Hofschranze versus Produktionseinsatz

Historisches Vorbild – die Minnesänger, hier beim Sängerkrieg auf der Wartburg, wo jeder seinem Landesherrn lobhudeln durfte.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Schriftsteller vom Verkauf ihrer Bücher leben. Wenige tun das. Die anderen, wenn sie nicht ein Doppelleben als Vollzeit-Physiker führen, leben vom Zeitungsaustragen, Schreibkursen für Frührentner und schreibende Schüler, Stipendien und – Lesungen. Das war in den letzten zwei Jahren schwierig, und deshalb ist es durchaus verständlich, dass Autoren auf die Idee kommen, den Posten einer Parlamentspoetin mit 3000 € monatlichem Salär vorzuschlagen. Da hätte man für vier Jahre kein Problem, Miete, Strom und Heizung zu bezahlen.
Der Auftrag der Parlamentspoetin: Vermitteln zwischen Bundestag und Bevölkerung, weil die Herren und Frauen Volksvertreter schon nach kurzer Zeit das Behördensprech verinnerlichen und mit der regierten Masse nur noch mit Hilfe eines Übersetzers kommunizieren können. Und irritieren. Letzteres darf man für einen eher lauen Witz halten. Irritation ist in der Stellenbeschreibung eines Hofsängers nicht vorgesehen. Das ist ein staatstragendes Amt.
Und ersteres? Zweifellos sind Gesetzestexte nicht schön, selten verständlich und oft nicht einmal eindeutig. Man könnte glauben, dass sie mit Vorsatz so schlampig formuliert werden, dass Rechtsanwälte nicht um Lohn und Brot gebracht werden. Politiker lassen ihre Reden von der Phrasendreschmaschine ausarbeiten. Alles richtig. Aber brauchen wir deshalb einen Hofpoeten?
Wäre ein Parlaments-Deutschlehrer nicht angebrachter? Würde es das Herz des Bürgers nicht viel mehr erfreuen, wenn MdB Max Meier in die Ecke gestellt würde, weil er wieder einmal inhaltsloses Stroh geredet hat? Wäre es nicht sowohl erfreulich als auch nützlich, wenn mit roter Tinte angestrichen würde, wo Gesetze unverdaulich schlecht formuliert wurden? Hätten wir nicht gern, wenn die Herren und Damen Parlamentarier am Ende der Legislatur ein Zeugnis bekämen, in dem stünde, dass ihre Wiederwahl gefährdet ist, weil sie zu viele Worthülsen produziert haben? Wäre es nicht entzückend, wenn die Besucher auf der Galerie Bullshit-Bingo-Bögen bekämen und, sobald einer „Bullshit!“ ruft, der Abgeordnete am Mikrofon 100 Euro für eine Schulbibliothek spenden müsste?
Indes, die Entfremdung zwischen Volk und Parlament ist nicht in erster Linie eine sprachliche. Die Idee folgt der beliebten Politiker-Taktik, statt der Sache die Sprache zu ändern. Aber Gesetze werden nicht besser, wenn man einen Erklärbären anstellt. Viele Bundestagsmitglieder sitzen seit Jahrzehnten auf ihren bequemen blauen Bundestagssesseln. Sie haben nicht die Sprache der Bürgerschaft verloren, sondern den Kontakt zu deren Realität. Vielleicht wäre es die bessere Idee, die Zahl der Amtszeiten zu beschränken oder wenigstens alle acht Jahre die Abgeordneten zur Bewährung in die Produktion zu schicken.

