Paradies 1.14: Über und unter der Erde

Zuviel Pandemie, zu wenig belebte Natur. Dabei kann man derzeit ja nichts anderes tun als Spazieren und Beobachten. Ich habe natürlich wieder Vögel gezählt und die Statistik mit der unglaublichen Zahl von 31 Stockenten und 15 Erlenzeisigen durcheinander gebracht. Die Zeisige haben sich dieses Jahr verblüffend zeitig an der Futterröhre eingefunden. Meist tauchen sie erst im Februar auf.
Auch im Paradies gibt es seltene Gäste, zum Beispiel eine einzelne Silbermöwe. Die sollte eigentlich hier gar nicht vorkommen, aber vielleicht war sie einfach neugierig.
Auch der Zwergtaucher ist wieder da. Nachdem ich mich jahrelang gewundert habe, warum man ihn nie im Sommer bei guter Beleuchtung sieht, habe ich doch mal nachgelesen. Im Sommer hat er lieber kleine, ruhige Seen. Wird es kalt, hat die Saale den Vorteil, dass sie nicht zufriert. Meist sieht man vom Zwergtauchen nur Wellenkreise, aber ab und zu taucht er doch auf, in der Regel ganz woanders.
Den Eisvogel sieht man vermutlich nur deshalb häufiger im Winter, weil die Bäume weniger Blätter haben. Er ist immer da.
Schwer hat es derzeit der Maulwurf, aber trotz Frost wirft er noch immer Maul.
Und der Biber frisst ziemlich unqualifiziert die Ufererlen ab. Kein Wunder, dass die Erlenzeisige aus der Saaleaue auf die Hänge umziehen.

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Verbal schwach

„Auch diejenigen, die sozial schwach sind, finden gerade bei uns ein Herz und Zuwendung – lassen Sie mich in diesem Zusammenhang ein Wort zu den Frauen sagen.“
Friedrich Merz in seiner Bewerbungsrede für den CDU-Vorsitz

steckt im Detail. Immer.

Es gibt ein wunderbares, kurzes und treffendes Wort in der deutschen Sprache: arm.
Das wird nicht so gern verwendet – vermutlich weil es so eindeutig ist, von jedem verstanden wird und obendrein wertneutral ist. Allerdings tun viele so, als wäre es abwertend, und als täte man den Betroffenen einen Gefallen, indem man sie nicht arm nennt, sondern „sozial schwach“. Tatsächlich täte man den Betroffenen einen Gefallen, wenn man sich weniger um verbale Ausweichmanöver und mehr um ihre Armut kümmerte. Armutsrisiko Nummer eins ist übrigens noch immer, kleine Kinder allein zu erziehen, nicht etwa Faulheit oder Dummheit. Kinder sind generell ein Risiko, unter anderem weil der Mindestlohn exakt einen Menschen ernährt.
Tatsächlich leistet der Euphemismus noch mehr. Er schiebt die Schuld an die Betroffenen ab. Schwäche ist eine individuelle Eigenschaft und selbst verschuldet. Man könnte sich schließlich entscheiden, stark und ein Leistungsträger zu sein. Dabei haben die Armen mitunter ein Leben lang körperlich schwer gearbeitet, nur um festzustellen, dass das für eine Rente über Grundsicherungsniveau nicht reicht. Oder sie arbeiten Vollzeit und müssen aufstocken, weil sie außerdem auch noch Kinder großziehen. Oder sie sind trotz körperlicher Behinderung gesellschaftlich aktiv und helfen anderen. Aber dann müsste man darüber reden, warum der Mindestlohn so niedrig festgelegt wird, dass er nicht für eine armutsverhindernde Rente reicht, oder warum es kein Grundeinkommen für Kinder gibt.
Noch infamer ist allerdings, das korrekte Wort „finanziell“ durch „sozial“ zu ersetzen, obwohl die verfügbare Geldmenge mit sozialer Kompetenz und sozialem Verhalten nichts zu tun hat. Gar nichts. Ohne es so zu sagen, unterstellt man den Armen soziale Defizite. Armut ist asozial. Eure Armut kotzt mich an.
Würde man statt des Schwurbelbegriffes gutes Deutsch verwenden, würde die Absurdität der Merzschen Aussage offensichtlich: Arme finden bei uns ein Herz und Zuwendung. Mit anderen Worten: Wir schenken ihnen einen abgelegten Pullover und eine warme Suppe, statt dafür zu sorgen, dass man von Arbeit leben kann. Dass dem Möchtegern-Kanzler in diesem Zusammenhang direkt Frauen einfallen, sagt wenig über Frauen und viel über Herrn Merz. Er ist nicht nur verbal, sondern auch sozial ziemlich schwach. Wie auch dieser Staat seit der Wiedervereinigung sozial schwach ist, weil er zulässt, dass der Abstand zwischen Arm und Reich immer größer wird und viele Menschen auf Dauer in unsicheren, erbärmlichen, hoffnungslosen Verhältnissen landen.

