Kannste dir nicht ausdenken …

Über die Phase “Guck mal da, wie putzig!” bin ich seit ein paar Jahren hinweg. Bei mir heißt das: “Was zum Teufel ist das?” Bei Vögeln bin ich da schon ein ganzes Stück gekommen. Immerhin haben sich bereits 35 Arten bei mir im Garten herumgetrieben, und allein die Liste der “üblichen Verdächtigen” hat derzeit 12 Positionen.

KleinerFeuerfalter

Kleiner Feuerfalter – ein Bläuling

Anders sieht das bei Schmetterlingen aus. Dass sie einem unkontrolliert um die Nase torkeln, macht es nicht leichter. Also ist “Guck mal da!” immer wieder ein schöner Anlass, um vom Wege abzuweichen, über Wiesen zu pirschen und Schmetterlinge zu jagen. Nein, bei mir wird nichts gekeschert und erst recht nichts aufgespießt. Bei mir wird fotografiert. Ich habe inzwischen eine wunderschöne Sammlung unscharfer Rasenstückfotos.
Manchmal klappt es aber auch, und dann wird es erst richtig schwierig. Ist es ein Edelfalter? Ein Ritterfalter? Eine Eule? Ein Bär? Die spinnen, die Biologen! Auf die Idee, dass ein orangebrauner Falter zur Gruppe der Bläulinge gehören könnte, muss man erst einmal kommen.
Mindestens ebenso aberwitzig ist aber ein bemerkenswert dreidimensionaler Falter: der Braunkolbige Braundickkopffalter. Vom Schwarzkolbigen Braundickkopffalter unterscheidet er sich lediglich in der Farbe der äußersten Fühlerspitze. Wie man die sehen soll, ohne das flatterhafte Getüm zunächst breitzuhauen, wäre noch zu klären. Eins aber dürfte klar sein: Auf der Vereinsversammlung der Schmetterlingsforscher wird nichts stärkeres als Apfelschorle konsumiert, weil man andernfalls die Namen nicht mehr aussprechen kann.

Braunkolbiger_Braundickkopffalter

Braunkolbiger Braundickkopffalter

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Es ist nicht alles Gold: Solidago canadiensis

Goldrute2Manch invasives Gewächs ist hier so erfolgreich, dass es die meisten für einen natürlichen Bestandteil der Vegetation halten. Eines davon ist die Kanadische Goldrute. Sie wächst praktisch überall, auch auf dem Hang unter Nachbars Blautanne, der nicht nur eine verkappte Industriemüllkippe ist, sondern auch kaum Wasser abbekommt. Es ist eine ökologische Wüste, wo selbst Zitronenmelisse und Bohnenkraut verkümmern.
Das stört die Goldrute nicht. Eines Tages war sie da, und es kostete Überwindung, sie auszureißen und den Hang der Verwüstung zu überlassen. Im Stadtgebiet von Jena findet man sie praktisch überall, wo nicht regelmäßig gemäht oder gejätet wird. Da sie eigentlich recht dekorativ aussieht, steht sie auch in so manchem Garten, und auf dem Markt ist sie regelmäßiger Bestandteil von Bauernblumensträußen. In Jena wurde schon 1850 berichtet, dass sie als “Gartenflüchtling” verwildert.
Sie ist trotzdem fremd. Es gibt auch (noch) eine einheimische Goldrute, aber die verschwindet langsam. Genau das ist das Problem an invasiven Arten: Die anderen verschwinden. Solidago canadiensis ist der Normalfall: anspruchslos und widerstandsfähig und mit einer enorm hohen Samenproduktion. Die Samen haben wie die des Löwenzahns Fallschirmchen und können deshalb weit reisen. Gern siedelt sich die Goldrute auf Schutt- und Brachflächen an, aber sie mag auch Magerrasen – das sind die blütenübersäten Grasflächen auf den Jenaer Hochplateaus. Sie hat hier keine Feinde außer den besorgten Ökologen.
Abschneiden oder ausreißen, ehe sie verblüht ist, empfiehlt das Bundesamt für Naturschutz. Und dann was anderes hinpflanzen. Ich werde mal einen Versuch mit Hauswurz machen.

