der Innenstadt macht noch weniger Spaß. Aber dagegen kann man ja wieder eine Plakatkampagne starten …

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Christliche Bäume

Dem deutschen Wald geht es vielerorts nicht gut, was zum einen am besonders heißen und trockenen Wetter der letzten drei Jahre liegt, zum anderen aber auch an der auf Holz- und damit Gelderträge ausgerichteten Forstwirtschaft. Es sind flächendeckend die ordentlichen, in Reihen angeordneten und geradstämmigen Fichtenplantagen, die durch Trockenheit und Borkenkäfer eingehen. Die Idee, dass Wald sich vor allem rechnen und verkaufen lassen muss, war eine ausgesprochen dumme. Die Fichte gehört nicht ins Flachland, und Monokulturen sind eine Einladung für Schädlinge.
Dass der Wald in der deutschen Bevölkerung ungefähr so liebevolle Gefühle auslöst wie ein Rauhaardackelwelpe, ist inzwischen auch der CDU aufgegangen. Die Not ist groß, die Folgen der ökologisch schwachsinnigen Politik der letzten fünfzig bis hundert Jahre unübersehbar, und die Kämpfe um Waldabholzungen für Kohle, Autobahnbau und Tesla-Werke sind schlechte Presse für die seit Unzeiten regierende Partei. Deshalb hatten sie jetzt eine ganz rührende Idee: Generalsekretär Paul Ziemiak erklärte per Video auf Twitter, die Partei wolle, da Deutschland ohne Wald undenkbar sei, die unvorstellbare Zahl von tausend Bäumen pflanzen. In Zahlen: 1000.

Die CDU hat etwas mehr als 400.000 Mitglieder. Das heißt, auf 400 Mitglieder kommt ein Baum. Das mittelständische Ingenieurbüro, für das ich arbeite (ja, wir haben einen amerikanischen Großkonzern im Rücken, aber ich rede von der deutschen Entwicklerbude), hat rund 110 Mitarbeiter. In diesem und im letzten Jahr hat die Firma je 1000 Bäumchen für den Jenaer Wald gespendet. An einem Nachmittag im Oktober haben wir mit etwa 20 Leuten – einschließlich Kinder – 570 kleine Weißtannen gepflanzt. CDU, ich bin beeindruckt von euch.
Das Stück Baum kostet 5 €. Sie sind sehr klein, aber es sind Bäume, und es sind genau die Bäume, die dort gepflanzt werden, wo die Fichten gestorben sind. Man kann also davon ausgehen, dass die in die Welt posaunte Großtat der CDU etwa 5000 € kostet, falls die Christdemokraten selbst zum Pflanzspaten greifen. Das überfordert die Partei so sehr, dass sie tatsächlich um Spenden bittet, um etwa 500 m² deutschen Waldes zu bepflanzen – das ist ein Quadrat von 22 m Kantenlänge. Oder nicht mal ein Zehntel des kleinsten in der Liga zugelassenen Fußballfeldes.

Nun ist es nicht so, dass die Partei am Hungertuche nagen müsste. In den ersten zehn Monaten des Jahres hat sie bescheidene Zuwendungen in Höhe von 775.857,65 € erhalten. Das heißt, das sind nur die meldepflichtigen Spenden über 50.000 €. Wenn Bäckermeister Schmidt aus Hintertupfing 1000 € spendet, verschwinden die im Grundrauschen. Neben dem obligatorischen BMW-Clan Klatten/Quandt waren unter den großzügigeren Spendern vier Männer aus der Immobilienbranche und das Unternehmen Sachsenmilch, die da den Gegenwert von 155.172 Weißtannen-Setzlingen gespendet haben. Und wenn wir annehmen, dass dieses Geld restlos für das Gehalt des Generalsekretärs draufgeht, dann bleiben pro CDU-Mitglied 1,25 Cent an Kosten für die stolzen 1000 Bäumchen.
Das wird sie in den Ruin treiben. Leute, spendet!

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Notfallblog: Elementare Mathematik

Bildung Teil 2:

Hauptsache Abstand auf dem Spielplatz. Jena markiert wieder Parkbänke. Und keine alkoholhaltigen Desinfektionsmittel verwenden.