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Notfallblog: Die Milchglaskugel

Jena und Statistik – das war schon immer ein besonderes Vergnügen. Auf meine Nachfragen, wie hoch denn der Bestimmtheitsgrad für die Regression sei oder ob die Miethöhen tatsächlich gaussverteilt wären, erntete ich regelmäßig völlig ratlose Blicke. Keiner hatte eine Ahnung, aber man glaubte ganz fest daran, dass die Schlussfolgerungen richtig seien. Und wenn nötig, ist man bereit, aus einem Schnittmusterbogen oder dem Sternenhimmel einen statistischen Trend abzuleiten.
Während das RKI noch bis letzte Woche warnte, dass durch die Feiertage die COVID19-Fallzahlen wenig verlässlich seien, weil weniger getestet und langsamer gemeldet wurde, sucht sich die selbsternannte Lichtstadt ausgerechnet den Zeitraum vom 28.12.2020 bis 11.01.2021 aus, um einen Trend zu generieren. Das liest sich dann so:

In dieser Grafik (PDF) haben wir eine interessante Entwicklung der letzten 14 Tage zusammengestellt. Diese verdeutlicht zwei Aspekte: In der jüngsten und ältesten Altersgruppe zeigen die Schließungen und verstärkten Unterstützungsmaßnahmen zunehmend Wirkung. Aber auch hier muss weiter Vorsicht walten und es braucht nach wie vor Akzeptanz und Unterstützung.
Alarmierend sind die Entwicklungen bei den Altersgruppen dazwischen – gerade bei den jungen Erwachsenen. Deshalb bitten wir weiterhin eindringlich darum, die Regelungen, gerade in Verbindung mit den AHA-Regeln, einzuhalten: Abstand und Kontaktminimierung – Hygiene – Alltagsmaske.

(https://gesundheit.jena.de/de/coronavirus)

Da es keine Tabelle mit Zahlen gab, habe ich die Grafik händisch nachgebaut (kleine Abweichungen unvermeidlich bei der Dicke der Punkte) und in Ermangelung irgendeines sinnvolleren Zusammenhanges eine lineare Regression drübergebügelt. Vermutlich käme man mit einer gedämpften Schwingung weiter, zumal inzwischen jeder weiß, dass am Wochenende die Fallzahlen niedriger sind, was sich auch in den 7-Tage-Inzidenzen niederschlägt. Gedämpft, aber doch. Und extralange Wochenenden … ach was rede ich.
Fakt ist, dass es eine einzige Kurve gibt, die einen klaren Trend zeigt: die der 18 bis 27 Jahre alten Menschen. Der Bestimmtheitsgrad liegt bei 0.85 und der Anstieg bei 14 pro Tag. Die werktätige Bevölkerung zwischen 27 und 45 lässt immerhin noch einen Trend vermuten, ohne dass man vor Scham im Boden versinken möchte. Der Bestimmtheitsgrad liegt bei 0.29 – in diesem Fall, sagt der kluge Statistiker, sollte man beobachten, ob es ein Trend oder ein Artefakt ist. Dieser Trend ist übrigens leicht fallend – soviel zu „die Altersgruppen dazwischen“.
Die älteste Gruppe Ü60 hat einen spektakulären Bestimmtheitsgrad von 0.011 – und einen Anstieg von 0.5. Wenn das die Wirkung ist, die die Maßnahmen zeitigen, dann sollte man schnellstens damit aufhören. Und überhaupt weiß man nur, dass es ganz bestimmt kein linearer Zusammenhang ist, sondern irgendwas. Bei den ganz Jungen gibt es tatsächlich einen leichten Rückgang – mit einer geringen Wahrscheinlichkeit.

0 bis 18y = -1,039x + 89,71R² = 0,059
18 bis 27y = 14,49x + 102,3R² = 0,852
27 bis 45y = -3,428x + 275,3R² = 0,290
45 bis 60y = 0,207x + 218,2R² = 0,001
Ü60y = 0,528x + 180,9R² = 0,011
Regressionsformeln und Bestimmtheitsgrad pro Altersgruppe. Ein negativer Faktor in der Formel entspricht einer Abnahme der Inzidenz, ein positiver einer Zunahme.

