Paradies 1.9: Neue Vogelzählung

Am letzten Wochenende hielt der NABU mal wieder seine allgemeine Vogelzählung ab. Im Garten zwitschert es zwar heftig, aber nur in seltenen Fällen lässt man sich auch sehen und zählen. Immerhin konnte ich die zwei Stockenten erfassen, die gelegentlich zwischen dem Feuerlöschteich von Lichtenhain und der Saale pendeln. Man hat ihnen im Bergdorf sogar ein Entenhäuschen aufgestellt.
Ansonsten geht man zum Zählen ins Paradies, den Volkspark an der Saale, bewaffnet mit Notizbuch und Kamera. Letztere braucht man nicht nur, weil der Zoom eine ordentliche Vergrößerung hergibt, sondern auch, um zu Hause in Ruhe zu überlegen, was man da eigentlich gesehen hat. Immerhin 17 Vogelarten tummelten sich. Der Gänsesäger allerdings sägt jetzt woanders.
Dafür gab es einen anderen seltsamen Vogel zu sehen, den ich immer für eine religiöse Kulthandlung hielt: die Gabelweihe, auch unter dem Namen Rotmilan bekannt. Amseln gibt es in nass und trocken, und die Kohlmeise versucht sich im Schwirrflug wie der Kolibri. Vielleicht eine Kolmeise.

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Annektiert Österreich!

Ein deutscher Offizier hat einen Anschlag auf den Bundespräsidenten geplant, wie weiland Stauffenberg auf Hitler. Allerdings nicht, weil unser oberster Weltverantwortungspfaffe bei jeder unpassenden Gelegenheit den Militärseelsorger gegeben und gegen die Kriegsmüdigkeit des deutschen Volkes gewettert hat. Eher wegen mangelnder Fremdenfeindlichkeit. Es ist tatsächlich ein feiner Unterschied zwischen Fremden, die mit deutscher Mithilfe – Waffen, Aufklärung, eigener Beschuss … – sterben, und solchen, die davor nach Deutschland fliehen, weil sie zu Recht annehmen, dass die Deutschen keine Bomben auf Deutschland werfen lassen.
Nein, dem deutschen Offizier ging es um einen Vorwand. Wenn die blöden Flüchtlinge nicht endlich selbst Attentate verüben, dann muss man eben nachhelfen, so wie andere Zahlen zur Ausländerkriminalität „schöpfen“. Da sind wir dann eher beim Sender Gleiwitz, nur mit höherem Einsatz.
Jetzt ist das Geschrei groß. Wie konnte das passieren? Haben wir etwa ein Problem mit brauner Gesinnung bei der Truppe, die bis heute Kasernen nach Wehrmachtsoffizieren benennt? Kann nicht sein. Und wie konnte ein Deutscher ohne Arabisch-Kenntnisse als Syrer durchgehen? Ist das der lange erwartete Beweis, dass die syrischen Flüchtlinge gar keine Syrer sind, sondern eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge aus Rumänien, Eritrea und Kambodscha? Oder, äh, Illkirch? Wie konnten die zuständigen Behörden so versagen?
Das ist die falsche Frage. Sie haben nicht versagt. Man muss annehmen, dass sie bewusst getan haben, was sie getan haben – so wie zahlreiche Geheimdienste einen kriminellen Tunesier, der überall von seinen Attentatsplänen erzählt hat, fröhlich gewähren ließen.
Das politische Ziel der kurzzeitigen Fremdenfreundlichkeit ist erreicht. Kein Mensch redet mehr darüber, dass deutsche Banken nach wie vor Griechenland aushungern und deutsche Heuschrecken dort die Konkursmasse auffressen. Wir sind doch gar nicht böse. Nachdem wir uns jahrelang bestmöglich gegen Flüchtlinge abgeschottet hatten, haben wir einmal für kurze Zeit wieder ein paar aufgenommen, das aber so katastrophal organisiert, dass jeder merken musste: Die treiben uns in den Ruin.
Das reicht jedoch noch nicht, um zum normalen Zustand der Fremdenfeindlichkeit zurückzukehren. Zu wenige Menschen sind bereit, an das sichere Herkunftsland Afghanistan zu glauben, solange da die Bundeswehr für Unsicherheit sorgt. Also muss Angst her.
Erfreulicherweise für die deutschen Schlapphüte finden sich militante Irrsinnige auf beiden Seiten, die man nur machen lassen muss. Früher musste man sich – wir erinnern uns an das Celler Loch – noch selbst die Hände schmutzig machen.
Das Ganze wäre super gelaufen, hätten nicht die Österreicher auf dem Flughafen Wien-Schwechat den gefälschten Gotteskrieger einfach festgesetzt. So wird das nichts mit dem Fake-Terrorismus. Die Österreicher folgen der deutschen Staatsräson einfach nicht. Es wird Zeit, das Alpenvolk wieder zu annektieren, damit man weiter von unerklärlichem Versagen schwadronieren kann, wo erklärliches Gewährenlassen herrscht.

