Slap, Slap, Slap

Der Tourist, den es in die (den) slowenische Bohinj verschlägt, kann ihn kaum übersehen, den Slap Savica. Für alle, deren Slowenisch so schlecht ist wie meins, also nicht vorhanden: Slap ist ein Wasserfall, und Savica das Ding, das fällt. Der Slap ist nicht nur überall ausgeschildert, sondern taucht auch in jeder Broschüre, jedem Faltblatt und am Infobrett des Zeltplatzes auf. Irgendwann denkt man: Gut, ich habe die Niagarafälle und den Gullfoss gesehen, aber kann ich sterben, ohne den Slap Savica gesehen zu haben?
Man kann den Berg hoch laufen oder auf einer bestens ausgebauten Straße fahren. Ich empfehle laufen. Erstens gibt es einen schönen Wald und jede Menge Schmetterlinge, zweitens kann man in den Ortschaften der Bohinj ohnehin nichts Besseres tun. Egal ob oben oder unten, Parken kostet 3 €. Der Weg zum Wasserfall kostet extra, und zwar 2.50 € pro Nase, angeblich für die Erhaltung des Weges, der aber nicht so aussieht, als erhielte ihn irgendjemand. Immerhin, es gibt Stufen, was bei vielen Leuten den Eindruck erweckt, man könnte ihn auch mit dreijährigen Kindern und bettlägerigen Großmüttern bewältigen – bei 35°C im Schatten definitiv ein Fehler.
Und dann steht man vor dem Slap und reibt sich die Augen. Nachdem man die Niagarafälle und den Gullfoss für nass gesehen hat, hat man stolze 8 € für etwas bezahlt, das in Norwegen, Island oder Schottland noch nicht einmal einen Namen bekäme. Da fällt ein wenig Wasser so um die 20 Meter herunter, und der türkisfarbene Bergsee darunter entpuppt sich als gemauertes Becken. Die Treppe, die hinunter führt, ist unten abgesperrt. Wasser anfassen ist verboten. Ein Dutzend Touristen steht schwitzend auf der Treppe und würde wenigstens gern die Füße eintunken.


Etwa 30 km weiter liegt Gozd Martuljek, und ich vermute, dass Gozd so etwas wie Mündung heißt. Denn der Martuljek ist auch ein Gewässer. Im Dorf gibt es einen kostenlosen Parkplatz und unscheinbare Wanderwegweiser zu Slap 1 und Slap 2. Der Weg ist teilweise abenteuerlich. Am Ende kommt man nur mit Tritteisen und Ketten noch weiter. Es gibt unterwegs einen wunderschönen Wald, Ausblick auf die Berge, zahllose Schmetterlinge und Blumen. Aber kein Kassenhäuschen.
Slap 1 und Slap 2 sind höher, wasserreicher und spektakulärer als der Slap Savica. Wenn man mag, kann man die Füße in den Martuljek hängen oder auch trinken. Ich hab’s versucht, und es war ungefährlich. Man könnte auch baden. Hab ich nicht versucht, weil kalt. Über Slap 1 und Slap 2 redet kein Mensch. Warum? Die kosten kein Geld.

Veröffentlicht unter Biotope, Das Universum & der Rest | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Freiheit für alle!

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein. Aber mancherorts hat man sich schon so an Einschränkungen gewöhnt, dass man es eigens dazu schreibt:

Fuerther_Freiheit

Hier bin ich Mensch, hier darf ich frei sein.
Aktuellpolitisches Schwänzchen: Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heiko Maas Hans Georg Maaßen, hat Anzeige wegen Landesverrats gegen zwei Journalisten von netzpolitik.org erstattet, weil sie die Pläne zum weiteren Ausbau der allgemeinen Überwachung öffentlich gemacht haben. Verfassungsschutz, dass ist die Hustentruppe, die keinen einzigen Terrorarkt des NSU verhindert hat und tatenlos zusieht, wie die NSA Bürger, Politiker und Unternehmen ausspäht, und der man aus ihrem neuen Hochsicherheitsgebäude die Wasserhähne klaut. Im Namen der Freiheit: Verfassungsschutz auflösen!

Entschuldigung an Herrn Maas, der die Sache inzwischen selbst fragwürdig findet und natürlich Justizminister ist. Die heißen aber aber verdammt ähnlich.

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Im Museum unverzichtbarer Dinge

Museum_unverzichtbarer_Dinge

Veröffentlicht unter Das Universum & der Rest | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Physikerinnen mit Krönchen

Das ist natürlich keine Prinzessin, sondern Queen Victoria, die dem Vernehmen nach nicht sehr verzimpert war.