Mit anderen Worten: An der Pressemeldung der Stadt stimmt so ziemlich gar nichts, mit Ausnahme des Anstieges bei den jungen Erwachsenen. Möglicherweise ist er eine Folge von zahlreichen Weihnachtsbesuchen der Studenten bei ihren Familien – es mussten zu Weihnachten ja unbedingt erleichterte Regelungen her, ganz so, als könnte man sich zum heiligen Festtag nicht anstecken. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Studenten zu Hause waren und deshalb während der Ferien nicht in Jena, sondern irgendwo anders krank wurden. Es sind immerhin mehr als 20.000 Menschen, was die eingeborene Einwohnerschaft in dieser Altersgruppe um den Faktor 2 übersteigt.
Ich glaube fest daran, dass die Jenaer Stadtverwaltung kein bisschen unbedarfter in Sachen Statistik ist als die in den anderen 400 Kreisen des Landes. Das ist die Qualität der Daten, auf deren Grundlage im Lande Entscheidungen getroffen werden.

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Notfallblog: Schweinesystem

Jena plakatiert inzwischen so, dass es garantiert nur lesen kann, wer stehenbleibt. Total witzig bei minimaler Wirksamkeit.

In den letzten Wochen hört man immer häufiger die Frage: „Warum ist COVID19 eigentlich in der Freizeit ansteckend, aber nicht während der Arbeit?“ Die Querdenker ziehen daraus den absurden Schluss, dass man ohne Maske und Abstand feiern kann, wie man lustig ist. Das ist Stuss. Die Frage dagegen ist richtig. Die wirklich wichtige Schlussfolgerung wäre: Warum zum Teufel gibt es keine strengeren Regeln für den Arbeitsschutz in Zeiten der Pandemie?
Viele Unternehmen tun alles in ihrer Macht Stehende, um die Mitarbeiter zu schützen, aber viele sind nicht alle. Tönnies ist nur das unrühmlichste, schweinehafteste Beispiel. Auch in anderen Firmen spart man sich den effektiven Infektionsschutz lieber. Es gibt nach wie vor Vorgesetzte, die auf Präsenzbesprechungen bestehen, und Chefs, die Homeoffice untersagen, weil sie dort ihre Mitarbeiter nicht überwachen können. Mitten in einer Pandemie liegt die Priorität nicht auf Schutz von Leben und Gesundheit, sondern auf der Verhinderung überlanger Kaffeepausen.
Da fragt man sich, warum von der Politik keine klaren Ansagen kommen. Warum kann man Tönnies und Amazon keine auch nur kleinen Unannehmlichkeiten bereiten, obwohl sie Infektionshotspots sind, während Gaststätten, Läden und Kultureinrichtungen monatelang schließen müssen? Ich habe da eine Theorie. Die Bäcker, Fitnessstudios, Schuhläden und Theater sind bisher noch nie durch große Parteispenden an CDU und SPD aufgefallen. Sie sind dazu auch gar nicht in der Lage. Sie sind sind schlicht nicht reich genug.
Angesichts von mehr als 30.000 Infektionen und über 1.000 Toten am Tag wird es Zeit, dass für die Unternehmen klare, infektionsbegrenzende Regeln erlassen und durchgesetzt werden:

  • Homeoffice, wo immer die betrieblichen Abläufe es zulassen – nicht wo der Chef es zulässt. Wir brauchen ein verbindliches Recht auf Homeoffice
  • Schichtbetrieb, wo bisher nicht in Schichten gearbeitet wird, um Begegnungen zu reduzieren
  • Unterstützung von Kommunen und Kreisen, damit eine sinkende Nachfrage nicht zur Ausdünnung des ÖPNV, sondern zu weniger vollen Bussen und Bahnen führt
  • verbindliche Regeln für die Bereitstellung von Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstung, Lüftung und Luftfilter

COVID19 ist in der Arbeitswelt ebenso ansteckend wie in Freizeiteinrichtungen. Wer das ignoriert, ist für tausende Kranke und Tote mitverantwortlich. Und sehr wahrscheinlich auch für die Pleitewelle bei all den kleinen Unternehmen in Branchen, die allein die Last der Pandemie tragen, weil sich kein Schwein für sie interessiert. Jedenfalls kein Schwein, das an den Trögen der Macht sitzt und frisst.

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Notfallblog: Hellseher

Quelle: Wikipedia. Fotograf unbekannt

Kaum hatte es COVID19 nach Europa geschafft, da hatte jemand herausgefunden, dass Dean R. Koontz vor 40 Jahren ein Buch über eine Pandemie geschrieben hatte, die im Jahr 2020 aus China kommt. Wow, wie konnte er das vorhersehen?