Es ist verboten, sich mit mehr als 10 Personen aus mehr als zwei Haushalten zu treffen. Wenn man annimmt, dass das irgendeinen Sinn hat, dann fragt man sich unweigerlich, warum es andererseits kein Problem sein soll, wenn sich 30 Schüler aus 30 verschiedenen Haushalten treffen. Das ist keine Panikmache. In Jena ist der Zielwert für Klassengrößen in der Oberstufe 28, und wenn er auf 26 absackt, dann werden die Verantwortlichen nervös. Denn das Land zahlt seine Zuschüsse nicht für Schulen oder Klassen, sondern pro Schüler, und das sind pro Kind und Jahr über 8000 €.
Es wäre grundsätzlich gut, in Pandemiezeiten aber unerlässlich, die Klassen zu verkleinern. Und da wird es schwierig. Niemand weiß, wo man von jetzt auf gleich die doppelte Zahl an Klassenräumen oder gar die doppelte Zahl an Lehrern hernehmen soll. Natürlich könnte man im Schichtbetrieb unterrichten – aber wer? In Thüringen sind rund zwei Drittel der Lehrer über 50 Jahre alt, rund 17 % sogar über 60. Sie sind Risikogruppe. Für sie ist normaler Unterricht, acht Stunden mit 28 Kindern auf engstem Raum, womöglich lebensgefährlich. Der Mangel an Lehrern ist so arg, dass das Thüringer Bildungsministerium händeringend nach Quereinsteigern sucht, um unter normalen Umständen den Unterricht absichern zu können.
Es gab – was ich bis vor kurzem nicht wusste – einen Präzendenzfall in Deutschland, die Umstellung des Schuljahresbeginns vom Frühjahr auf den Herbst. Dadurch fiel teilweise erheblich – monatelang – Unterricht aus, und die Auswirkung konnte man noch Jahrzehnte später messen. Die Betroffenen verdienten signifikant weniger als Altersgenossen mit normelem Unterricht. Mit anderen Worten: Bildung ist notwendig. Aber Bildung als normaler Präsenzunterricht mit Maske ist auch gefährlich.
Da man auch mit Gewalt nur einen Teil des Lehrerbedarfs ausgleichen kann, bleibt nichts anderes, als alles zu sparen, was sich sparen lässt, und sich auf das absolut Notwendige und Wichtigste zu konzentrieren. Wo reißen Ausfälle am schnellsten Löcher in die Bildungsbiographie? Es geht nicht darum, was man toll und unverzichtbar für eine allseitig entwickelte Persönlichkeit findet. Es geht um elementare Kompetenzen. Deutsch und Mathematik. Alles andere ist verhandelbar, kürzbar, verlagerbar. Wir müssen den Präsenzunterricht auf das konzentrieren, was ihn am dringendsten braucht.
Und verdammt noch eins – es gibt Länder, die das mit dem digitalen Unterricht seit Jahren hinkriegen: Norwegen, Finnland, Neuseeland, Australien. Wir sind ein führendes Industrieland. Wir sollten das können. Wenn die Verantwortlichen das nur wollten.

PS: Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband sagte auf der Jenaer Kinderarmutskonferenz, für Politiker sei es lukrativer, in Straßen zu investieren als in Bildung. Wenn die Schlaglöcher weg seien, merkten das die Wähler sofort, bei Bildung dauere es 16 bis 18 Jahre, bis der Effekt sichtbar wäre – also mehr als vier Wahlperioden.

