Warum man vielleicht doch nicht schießen sollte

Es gibt Fragen, die richtig sind, obwohl sie aus dem falschen Grund gestellt werden. Die Frage, warum der Axt-Amokläufer von der Polizei erschossen wurde, hat Renate Künast zurecht eine Menge Kritik und Hohn eingebracht. Aber es ist trotzdem eine wichtige Frage.

Warum? Weil tote Attentäter verdammt wenig über ihre Gründe und noch weniger über eventuelle Mittäter oder Hintermänner erzählen. Manche erzählen es vorher auf Youtube, und keiner hört ihnen zu, obwohl das Internet Tag und Nacht von unseren fürsorglichen Verfassungsschützern überwacht wird.
Die tödlichen Schüsse sind natürlich eine Botschaft: Wer immer mit Axt, Schwert oder Pumpgun losgeht und zielgerichtet oder wahllos Leute umbringt, der ist hinterher definitiv tot. Wie man sieht, schreckt das nicht ab (jedenfalls nicht alle, denn die, die es abschreckt, werden wir nie kennenlernen). Manche wollen sich sowieso gerade umbringen, und andere halten sich obendrein für Märtyrer. Die Schüsse sind willkommen.
Nach jedem Amoklauf darf deshalb gerätselt werden, ob es sich um einen derangierten Einzeltäter oder einen Anschlag des IS handelt. Letzterer übernimmt natürlich die Verantwortung, weil es wie gute Werbung für die eigene Sache aussieht. Wenn er davon wüsste, würde der IS auch die Verantwortung für das Baustellenchaos auf Jenas Straßen übernehmen. Wäre irgendwie zu einfach, wenn man den Mistkerl einfach fragen könnte, was er sich dabei gedacht hat.
Außerdem kann, wenn man nicht so genau bescheid weiß, jeder sein Süppchen am Schwelbrand des Bombenanschlags kochen. Fliegt ein depressiver deutscher Pilot mit einer Schulklasse an Bord gegen einen Berg, ist es tragisch und allenfalls mangelhafte Aufsicht der Airline. Fährt ein paranoider Tunesier mit einem Laster in eine Menschenmenge, ist es ein islamistischer Anschlag. Und dabei sehen beide Vorgänge, wenn man über die Nationalität nichts wüsste, verdammt ähnlich aus.
Deshalb bleibt bei jedem toten Attentäter die Frage, ob man es so genau vielleicht gar nicht wissen wollte, weil es dann schwieriger wäre, die Tat für die eigenen politischen Absichten zu missbrauchen. Die können zum Beispiel in der flächendeckenden Überwachung der Bevölkerung bestehen. Aber da paranoide Schübe und Depressionen ebensowenig kriminell sind wie der Besitz von Äxten oder Lkws, wird das Leben trotz aller Überwachung kein bisschen sicherer werden.

 

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Prost!

Allem Elend der Welt zum Trotz – heute mal eine kuriose Schlagzeile der Ostthüringer Zeitung von heute:

Eierlikoer

Prösterchen, kann man da nur sagen. Wahrscheinlich ein Versuch, die derzeit eher dröge Stimmung in Deutschland zu heben.
Für den Lektor in mir ein schönes Beispiel, warum man mit Zeilenumbrüchen und Worttrennung immer sehr vorsichtig sein sollte.

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Seltsame Heilige

Gehe auf Reisen und lernen staunen. Die katholische Kirche ist reich an Heiligen, und manch einer davon bringt einen wirklich zum Grübeln.
StPrivatDa wäre etwa der Heilige Privat, der vermutlich der Schutzheilige von Public-Private-Partnership-Projekten ist oder von Stadtwerkeprivatisierungen. Also ein echter Neoliberaler. Den hätte ich jetzt beinahe der CDU/CSU als Patron empfohlen. Aber vielleicht will ihn auch lieber die SPD haben …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutlich volkstümlicher ist dagegen ein Heiliger aus Beblenheim im Elsass:
Wenn im Labor mal wieder gar nichts geht, weil ein Kabel defekt ist oder die Elektronik trotz Zuredens keine Bilder, sondern Knschlbffz produziert, dann weiß ich jetzt wenigstens, wen ich anrufen muss.
Noch besser allerdings ist, wenn ich ins Nachbarlabor gehe, denn dort residiert der Gute Geist, und auf den ist immer Verlass.
StElectricite

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Normal. Unter Umständen.