Wahrscheinlich werden jedes Jahr etwa hundert Geschichten und Romane über Pandemien geschrieben, die gleichmäßig auf die nächsten 40 Jahre verteilt werden, und praktisch jede Pandemie der Geschichte kam aus Südostasien (Pest ausgenommen, die kam mutmaßlich aus Afrika). Jede Grippe kommt von dort. Bei 40 Jahren Literaturproduktion musste einfach jemand das richtige Jahr erwischen.

Als sich COVID19 im Frühjahr bei uns ausbreitete, erinnerte mich das Ganze auch an ein Buch, das allerdings viel älter ist. 1937 schrieb Karel Čapek das Stück „Die weiße Krankheit“. Er hat den Ausbruch der Krankheit nicht datiert und damit auf Teilnahme an der Vorhersagelotterie verzichtet. Aber die Tsheng-Krankheit kommt – natürlich – aus China. Sie ist keine Lungenkrankheit, sondern eine Abart der Lepra, die im fortgeschrittenen Stadium dazu führt, dass den Menschen das faulende Fleisch vom Körper fällt. Es gibt kein Gegenmittel.

Čapek ging es natürlich nicht um um eine medizinisch genaue Vorhersage, sondern um die Art, wie die Gesellschaft mit der Angelegenheit umgeht. Und damit landet er einen Treffer nach dem anderen.

Die Krankheit befällt nur Menschen über 45 – zur damaligen Zeit Alte. Die Alten schätzen das nicht sonderlich, verdrängen es aber. Die Jungen sehen die Chance, endlich eine gutbezahlte Arbeit zu bekommen. Auch der berufliche Aufstieg wird durch sozialverträgliches Frühableben einfacher.

Die Mächtigen – der Medizinprofessor, der Fabrikant, der Marschall an der Spitze des Staates – halten sich für unverwundbar. Der Fabrikant verkündet großmäulig, er gäbe jedem die Hand. Ein Vorläufer von Boris Johnson.

Dann tritt der Messias auf, ein griechischer Armenarzt, der eine Behandlungsmethode gefunden hat, die nicht einfach Schmerzen und Gestank unterdrückt, sondern tatsächlich zur Heilung führt. Dumm nur, dass der Mann ein Weltverbesserer ist, der nicht einsehen will, dass er Menschen heilen soll, nur damit sie einen Monat später auf dem Schlachtfeld krepieren. Der Arzt Galèn will das Wissen über das Heilmittel nur gegen das Versprechen allgemeinen Friedens herausrücken. Er ist nicht käuflich. Der letzte Krieg hat bei ihm einen moralischen Schaden hinterlassen.

Natürlich geht keiner darauf ein. Frieden? Das ist Verrat an der nationalen Sache! Und so wird mitten in der Pandemie wie verrückt aufgerüstet. Das kommt einem bekannt vor, nicht wahr? Mitten in der Pandemie beschließt unsere Kriegsministerin, dass wir dringend neue Bomber brauchen, atomwaffenfähige Bomber. Und der Außenminister erklärt, am Ziel, 2 % unseres Bruttoinlandsproduktes für Rüstung zu verschwenden, werde weiter festgehalten. Man diskutiert, ob man Drohnen mit oder ohne Bewaffnung kaufen sollte – nicht ob überhaupt. Als könnten wir das Geld im Gesundheitssystem oder der Bildung nicht besser gebrauchen.

Jeder der Maulhelden knickt ein, sobald sich die weiße Krankheit bei ihm zeigt. Aber – wir schreiben das Jahr 1937 – das hält am Ende weder Krieg noch Krankheit auf.

Jede widerliche Debatte darüber, dass man die Wirtschaft schädige, nur um ein paar Menschen zu retten, die später ohnehin gestorben wären, kommt in Čapeks Stück vor. Die Selbstüberschätzung der Mächtigen findet sich ebenso darin wie der kleinkarierte Egoismus derjenigen, die noch nicht betroffen sind. Und der Krieg natürlich. Pünktlich zur Pandemie fuhr die Bundeswehr eine neue Plakatkampagne, und viel zu wenige hauen auf den Tisch und erklären den Politikern, dass die Kohle verdammt noch mal anderswo wichtiger wäre.