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Nationale Weihnachten

Zu den Nebenwirkungen des Daseins als Kommunalpolitiker gehört es, dass sich fremde Menschen bemüßigt fühlen, einem Weihnachtskarten zu schicken. Telefonseelsorge
Die schönste und anrührendste Karte kam von der Telefonseelsorge – offensichtlich eigene Fabrikation, mit einem Motiv, über das ich mir zwei Monate den Kopf zerbrochen habe, bis ich jetzt den Scan um 90° gedreht gesehen habe. Sie machte mich auch ein wenig verlegen. Womit hatte ich sie verdient? Indem ich der gar nicht so üppigen Budgetkürzung widersprochen hatte? Oder weil ich beim Stifterlauf als eine von zwei Stadträtinnen im Telefonseelsorge-T-Shirt so etwa 3 km um die Innenstadt gesockt war? Eigentlich müsste ich mich bei denen bedanken, denke ich, denn sie retten für nichts als gute Worte Menschen, die verzweifelt sind. Vielleicht brauche ich sie irgendwann einmal – man trifft sich ja immer mehrmals im Leben.
Das krasse Gegenteil trudelte gerade eben ein, weil der Brief im allgemeinen Piraten-Postfach gelandet war. Wie um alles in der Welt muss jemand drauf sein, um auf eine Weihnachtskarte ein Bild von sich beim Schwenken der Deutschlandfahne zu drucken? Was es schlimmer macht: Im Hintergrund sieht man die Menge einer AfD-Kundgebung auf dem Erfurter Domplatz. Da predigt man allwöchentlich, dass man Josef, Maria und das Jesuskindlein besser an der Stadtgrenze von Bethelehem im Schnee stehen lassen sollte, weil ansonsten nicht mehr genug Futter für Ochs und Esel da ist.
Einen guten Start ins neue Jahr wünscht mir Frau Muhsal, die sehr junge, sehr blonde und sehr katholische Landtagsabgeordnete der AfD. Womit habe ich das verdient? Glaubt sie, ich würde in absehbarer Zeit einsehen, dass das Projekt Piraten gescheitert ist, und bei der AfD anklopfen? Hat sie mal die Programme nebeneinander gelegt? Aber vielleicht meint sie, der einzige Grund für politisches Engagement müsste notwendigerweise Karrierismus sein.

Muhsal
Immerhin ist ihr Wunsch in Erfüllung gegangen. In Jena standen der AfD zweieinhalbtausend Menschen im Weg, friedlich und entschlossen. Das war ein guter Start.