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Mein zweites Leben

„Wir wollen eine Lesung machen, um für unser Buch zu werben. Pandemiegerecht natürlich online“, hatte Aiki geschrieben, und ich hatte zugestimmt. Bücher von Kleinverlagen brauchen alle Unterstützung, die sie kriegen können.
Dann kam die zweite Mail mit der Information, das Ganze würde im Second Life stattfinden, und das sei gar nicht so kompliziert, wie man vielleicht glaube … Die gutgemeinten Erklärungen – ihr müsst nur Discord und Second Life installieren, aber das kostet nichts, und euch einen Account anlegen, aber das ist einfach, und wenn es nicht funktioniert, reicht auch Audio, falls euer Computer das nicht schafft … – führten bei mir zu einem Zustand fröhlicher Panik. Ich ändere ungern Dinge an meinem Computer. Never change a running system. Gemeinhin finde ich jeden Bug, den man finden kann, und der Computer beschließt mitten in der Videokonferenz, dass genau jetzt der richtige Moment sei, Updates zu installieren und neu zu booten …
Tatsächlich war es einfacher als gedacht, und – tata! – stand eine merkwürdige Frau mit einem großen Sonnenhut und einem Pekinesen in einer Strandbar, und über ihr schwebte mein Name. Sie sah komisch aus. Die Auswahl an Avataren war grauenhaft. Sie sehen aus wie das personifizierte Geschlechterklischee – bis hin zu dem peinlichen Hund. Im ersten Anlauf gelang es mir, über eine frauhohe Mauer zu klettern und hundert Meter ins Meer zu wandern, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich in die Welt zurückkehren sollte.
Zweiter Anlauf: Wir nutzen den angegebenen Link und landen zwar wieder am Meer, aber direkt neben einem Lesungsplakat. Nach einer Stunde hatte ich gelernt, wie man sich auf ein Sofa fläzt und wie man den am wenigsten peinlichen Avatar dazu bringt, mir selbst ein bisschen ähnlich zu sehen. Also ohne den Schmollmund mit den Botoxlippen, den übertrieben ausgeformten Arsch und die niedliche Stupsnase. Ab Schuhgröße 38 allerdings wachsen die Zehen aus dem Schuh, und breite Schultern für weibliche Avatare gibt es nur theoretisch.
Ich stolperte auf unerklärliche Weise in die Gemäldegalerie zum Buch, das „Am Anfang war das Bild“ heißt. Da ich den Rückweg nicht finden konnte, setzte ich mich vor die Illustration meiner Geschichte „Stille Post“ und wartete. Dort sammelte mich Gastgeber Thorsten Küper auf und teleportierte mich in mein Labor. He, ich habe ein eigenes Labor für diese Lesung, und es ist voller Schmetterlinge! Und Topfpflanzen. Vor den Fenstern erheben sich hinter dem Wissenschaftscampus die Schweizer Berge, und am Himmel hängt riesengroß ein fremder Planet.
Ich lernte Dinge. Avatare im Second Life sind im Durchschnitt 2.20 m groß, und es ist höllenschwer, sie alt aussehen zu lassen. Sie neigen zu geschlechtsstereotypen Gesten. Rote Haare kosten Geld. Soviel zur uneingeschränkten Editierbarkeit. Eigentlich möchte man gern Geld verdienen. Aber Thorsten meint, ich sei der erste Gastautor, dem es innerhalb eines Tages gelungen ist, den verdammten Avatar zu personalisieren. Ich glaube, ich habe virtuelle Minderwertigkeitskomplexe.
Natürlich fiel ich, kaum war der Gastgeber verschwunden, vom Balkon. Die Tür im Erdgeschoss war verschwunden, die Häuser auf dem Campus erwiesen sich als Potemkinsches Dorf, die Straße führte ins Nichts. Nach einer Viertelstunde fand ich heraus, dass ich fliegen kann, aber – genau wie in einer meiner Geschichten – nur ungefähr anderthalb Meter hoch. Eine weitere Viertelstunde später entdeckte ich das Höhenruder. Jetzt sitze ich wieder im Labor und harre der Gäste, die am Sonnabend ab 20:00 Uhr eintrudeln sollen.
Später gibt es die Lesung auch als Mitschnitt auf youtube bei Brennende Buchstaben. Das wenigstens verstehe ich.