Wie viel wir doch in 83 Jahren noch immer nicht dazugelernt haben …

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Traurige Roboter

Eigentlich liegt es schon lange bei mir herum, und ich wollte immer schon mal … Aber Arnold Bucher hat mit seiner Kurzgeschichtensammlung „Robotertränen“ auch ziemlich lange herumgemacht – bis plötzlich COVID19 kam und ihm viel freie Zeit bescherte.
Arnold ist Mathematiker und arbeitet beim Film als Regieassistent. Seinen Geschichten merkt man das an. Sie sind perfekte Drehbücher fürs Kopfkino und unheimlich logisch. Ich bin mir nie ganz sicher, was davon wichtiger ist: unheimlich oder logisch. Er ist auch ein engagierter Mensch, der zu politischen Themen eine Meinung hat, und er hat einen ziemlich schrägen Humor, den ich sehr mag.
Einer Story über den Irrsinn der Bürokratie und die Notwendigkeit, sich damit auszukennen, bescherte mir das bezaubernde Wort „Privatgrundbetretensermächtigung“, das in den familären Wortschatz gewechselt ist – als Synonym für administrativen Irrsinn. Arnold ist auch Schweizer, und das hat mir noch ein paar andere Worte in den Wortschatz gespült, etwa das Zupfen von Möhren oder das Revidieren von defekten Dimensionswärmetauschern. Findet man nicht mehr im Text, weil ich ihn überzeugen konnte, dass deutsche Muttersprachler das eher nicht verstehen.
Die Geschichten bewegen sich von düster und böse bis hemmungslos albern, die meisten haben eine Pointe. Gar nicht so selten stirbt die Menschheit aus und überlässt das Feld den blechernen Nachfahren, die sich wiederum ziemlich menschlich aufführen und vor allem eines wollen: überleben. Aber wir erfahren auch, warum Puttenengel so zurückhaltend lächeln und wie man mit einem Nachtalp fertig wird. Mit den Genres nimmt er es nicht so genau. Wilde Raumschlachten sucht man vergeblich – falls man welche sucht. Die Geschichten leben von der Liebe zum Detail und den Bildern, die sie im Gehirn erzeugen. Kann allerdings sein, dass ich einfach die kompatible Grafik-Konverter-Software im Kopf habe.
Ansonsten lernt man, dass man sich selbst nicht blind vertrauen sollte, wie man mit einem defekten Wunschkind umgeht und welche Probleme es nach Präsidentschaftswahlen in den USA geben könnte, wenn man einen Roboter mit Trump-Komplex im Weißen Haus beschäftigt. Diese Geschichte hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. In der Science Fiction findet man immer erstklassige Vorhersagen von allem und jedem.
Das Buch ist ausgesprochen schön, liebevoll gesetzt und erstklassig lektoriert. Ich muss es wissen, denn Letzteres habe ich gemacht. Weil es Spaß machte und weil Arnold für mich den Iler zu Mümliswil fotografiert hat – aber das ist eine andere verrückte Geschichte.

Das Cover habe ich direkt vom Autor, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er gegen die Verwendung hier keine Einwände hat.

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Notfallblog: Die falsch etikettierte Grippe

Es ploppt immer wieder hoch: Angeblich wurde in diesem Jahr einfach die Grippewelle umetikettiert und „COVID19“ dran geschrieben. Wegen dings … Das unterstellt mehr oder weniger, dass irgendjemand, und zwar eine große Gruppe von Menschen, ein ernsthaftes Interesse an einer Pandemie haben könnte. Die Pharmaindustrie? Sicher. Aber hat sie tatsächlich und weltweit so viel Einfluss? Dass die Schweinegrippe ein aufgeblasener Popanz war, hat man vergleichsweise schnell und allgemein herausgefunden. Die Erfahrung spricht also eher dagegen, dass man eine erfundene Pandemie über ein Jahr durchhalten könnte.
Außerdem gibt es Fakten. Lästiges Zeug.
Auffällig ist, dass die Propagandisten von „Ist doch nur eine leichte Grippe“ grundsätzlich die Saison 2017/18 als Vergleich heranziehen und dann fragen, wo denn in diesem Jahr all diese Grippefälle geblieben sind. Das war die schlimmste Grippewelle seit 22 Jahren. In den 21 Jahren davor sind also auch Grippetote „veschwunden“.