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Aus der No Go Area

AfDOb ich Deutschland liebe, werde ich ein andermal ventilieren. Aber eins ist klar: Ich liebe diese Stadt, Jena. Wenn es darauf ankommt, zeigt sie, dass sie nicht dumpf, kleinkariert und verschreckt ist, sondern aufmüpfig, intelligent und freundlich.
Als ich ins Zentrum kam, hatte man die Stadt in einen Irrgarten aus Absperrgittern verwandelt. Der Markt war von Polizei abgeriegelt, auch für so unverdächtig aussehende Frauen mittleren Alters wie mich war kein Durchkommen. Vom Rathaus bis zum Kirchplatz, Luftlinie hundert Meter, brauchte ich eine gute Viertelstunde. Es waren noch mehr unverdächtig aussehende Bürger unterwegs, die ein wenig kopflos das Schlupfloch in der Absperrung suchten – höflich und resigniert.
Der Anlass des Ausnahmezustandes: Die AfD wollte auf dem Markt kundgeben und einmal um die Innenstadt marschieren. Neben der Jenaer Landtagsabgeordneten Wiebke Muhsal hatte man Björn Höcke und Alexander Gauland aufgefahren, also die unappetitlichsten Figuren, die die Partei im Angebot hat. Frau Muhsal memmelte schon im Vorfeld herum, weil alle Welt zu Gegendemonstrationen aufrief. Undemokratisch und gemein sei das, meinte sie.
Das Volk klumpte auf den Zugängen zum Markt zusammen. In der Weigelstraße standen weit über tausend Leute, eher zweitausend, fröhlich, friedlich, frierend. Wenn der Männlichkeitsentdecker Höcke seine wirren Theorien verbreitet, dann wollten sie wenigstens zeigen, dass sie anderen Meinung sind und diese Stadt nicht Dresden ist (und schon gar nicht Erfurt, soviel Lokalpatriotismus muss hier unbedingt sein).
Die Polizei forderte zum Verlassen der Demonstrationsroute auf, nur um anschließend festzustellen, dass eine Räumung Stunden dauern würde und keine Aussicht auf Erfolg hätte. Verschnupft äußerte Frau Muhsal, Jena sei eine No Go Area, und die Bevölkerung jubelte. Man würde bei besserem Wetter wiederkommen, kündigte sie an, als sei es die Kälte gewesen, die mehrere tausend Leute aus den Häusern auf die Straßen getrieben hatte. Das Gelächter muss bis zum Markt zu hören gewesen sein.
Man hopste zur Musik, weil die Füße langsam am Boden festfroren, spielte Fußball mit leeren Bierdosen und bewarf einander mit Schneebällen. Ich nieste, und ein wildfremder Mensch rief: “Gesundheit!”
Erst als die AfD abzog und die Schalmeienkapelle “Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus” spielte, verlief sich die Menge. Keiner randalierte. Keiner zündete Mülltonnen an. Keiner griff die Polizei an, die ihrerseits zwar lästig, aber höflich war.
Auf einem Plakat stand: Lieber gut und menschlich als dumm und ängstlich.
Jena.

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Betongrün

“Betongrün” ist eigentlich ein Kampfbegriff, den ich in Zeiten wilder Eichplatz-Debatten für unsere Jenaer Grünen erfunden habe, weil sie gegen die Platanen und Linden am Platz und für Konsumismus waren. Und für hochwertiges, gestreiftes Großplattenpflaster.
Allerdings ist man anderswo schon sehr viel weiter, etwa im österreichischen Bad Radkersburg:
Naturraum2

Wir reden hier nicht über das fehlende Komma. Wir reden über ökologisch wertvollen Beton. Denn der Naturraum am Ende der Treppe, an deren Anfang dieses Schild steht, sieht so aus:
Naturraum

Ja, ungefähr so könnte Jena auch aussehen, wenn man mit der “Aufwertung” fertig ist. Bitte nicht.

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Sprachlicher Stolperstein: nordafrikanische Männer

Seit die Beschreibung zum ersten Mal aufgetaucht ist, stolpere ich darüber. Nordafrikanisch – ich höre vernehmlich die Gangschaltung im Gehirn – ach ja, die sind nicht schwarz da, das sind Araber. Das erste Bild vor dem inneren Auge wird durch ein zweites ausgetauscht, das auch nicht recht passen will. Ich frage mich: Könnte ich einen Äqypter von einem Syrer unterscheiden, einen Libyer von einem Türken? Im Dunklen? Unter Stress? Äh, nein. Auch nicht an einem sonnigen Sonntagvormittag beim Eisessen im Park. Mir fehlt einfach die Erfahrung, die es mitunter erlaubt, einen Tschechen von einem Franzosen oder Spanier zu unterscheiden.
Wie wahrscheinlich ist, dass jemand nach einem Überfall meint, die Täter seien gewiss aus Tunesien oder Marokko gekommen, Herkunftsländern, die unter den Ausländern in Deutschland eher selten sind? Nordafrikanisch ist ganz offenbar ein Wort, das gesagt wird, um etwas anderes nicht zu sagen. Ein Platzhalter für etwas unbequemeres.
Ebenso frage ich mich, wem organisierte Massenüberfälle in mehreren deutschen Großstädten eigentlich nützen. Der AfD ganz offensichtlich, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie sich Björn Höcke als Nordafrikaner tarnt, echt nicht. Syrer sind inzwischen dazu übergegangen, in der Fußgängerzone Blumen an Frauen zu verteilen und sich für etwas zu entschuldigen, was sie nicht getan haben. Einer der Angreifer soll ja behauptet haben, Syrer zu sein. Okay, denke ich, ich kann auch alle Tage behaupten, Marsmensch zu sein. Es sollen auch gestohlene Handys “in unmittelbarer Nähe von Flüchtlingsheimen” geortet worden sein. Ich wohne weniger als zweihundert Meter von einer Gemeinschaftsunterkunft. Macht mich das zu einer Syrerin? Vermutlich nicht. Und überhaupt sind die Syrer diejenigen, die von einem derartigen Gewaltausbruch am allerwenigsten haben, was sie selbst – siehe oben – klar erkannt haben.
Wer immer die Sache organisiert hat, er macht am ehesten die Arbeit des IS. Natürlich können unter einer Million Flüchtlingen auch IS-Leute sein, auch welche aus Syrien, denn das steht ja keinem auf der Stirn geschrieben. Aber ebenso fallen mir zwei Länder ein, die den IS seit Jahren unterstützen und deren Landsleute kein Durchschnittsdeutscher von Nordafrikanern unterscheiden könnte. Beide sind gute Freunde der offiziellen Bundesrepublik.
Während alle ganz genau zu wissen glauben, was da eigentlich passiert ist und warum (egal ob “Ausländer sind halt so” oder “Männer sind immer gewalttätig gegen Frauen”), scheint es mir immer undurchsichtiger. Ich argwöhne, dass wir wie beim Kennedy-Mord und dem NSU nie die Wahrheit erfahren werden.