Das ist natürlich keine Prinzessin, sondern Queen Victoria, die dem Vernehmen nach nicht sehr verzimpert war.

Wissenschaftler tun alles Mögliche. Zum Beispiel legen sie Grundschulkindern eine Liste mit Berufen vor und fragen, wie schwierig die wohl sind, ob man sich das zutrauen würde und wieviel man damit verdient. Allerdings in zwei Varianten: In Liste 1 waren die Berufsbezeichnungen durchweg männlich (die Handwerker), in Liste zwei männlich und weiblich (die Handwerkerinnen und Handwerker). Ergebnis: Ist eine weibliche Form dabei, halten die Kinder den Beruf für einfacher, trauen ihn sich eher zu und erwarten eine schlechtere Bezahlung. Daraus schließen die Psychologen, dass man Berufsbezeichnungen immer brav gendern sollte, damit sich mehr Mädchen trauen, naturwissenschaftlich-technische Fächer zu studieren. Mal ehrlich – wer von euch übt den Beruf aus, den er in der Grundschule toll fand? Bei mir wäre das Tierpfleger gewesen, und noch nach der 10. Klasse hätte ich Physik abgewählt, wenn man mich gelassen hätte. Ein Kollege erzählte, sein Sohn sei im Kindergarten nach dem Beruf der Eltern gefragt worden. Lehrerin und Physiker. Hohn und Spott. “Das gibt es gar nicht! Das heißt Musiker!” Als sei das nicht genug, berichtete er, was der obercoolste Beruf überhaupt ist: Müllwagenfahrer. So viel zum Kenntnisstand der Testgruppe zum Thema der Befragung. Wir können natürlich ab sofort immer “Physikerinnen und Physiker” sagen und es ein bisschen wie “Prinzessinnen” klingen lassen. Dann denken all die kleinen Schulmädchen, Physik wäre puppenleicht und würde von wunderschönen Frauen in Flitterkleidern betrieben. Bis zur sechsten Klasse. Da bemerken sie plötzlich und unvorbereitet, dass Physik der böse Bruder* der Mathematik ist, der nicht nur mit Formeln um sich wirft, dass es eine Art hat,  sondern auch mit Dingen herummacht, die meterlange Funken ziehen oder einem gleich ganz um die Ohren fliegen. Denn am glücklichsten ist der gemeine Experimentalphysiker, wenn er irgendwas kaputt machen kann. An dieser Stelle ist klar, dass Flitterkleid und Krönchen fehl am Platze sind. Laborkittel und Schutzbrille sind angesagt, und einfach war gestern. Genderkorrekte Bezeichnungen ändern nichts daran, dass Physik ein Fach für Seltsambegabte ist, die sich 27-dimensionale Räume vorzustellen vermögen und damit leben können, dass Katzen gleichzeitig tot und lebendig sind, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Auch viele Männer kommen damit nicht klar. Die Ausfallrate beim Studium liegt bei 30 %, geschlechtsunabhängig. Weswegen ich meine, man sollte lieber wieder einen Technik-Unterricht einführen und die Abwählerei abschaffen. Manchmal hilft es, zur Beschäftigung mit einer Sache gezwungen zu sein, um sie schließlich gut zu finden. In der zehnten Klasse habe ich noch (aktenkundig) behauptet, Physik liege mir nicht. In der zwölften bin ich aus Überdruss von der Weltliteratur des 19. Jahrhunderts (mit den Themen Ehebruch, Ehebruch und Ehebruch) in den Wahlkurs Digitalelektronik und Festkörperphysik gewechselt, obwohl Gender noch gar nicht erfunden war. Eines lässt die Pressemeldung zum Versuch elegant aus. Bereits im Grundschulalter haben Kinder verinnerlicht, dass Frauenarbeit weniger wert ist. Darüber könnte man mal reden. Hat es eine Lehrerin so viel einfacher als ein Ingenieur, eine Altenpflegerin leichter als ein Zerspaner? Wenn man darauf ehrliche Antworten suchte, käme man mit ein paar zusätzlichen Buchstaben allerdings nicht aus. Dann müsste man Geld ausgeben. * Ich weiß natürlich, dass es “die Physik” heißt, aber angesichts von weniger als 10 % Frauenanteil in den Matrikeln halte ich das für einen Irrtum von Konrad Duden. Es gibt nur ein Studienfach, das noch männlicher ist, und das ist Elektrotechnik. Hm, jetzt komme ich in Zweifel. Der Maschinenbau ist auch nicht gerade eine Frauendomäne, was man am Namen aber deutlich sieht …

