Notfallblog: Springen verboten

COV_Papierkorb

Jena ist nicht nur die Stadt mit der Maskenpflicht, sondern auch die Stadt besonders bizarrer Ideen, weil die oberste Maxime des Verwaltungshandelns lautet: „Könnte uns jemand verklagen?“ und nicht: „Haben die Bürger vielleicht ein Gehirn?“
Seit Ausrufung allgemeiner Kontaktbeschränkungen quellen die Papierkörbe im Paradies fast täglich über. Das ist nicht verwunderlich. Wenn man irgendetwas anderes als das Ergebnis eigener Kochkünste essen möchte, bleibt einem nur, das Zeug aus der Gaststätte mitzunehmen. „Nur außer Haus Verkauf!“ Und so sitzen hunderte Menschen auf den Parkbänken und futtern aus Pappkartons, Styropor und Plastiktüten. Leert die Stadt deshalb häufiger die Papierkörbe?
Natürlich nicht. Erstens haben wir das ja noch nie gemacht, zweitens könnten die Leute ihren Mist mit nach Hause nehmen (ja, könnten sie – aber wozu gibt es dann überhaupt Papierkörbe?), und drittens ist der Kommunalservice viel zu beschäftigt.
COV_Ampelschild

Der musste erst sämtliche Parkbänke mit Sitzverbotsschildern bestücken, diese unter Druck des Volkszorns wieder entfernen und Abstands-haltungsermahnungsschilder installieren. Dann kamen die Bedarfsschalter der Ampeln dran. Die wurden abgeklebt – könnte sich ja jemand infizieren und die Stadt verklagen – und die Ampeln auf Automatik gestellt. Nun haben die Bedarfsampeln ja einen Sinn. Sie stehen da, wo nur gelegentlich Bedarf ist. Wahrscheinlich haben einige Autofahrer den OB daran erinnert, dass er mal der Rächer des Autoverkehrs in der Stadt angetreten war. Die Schalter wurden wieder freigelegt, aber jeder einzelne mit einem Hinweisschild versehen, dass ungeschützter Fußgängerverkehr gefährlich sein könnte.
Ich fürchte, wir haben zwar keine Krise mehr, aber immer noch einen Krisenstab, der dringlich etwas bekämpfen möchte. Man hat zwar bereits Anfang Mai die meisten Springbrunnen von ihrem Winterschutz befreit (Winter? Warum funktionieren Springbrunnen in der Rhön auch Anfang März, im notorisch warmen Jena aber frühestens ab Sommerbeginn?), aber dann hatte jemand eine Idee. Was, wenn sich Kinder beim Planschen im Springbrunnen mit COVID-19 infizieren?! Die Spielplätze sind wieder geöffnet. Die lieben Kleinen können also wieder unbehelligt durcheinander quirlen, sabbern, schniefen und am Geländer kauen – aber die Füße ins Wasser halten? Geht gar nicht. Seit dieser Woche hat man die beiden Springbrunnen im Paradies mit Bauzäunen eingesperrt, weil von ihnen eine unkontrollierbare Gefahr ausgeht. Gesprungen wird sowieso nicht.

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Vielleicht sollte man den Brunnenfiguren einfach Masken aufsetzen. Hilft nicht, sorgt aber für Beschäftigung.

COV_Brunnen2

 

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Schneckenrennen auf der Autobahn

Heute ist Tag der Artenvielfalt, ein guter Anlass, um die Autobahn zu besuchen. Die Autobahn ist die A4, die man am Jenaer Ortsteil Leutra in den Berg getrieben hat. Sie steckt da seit 2014 im Jagdbergtunnel, und von der alten A4 hat man die Betondecke säuberlich entfernt. Ich hätte wenigstens ein Stück liegen lassen, um zu beobachten, was die Natur damit anstellt, aber das ist nicht vorgesehen.
Inzwischen ist die Autobahn im Leutratal eine absonderlich ebene Wiese inmitten der Hügel, viel zu gerade und viel zu baumlos – aber eben eine Wiese. Da steht allerhand herum: viel Gras, Hopfenklee (eine typische Pionierpflanze), Glockenblumen, Kuckuckslichtnelke, Klette, Löwenzahn, Knoblauchsrauke und erste Ahorne. Außerdem waren auf der Autobahn gleich vier Weinbergschnecken am Hang unterwegs, wo früher eine Brücke über die Leutra führte, ein eher bescheidenes Gewässer. Eins der berüchtigten Schneckenrennen, 0.001 km/h. Die Natur holt sich die Fläche zurück. In dreißig Jahren wird dort wie links und rechts davon ein Wald stehen, falls man nicht auf die Idee verfällt, die Wiese zu beweiden.
Für die A4 ist das Leutratal allerdings nicht berühmt. Man pilgert da hin, weil um diese Jahreszeit die Orchideen blühen. Werbung macht man zwar mit dem Frauenschuh, der tatsächlich irgendwo im Wald blüht, aber ohne Führer vom NABU findet man ihn eigentlich nicht. Dafür einige andere: Helmknabenkraut, großes Zweiblatt (eher klein und unscheinbar) und Vogel-Nestwurz, ein bizarres, chorophyllloses Gewächs. Die Artenvielfalt tobt sich aus. Ärgerlicherweise ist auch die Orientalische Zackenschote schon da.