Grippestatistik des RKI, aufgehübscht von Statista, dunkel die influenzabedingte Übersterblichkeit, blau die labordiagnostisch nachgewiesenen Fälle. Muss man vielleicht anklicken, weil die Zahlen sehr klein sind

Zunächst einmal haben Influenza und COVID19 haargenau den gleichen Verbreitungsweg. Das heißt, was gegen COVID hilft, hilft erst recht gegen Grippe: Abstand halten, Kontaktbeschränkung, Masken … Hinzu kommt, dass COVID19 nach Ansicht der Virologen infektiöser ist und eine längere Inkubationszeit hat. Bei Influenza kippt man schon ein bis zwei Tage nach der Infektion aus den Latschen, bei COVID19 dauert es im Mittel fünf bis sechs Tage, in denen man noch herumlaufen und Viren verbreiten kann. Manche haben tatsächlich gar keine Symptome, was bei Grippe eher selten vorkommt. Die Kontaktbeschränkungen im März haben die Grippesaison ebenso wie die Skisaison vorzeitig beendet.
Ohne Kontakte keine Infektion. Wir wissen doch, dass man nicht von kalten Füßen krank wird, sondern immer von Viren und Bakterien, die andere Menschen herumtragen und in unsere Richtung husten.
Im Moment wird praktisch jeder, der hustet, auf COVID19 getestet. Das gilt erst recht für Leute, die auf der Intensivstation landen. Mit anderen Worten: Wer da stirbt, bei dem ist nachgewiesen, was er hatte. Tatsächlich gab es einige wenige Tote, bei denen sowohl SARS-COV2-Viren als auch Influenza-Viren nachgewiesen wurden – das RKI listet dergleichen akribisch auf. Doch es ist labordiagnostisch nachgewiesen, dass jeder der 25.640 COVID19-Toten auch wirklich diese Krankheit hatte.
Bei der Influenza ist das anders. Da gibt es bizarrerweise zwei Zahlen. Zum einen gibt es labordiagnostisch nachgewiesene Influenza-Todesfälle. Das waren selbst 2017/18 in ganz Deutschland nur 1.674, 2010/11 ganze 185. Das RKI geht davon aus, dass es eine erhebliche Dunkelziffer gibt, und deshalb schätzt man die Übersterblichkeit in der Grippesaison von KW40 bis KW20 ab. Man nimmt an, dass alle anderen Krankheiten mehr oder weniger gleichverteilt übers Jahr zu Todesfällen führen. Steigende Zahlen im Winter schiebt man deshalb der Grippe in die Schuhe.
2017/18 gab es eine mutmaßlich grippebedingte Übersterblichkeit von 25.000. 2010/11 gab es gar keine. Es gab aber damals keine COVID19-Pandemie. Die Schwankungen sind also erheblich (nämlich um die 25.000), weswegen auch Mittelwerte unsinnig sind. Es gibt keinen Sollwert für Grippetote, sondern gute und schlechte Jahre.

ARE = Akute respiratorische Erkrankungen. Nein, die Grippe ist nicht weg. Aber in KW13, als man Kontakbeschränkungen verhängte, brach die Infektion weitgehend zusammen, während der „Lockdown light“ halt nur leichte Auswirkungen hatte. Grafik des RKI

Um zu beweisen, dass es COVID19 gar nicht gibt und es sich um eine umetikettierte Grippe handelt, greifen die Schiefdenker zu einem cleveren Trick: Sie vergleichen die Zahl der labordiagnostisch nachgewiesenen Influenza-Todesfälle 2019/20 von 518 mit der grippebedingten Übersterblichkeit 2017/18 von 25.000. Das sieht freilich verdächtig aus. Allerdings lag 2017/18 zwischen diesen beiden völlig verschiedenen Kennzahlen ein Faktor von 15. Man sollte das besser nicht auf womöglich 8000 Tote in der letzten Grippesaison hochrechnen, sondern einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Zahlen nur sehr vage miteinander zu tun haben. Eine grippebedingte Übersterblichkeit für die letzte Saison zu berechnen, dürfte schwierig werden, weil eine zweite Infektionswelle, nämlich COVID19, sie überlagerte.
Wahrscheinlich wird es auch 2020/21 relativ wenige Influenzatote geben. Einerseits haben wir seit Beginn der Grippesaison Kontaktbeschränkungen, und andererseits haben sich in diesem Herbst weit mehr Menschen als sonst gegen Grippe impfen lassen.