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Notfallblog: Hauptsache Schule

„Die Schulen sollen auf jeden Fall offen bleiben“, heißt es in praktisch jedem Kommentar zu den aktuellen COVID19-Maßnahmen. Es kommt einem vor wie das erste der zehn Gebote, dass während der Kontaktbeschränkungen dreißig Kinder auf engstem Raum stundenlang zusammen hocken müssen.
Warum? Mit Bildung hat es mutmaßlich nichts zu tun. Dafür gibt die Bundesrepublik Deutschland zwar 4.3 % des BIP aus, aber der OECD-Durchschnitt liegt bei 4.9 %. In den letzten Monaten ist deutlich geworden, wo es klemmt: nicht nur an Internetzugang für alle Schüler, sondern auch an warmem Wasser auf dem Schulklo. Mehr Geld für Bildung? Äh, nein. Es gibt andere Prioritäten. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Fritz Felgentreu, erklärte laut dpa; „Wir dürfen gerade jetzt bei öffentlichen Ausgaben nicht sparen. Das muss auch für Sicherheit und Verteidigung gelten.“ Die Krise liefere keine Argumente, um Verteidigungsausgaben zu senken.
Ein Mangel an Geld vielleicht? Die unvorstellbare Summe von 51.5 Milliarden Euro wird im Krisenjahr 2020 für Tötungs- und Zerstörungsgerät ausgegeben, während man diskutiert, ob man Kindern aus HartzIV-Bedarfsgemeinschaften einen Laptop finanzieren kann. Im Regelsatz für Kinder gibt es je nach Alter zwischen 75 und 23 Cent pro Kopf und Monat für Bildung. Damit kann man einen Billig-Laptop für 250 € in ungefähr 40 Jahren problemlos ansparen.
Beim Schulöffnungsgebot geht es nur darum, dass Eltern ungestört von ihrem Nachwuchs arbeiten und Dividenden erwirtschaften können. Dafür müssen Opfer gebracht werden. Unternommen hat man wenig. Über den Sommer hat man einfach gehofft, die zweite Welle würde ausbleiben. Dabei gäbe es Dinge, die man hätte tun können:

  1. eine Mischung aus Online- und Präsenzunterricht organisieren. Lehrer, die zur Risikogruppe gehören (je nach Gegend kann das die Hälfte sein) könnten gut Online-Unterricht erteilen. Man könnte sogar pensionierte Lehrer fragen, ob sie vielleicht ein paar Stunden pro Woche halten möchten.
  2. Lehramtsstudenten einbeziehen, um Klassen teilen zu können und ein Schichtsystem in den Schulen zu ermöglichen.
  3. den Lehrplan ausmisten. Konzentrieren wir uns auf die wirklich wichtigen Fächer und lassen wir Dinge wie Religion, Musik und Zeichnen weg. Singen ist ohnehin gefährlich, und zum Zeichnen muss man echt nicht im Klassenzimmer hocken. Das geht zu Hause.
  4. Draußen-Angebote entwickeln. Biologie, Geographie, Physik – alles freilandtauglich
  5. Bildung übers Fernsehen verbreiten. Wir haben umpfzig Sender, die tagsüber Stumpfsinn rausblasen. Warum nicht mal Bildung? Die Englisch-Lektionen meiner Kindheit sind unvergessen.

    Nichts davon funktioniert allein, aber wenn man alles zusammen organisieren würde, dann könnte man die ohnehin aus Sicht der Pädagogik unsinnig großen Klassen endlich in vernünftig kleine aufteilen. Es gibt Dinge, die man tun könnte. Aber entschieden hat man sich für Masken im Unterricht und Lüften, bis die ersten steifgefroren von der Bank rutschen.
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Notfallblog: Crashtest