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Grüne Invasion: Die Pseudo-Tanne

Früher stand vor unserem Küchenfenster ein „Tannebaum“. Der Baum war unendlich alt und hoch wie das Haus, bis man herausfand, dass er gar keine Tanne war – sondern eine Douglasie. Die war damals eine Seltenheit. Als man sie fällte, trug sie gerade zum ersten Mal Früchte.
Inzwischen ist sie häufiger. Zwar sind nur 2 % des deutschen Waldes mit Douglasien bewachsen, aber da sie schnellwüchsig ist und ordentliches Holz liefert, wird sie gern gepflanzt. Zwischen 2002 und 2012, sagt Wikipedia, nahm ihr Bestand um 35.000 ha zu – ein Flächenzuwachs von 16 % in zehn Jahren.
Das Bundesamt für Naturschutz führt sie auf der Schwarzen Liste für invasive Arten, die Forstwirtschaft – wen wundert’s – widerspricht. Invasive Pflanzen machen sich nicht irgendwann auf den Weg und wandern nach Europa, sie werden von Menschen eingewandert. Meist aus wirtschaftlichen Gründen.

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Der Baum sieht einer Fichte (nein, nicht der Tanne) ziemlich ähnlich, und ich wäre nicht in der Lage, sie aus der Ferne zu unterscheiden. Am einfachsten kann man sie an den Zapfen unterscheiden. Die haben, erklärte ein Schild auf einem forstbotanischen Lehrweg, ein „dreizipfeliges Deckblatt“ auf den Samen. Das ist ziemlich auffällig, und die Kusteln sind kürzer als normale Fichtenzapfen. Auch sind die Nadeln der Douglasie weicher und stehen mehr kreuz und quer, während die harten Fichtennadeln recht geordnet links und rechts abstehen.
Nadelbäume machen zwar unwahrscheinlich viele Samen, sind bei der Verbreitung aber erfreulich erfolglos. Der Kienapfel fällt nicht weit vom Stamm, die Douglasienkustel auch nicht. Da sie sehr, sehr viel Licht wegschlucken, bleibt für potentiellen Nachwuchs am Boden nicht viel übrig. Er murkelt und geht ein. Außerdem brauchen sie unendlich lange, bis sie überhaupt Zapfen produzieren. Deshalb findet man die Douglasie anders als Götterbaum und Robinie noch nicht an jedem Straßenrand. Aber sie fühlt sich wohl in Deutschland, wo es nicht zu fußkalt ist.
Und deshalb ist es keine gute Idee, Douglasien in Gärten, Parks oder Forste zu pflanzen, auch wenn sich das Zeug gut verkaufen lässt.

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Grafische Lügen: Shell und der Pkw-Besitz

Im Stadtentwicklungsausschuss wurde uns im Schnelldurchlauf serviert, wie sich der Verkehr in Jena in den nächsten 23 Jahren entwickeln soll. Die frohe Botschaft: Wir brauchen weder mehr noch bessere Straßen, und die Bebauung von fast 1000 Parkplätzen in der Innenstadt ist auch kein Problem.
Begründet wurde das unter anderem damit, dass laut einer Studie, die Prognos für Shell erstellt hat, der Pkw-Verkehr bis 2040 deutlich zurückgehen wird. Das wird dann fröhlich auf Jena umgerechnet. Allerdings ist laut Studie der stärkste Effekt die Schrumpfung der deutschen Bevölkerung um immerhin 4 Mio. Einwohner. Jena wächst. Welchen Einfluss hat die Verödung des Altenburger Landes auf Jena?
Besonders schön ist allerdings die Infografik, die man uns serviert:

Shell_Pkw

Hier wird klar: Nach 2028 geht es steil bergab – falls 558 kleiner ist als 544. In Zahlen beträgt der Unterschied zwischen 2028 und 2040 nicht einmal 2 %. In der Grafik sieht es eher wie 50 % aus. Die Spreizung, damit man minimale Effekte überhaupt erkennen kann, ist ein bekannter Trick. Aber eine höhere Zahl einfach niedriger darzustellen – das ist neu. Aber korrekt ausgerichtet sieht es einfach nicht so aus, wie die Höhere Wahrheit verlangt:

Shell_Pkw2
Anzumerken ist, dass die Prognosen der 90er Jahre für Jena einen Rückgang der Einwohnerzahl auf 90.000 bis 2020 behaupteten. Tatsächlich haben wir mit 108.000 Einwohnern heute ziemlich genau so viele wie Ende der 80er. Das liegt gerade mal 20 % daneben. Aber in den nächsten 23 Jahren wird, das wissen wir ganz genau, der Pkw-Verkehr um 1.98 % sinken. Bei einer um 3.4 % steigenden Einwohnerzahl.