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Notfallblog: Das tote Pferd

Ich bin gut mit Zahlen. Ich werde dafür bezahlt, so lange auf Zahlen zu starren, bis sie alles ausplaudern, was sie wissen. Wenn sie nicht freiwillig plaudern, presse ich sie in Diagramme. Diagramme singen wie Vögelchen.
Zu Beginn des „Lockdown light“ (Restaurants, Hotels, Kultur und Museen dicht, sonst alles wie gehabt) musste ich mich zur Geduld mahnen. Nein, eine Woche nach Verhängung von Maßnahmen konnte es noch keine Effekte geben. Im Gegenteil. Was man da sah, war das unbebremste Infektionsgeschehen von vor den Maßnahmen, verzögert um die Inkubationszeit. Nach zwei Wochen hätte es Effekte geben müssen. Gab es auch: Es wurde nicht schlimmer. Die Infektionszahlen stagnierten. Das war tatsächlich ein Erfolg. Hätte man gar nichts getan, wären wir inzwischen bei über 50.000 Infektionen pro Tag. Das kann man nachrechnen. Die Reproduktionszahl lag im Oktober über 1.3, das heißt, 3 Infizierte steckten zusammen 4 andere Menschen an. Nach drei Wochen hätten sich die Zahlen verdoppelt.
Aber die Zahlen sind nur minimal kleiner geworden. Jetzt könnte man ernsthaft nachdenken: Was ist anders als im Frühjahr, wo man den Inzidenzwert pro 100.000 Einwohner innerhalb von vier Wochen von 43 auf 15 nahezu gedrittelt hatte? Schon im Frühjahr war der Zustand weit von „Lockdown“ entfernt. Jetzt aber sind zusätzlich Schulen und Kitas (falls nicht in Quarantäne) geöffnet, sämtliche Läden offen und die Innenstädte der Oberzentren entsprechend voll. Da die Leute da irgendwie hinkommen müssen, sind auch Busse und Bahnen deutlich voller. Gottesdienste sind erlaubt und werden regelmäßig abgehalten, egal wie viele Ausbrüche es dabei gibt. Die Kirche veranstaltet sogar gemeinsames Adventssingen. Und es gibt natürlich regelmäßig große Coronapartys, die sich notdürftig als Demonstrationen tarnen.

Das deutsche Covid10-Gebirge – das Jahr von links nach rechts, auf der y-Achse das Alter der Infizierten, die Höhenliniem sind Infizierte pro 100.000 Einwohner der Altersgruppe

Wenn das meine Versuchsreihe wäre, dann würde ich jetzt Kitas, Schulen, Kirchen und Läden schließen, dafür aber Freiluftgastronomie und Museen öffnen, weil sich bisher alle Fachleute einig waren, dass beides keine Infektionsschwerpunkte sind. Dezember ist als Biergartenzeit eher doof, aber man sollte ihnen eine Chance geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen die Innenstädte stürmen, um ins Museum zu gehen, ist gering. Aber es wäre tröstlich, wenn man zu Weihnachten einfach irgendetwas tun könnte.
Was im Moment läuft, ist die Verlängerung des gegenwärtigen, frustrierenden Zustandes ins Unendliche. Wenn wir so weiterwurschteln, sind wir im März bei Infektionszahlen von 15.000 pro Tag. Jede „Lockerung“ zwischenzeitlich wird die Zahlen wieder steigen lassen. Und nein, die Impfung von 1 % der Bevölkerung, also im Wesentlichen der Beschäftigten im Gesundheitswesen, wird das nicht sonderlich verbessern. Mit anderen Worten: Was derzeit läuft, lässt Menschen sterben, andere Menschen für lange Zeit sehr krank werden und fährt trotzdem Teile der Wirtschaft vor die Wand, nur um die Wirtschaft nicht vor die Wand zu fahren. Die Politik scheint wild entschlossen, weiterzumachen, bis die letzte Kneipe bankrott ist und der letzte Musiker oder Theatermensch auf Altenpfleger umgeschult hat.
Wenn man merkt, dass das Pferd, auf dem man sitzt, tot ist, sollte man absteigen. „Lockdown light“, also Normalbetrieb minus Freizeit, ist ein totes Pferd.

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Trier Bullshit Bingo

Gegen Arschlöcher kann man einfach nicht gewinnen.

In Trier rast ein 51jähriger Mann namens Bernhard mit dem Auto in die Fußgängerzone. Mindestens vier Menschen sterben, mehr werden verletzt. So weit, so schlimm.
Und dann kommen die Reaktionen, kaum dass die Polizei getwittert hat, man möge der Trierer Innenstadt fernbleiben und keine Bilder veröffentlichen.

Na klar, wir leben im sichersten Deutschland der Welt.
Merkel, wir danken dir für die Bereicherung.
Warum sagt die Polizei nichts über die Nationalität des Fahrers?
Wie ist der Vorname???

Die Polizei sagt: ein Deutscher. Die Medien sagen: ein Deutscher. Die Hetzer sagen:

Ja klar, in Deutschland kriegt man die Staatsbürgerschaft ja hinterhergeschmissen.
Ein Deutscher muss ja nicht Hans oder Fritz heißen, kann auch Ali oder Achmed sein.
Wenn es ein Deutscher war, sagen es die Medien sofort. Wenn es ein Ausländer wäre, würden die das verschweigen!!!
Garantiert ein islamistischer Anschlag, gibt auch deutsche Islamisten.
UND WIE IST DER VORNAME?!