Sobald man irgendwelche Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie befürwortet, und sei es nur das Tragen von Masken im Nahverkehr, schreit sofort jemand, man könnte ja nicht „die gesamte Wirtschaft vor die Wand fahren“. Tatsächlich rechnet das Wirtschaftsministerium für dieses Jahr mit einem Einbruch um 5.4 % im Bruttoinlandsprodukt. Das ist, meint die „Welt„, ein bisschen mehr als der Einbruch 2008/2009.
An dieser Stelle halten wir mal kurz inne. 2008? Da gab es keine Maskenpflicht, keine Kneipenschließungen und keine Kontaktverbote. Was es 2008 gab, war eine ganz normale Wirtschaftskrise, wie sie in der kapitalistischen Warenproduktion gelegentlich vorkommt. 2020 war die Delle besonders tief und scharf, aber inzwischen ist es deutlich bergauf gegangen. Die „stärkste Rezession seit 100 Jahren“ beschränkte sich auf zwei bis drei Monate.
Die Vermutung, nach der 2009er Krise müsste es nun bis ans Ende aller Tage mit der Wirtschaft bergauf gehen, widerspricht allen Erfahrungen. So funktioniert Kapitalismus nicht. Und so berichtet das Bundeswirtschaftsministerium über Deutschlands Leitindustrie: „In Deutschland wurden im Jahr 2019 mehr als 4.6 Millionen Pkw hergestellt. Das ist ein Rückgang um 8.9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“ An der Automobilindustrie hängt ein langer Rattenschwanz von Zulieferern, zu denen auch ich gelegentlich gehöre. Diese Branche also ist im Jahr vor COVID19 um 8.9 % eingebrochen. Wenn die für 2020 erwarteten 5.4 % eine Kollision mit der Wand sind, dann war das die Apokalypse – aber kaum einer regte sich auf, weil es der Branche dank ihrer Produktion in China und anderswo noch sauwohl ging. Doch in Deutschland lief längst die Jobvernichtung an.
Glaubt wirklich jemand, dass COVID19 jemanden vom Autokauf abhält? Autos sind nichts, was man beim Ladenbummel aus einer Laune heraus kauft. Die Zurückhaltung – Achtung, Verschwörungstheorie! – liegt möglicherweise daran, das branchendeckend gelogen und betrogen wurde, was das Zeug hielt. Die Leute wurden mit gefälschten Abgaswerten über den Tisch gezogen und fragten sich, mit welchem Auto man auch morgen noch das eigene Haus erreichen kann. Davon abgesehen hat die deutsche Autoindustrie jahrzehntelang auf große, schwere, zu schnelle Spritfresser gesetzt, und plötzlich möchten junge Familien es lieber sparsam. Darauf hat man keine Antwort bzw. kein Auto.
Gerade für die großen Konzerne ist COVID19 die ideale Gelegenheit, endlich die Umstrukturierungen durchzudrücken, die man schon lange haben wollte. Bisher fehlte es nur an einer überzeugenden Argumentation. Heute muss man nur noch „Corona!“ rufen und irgendwem die Schuld geben, und schon geht es. Der Konzern, für den ich arbeite, hat gerade ein sehr erfolgreiches Jahr abgeschlossen und seine Dividenden gesteigert. In Europa haben die meisten Mitarbeiter 2020 keine Lohnerhöhung bekommen, weil die Lage so schwierig ist. Sie ist so schwierig, dass die Dividenden steigen.
Dazu passt, dass das Vermögen pro deutschem Erwachsenen in den ersten sechs Monaten des Jahres um 1.8 % gestiegen ist. Bis Jahresende erwartet man satte 3.9 %. Im Schnitt. Es gibt sehr viele, die davon genau nichts haben. Wir haben auch 58.000 Millionäre mehr als vor einem Jahr. Das erklärt, wo das Geld liegt. Schlägt man angesichts der Notlagen anderswo, bei den Tafeln, bei den Schulen oder in der Pflege, vor, man könnte das ja mit einer Steuer auf sehr große Vermögen gegenfinanzieren, bricht Panik aus. Kommunismus! Tod und Verderben! Stasi! Diktatur!
Da ist keine Wand. Da ist nur das eisenharte Interesse der Reichen, noch viel reicher zu werden und dem Pöbel unter dem Vorwand der Pandemie das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, das Sprachrohr des Großkapitals schlägt zur Belebung der Wirtschaft was vor? Drastische Steuersenkungen. Das hat ja schon in den 90er Jahren nicht geklappt, also sollten wir es mal wieder probieren.

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Notfallblog: Rettet den Katzenjammer

Ganz Deutschland schaut besorgt auf die COVID19-Infektionszahlen, redet über Lockdown, Ausgangssperren und Beherbergungsverbote. Ganz Deutschland? Nein, eine kleine Großstadt leistet tapfer Widerstand.
Im Frühjahr gab die Jenaer Stadtverwaltung den Hardliner: Spielplätze wurden gesperrt, Ansammlungen von mehr als zwei Leuten verboten, die Drücker von Ampeln außer Betrieb genommen, Parkbänke gesperrt und wieder freigegeben, aber nur mit Abstandswarnung. Als die Welle durch war, führte man die flächendeckende Maskenpflicht ein und ließ sich als Vorreiter feiern. Drei Monate lang gab es praktisch keine Infektionen mehr, und das Leben fühlte sich fast normal an.