(auf eins der Bilder klicken, um die Galerie zu öffnen)

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Notfallblog: Schrödingers Virus

Wenn du eine Gerade willst, dann miss nur zweimal.

Jeder Physiker kennt diesen Spruch, jedenfalls jeder Experimentalphysiker. Außerdem kennen wir natürlich Schrödingers Katze, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit lebt oder tot ist, solange man die Kiste nicht auf macht. Ungefähr so ist es mit Infektionszahlen bei COVID19. Wir wissen inzwischen, dass viele Leute gar nicht bemerken, dass sie infiziert sind. Sie halten es für eine gewöhnliche Erkältung. Andere wollen nicht in Quarantäne. Das heißt, nicht jeder, der infiziert ist und damit zum Verbreiter des Virus wird, wird auch eine Fallzahl. Je weniger man testet, umso weniger Infektionszahlen hat man.
RKI_20200516Wenn der Experimentalphysiker einen Haufen Zahlen hat, von denen er nicht weiß, was sie taugen, dann fängt er an, Quotienten zu bilden, Diagramme zu zeichnen und nach Mustern zu suchen. Ich arbeite hier mit Fällen pro 100.000 Einwohner, um die sehr unterschiedlichen Einwohnerzahlen herauszunormieren. Die Zahlen stammen von RKI, European Centre for Disease Prevention and Control und WHO.
Schweden mit seiner Laissez-faire-Politik hat weniger Infektionen als das restriktive Bayern? Ich habe schon erwähnt, dass Bayern erst einmal die Verbreitung des Virus abgewartet hat, bevor es restriktiv wurde. Insofern war der Ansatz von Schweden nicht so verschieden. Wenn man die Tür zumacht, nachdem der Fuchs in den Hühnerstall geschlüpft ist, ist das Ergebnis ein Desaster, zumindest für die Hühner. Man sieht an der Karte des RKI recht gut: Je weiter man von Karneval, Après-Ski-Parties und Bundesliga-Fußball entfernt lebt, umso gesünder lebt man in Deutschland.
Covid_BYvsSE

Außerdem ist eines auffällig: Während in Bayern 5 % der Erkrankten gestorben sind, sind es in Schweden 9.1 %. Ups. Sind die Schweden weniger widerstandsfähig? Taugt ihr Gesundheitssystem nichts? Beides ist eher unwahrscheinlich. Andere skandinavische Länder wie Norwegen, Finland und Dänemark bewegen sich zwischen 3 und 5 % Sterblichkeit. Die Bevölkerung ist ähnlich. Die Sterblichkeit in Schweden ist höher als in Rumänien, Griechenland oder Bulgarien, und gemeinhin vermutet man, das schwedische Gesundheitssystem sei vorbildlich. Dann bleibt ein Parameter übrig: Die Schweden testen seltener und haben eine höhere Dunkelziffer. Der schwedische Erfolg ist ein Messfehler mit tödlichen Folgen.
(Vor vier Tagen lag der schwedische Wert noch bei 12.2 % Tote/Infizierte – offenbar testet man inzwischen häufiger.)
Covid_EUIn Deutschland wurde jeder unter Androhung hoher Geldstrafen verpflichtet, mit Husten oder Fieber sofort das Gesundheitsamt zu benachrichtigen. In Schweden meinte man, was einen nicht umbringe, mache einen härter. Das Ergebnis: Die Zahl der Toten ist anderthalb mal so hoch wie in Bayern und fast viermal so hoch wie in Thüringen, wo man auf die ersten Fälle mit rigorosen Maßnahmen reagierte. Die Zahl der Toten ist wahrscheinlich viel genauer als die der Infekte, weil die meisten im Krankenhaus gestorben sein dürften.
Damit bleibt es fernab von allen Wundern beim trivialen Befund: Je schneller man auf eine Epidemie reagiert,. umso weniger Menschen sterben.