Veröffentlicht unter Das Universum & der Rest | Verschlagwortet mit , , , , , | 4 Kommentare

Widerstand ist zwecklos

In der Pressekonferenz
Wolfgang Schäuble: “Wir haben der Vereinbarung mit Griechenland heute noch einen Passus hinzugefügt. Ab sofort wird jeder Grieche ab 14 Jahre in der Öffentlichkeit mit schwarz-rot-goldenen Streifen im Gesicht herumlaufen.”
Reporter: “Aber das bringt doch keinen Cent in die Kassen. Warum verlangen Sie so etwas?”
Wolfgang Schäuble: “Weil wir es können. Und außerdem hat der Gyros-Verkäufer an der Ecke mir neulich die Zunge herausgestreckt.”

Greece

Die Griechen haben falsch gewählt. Wenn sie eine konservative Regierung gewählt hätten, dann hätte man die Renten gekürzt und die Löhne der Lehrer, Müllfahrer und Hausmeister, aber man hätte ihnen vermutlich die Häfen gelassen und darauf verzichtet, das Land endgültig in den Ruin zu treiben. Nicht dass es irgendetwas genützt hätte. Die Milliardenkredite, die immer wieder durch Griechenland gepumpt werden, reichen gerade einmal für die Zinszahlung für ältere Kredite, und es gibt nicht einmal theoretisch die Möglichkeit, dass Griechenland seine Schulden je los wird. Es sei denn, man findet plötzlich Öl in der Ägäis. Allerdings werden die Schürfrechte da dann ausländischen Investoren gehören, die sie für den Gegenwert eines Eierkuchens mit Apfelmus bekommen haben.
Aber die Griechen hatten die Illusion, in einer Demokratie zu leben und mit Wahlen etwas ändern zu können. Sie haben die eher linke Syriza gewählt. Schlimmer noch – die griechische Regierung versuchte allen Ernstes, ihre Wahlversprechen zu halten. Sie versuchte es mit Vernunft und Vorschlägen, die wenigstens einen Rest Hoffnung auf wirtschaftliche Erholung ließen.
Das durfte nicht sein. Das Beispiel hätte Schule machen können. Wo kämen wir da hin, wenn die Bevölkerung plötzlich Regierungen wählte, die ihre Interessen vertreten! Wo kämen wir hin, wenn die Menschen wieder Hoffnung hätten. Es geht nicht um Geld.
Es geht darum, auch dem letzten Träumer in Europa klarzumachen, dass Widerstand zwecklos ist. Demokratie ist nur solange gut, wie sie keiner ernsthaft betreibt. Wer es versucht, wird bestraft. Akzeptiert wird nicht weniger als die totale Unterwerfung, auch wenn es wirtschaftlich der reine Unsinn ist.
Mir ist es peinlich, dass diese Schulhofschläger-Politik überall in Europa “deutsch” heißt. “Die Deutschen” schreiben die Griechen, wenn sie Merkel & Co. meinen, und ich möchte allemal einwenden: “Ich war das nicht. Ich habe diese Typen noch nicht einmal gewählt!” Ich kann nicht dafür, dass ich in einem Land geboren wurde, in dem die Leute schon Angst davor haben, ohne Genehmigung Blumen in öffentlichen Grünanlagen zu pflanzen.
Das ist die Stelle, wieder einmal Matthias Claudius zu zitieren: “‘s ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!”

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Weniger ist mehr

Jenas Fußballfans wünschen sich ein saniertes Stadion mit Toiletten, der Rest der Bürgerschaft ein Hallenbad. Grund genug für die Stadtverwaltung, ein drittes Gutachten zur Wirtschaftlichkeit eines Kongresszentrums einzuholen, diesmal vom City-Marketing Mainz. (Klingt unlogisch? Das ist nicht meine Schuld.)
Die Stadtvermarkter stellen sich stolz selbst vor, unter anderem die Zahl ihrer Mitarbeiter:

Mainz_Arbkraefte

Sieht irgendwie toll aus, oder? Wir lernen, dass in Mainz gilt: 69>70, und zwar um ziemlich genau 25 %.
Für die, die es genau wissen wollen, hier die Größenverhältnisse der visuellen Information: 1 zu 2.66 zu 3.33.
Und dazu die realen Mitarbeiterzahlen: 1 zu 1.25 zu 1.23.
Erwartungsgemäß steht am Ende der Studie wieder mal ein satter Gewinn für die Stadt, allerdings nicht aus dem Konferenzzentrum an sich, sondern durch “Umwegrentabilität”. Wenn ich die Mitarbeiterstatistik als Maßstab nehme, dann bin ich weiterhin gegen die neue Geldverbrennungsmaschine, mit der man den “Leuchtturm Jena” befeuern möchte.