Seit der Urlaubssaison steigen auch in Jena die Infektionszahlen wieder an. Und was tat der Krisenstab? Ja, nun, nichts halt. Man ließ das Virus machen.
Bis letzte Woche. Seither hängt quer durch die Stadt eine Plakatkampagne, aber nicht mehr die mehr die vom Frühjahr, als man bei ähnlichen Infektionszahlen „Bleiben Sie zu Hause!“ forderte.
Nein, jetzt fordert die Stadt zur Rettung „bedrohter Lebensarten“ auf. Man soll bitte den Nachtschwärmer, den Ohrwurm, die Naschkatze, den Muskelkater und den Paradiesvogel retten – durch Ausgehen, Besuch von Philharmonie, Gaststätten, Fitnessstudio und Bekleidungsläden. Ich sehe ein, dass all diese es nicht leicht haben. Ich finde gut, dass die Stadt auf Sondernutzungsgebühren für Biergärten verzichtet.

Aber ist der Aufruf zum Shoppen und Kneipentouren die richtige Reaktion auf die zweite Welle? Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 25. Gestern wurden 9 neue Infektionen in Jena gemeldet. Auf der Website der Stadt heißt es dazu: „Sechs der neuen Fälle sind auf einer Feier im Restaurant Poseidon in Winzerla zurückzuführen.“ (Fehler im Original)
Na dann – #RettetDenKatzenjammer

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Notfallblog: Babel ist schuld!

COVID19 ist die perfekte Gelegenheit für Pseudo-Experten aller Art, irgendein persönliches Lieblingsvorurteil spazieren zu führen. Einer dieser ausgewiesenen Dummschwätzer ist Christian Ehrhardt , Chefredakteur von Kommunal.de, einer Website mit mehr oder minder nützlichen kommunalpolitischen Beiträgen. Zuvor war er Pressesprecher der Brandburger FDP. Seit ich im Web über diese Information gestolpert bin, frage ich mich, ob er die sittenlose Lebensweise der Großstädte generell verabscheut – oder ob er einfach gegen das linksgrün versiffte Berliner Parlament unbeholfenen Wahlkampf macht.
Seine These: Schuld an der aus dem Ruder laufenden Pandemie sind nicht etwa die Rundumlockerungen zur Urlaubszeit, sondern die Überheblichkeit der deutschen Großstädte. Man kennt das: Ninive, Babel …

„Der Erfolg Deutschlands in der Pandemie-Bekämpfung beruht vor allem auf der Besonnenheit in den vielen starken ländlichen Räumen. Wir sind bisher nur deshalb halbwegs erfolgreich durch die Pandemie gekommen, weil wir eben nicht von den Interessen einiger weniger Großstädte geleitet werden.“ Christian Ehrhardt