Tricolore

Rathaus von Gigean. Das links ist die Fahne der Region Okzitanien.

Alle zwei Jahre, wenn wieder mal eine Fußball-Europa- oder Weltmeisterschaft ist (Männer. Die Frauenmannschaft eignet sich aus unklaren Gründen nicht für Nationalstolz.), beginnt die Diskussion, ob es normal ist, Rollatoren, Kinderwagen und Trucks mit schwarz-rot-goldenen Winkelementen zu versehen und von der Hundehütte aufwärts jedes Gebäude zu beflaggen. Das Hauptargument: Das wäre doch völlig normal. Andere Völker würden es auch so halten, und Deutschland hätte jetzt endlich zu seinem völlig normalen Nationalstolz gefunden.
So weit, so falsch. Ich war während der letzten beiden Wochen der Fußball-EM in Frankreich. Die EM fand nicht nur in Frankreich statt, die französische Mannschaft schaffte es auch bis ins Finale. Außerdem sind die Franzosen bekannt dafür, stolz auf ihr Land zu sein. Vielleicht haben sie einen Grund dafür. An den Rathäusern steht allüberall Liberté, Égalité, Fraternité. Darauf kann man stolz sein. Die haben ihre Republique nicht als Restposten nach einem Krieg bekommen. An den Rathäusern hängen auch Fahnen, aber unausweichlich hängt neben der Tricolore die europäische Sternenfahne.
Auch sonst sah man gelegentlich Fahnen an Häusern, meist an Restaurants, die die Leute zum gemeinsamen Fußballschauen verführen wollten – bei dem einen oder anderen Bier. Private Häuser waren nur spärlich beflaggt, und erstaunlich oft sah man portugiesische Fahnen. Ich schwöre, dass ich nur ein einziges Fahrzeug mit einer französischen Fahne daran gesehen habe. Das war ein Tretroller, und der Fahrer war etwa fünf Jahre alt.
Erst zum Endspiel sah man hie und da Leute mit blau-weiß-roten Strichen im Gesicht, und einer hatte bei 30°C einen gallischen Hahn als Mütze auf dem Kopf, wobei ihm die gelben Füße wie die Zöpfe der Krieger aus dem kleinen gallischen Dorf um die Ohren baumelten. Das war so albern, dass es schon wieder sympathisch war.
Also, Leute, gesteht es euch ein: Diese biennalen Ausbrüche nationaler Besoffenheit sind durchaus normal. Für fünfjährige Jungs. Alle anderen sollten so langsam erwachsen werden.

Was ist der Nationalismus? Der unedle und ins Sinnlose gesteigerte Patriotismus, der sich zum Edlen und Gesunden wie die Wahnidee zur normalen Überzeugung verhält.
Albert Schweitzer
(Das Zitat steht in seinem elsässischen Geburtsort Kaysersberg neben der Ruine der – deutschen – Burg.)

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Das Geheimnis von Cahors

In Jena wird praktisch jeder irgendwie freie Platz bebaut. Nachverdichtung nennt sich das und ist das Vaterunser grüner Stadtentwicklung. Weil man damit angeblich die Wege verkürzt, was bei über 35.000 Ein- und Auspendlern täglich nicht wirklich überzeugend klingt. Wo kein Haus entsteht, aber „aufgewertet“ wird, da ist hinterher einheitlich gepflasterte Fläche, in der Restbäume wie Fremdkörper wirken.
Es geht auch anders. In Cahors zum Beispiel. Da wird jede freie Fläche in der Altstadt bepflanzt. „Jardins Secrets“ nennt sich das Ganze. So geheim sind sie eigentlich nicht, denn es gibt sogar eine Broschüre mit Stadtplan dazu. Die meisten habe ich allerdings beim Herumstreunen einfach so gefunden. Schwer zu sagen, was Ursache und Wirkung ist: Herumstreunen oder Gartenfinden.