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Notfallblog: 40 Jahre Lockdown

Weihnachtsmarkt, Jena 2021

Eigentlich wollten wir nur einkaufen gehen, aber fünf Jahre Kommunalpolitik haben gereicht, dass Menschen mich auf der Straße erkennen und glauben, ich müsste mich für ihre Probleme interessieren. Diesmal war es ein bärtiger Alter, vermutlich gut über 80. „Sie waren doch auch in der Politik? Was sagen Sie denn dazu, wie man mit den Menschen umgeht?“
„Schlimm“, sagte ich, weil ich geistig noch in einer Debatte über die spektakuläre Erhöhung der HartzIV-Sätze um 3 Euro feststeckte. Ich fügte gleich hinzu, dass ich nicht bei den Grünen bin und nie war – weil er letztens von mir eine Stellungnahme zu deren verwerflicher Politik wollte.
Allerdings wollte er sich diesmal über die Pandemiemaßnahmen beschweren. Ganz schrecklich, wie man mit den Ungeimpften …
„Ohne Impfen“, sagte ich, „kommen wir aus der Scheiße nicht raus.“ Meine Geduld war begrenzt, und klare Worte angebracht.
Nein, vom Impfen hielt er so gar nichts. Denn er hätte da seine Erfahrungen. Seine Frau sei vor vier Jahren an Krebs gestorben – und sie habe 1978 an einer Medikamentenstudie teilgenommen! Und er hätte auch Prostatakrebs gehabt. Sie seien damals eben naiv gewesen.
Ich sagte nicht, dass viele in seinem Alter etwas haben, das man Tod nennt. Stattdessen erklärte er mir, dass alles nur aufgebauscht wäre und gerade einmal 4 % der Bevölkerung sich überhaupt infiziert hätten – und nur 36.000 gestorben wären, da wären andere Krankheiten … Er war ziemlich genau auf dem Stand vom letzten Jahr.
Leute, wir sind verloren. Wenn die Querwichtel tatsächlich glauben, mit über 80 sterbe man nicht an Alter oder Infektion, sondern an einem Medikament, das man vor 40 Jahren eingenommen hat, dann lassen die sich frühestens 2060 impfen. Oder 2061, weil sie ja ein Jahr brauchen, um die Fakten wahrzunehmen. Schlimmer noch – eine große Zahl der heute Geimpften wird bis dahin gestorben sein. Zweifellos an Impfspätfolgen, denn ohne dieses Genzeugs würde man ja glatt ewig leben. Wasser auf die Mühlen der Impfpaniker.
Bald werden wir nicht mehr „über die Feiertage“ sondern „während des Weihnachstlockdowns“ sagen, und unsere Enkel werden fragen: „Weihnachtsmarkt? Was ist das denn?“

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Regionale Lebensmittel

Die Wolken hängen tief, es ist nasskalt und kahlgrau draußen. In Thüringen liegt die Inzidenz bei über 1000, und wir haben endlich wieder die rote Laterne der größten Pandemieschlafmützen.
Also machen wir heute mal was aus der Kategorie „Kuriositäten“. In Friesland ist alles ein bisschen anders als in Thüringen. Ganz im Norden gibt es eine Stadt, die heißt „Norden“. Gut, das ist jetzt nicht verrückter als eine Ortschaft namens Lederhose. Aber seltsame Lebensmittel haben sie da.

Bei uns heißt es, dass geklaute Grünpflanzen, also Senker, am besten gedeihen. Im hohen Norden wird auch der Kuchen offenbar besser, wenn man die Zutaten stiehlt. Das scheint so überzeugend zu sein, dass man sogar Werbung damit macht.

Ein Stück weiter findet sich der Wochenmarkt, auf dem man alles bekommt, was man zum Überleben braucht.
Die Wattwürmer sind eher harmlos und eine Unterart der Salamiwürste. Aber bei der Wurst habe ich immer ganz seltsame Assoziationen …