An Berlin stören ihn nicht die regelmäßigen „Hygiene“-Demonstrationen (bei denen sich Parteifreund Kemmerich ja auch ganz wohl fühlt). Er meint, statt Sperrstunden zu verhängen und am Ende sogar durchzusetzen, hätte die Stadt die Liebigstraße 34 lieber mit Waffengewalt räumen sollen. Sagt er nicht so, hört sich aber so an. Wir wissen, die Pandemie eskalierte in Berlin erst seit der Räumung, bei der sich vermutlich alle 676 heutigen Fälle infiziert haben. Vorher gab es keinen einzigen Fall. (Aus FDP-Sicht zweifellos richtig, denn Sperrstunden wie auch besetzte Häuser stören die Wirtschaft, und für die Partei der Zuvielverdienenden geht es um nichts anderes.)
Nicht weniger verwerflich: Der Leipziger Oberbürgermeister sorge sich derzeit tatsächlich über das Turnfest im nächsten Jahr! Merke: Kommunale Verantwortungsträger sollten sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob sie vielleicht sechsstellige Summen in den Sand gesetzt haben. Ob daraus wirklich Brot und Spiele fürs Volk werden, ist für den FDPler nicht so wichtig, solange die beteiligten Firmen voll bezahlt werden.
„Dabei könnten die Städte von den ländlichen Regionen viel lernen“, meint Erhardt und halluziniert, auf dem Lande sei die Akzeptanz für die Seuchenschutzmaßnahmen höher. Wegen der tollen Kommunikation.
Fakten stören da nur. Das gescholtene Leipzig hat justament 11.7 Infektionsfälle pro 100.000 Einwohner und 7 Tage. In Magdeburg sind es 13.9, in Erfurt 17.8, in Dresden 26.8. Jena, aktuelle Inzidenz 12.6, mag er auf meine Kritik hin noch nicht einmal als Großstadt ernst nehmen. (Der OB ist schließlich in der FDP und damit per definitionem einer der standhaften Corona-Helden – auch wenn die allabendliche Massenparty im Paradies nicht vom Ordnungsamt, sondern vom schlechten Wetter aufgelöst wurde.)
Und jetzt schauen wir mal, woran wir uns nach Meinung des FDP-Moralapostels ein Vorbild nehmen sollten: Eichsfeld 60.0, Erzgebirgskreis 89.0, Northeim 104.3, Eifelkreis Bitburg-Prüm 134.3, Berchtesgadener Land 149.2, Sankt Wendel 156.3. Wenn das Besonnenheit ist, dann bin ich froh, in der unbesonnenen Geradeso-Großstadt zu leben.

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Rahmenhandlung: Ursache und Wirkung

Man kann, finde ich, darüber streiten, ob das Herumhängen mehrere Meter über einer Autobahn tatsächlich ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr ist. Eigentlich könnte der einfach so darunter hindurch fahren. Auf allen Bildern, die man zum A49-Protest sah, hingen die Delinquenten sehr weit oben, kaum tiefer als der Brückenbeton. Sie sind ja nicht lebensmüde. Sie waren nie auf der Fahrbahn, und sie haben auch nichts auf die Fahrbahn geworfen.
Die Polizei fand es notwendig, die A3 zu sperren. Das ist nicht schön. Es ist verdammt ärgerlich, wenn man in einem Stau steht. Aber es ist ja nicht so, dass sich ein Stau nur dann auf deutschen Autobahnen entwickelt, wenn Umweltaktivisten Transparente hängen. Auf meinem früher häufigen Weg nach Belgien stand ich auf 550 km Strecke mindestens zweimal, gelegentlich auch fünf- oder sechsmal im Stau. Ich rechne damit. Wenn vor mir Bremslichter angehen, bremse ich – lieber zu viel als zu wenig.
Am Ende des Staus auf der A3 ist ein Autofahrer ungebremst unter einen LKW gerast. Es sieht nicht aus, als könnte er das überlebt haben. So weit, so schlimm.
Sofort setzte das Framing ein. Nahezu jedes Medium stellte den Unfall direkt in den Kontext des Protestes, der damit nur mittelbar zu tun hatte. Die Botschaft: Proteste gegen Autobahnbau und Abholzung sind für Unbeteiligte lebensgefährlich.
Die Logik: Ohne Protest hätte es ja nie einen Stau gegeben, auf den der unaufmerksame Autofahrer hätte auffahren können. Ich habe in Jena auf der Straße eine Frau gesehen, die – den Blick angstrengt aufs Handy gerichtet – frontal gegen einen Bauzaun lief. Ist die Baufirma an der Beule schuld?


