Grafische Lügen: Shell und der Pkw-Besitz

Im Stadtentwicklungsausschuss wurde uns im Schnelldurchlauf serviert, wie sich der Verkehr in Jena in den nächsten 23 Jahren entwickeln soll. Die frohe Botschaft: Wir brauchen weder mehr noch bessere Straßen, und die Bebauung von fast 1000 Parkplätzen in der Innenstadt ist auch kein Problem.
Begründet wurde das unter anderem damit, dass laut einer Studie, die Prognos für Shell erstellt hat, der Pkw-Verkehr bis 2040 deutlich zurückgehen wird. Das wird dann fröhlich auf Jena umgerechnet. Allerdings ist laut Studie der stärkste Effekt die Schrumpfung der deutschen Bevölkerung um immerhin 4 Mio. Einwohner. Jena wächst. Welchen Einfluss hat die Verödung des Altenburger Landes auf Jena?
Besonders schön ist allerdings die Infografik, die man uns serviert:

Shell_Pkw

Hier wird klar: Nach 2028 geht es steil bergab – falls 558 kleiner ist als 544. In Zahlen beträgt der Unterschied zwischen 2028 und 2040 nicht einmal 2 %. In der Grafik sieht es eher wie 50 % aus. Die Spreizung, damit man minimale Effekte überhaupt erkennen kann, ist ein bekannter Trick. Aber eine höhere Zahl einfach niedriger darzustellen – das ist neu. Aber korrekt ausgerichtet sieht es einfach nicht so aus, wie die Höhere Wahrheit verlangt:

Shell_Pkw2
Anzumerken ist, dass die Prognosen der 90er Jahre für Jena einen Rückgang der Einwohnerzahl auf 90.000 bis 2020 behaupteten. Tatsächlich haben wir mit 108.000 Einwohnern heute ziemlich genau so viele wie Ende der 80er. Das liegt gerade mal 20 % daneben. Aber in den nächsten 23 Jahren wird, das wissen wir ganz genau, der Pkw-Verkehr um 1.98 % sinken. Bei einer um 3.4 % steigenden Einwohnerzahl.

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Das wahre Leben: Fachkräftemangel

„Satzbehälter voll“, verkündet das Wunderwerk der Technik.
Das kenne ich. Es erinnert mich an die Lektüre diverser städtischer Konzepte. Aber das meint die Kaffeemaschine nicht.
Der Kollege und ich beginnen kurzerhand, das störrische Ding zu zerlegen. Kaffeemangel ist ein existentielles Problem, besonders freitags.
„Gut“, sage ich, „dass wir beide technisch begabt sind.““Eine Promotion in Physik ist immer nütze“, erwidert er.
Es ist aber nicht der Satzbehälter. Der ist nahezu leer. Offenbar hat sich die Software des High-Tech-Mahl-Brüh-Werks aufgehängt.
Wir brauchen dringend einen promovierten Informatiker.

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Andere schwerverdauliche Lebensmittel

Nach meinem letzten Beitrag haben sich Menschen gefunden, die meinen, Ayran sei sehr wohl trinkbar. Isch schwör. Okay, okay, ich will es ja glauben, solange ich es nicht trinken muss. Es gibt auch andere Lebensmittel, die ich verschmähe, obwohl Leute ganz wild drauf sind: Milchreis, Austern, Bubbletea … Ich möchte nur weiterhin das Recht haben, jedes Lebensmittel nach Lust und Laune zu beleidigen, ohne vor Gericht gezerrt zu werden. In Deutschland ist „dumm wie Brot“ immer noch zulässig, obwohl Brot das Nationalessen schlechthin ist. Kein Volk kennt mehr Brotsorten als die Deutschen, und trotzdem ist es ein Schimpfwort. Das ist nicht logisch, aber  sympathischer als präsidiale Nationalgetränke.
Deshalb auch gleich noch ein Bericht über zweifelhafte Nahrungsmittel. Das Shopping-Center Bikini in Berlin zeigt eine Frühlings-Installation von Mademoiselle Maurice. Sie werben mit Plakaten dafür, also dachte ich: Schaun wir mal. Zunächst gibt es eine Warnung:
Bikini-Installation2Die Installation besteht aus groben Holzspänen, Stöckchen, Bindfäden und gefaltetem Papier. Ich frage mich seither, was davon nun eigentlich zum Verzehr geeignet ist, wenn man nicht gerade ein Biber oder Bücherwurm ist.
Es ist irgendwie recht bunt, aber im Grunde ist mir die Installation draußen, an der Madame Nature täglich herumbastelt, doch lieber. Die ist sogar teilweise zum Verzehr geeignet.
Bikini-Installation

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Saure Milch

Die Bio-Molkerei verkauft aus eigener Produktion Milch, Joghurt, Käse und Ayran.
„Ayran?“, fragt der häusliche Gefährte. „Was ist Ayran?“
„Irgendwas aus Milch“, antworte ich. Da wir gerade von einer Molkerei reden, ist das etwa so sinnvoll, als hätte ich gesagt: „Zeug aus Molekülen.“
Mein Klugscheißer-Modus ist der Meinung, ich sollte wissen, was Ayran ist. Da ich den Laptop gerade in Greifweite habe, frage ich Wikipedia. Sie lässt mich nicht im Stich.
Ayran, erfahre ich, ist ein Gemisch aus Joghurt und Wasser – mit Salz. Das klingt wie etwas, was die Nordic-Walking-Frauengruppe zur Selbstkasteiung trinkt, nachdem sie eine Stunde lang im Park Staub aufgewirbelt hat. Freiwillig würde ich das nur trinken, wenn man Joghurt und Salz weglässt. Oder Wasser und Salz. Oder es vor dem Servieren durch eine Apfelschorle ersetzt.
Während ich derart verächtlich daherdenke, stoße ich auf den letzten Abschnitt des Artikels. In der Türkei, erfahre ich, kann man verklagt werden, wenn man sich grundlos abfällig über Ayran äußert. Im Falle eines Werbespots kann das 70.000 € kosten. Denn Ayran wurde von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum Nationalgetränk erklärt. In anderen Ländern schaut man, was die Leute so trinken, und stellt resigniert fest, dass das Nationalgetränk nach wie vor Bier ist, obwohl der Verbrauch sinkt und immer mehr Bionade getrunken wird.
In der Türkei kann man hingegen rechtlich belangt werden, wenn man saure Milch beleidigt. Mehr muss man über die Türkei nicht wissen.