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Invasiv ohne Samen: Der Japanische Staudenknöterich

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Staudenknöterich im Jenaer Saaletal

Eine der problematischsten invasiven Arten nicht nur in Jena oder Deutschland ist der Japanische Staudenknöterich, mitunter auch der Sachalin-Staudenknöterich oder irgendeinn Bastard diverser Staudenknöteriche. Sie sind sich relativ ähnlich, und der normale Nichtbotaniker kann sie kaum auseinander halten. Da sie auch gleichermaßen invasiv sind, ist das nicht weiter schlimm. Man läuft nicht Gefahr, das Falsche auszureißen.
Eingeführt wurden die Knöteriche, weil sie so schön schnell wachsen und damit als Sichtschutz und Gestaltungselement für “wilde Gärten” geeignet waren. Allerdings trieben sie es für manchen Gärtner bald zu wild. Auch sonst gab es wirtschaftliche Ideen. In der Forstwirtschaft pflanzte man Fallopia Japonica an, um Rothirschen etwas zum Fressen und Fasanen Deckung anzubieten. Leider schmeckte es den Hirschen nicht, und die Fasane standen im Winter plötzlich ohne Sichtschutz da, da der Staudenknöterich die Blätter abwirft.
Ausnahmsweise ist das Problem nicht die hohe Samenproduktion. Man ist sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt männliche Fallopia Japonica in Deutschland gibt. Das Zeug vermehrt sich durch Ausläufer und treibt aus Wurzel- und Stengelteilen aus. Es bildet bis zu 2 Meter tiefe und mehrere Meter lange Rhizome aus, also Wurzelknollen. Weswegen es ein aussichtsloses Unterfangen ist, den Knöterich ausgraben zu wollen. Einer der wichtigsten Verbreitungswege ist die illegale und unsachgemäße Entsorgung von Gartenabfällen, die Knöterich-Schnitt oder Wurzelteile enthalten. Wo immer sie hinfallen, schlagen sie aus.
In Jena findet man den Staudenknöterich vor allem in der Saaleaue und an den Bahnschienen. Er wächst gern an Ufern und beeinträchtigt deren Stabilität. Wie man ihn loswird? Am besten im Monatsabstand mähen, bis die Energievorräte im Rhizom erschöpft sind. Mancherorts deckt man gemähte Stellen auch mit schwarzer Folie ab, damit neue Triebe kein Licht bekommen. Auf jeden Fall dauert es Jahre, etablierte Bestände zu beseitigen. Bis dahin kann man viel Spaß damit haben.

Knoeterich2

Charakteristisch sind die leichten Knicke an den Blattansatzstellen.

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