Vollends verkürzt taucht das bei Julia Klöckner auf, ihres Zeichens Landwirtschaftsministerin und CDU-Vorzeigemädel. Also eine Frau, die Regelungen gegen das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln ebenso verhindert wie die Nährstoffampel auf Nahrungsmitteln, und die angesichts der verheerenden Zustände bei Tönnies „Lösungen fordert“, wie allenthalben berichtet wurde. Statt mal einen sinnvollen Gesetzentwurf ohne vorsorglich eingebaute Schlupflöcher vorzulegen. Könnte man ja machen, so als Ministerin. Ihre Partei übrigens ist kategorisch gegen Tempo 130 auf deutschen Autobahnen, weil das im Staufall Leben retten könnte. Dann gäbe es ja keine schlimmen Unfallfotos, die man Umweltaktivisten anhängen kann. Bei Frau Klöckner sieht es so aus, als hätten Umweltaktivisten den LKW aus Bosheit quer auf die Autobahn gestellt.
Die sich für Bäume einsetzen, ein Anliegen, das Frau Klöckner vorgestern noch sehr am Herzen lag. Aber was interessiert sie ihr Geschwätz von vorgestern?

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Notfallblog: War da was?

4516 Deutsche haben sich gestern mit COVID19 infiziert. Es gab tatsächlich einen Tag, an dem die Rate höher war: den 16. März, den Tag der allgemeinen Kontaktbeschränkungen, Schul-, Kita- und Ladenschließungen. Der Tag, an dem sich das soziale Umfeld auf die eigene Familie und das Internet einengte.
Man diskutiert, ob man in Städten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner tatsächlich wieder Kontaktbeschränkungen verhängen sollte und ob Beherberungsverbote für Menschen aus diesen Städten nicht eine unbillige Härte darstellten. Das deutliche Signal des politischen Geeiers: Hauptsache, die Kneipen und Hotels sind auf und Eltern werden nicht durch ihre Kinder bei der Arbeit gestört. Opfer müssen gebracht werden, und zwar möglichst von Leuten, die ohnehin nicht zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Wir haben übrigens auch 4211 Schulen mit COVID19-Fällen im Lande.
Wenn sich die oberste Führungsebene so uneins ist und sich weigert zu regieren, dann ist es kein Wunder, dass allabendlich im Jenaer Paradies vier bis fünf Parties toben. Was soll schon sein? Pandemie? War da was?
Apropos Jena – der Primus der Pandemiebekämpfung hat derzeit eine Infektionsrate von 16.2, was deutlich über dem Thüringer Durchschnitt liegt, auch wenn es an Seuchenmetropolen wie Berlin, Hamburg oder München bei weitem nicht rankommt. Seit dem 26.08. vergeht kaum ein Tag ohne neue Infektionsmeldungen. Ein ähnlich dynamisches Infektionsgeschehen hatten wir zuletzt Anfang April, als Jena mit der Einführung der Maskenpflicht zum Star der Kriegsberichterstattung wurde.


Masken tragen wir in Bus, Supermarkt und öffentlichen Gebäuden noch immer. Was es nicht mehr gibt: geschlossene Läden, Hotels, Gaststätten, geschlossene Kitas und Schulen, Home Office und Kontaktbeschränkung. Alles wie immer, nur eben mit Maske. Das ist der Idealfall der Wirtschaft: Nichts gefährdet die Umsätze, und die Unannehmlichkeiten tragen Max und Monika Mustermann.

Die Daten enstammen den täglichen Pandemiemeldungen der Stadt und weichen von denen des RKI geringfügig ab – warum auch immer.

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Die Reste der Flügel

Oktober, die Tage schrumpfen. Man neigt zur Miesepetrigkeit und erwägt wieder einmal, Winterschlaf zu halten.
Aber noch gibt es sonnige Tage, an denen es fast noch Sommer ist. Noch fliegen Schmetterlinge mit den letzten Resten ihrer Flügel zwischen den letzten Blüten umher. Wenn alle anderen Blüten sich längst in Samen verwandelt haben, tauchen überall auf den Bergwiesen die Herbstzeitlosen auf. Das ist Taktik. So wie die Krokusse als erste Nektar anbieten und sich damit die ungeteilte Aufmerksamkeit von Bienen und Hummeln sichern, sind die Herbstzeitlosen die letzten.
Die Bläulinge – es könnten Silbergrüne Bläulinge sein, und auf der Oberseite sind sie tatsächlich blau – sorgen derweil für die erste Generation des nächsten Jahres.
Noch ist es zu früh für Winterschlaf.

Die unbeeindruckte Natur ist im österreichischen Brandnertal zu Hause. Anklicken, um die Galerie zu öffnen.

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