(Anklicken, um die Galerie zu öffnen)
Angefangen haben die gärtnerischen Umtriebe vor rund zehn Jahren. Man hat da und dort Gärten mit mittelalterlichen Themen angelegt. Im Hof des Bischofspalastes gibt es mittelalterliches Gemüse, hinter der Kathedrale einen Heilpflanzengarten, am Ort des ehemaligen Nonnenklosters den Garten der Frauen, der außerdem den Garten der Düfte beherbegt. An der Stadtmauer findet man den schachbrettartig karierten Garten der Kreuzzügler, und auch die Fee Melusine hat einen. Ach ja – nicht zu vergessen den Garten der Trunkenheit am Lot-Ufer, in dem Malbec-Trauben reifen. Alle Gärten sind liebevoll bepflanzt und mutmaßlich gegossen, denn das Wetter ist heiß und trocken, und trotzdem blüht alles. Manche sind gerade mal einen halben Quadratmeter groß, ein Hochbeet in einem Häuserwinkel. Andere sind ausgewachsene Parks, und Melusine hat dazu einen großen Springbrunnen.
Inzwischen ist die Initiative als „bemerkenswerter Garten“ vom französischen Kulturministerium geadelt worden. Aber viel schöner und lustiger: Überall laufen Touristen mit Faltblättern herum und stöbern in den Winkeln der Stadt. Und die Einheimischen sitzen auf den Bänken (mit Lehnen!) und schauen zufrieden ins Grün.
Jena aber, wenn es den Tourismus beleben möchte, kommt ausnahmslos auf Projekte, die Millionen verschlingen und aus Steinen bestehen.

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Er ist wieder da

Die Verschleppungstaktik der Jenaer Stadtverwaltung führte dazu, dass ich mich fast ein ganzes Jahr intensiv mit invasiven Pflanzen befasste. Insgesamt sechs Mal durfte ich in Stadtrat und Ausschüssen darüber referieren, und jedesmal packte ich neue Fakten auf den Tisch.
Unter anderem fotografierte ich alles, was mir an Invasion vor die Kamera kam. Ein Exemplar war der Götterbaum vorm Hotel in Wien, in das mich die Arbeit immer wieder verschlug. Fröhlich wuchs er im Schutze eines Stützbalkens aus dem Fußweg. Von Juni bis August beobachtete ich seinen Fortschritt. Im Oktober fotografierte ich dummerweise nur das Exemplar nebenan auf der Wiese, aber das Balken-Exemplar sah genauso aus. Man hatte sie gerade abgesägt.
Jetzt war ich wieder in Wien, und natürlich war auch der Götterbaum wieder da – ein bisschen kleiner als letztes Jahr, aber bis Oktober ist ja noch eine Weile Zeit. Meine im Winter noch unvollständige Gruselstory vom untoten Götterbaum hat immerhin dazu geführt, dass diese Art nicht im Stadtbaumkonzept von Jena aufgetaucht ist – im Gegensatz zu Robinie, Roteiche und Eschenahorn, die auch nicht besser sind. Man nannte sie „nachhaltig“. Quod erat demonstrandum.

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Big Brother wants to watch

WatchingWir haben ein Problem mit Wohnungseinbrüchen. Wir haben auch eine Menge andere Probleme – Fracking, CETA, Glyphosat, Attacken gegen den Mindestlohn … Und Wohnungseinbrüche.
Unser Innenminister Thomas de Maizière hat dafür zwei geniale Gegenmittel: bewaffnete Bürgermilizen mit Kurzausbildung, damit auch in Deutschland endlich harmlose Teenager mit Kapuzenpullis über den Haufen geschossen werden, und:

„Es sei vielmehr denkbar, Kreuzungen in Einfamilienhaussiedlungen zum Kriminalitätsschwerpunkt zu erklären und dort öffentliche Kameras zu installieren.“
(zitiert nach Zeit online)

Immer, wenn irgendwas schief läuft im Lande, schreit man nach mehr Überwachung. Nicht etwa nach mehr Polizeipräsenz auf den Straßen. Das würde kosten. Irgendwann werden wir keinen Schritt mehr tun können, ohne überwacht zu werden.
Und deshalb gibt es heute zwei Literaturtipps zum Thema Überwachung. Der erste Text stammt von Charles Str0ss und ist leider nur englisch verfügbar: The Concrete Jungle. Wer sich danach nicht unbehaglich fühlt, wenn er eine Kamera auf sich gerichtet sieht, dem ist nicht zu helfen.
Nummer zwei ist auf meinem eigenen Mist gewachsen und wie so oft ein Aufruf zum zivilen Ungehorsam: Eine_typisch_anarchistische_Handlung_F

Und für alle, die tatsächlich glauben, Big Brother sei eine alberne TV-Show, in der sich Selbstdarsteller auf dem Klo beobachten lassen – lesen bildet: 1984
Das Artikelbild stammt aus dem öffentlichen Raum in Hasselt. Dank U wel – wer auch immer das war.

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