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Weniger ist mehr

Im Zeitungsdeutsch gibt es merkwürdige Moden, die sich zunächst unmerklich verbreiten, bis man das Gefühl hat, an jeder Ecke darüber zu stolpern. Eine davon ist der wachsende Rückgang, zum Beispiel der wachsende Kaufkraftrückgang in Italien. Das ist schlecht für die Leute und nicht gut für die Sprache.
Als Physiker bin ich versucht, Wachstum und Rückgang wegzukürzen, sodass nur Kaufkraft übrig bleibt, aber so funktioniert das natürlich auch nicht.
Zu verstehen, was der Journalist uns damit sagen will, ist allerdings auch nicht ganz leicht. Schreitet der Rückgang einfach fort oder beschleunigt er sich? Und warum schreibt er nicht einfach: „Sinkende Kaufkraft in Italien“? Oder: „Immer schneller sinkende Kaufkraft“? Oder: „Weiterhin sinkende Kaufkraft“? Lässt man den Rückgang weg, löst sich auch das Oxymoron auf, dieser Knoten in der Sprache, und es wird Platz für zusätzliche Information.
Was beim „Minuswachstum“ böse Verschleierungsabsicht ist – klingt einfach besser als „Schrumpfung“ oder gar „Rezession“ – ist zur gedankenlosen Marotte geworden. Weniger ist mehr. Oder, wie es in besonders öden Gegenden heißt: „Wenn nicht ab und an einer stürbe, wäre hier gar kein Leben.“

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Das wahre Leben: Impfpflicht von 22:00 bis 5:00

Über der A71 fliegt Schnee, der Verkehr schneckt dahin. Irgendwer hat im Mietwagen Deutschlandfunk eingestellt, und ich habe gerade keinen Nerv frei, um etwas anderes zu suchen.

Journalist Tobias Armbrüster: „Ich will noch mal zurückkommen auf die Lage in den Alten- und Pflegeheimen. Brauchen wir da eine Impfpflicht für die Menschen, die da arbeiten?“

Beatrix von Storch: „Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafür, dass eine Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr morgens irgendeinen Beitrag leistet zu einer Reduktion der Gesundheitsschäden durch Corona.“

Aha. Das Programm der AfD gegen COVID19 …

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Notfallblog: Hypothetische Betten

Immer wieder hört man dieser Tage, das Problem seien keineswegs die Ungeimpften, sondern die in der Pandemie abgebauten Intensivbetten. Falls man es normal findet, auf einer Intensivstation invasiv beatmet zu werden, kann man auf solche Ideen kommen. Ich selbst habe mich gewundert, wieso man mitten in einer Pandemie die Bettenzahl reduziert, musste mich von Krankenhauspersonal aber belehren lassen, dass die Betten durchaus noch da sind – nur die Pflegekräfte fehlen. Die haben sich selbst abgebaut.

Betten pflegen keine Menschen. Und Menschen sind nicht unendlich belastbar.
Daten aus dem DIVI-Register