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Die multimodale Phrasendreschmaschine

MittelwegAls Jena begann, Leitlinien für den Verkehr zu entwickeln, hatte ich die vage Hoffnung, es könnte sich irgendwas verbessern. Ich bin ein krankhafter Optimist. Und ganz ehrlich: Schlimmer kann es in der Stadt nicht mehr werden, falls man nicht wirklich die Stadtgräben wieder aus- und Zölle erhebt. Inzwischen möchte man den Prozess jedoch am liebsten beerdigen, weil die Stadträte zu vielen der Handlungsziele ihre Zustimmung verweigerten. Unter anderem dazu:

„Schaffung eines inter- und multimodalen Verkehrssystems durch Verknüpfung der Verkehrsarten der Nahmobilität (Fuß, Rad) mit öffentlichem Personenverkehr (ÖV) in Stadt und Region und mit neuen Mobilitätsangeboten sowie Erleichterung des Zugangs und der Bedingungen für die genannten Verkehrsarten und -angebote“

Wir haben zu sechst davor gesessen und gerätselt, was damit gemeint sein könnte. „Multimodal“ heißt in der Sprache der Verkehrsplaner, dass man zu Fuß zum Bus läuft oder mit dem Rad zum Bahnhof fährt. Dort allerdings fehlte es über Jahre an Fahrradständern, und wer das Rad ans Geländer anschloss, wurde abkassiert. Man will allen Ernstes als Ziel städtischen Handelns beschließen lassen, dass es möglich sein muss, fußläufig zum Bus zu kommen. Ja, wie denn sonst? Mit dem Flugzeug? Mit dem Hundeschlitten?

Auch schön:

„Steigerung des Anteils der Verkehrsarten der Nahmobilität (Fuß, Rad) im Umweltverbund mit dem ÖPNV am städtischen Modalsplit“

Das ist schon grammatisch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Außerdem ist der Modal Split eine Unsinnsgröße, die meinem Mitstreiter Clemens regelmäßig den Blutdruck in die Erdumlaufbahn treibt. Man zählt durch, wie viele Wege der Mensch am Tag wie zurücklegt, und rechnet dann Prozentzahlen aus. Mensch geht hundert Meter zum Parkplatz – ein Weg. Mensch fährt mit Auto 20 km in die nächste Stadt – auch ein Weg. Schon hat der Modal split einen Fußgängeranteil von 50 %.  Wir haben lange gebraucht, um zu begreifen, dass es wirklich so und nicht anders gemeint ist.
Ich habe für das Handlungsziel zwei Vorschläge gemacht:
1. Hundesteuer abschaffen. Damit werden mehr Hunde gehalten, die mehrmals am Tag zum nächsten Baum geführt werden müssen.
3. Dörfer ausgemeinden, um das Stadtgebiet zu verkleinern. Komischerweise kommen Leute aus den Randgemeinden, in denen am Wochenende kein Bus fährt, mit dem eigenen Auto in die Stadt, statt umweltbewusst mit dem Handwagen zum Wocheneinkauf in die Großstadt zu ziehen.
Sicher könnte man auch noch den einen oder anderen unnötigen Weg generieren, etwa den zum Facharbeitskreis für Mobilitätsleitlinien, wo man zweiundzwanzig Minuten lang den Prozess erklärt bekommt, an dem man selbst beteiligt war. Das ist, als würde mir einer erklären, wie ich früh meine Pantoffeln angezogen habe. Aber weil man 16:30 Uhr vom Zeisswerk bis zum Verwaltungszentrum am Anger mit jedem Verkehrsmittel außer dem Fahrrad Stunden braucht, hat man damit den Modal Split in Richtung Radverkehr verschoben. Pauken, Trompeten und Konfetti!

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Kommen tote Autos in den Himmel?

Es gibt Fragen, die würden einem im Traum nicht einfallen, wenn man nicht eine schöne Überschrift brauchte. Diese zum Beispiel, die bei mir die Vision von knuffigen kleinen Trabbi-Putten mit Flügelchen auslöst.
Eigentlich schuld ist aber der Tourismusverein Barnim, der mich mit folgender Karte erfreute:
Flugplatz_Barnim

Ein Flugplatz?!, dachte ich. Echt? Mitten in Wald, satten Wiesen und Sümpfen? Ich klickte neugierig darauf und fand – Containerdienst und Autoverwertung. Vielleicht wäre das ja eine coole Idee: Wir machen eine Toilettenhäuschenvermietung auf und schreiben außen „BER“ dran, und schon ist das peinlichste Bauprojekt Deutschlands erledigt.
Ungeklärt bleibt allerdings, wozu man im Urlaub einen Abfallcontainer brauchen sollte.

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Das wahre Leben: Wurscht

„Das ist der ultimative Vorteil von Leberwurst – die passt immer genau aufs Brot. Die muss man nur oben flach machen.“

Wieder ein Mysterium aufgeklärt – warum mögen die Deutschen so gern Leberwurst?

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