In Thüringen läuft das Ganze gerade auch aus dem Ruder – wegen Greiz und Suhl. Greiz lag heute mit 49.9 Infizierten über 7 Tage unter der magischen 50er-Grenze. Unsere Politiker meinen, damit sei Greiz eine sichere Gegend. Ich habe Zweifel.

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Paradies 1.13: Komische Käuze

„Vögel fotografieren“, sagt der häusliche Gefährte, „ist wie Hundeausführen. Man kommt mit wildfremden Leuten ins Gespräch.“
Das Gesprächsthema im Paradies ist eindeutig: „Haben Sie heute schon die Käuze gesehen?“ Die haben in einer der alten Platanen am Saaleufer eine geräumige Einzimmerwohnung gefunden und einen kleinen Waldkauz ausgebrütet. Wenn man Glück hat, sitzt er auf dem Balkon, von Paparazzi belagert. Am gegenüberliegenden Ufer gibt es eine kahlgetrampelte, feuchte Stelle, die man „Kauzblick“ nennen sollte.


Aber auch sonst gab es zur Vogelvolkzählung des NABU wieder allerhand zu entdecken. Die Stare haben Nachwuchs, die Teichralle auch. Jena hat zwar kein Gebirge, sondern nur einen Canyon, aber die Gebirgsstelzen haben sich täuschen lassen und sammeln eifrig Gerätze für ihre Kinder, die irgendwo im Ahorn wohnen. Der Flussuferläufer läuft nicht etwa am Ufer, wo man ihn gut fotografieren könnte, sondern in der Mitte des Wehrs nach oben. Da tummeln sich auch Teichrallen und Stelzen – offensichtlich gibt es einiges zu naschen.


Der Eisvogel war wie immer zu sehr in Eile, um sich fotografieren zu lassen. Und die Rabenkrähe hat ebenso eilige Besorgungen zu erledigen.


Aus dem Geäst der Bäume schreien sich Buchfink, Mönchsgrasmücke und Zaunkönig an, die alle der Meinung sind, das Paradies sei ihr Revier.


Nur die Enten machen sich rar. Gerade einmal sieben ließen sich sehen. Ich fürchte, der Gänsesäger hat sich vertan und Enten gesägt …

(Und wie immer: Ein Bild anklicken, um die Galerien zu öffnen. Dann werden die Bilder größer.)

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Notfallblog: Die große Antwort – 49

Schwan2

Es ist beschlossen: Im Laufe des Mai geht Deutschland wieder zum Normalbetrieb über. Gaststätten, Hotels, Urlaub an der Ostsee, Shoppen bis zum Umfallen – alles geht wieder. Gefährlich? Ach wo, wir haben ja eine Obergrenze! Die betrifft im Moment den Kreis Greiz, wo COVID19 in einem Altersheim wütet, und zwar nur den.
Ich lebe in Jena, und Jena ist die Vorzeigestadt des Corona-Managements. Im März sah die Stadt wie ein eindeutiger Hotspot aus, aber seit dem 08.04.2020 gab es noch genau zwei neue Infektionsfälle, und die waren aus dem Umland importiert. Es waren Auspendler. Ich habe mir also die Jenaer Zahlen noch einmal vorgenommen. Wir haben ungefähr 115.000 Einwohner.
Am 13. März wurden in Jena die ersten zwei COVID19-Infektionen diagnostiziert. Am gleichen Tag wurde die Stadt weitgehend stillgelegt. Hätte es die 50er-Regel schon gegeben, dann wäre das erst am 20. März erfolgt. Da waren es schon 74 Fälle, trotz Lockdown. Bereits eine Woche später – im wirklichen Leben also zwei Wochen nach dem Lockdown – hätten wir alle Läden und Gaststätten wieder öffnen können. Da war die Fallzahl über sieben Tage aufsummiert haarscharf unter 50. Wir hatten 116 Infizierte. Offiziell bestätigte Infizierte.
Inzwischen wissen wir, dass wir eine erhebliche Dunkelziffer mit uns herumschleppen. Menschen werden in Quarantäne geschickt, aber nicht getestet, während andere getestet werden, aber fröhlich weiter auf Arbeit und in andere Firmen gehen dürfen. Warum auch immer. Es gibt Menschen, die gar keine Symptome entwickeln, und andere, die zwar herumhusten, aber keine Lust auf Quarantäne haben und die „Erkältung“ zu Hause aussitzen. Also großtenteils zu Hause. Man muss ja mal einkaufen. Das heißt, auf 49 Infizierte kommen mutmaßlich 10 weitere, die nicht ahnen, dass sie auch infiziert sind.
Selbst wenn man die Dunkelziffer tapfer zu Null definiert, bleibt der Fakt, dass in dem Moment, wo die magische 50 überschritten wird, ungefähr 40 Leute zusätzlich in der Stadt unterwegs sind, die bereits infiziert, aber noch nicht erkrankt sind (Warum? Bei 50 pro Wochen infizieren sich täglich 7, die erst nach 5 bis 6 Tagen Symptome entwickeln, dann vielleicht getestet werden …). Und jetzt erinnern wir uns daran, dass sich das Virus exponentiell verbreitet. Das heißt, die insgesamt 90 Infizierten der Woche haben reichlich Gelegenheit, ihre Familie, Kollegen, Freunde oder Leute im Cafè anzustecken. Eigentlich sind sie schon viel mehr … Wenn man bei 50 die Reißleine zieht, dann steigen die Zahlen noch eine knappe Woche einfach weiter, selbst wenn jeder in Quarantäne gesperrt würde.
Das klingt wie ein Plan zur Aufrechterhaltung der Pandemie.