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Das wahre Leben: Fachkräftemangel

„Satzbehälter voll“, verkündet das Wunderwerk der Technik.
Das kenne ich. Es erinnert mich an die Lektüre diverser städtischer Konzepte. Aber das meint die Kaffeemaschine nicht.
Der Kollege und ich beginnen kurzerhand, das störrische Ding zu zerlegen. Kaffeemangel ist ein existentielles Problem, besonders freitags.
„Gut“, sage ich, „dass wir beide technisch begabt sind.““Eine Promotion in Physik ist immer nütze“, erwidert er.
Es ist aber nicht der Satzbehälter. Der ist nahezu leer. Offenbar hat sich die Software des High-Tech-Mahl-Brüh-Werks aufgehängt.
Wir brauchen dringend einen promovierten Informatiker.

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Andere schwerverdauliche Lebensmittel

Nach meinem letzten Beitrag haben sich Menschen gefunden, die meinen, Ayran sei sehr wohl trinkbar. Isch schwör. Okay, okay, ich will es ja glauben, solange ich es nicht trinken muss. Es gibt auch andere Lebensmittel, die ich verschmähe, obwohl Leute ganz wild drauf sind: Milchreis, Austern, Bubbletea … Ich möchte nur weiterhin das Recht haben, jedes Lebensmittel nach Lust und Laune zu beleidigen, ohne vor Gericht gezerrt zu werden. In Deutschland ist „dumm wie Brot“ immer noch zulässig, obwohl Brot das Nationalessen schlechthin ist. Kein Volk kennt mehr Brotsorten als die Deutschen, und trotzdem ist es ein Schimpfwort. Das ist nicht logisch, aber  sympathischer als präsidiale Nationalgetränke.
Deshalb auch gleich noch ein Bericht über zweifelhafte Nahrungsmittel. Das Shopping-Center Bikini in Berlin zeigt eine Frühlings-Installation von Mademoiselle Maurice. Sie werben mit Plakaten dafür, also dachte ich: Schaun wir mal. Zunächst gibt es eine Warnung:
Bikini-Installation2Die Installation besteht aus groben Holzspänen, Stöckchen, Bindfäden und gefaltetem Papier. Ich frage mich seither, was davon nun eigentlich zum Verzehr geeignet ist, wenn man nicht gerade ein Biber oder Bücherwurm ist.
Es ist irgendwie recht bunt, aber im Grunde ist mir die Installation draußen, an der Madame Nature täglich herumbastelt, doch lieber. Die ist sogar teilweise zum Verzehr geeignet.
Bikini-Installation

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Saure Milch

Die Bio-Molkerei verkauft aus eigener Produktion Milch, Joghurt, Käse und Ayran.
„Ayran?“, fragt der häusliche Gefährte. „Was ist Ayran?“
„Irgendwas aus Milch“, antworte ich. Da wir gerade von einer Molkerei reden, ist das etwa so sinnvoll, als hätte ich gesagt: „Zeug aus Molekülen.“
Mein Klugscheißer-Modus ist der Meinung, ich sollte wissen, was Ayran ist. Da ich den Laptop gerade in Greifweite habe, frage ich Wikipedia. Sie lässt mich nicht im Stich.
Ayran, erfahre ich, ist ein Gemisch aus Joghurt und Wasser – mit Salz. Das klingt wie etwas, was die Nordic-Walking-Frauengruppe zur Selbstkasteiung trinkt, nachdem sie eine Stunde lang im Park Staub aufgewirbelt hat. Freiwillig würde ich das nur trinken, wenn man Joghurt und Salz weglässt. Oder Wasser und Salz. Oder es vor dem Servieren durch eine Apfelschorle ersetzt.
Während ich derart verächtlich daherdenke, stoße ich auf den letzten Abschnitt des Artikels. In der Türkei, erfahre ich, kann man verklagt werden, wenn man sich grundlos abfällig über Ayran äußert. Im Falle eines Werbespots kann das 70.000 € kosten. Denn Ayran wurde von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum Nationalgetränk erklärt. In anderen Ländern schaut man, was die Leute so trinken, und stellt resigniert fest, dass das Nationalgetränk nach wie vor Bier ist, obwohl der Verbrauch sinkt und immer mehr Bionade getrunken wird.
In der Türkei kann man hingegen rechtlich belangt werden, wenn man saure Milch beleidigt. Mehr muss man über die Türkei nicht wissen.

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