Der dramatische Schwund, der uns verglichen mit Juli 2020 rund 29 % Kapazität gekostet hat, hängt nicht unwesentlich damit zusammen, dass das Krankenpersonal in der zweiten Welle gnadenlos verheizt wurde. Damit meine ich noch nicht einmal das Geld. Geld hilft nicht gegen Burnout. Damit meine ich, dass man wirksame Maßnahmen solange hinausgezögert hat, bis die Situation völlig außer Kontrolle war. Mit Inkubationszeit und Zeit bis zur Einweisung ins Krankenhaus lief die Katastrophe dann noch drei Wochen weiter, bis die Welle gebremst wurde – und Monate, bis sie zum Erliegen kam.
Daraus haben wir gelernt. Im Sommer 2021 wurden Urlaubsrückkehrer von Anfang an akribisch getestet. Die Einhaltung der Quarantäne wurde lückenlos kontrolliert, und als im September die Zahlen hochliefen, reagierte man mit einem kurzen, aber harten Lockdown. Nicht? Nicht. Man reagierte damit, dass man die Kriterien für akuten Handlungsbedarf änderte: Weg mit den lästigen Inzidenzen. Die Auslastung der Intensivstationen bildet die Erträglichkeit der Situation doch viel besser ab! Da herrschte noch Ruhe.
Tatsächlich haben wir am 26.11.2021 genau 2488 Intensivbetten weniger als vor einem Jahr, etwa 10 % der Gesamtzahl. Hätten wir die rein theoretisch noch, dann müssten jetzt keine Patienten mit einem Bundeswehr-Airbus quer über Deutschland verteilt werden. Dann wäre die Situation scheinbar gar nicht so außer Kontrolle. Denn wir hätten jetzt auf der ITS die Situation vom 21.10.2021. Wir wissen, welche drastischen Maßnahmen Ende Oktober ergriffen wurden: keine. Wir hatten eine 7-Tages-Inzidenz von 95,5, und sämtliche Politiker waren der Meinung, das sei doch großartig, und von Kontrollverlust könnte keine Rede sein. An einem Tag infizierten sich 15.631 Menschen in Deutschland mit COVID19. Bei einer Mortalität von 0,8 % waren das 125 potentiell Tote pro Tag. Störte keinen. Gestorben wird immer.
Inzwischen haben wir eine Inzidenz von rund 440. Heute haben sich 76.414 Menschen infiziert. Macht statistisch 611 künftige Tote. Hätten wir noch die verschwundenen zusätzlichen 2488 Intensivbetten, dann sähe die Lage aus Politikersicht vermutlich immer noch harmlos aus. Also wie im Oktober. Die ITS wäre ja nicht voll. Nehmen wir mal an, die Inzidenzen stiegen nur linear (was sie nicht tun), dann hätten wir bis Weihnachten diese hypothetischen Intensivbetten aufgebraucht. Um diese Zeit läge die Inzidenz nicht mehr bei 440, sondern bei etwa 1800 pro Woche, und pro Tag würden sich rund 370.000 Menschen infizieren. Macht 2988 potentielle Tote pro Tag, eine Kleinstadt pro Woche, Tendenz steigend. Diese Menschen würden auf einer Intensivstation sterben, falls da noch Platz wäre und man rechtzeitig Doppelstockbetten installiert hätte. Jeden Tag.
Angesichts der Zahlen muss man froh sein, dass Pflegekräfte gekündigt haben und die Betten knapp geworden sind. Denn wenn ich eins gelernt habe in den letzten zwei Jahren, dann das: Unsere Politiker werden erst aktiv, wenn es sich absolut nicht mehr vermeiden lässt. Dann berufen sie einen Expertenrat ein.

Die Zahl der freien Betten schrumpfte im Sommer 2020 schlagartig, weil man zusätzlich geschaffene Kapazitäten wieder einmottete und versuchte, die verschobenen Operationen aufzuholen.

Im Übrigen: Das, was jetzt in den Intensivbetten liegt, sind Menschen, die sich Anfang des Monats infiziert haben. Es gibt noch genau 2277 freie Intensivbetten. Die Katastrophe ist schon längst passiert, die mit Postenschacher beschäftigten Schlafmützen haben es nur noch nicht begriffen.

Und ja, ich weiß, dass unser Gesundheitssystem seit Jahren auf dem letzten Loch pfeift. Ein Grund mehr, es nicht auch noch mit tausenden vermeidbaren Todkranken zuzuschütten.

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Verschwunden: Burgen und Köhlerliesl

Der Zeitzgrund ist spannenderweise nicht in der Nähe von Zeitz, sondern in der Nähe von Bollberg, und das liegt bei Quirla an der A4. Es gibt da den Bahnhof, um den herum noch drei Häuser stehen, von denen eines am Zusammenfallen ist. Und einen Wanderweg. Der führt knapp 11 km durch Thüringer Mischwald, der nicht der Thüringer Wald ist.
Als Höhepunkte der Wanderung sind die Kleine und Große Rabsburg gelistet. Für Archäologen ist es sicher extrem spannend. Allerdings sieht man von der einen wenig und von der anderen nicht viel. Es sind ein paar Mauern im Wald, die ebensogut ein alter Kuhstall gewesen sein könnten.
Die Zeitz, ein Gewässer von den Ausmaßen eines Dorfbaches, hat über ein paar Millionen Jahre ein beeindruckendes Tal in den einstigen Meeresboden des Thüringer Meeres gesägt. Sogar ein paar Mühlen haben sich in früheren Jahrhunderten dort angesiedelt. Heute wohnen da Biber, die sich zwar nicht sehen lassen, aber unübersehbar schadnagen und Bäume fällen.
Oben auf der Höhe gibt es Weymouth-Kiefern, die hier eigentlich nicht hingehören. Sie sind in Nordamerika zu Hause und sollten möglichst dort bleiben. Erkennbar sind sie an den Zapfen, die so ganz anders aussehen als Kienäpfel, die in Thüringen auch „Kusteln“ heißen. Es sind eher Kiengurken.
Der Weg ist mäßig ausgeschildert. Die hübschen grün-weißen Wanderwegschilder scheinen wie andernorts in Thüringen aus Zeiten flächendeckender Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu stammen. Das ist um die 25 Jahre her. Irgendwann werden sie verschwunden sein. Die meisten Leute wandern ohnehin dort, wo die Mühlen stehen, die einen Imbiss verheißen. Der Saale-Holzland-Kreis würde zwar gern ein wenig am Inlandstourismus teilhaben, hat aber keine Ahnung, wie das geht.
Hat man als Wanderer alles richtig gemacht, kommt man am Modell eines Teerofens vorbei. Das Köhlerliesl ist allerdings schon lange in die Stadt abgewandert. Die Holzkohle für die unzähligen Thüringer Bratwurstroste wird vermutlich aus Südosteuropa importiert. Dabei könnte man ganz gut das Holz verkohlen, das der Biber bei seiner Schadnagerei übrig lässt, denn er interessiert sich nur für die Verpackung des Baumes.

(Auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen.)

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Rahmenhandlung: Wut? Welche Wut?

Im Moment könnte man schon die kalte Wut kriegen, wenn reihum Politiker erklären, man habe sich nicht vorstellen können, dass die Infektionszahlen derart durch die Decke gehen. Woran liegt das? Mangelndes Vorstellungsvermögen? Wissenschaftsferne? Irgendwas an den Ohren? Keine Ahnung von Mathematik? Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, wie sich Wissenschaftler fühlen, die seit 19 Monaten Vorschläge zur Eindämmung der Pandemie machen und einfach nicht durch den Panzer aus Ignoranz, Profilierungssucht und Eitelkeit dringen. Denkt sie darüber nach, mit der Kalaschnikow ins nächste Landesparlament zu marschieren und die Entschlussfreudigkeit zu erhöhen, indem sie den einen oder anderen Dummschwätzer über den Haufen schießen? Machen wir uns nichts vor: Untätigkeit tötet. Täglich. Die Politik nimmt das in Kauf.
Lothar Wieler, Chef des infektionsverwaltenden Robert-Koch-Instituts, hat ein paar klare Ansagen gemacht. Er hat nicht getobt, nicht geschrien und nicht gedroht. Er hat einfach nur dargestellt, was ist – ohne ein einziges Mal die Stimme zu heben, ohne unsachlich zu werden. Heute titeln alle Medien der Bundesrepublik, was die ARD angefangen hat: Wutrede. Wut ist unsachlich. Wut ist, wenn man sich auf den Boden wirft und mit den Fäusten trommelt. Wut ist, wenn man nicht mehr logisch denken kann, sondern nur noch zuschlagen. Wut ist, wenn man mit der Kalaschnikow … Das hatten wir schon.
Wut ist nicht, wenn man mit Engelsgeduld Politikern erklärt, was sie gerade tun. Dass von den 52.000 Neuinfizierten des Tages bei einer Mortalität von 0.8 % in einigen Wochen 400 Menschen sterben werden. Man muss nicht abwarten, ob es so schlimm kommt. Die Zahl ist groß genug, dass die Statistik greift. Vielleicht werden es 398 sein, vielleicht 405. Aber es werden nicht nur 40 sein. Im Grunde sind sie schon tot, sie wissen es nur noch nicht. Sie waren schon tot, als sie das Virus einatmeten. Es ist, als ginge man mit der Kalaschnikow auf den Marktplatz oder – aktueller Anlass – zum Karneval nach Köln und schieße dort wahllos 400 Menschen über den Haufen.
Das hat Wieler erklärt, wie man es einem Kind erklären würde. Er hat erklärt, dass auch das Herumkarren Schwerkranker, um eine freie ITS zu finden, Leben kostet. Er hat gesagt, dass wir nicht länger warten dürfen, dass mehr geimpft werden muss, mehr kontrolliert, mehr Kontakte eingeschränkt. Das eine Wutrede zu nennen, ist Framing, Diffamierung. Der Mann wirkt einfach nur müde.
Wut ist, was Gernot Hassknecht zur Freude des Landes zelebriert. Und der würde brüllen: „Ihr habt es verkackt, Politiker. Ihr habt es seit 19 Monaten jeden einzelnen Tag verkackt, und ihr habt ihmmer noch nicht begriffen, dass man die Unterhosen runterziehen und sich auf die Kloschüssel setzen muss. Weil ihr den ganzen Tag nur über eure Wiederwahl nachdenkt, habt ihr keine Hirnzelle frei, um an die Klospülung zu denken, ihr – Tüüüüüt.!“