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Notfallblog: Die selbstnichterfüllende Prophezeihung

Covid_Faelle_WHO

Todesfälle relativ zur Bevölkerungszahl. Der unübersichtliche Klumpen zwischen USA und Deutschland besteht aus Italien, Frankreich, Spanien und Großbritannien. Jeder, der über der Geraden durch Null und den grünen deutschen Punkt liegt, hat die Sache noch schlechter als wir gemanagt. Das trifft auch auf Schweden ganz unten zu – wo immer noch verdammt wenig Leute wohnen. Das Bild ist viel größer. Anklicken hilft vermutlich. Oder bei der WHO anschauen.

In Sachen Klimapolitik hört man immer wieder das absurde Argument, vor 40 Jahren hätten auch alle vor dem Waldsterben gewarnt, und schau an, der Wald existiere immer noch. Selbst wenn man ignoriert, dass im letzten Sommer reihenweise Fichten an Hitze, Trockenheit und Borkenkäfer eingegangen sind, bleibt der Fakt, dass man Umweltschutzgesetze verabschiedete, die zum Beispiel Abgasfilter in Industrieschornsteinen vorgeschrieben haben. Damals hieß es, das könnte man der Industrie unmöglich zumuten, und schau an, die Industrie existiert immer noch.
So ähnlich geht es jetzt mit COVID19. Aus allen Ecken kommen Schreihälse, die erklären, es sei ja offensichtlich nicht so schlimm gewesen, die Maßnahmen völlig überzogen und alles entweder Faschismus oder DDR, und überhaupt sind viel zu wenige gestorben. Millionen Menschen haben sich an das gehalten, was Virologen empfohlen haben, und schau an, die Katastrophe ist ausgeblieben. Wenn man kurz vorm Gewitter die Wäsche reinnimmt, sagt man hinterher auch nicht, dass Regen gar nicht schlimm ist, weil die Wäsche überhaupt nicht nass wird. Keiner kommt auf die Idee, sie beim nächsten Wolkenbruch einfach draußen zu lassen.
Was nicht fehlen darf: südtiroler Äpfel mit schwedischen Köttbullar vergleichen. Italien hatte eine komplette Ausgangssperre, Schweden hatte keine, und wo gab es die Katastrophe?!
Ich bleibe beim Beispiel: Wenn man die Wäsche nach dem Gewitter rein nimmt, ist es kein Wunder, dass sie trotzdem völlig durchgeweicht ist. Ungefähr das hat Italien getan. Erst einmal nehmen wir noch das Geschäft mit dem Skizirkus mit, für Pandemiebekämpfung ist danach immer noch Zeit … Wie in Deutschland: Wir können doch unmöglich Karneval, Starkbierfest und Fußballspiele absagen! Wir können doch keine Reisewarnung für China rausgeben – das schädigt die Tourismusindustrie! Die steckt jetzt erst recht im Dreck, einschließlich des Kleingasthofes in Hintertupfingen, so wie die Wirtschaft durch das späte Katastrophenmanagement insgesamt eine heftige Delle bekommt. Um einen kleinen Schaden zu vermeiden, hat man den größeren riskiert. Bravo, viele deutsche Wähler halten das für Kompetenz und Söder für den neuen Heiland.
(Was bin ich froh, dass Thüringen die Pandemie nicht unter Führung des Lockerungsfanatikers und Friseurlobbyisten Kemmerich durchmachen muss …)
Die Daten gestern (European Center for Disease Prevention and Control und WHO): Todesfälle pro 100000 Einwohner in Italien 47.8, in Schweden 26.3, in Deutschland 8.1, in Tschechien 2.3. Wir erinnern uns: Die Tschechen haben sehr schnell und sehr radikal die Grenzen geschlossen, unter anderem – Skandal! – die nach Deutschland. Weitere „Ist uns doch egal“-Länder: Großbritannien mit einer Rate von 42.8 und fröhlich fortschreitender Epidemie und USA mit 18.8 – kein Ende abzusehen. Für mich sieht das noch immer nicht wie ein guter Plan aus.