Der Vorname, sagt die Polizei, ist Bernhard. Die Kanzlerin drückt ihr Beileid aus. Die Hetzer sagen:

Ja, wenn’s ein Bernhard ist, schreiben sie das gleich. Wäre es ein Ali, würden wir das nicht erfahren.
Ja, wenn das ein Deutscher war, dann kondoliert die Merkel, aber wehe, es wäre eins ihrer Goldstücke. Da würde sie kein Wort sagen.
Rote und Grüne jubeln, weil es ein Deutscher war!

Es ist egal, ob man die Nationalität erwähnt oder nicht, ob man den Namen schreibt oder nicht – die Hetzer sind immer schon da. Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt (der Täter war laut Polizei besoffen, also eher kein Islamist), dann behaupten sie wenigstens noch, irgendwer würde jubeln. Als ob alle Nicht-Nazis die ganze Zeit nur darauf warten, dass endlich ein Deutscher widerliche Verbrechen begeht. Ich könnte gut ohne das leben.
Ich finde es äußerst bedenklich, dass immer mehr Männer es für eine grandiose Idee halten, mal mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren, weil man es ja kann, und weil man mit den gekauften PS viel besser die Wut rauslassen kann als mit den eigenen. lächerlichen Fäusten. Was zum Teufel läuft da gerade schief?

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Notfallblog: Gebetsfahnen

Es gibt eine neue Version des Sitzverbotes auf Parkbänken – manche Bänke streicht man seit Wochen

In Pandemiezeiten kommt als erstes die Logik unter die Räder. Politiker formulieren Schlussfolgerungen, ehe sie einen einzigen Blick auf die Fakten geworfen haben. Keiner denkt ernsthaft darüber nach, Erkenntnisse zu analysieren. Und erst recht versucht niemand herauszufinden, ob Maßnahmen irgendetwas nutzen.
In Jena ist die Lage längst nicht mehr unter Kontrolle. Die 7-Tage-Inzidenz liegt seit zwei Wochen bei ungefähr 100. Anfangs wunde die Bevölkerung noch darüber informiert, wo sich die Leute mutmaßlich infiziert hatten. Inzwischen kann man nur noch zwischen den Zeilen lesen. Zum Glück war das in der DDR eine reguläres Ausbildungsfach.
COVID19 hat in zwei Altersheimen und im städtischen Hospiz Einzug gehalten. Sowohl Bewohner als auch Beschäftigte sind betroffen. Man ahnt, wie es enden wird.
Parallel gibt es fast täglich eine neue Schließungsmeldung aus Schulen und Kitas. Zwei Kitas wurden in der letzten Woche komplett geschlossen, weil es keine Gruppentrennung gab. War da nicht mal was? War die Trennung nicht Voraussetzung für den Regelbetrieb? Zwei weitere und eine Grundschule sind schon seit der Vorwoche dicht. In acht weiteren Schulen sind einzelne Klassen in Quarantäne. Mit anderen Worten: Ein Drittel der Jenaer Schulen ist Seuchengebiet.
Jetzt hat Jena reagiert. Seit dem Wochenende gilt innerhalb des Grabenringes, der schon lange nicht mehr aus Gräben, sondern Straßen besteht, allgemeine Maskenpflicht. Im Freien. Auf der Liste der Infektions-Hotspots stehen Straßen ziemlich weit unten. Selbst Biergärten gelten allgemein als ungefährlich – im Gegensatz zu Gottesdiensten, die als einzige Veranstaltungen noch stattfinden dürfen. In Läden, Verkehrsmitteln und öffentlichen Gebäuden gilt in Jena seit April durchgehend Maskenpflicht. Das ist in Ordnung. Aber wie um alles in der Welt will man mit Maskenpflicht auf dem Eichplatz das Infektionsgeschehen in Altenheimen und Kitas eindämmen?
Die Maske wird endgültig zur Gebetsfahne. Es ist geradezu ausgeschlossen, dass sie irgendwas an den tatsächlichen Problemen ändert, aber he, wir tun was! Mit der gleichen Wirkung könnte man mit dem Weihwasserkessel durch die Stadt laufen oder eine Hexe verbrennen. Wirksam ist die Maske wahrscheinlich nur gegen Naschkatze und Paradiesvogel, denn der Einkauf in der Innenstadt macht noch weniger Spaß. Aber dagegen kann man ja wieder eine Plakatkampagne starten …

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