Framing-Effekt oder Framing (deutsch: Rahmungseffekt) bedeutet, dass unterschiedliche Formulierungen einer Botschaft – bei gleichem Inhalt – das Verhalten des Empfängers unterschiedlich beeinflussen.
Wikipedia

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Notfallblog: 50.000

Intensivbettenauslastung in Thüringen laut DIVI-Register am 15.11.2021

Selbst der motivationslosen scheidenden CDU-Regierung und der im Postenschacher gefangenen künftigen Ampel dämmert langsam, dass es ein Problem gibt im Lande. In der vergangenen Woche gab es zum ersten Mal seit Beginn der COVID19-Pandemie Infektionszahlen über 50.000. Sie entwickeln sich genau so, wie man anhand der Reproduktionszahlen erwarten würde. Weil, dings, Mathematik. Jeder, der schon mal von Statistik gehört hat, würde exakt das erwarten.
Die Intensivstationen laufen voll. In Thüringen liegt die Auslastung der Intensivbetten inzwischen bei 85.3 %. Davon sind 29.3 % COVID-Patienten, Tendenz steigend. Sie verteilen sich ungleich auf die Kreise. Einige Krankenhäuser scheinen grundsätzlich keine COVID-Patienten zu behandeln, weil ihnen die entsprechende Ausrüstung oder das geschulte Personal fehlen. Diese Kreise werden von den Querdenkern gern herangezogen, um zu begründen, dass die dramatische Situation nichts mit der Pandemie zu tun haben kann.
Allerdings liegt der Anteil anderswo entsprechend höher. In Hildburghausen sind es zwei Drittel, in Suhl, Schmalkalden-Meiningen, Sonneberg und Rudolstadt-Saalfeld sind es mehr als die Hälfte. In sechs der 23 Thüringer Kreise ist kein einziges Intensivbett mehr frei. Insgesamt gibt es noch 102 im Freistaat. Wenn nicht ab und zu einer stürbe, wüsste man gar nicht mehr, wie man die Lage beherrschen sollte.
Dass es noch freie Betten gibt, liegt vor allem daran, dass „planbare Operationen“ verschoben werden. Das mag im Fall von Hüftgelenksprothesen noch angehen. Diese Patienten schweben nicht in Lebensgefahr. Sie haben lediglich Schmerzen und können schlecht gehen. Das ist ein kleines Opfer dafür, dass sie infizierten Querdenkern ihr Bett überlassen dürfen. Dafür leidet man doch gern.
Es betrifft aber auch Tumor- und Herzpatienten. Die Verschiebung kann zu einer deutlichen Verschlechterung ihrer Situation führen, im Extremfall zum Tod. Die Triage findet schon statt, indem man sich vormacht, die planbaren Operationen seien irgendwie nicht dringend. Außerdem werden Patienten, die nicht beatmet werden müssen, schneller auf die normalen Stationen zurückverlegt, als eigentlich vorgesehen ist. Das ist gefährlich, aber vielleicht hat man ja Glück. Zugunsten der Impfgegner nimmt man das Risiko gern in Kauf.
Die Querdenker aber toben, weil Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, gewagt hat, von der „Tyrannei der Ungeimpften“ zu sprechen. Für die Extrawürste, die man ihnen brät, möchten sie gern gelobt werden. Schließlich bieten sie anderen die Gelegenheit, sich selbstlos für sie aufzuopfern.

Quelle: https://www.divi.de/register/tagesreport
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