Veröffentlicht unter Jena, Politik | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Besser als Bäume

Zum ersten Mal begegnete mir das Phänomen in einem Fitnessstudio, das auch ein Solarium im Angebot hatte. Da hing ein Poster, auf dem ausführlich beschrieben wurde, warum Solariumslicht viel besser ist als Sonnenlicht. Kurz gefasst: Wer täglich zehn Minuten auf der Solariumsbank liegt, hat ein viel geringeres Hautkrebsrisiko als jemand, der zehn Stunden am Tag im Freien arbeitet.
Ein Wort dafür fand ich später in einem amerikanischen Supermarkt. Da gab es “Better Than Egg”, eine Art Milchtüte mit künstlichem Eiweiß, in dem viel weniger Cholesterin war als in natürlichen Hühnereiern – und vermutlich auch weniger Eiweiß. Die Natur hat Jahrmillionen an ihren Produkten herumgefeilt. Das Ei ist, wie es ist, weil es dem Kücken* einen guten Start ins Leben sichern soll, mit richtig viel Energie. Wem das zu viel ist, der könnte das mit einer Salatgurke kompensieren, in der überhaupt kein Eiweiß ist.

(anklicken, um die Galerie zu öffnen.)
Neuerdings steht in Jena auf dem Ernst-Abbe-Platz ein Better-Than-Tree, der eigentlich “CityTree” heißt. Der Ernst-Abbe-Platz ist der Innenhof des ehemaligen Zeiss-Werkes, und er ist an Trostlosigkeit nur schwer zu übertreffen. Da man in der Tiefgarage auf Pflanztöpfe für Natürliche Bäume verzichtet hat, gedeihen nur ein paar etwa zwei Meter hohe Bonsais, in deren Schatten sich im Sommer die Menschen drängen. Also so zwei bis drei Menschen; mehr passen nicht hin.
Der CityTree ist eine Art senkrecht stehender Balkonkasten, nur viel, viel ausgefeilter: mit einem Tank für Regenwasser, Solarzellen, um das Wasser energieeffizient herumpumpen zu können, einem metallenen Gestell und einer Bepflanzung aus Steingartenpflanzen und Moos. Damit filtert er angeblich mehr Feinstaub aus der Luft als ein natürlicher Baum und bindet Unmengen von CO2, über zehn Jahre gerechnet sogar noch zehnmal soviel!  Das kriegt man mit keiner Linde und keinem Ahorn hin. So ein CityTree ist ein Wunder moderner Technik, das mit viel Aufwand an Ressourcen das tut, was ein NaturBaum ohne Sinn und Verstand einfach aus Instinkt macht. Mal ganz davon abgesehen, dass er mit sehr wenig Seltenen Erden auskommt.
Aber eines kann er nicht: Aus den vielen kleinen Pflanztöpfchen des CityTrees kann man sich einen erstklassigen Matrix-Code basteln und damit Links zur eigenen Werbung in den öffentlichen Raum stellen. Sogar von hinten beleuchten kann man die Werbeflächen. Damit bekommen Bäume endlich mal einen Sinn. Außerdem sind sie rechteckig, gut modular zusammenbaubar (gab es einen früheren Vorläufer davon, hieß “Hecke”), werfen kein Laub ab und eignen sich schlecht als Brutplatz für Vögel, die unqualifiziert in Werbebotschaften singen.
Da kann kein NaturBaum mithalten. Kaum versiegelt man dem bis auf anderthalb Meter Baumscheibe allen Boden ringsum, lässt seine Vitalität nach, die Kronen bilden sich unzureichend, und am Ende kann man ihn nur noch fällen, um Gefährdungen zu verhindern. Der grüne Ortsteilbürgermeister von Jena-Zentrum meint denn auch, man sollte die alten Bäume besser fällen und “nachhaltige Bäume” pflanzen. Vielleicht hat er dabei an Better-Than-Tree gedacht.

* Ja, ich hab begriffen, dass man das neuerdings “Küken” schreibt, aber in meinem Duden steht das noch als norddeutsche Variante, und ich Österreich ist das Kücken immer noch zulässig. Ich könnte lange Vorträge zum Thema halten.

Veröffentlicht unter Biotope, Das Universum & der Rest, Jena | Verschlagwortet mit , , , , | 14 Kommentare