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Kleine Ahornkunde

Als der Schriftstellerverband Thüringen sein Waldbuch herausbrachte, stand ich vor der unerwarteten Aufgabe, zur phantastischen Prosa einen Sachtext zu schreiben – der irgendwie zur Geschichte passt. Ich bin kein Förster, aber wenn ich mich einmal in eine Sache verbissen habe … In der Geschichte kamen Ahornbäume vor. Ich habe keine Ahnung, warum ausgerechnet Ahorn, aber mein Unterbewusstsein wird sich etwas dabei gedacht haben.

Ahorne

Das gefleckte Blatt stammt mutmaßlich von der Bergahorn-Sorte Leopoldii.

In Deutschland haben wir drei einheimische Ahorne: Spitzahorn (der nicht mit dem kanadischen Flaggenahorn, dem Zuckerahorn, identisch ist), Bergahorn und Feldahorn.
Der Feldahorn ist sich nie ganz sicher, ob er lieber ein Busch oder ein Baum sein möchte. Er ist der kleinste und kommt oft in ungepflegten Feldhecken vor, wo er gern bewohnt wird. Und er blüht grasgrün. Ahorne blühen nämlich. Das ist nicht ganz so auffällig wie bei Kastanien oder Kirschbäumen, aber bei Bienen und Hummeln nicht weniger beliebt. Die Bayern haben einmal nachgezählt und nicht weniger als 60 Falterarten auf Ahornen gefunden.
Der größte Ahorn ist der Bergahorn. Wenn man ihn lässt, kann er 30 m hoch und 500 Jahre alt werden. Mit Streusalz kommt er nicht gut zurecht, weswegen er als Alleebaum oft schon im August braune Blätter bekommt, obwohl im Somme gar kein Salz gestreut wird – aber es steckt halt im Boden. Ich glaube nicht, dass er mehr als andere unter der Trockenheit leidet, denn das Exemplar, das ungesalzen in meinem Garten steht, hat die letzten zwei Sommer problemlos überstanden. Ohne braune Blätter. Er lässt sich Zeit mit dem Blühen – er fängt bei uns gerade an.
Der Spitzahorn wird nur 200 Jahre alt – wenn man ihn lässt – und bleibt ein bisschen kleiner, blüht gelbgrün und verstoffwechselt in seinem Leben eine Unmenge von Sonnenstrahlung und Kohlendioxid. Wie die anderen beiden.
Allen gemeinsam sind die geflügelten Samen. Sie funktionieren ungefähr wie Hubschrauber und können bis zu 100 m weit fliegen. Eine Menge Vogelarten findet sie sehr lecker.
Ein Problem ist der Eschenahorn, der 1699 aus Nordamerika eingeführt wurde und sich in Europa wohlfühlt. Er gehört hier eigentlich nicht hin und bildet zuweilen Dominanzbestände in Flussauen. Seine Blätter sehen wie Esche aus, seine Früchte sind eindeutig Ahorn. Bestände von Eschenahorn sind artenärmer als andere Auwälder, aber bisher weiß keiner warum.
Bleibt noch zu vermelden, dass Ahornholz früher im Ruf stand, Dämonen, Hexen, Maulwürfe und Fledermäuse fernzuhalten. Das mit den Fledermäusen ist Unsinn, denn im Jenaer Paradies gibt es massenhaft Ahorne und Fledermäuse.

(Ein Bild anklicken, um die Galerie zu öffnen …)

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