Rettet das Leerzeichen!

Es gibt Ausdrücke, die kommen gut ohne Leerzeichen aus. Herrgottsakranoamalkruzitürken etwa. Oder – wie wir von Malmsheimers Lobgesang auf das Butterbrot wissen – Gutebutter. Auch Orneeduschwerbleede* fällt in diese Kategorie. Ein Klassiker ist „escha!“, das meine nichtsächsische Verwandschaft zur Verzweiflung zu treiben pflegte und eigentlich „ach wo!“ heißt. Wie das Sächsische insgesamt dazu neigt, Dinge zu unterschlagen – in den meisten Fällen allerdings Vokale.
In neuerer Zeit allerdings setzt sich der Irrglaube durch, der Punkt sei ein vollwertiger Ersatz für ein Leerzeichen. Angefangen hat – zumindest im öffentlichen Raum – die Bundeswehr damit:
wirdienendeutschland
Drei rudimentäre Krüppelsätze, die vielleicht darauf hinweisen sollen, in welchem Zustand man nach Hause kommen könnte, wenn man Deutschland.Am.Hindukusch.Dient. Wer schon mal „Stillstann!“ gehört hat und gezwungen war, Haltung anzunehmen, weiß, woher die Neigung zum Gebrüll kommt, die in der Werbekampagne durchschlägt. Ich kann’s nicht lesen ohne Würgereflex – neuerdings an Jenas Straßenbahnen (Wenn ich die nicht seit Jahren ignorieren würde, dann wäre das jetzt der Punkt, dem „ÖPNV“ auf Dauer den Rücken zu kehren).
Militär an sich ist widerlich genug, sodass die Sprachverstümmelung die Sache nicht schlimmer macht. Aber auch in zivilen Zusammenhängen macht sich die alberne Unsitte mit den Dummpunkten zwischen drei Worten breit. Jenas Stadtentwicklungskonzept fühlt sich in den Diskussionsrunden ohnehin wie ein Marketinggag an, obwohl es wahrlich genug zu entwickeln gäbe. Man hat das Gefühl, die Hauptsorge des Planungsbüros wie des damit befassten Dezernenten ist es, am Ende eine ungemein stylische Broschüre zu haben. Und was findet man darin? Einen Refrain zur Bundeswehr:
StarkHandelnLichtstadt.jpg
Passt sogar farblich zur Bundeswehr. Wirklich zum Überkochen bzw. an die Tastatur hat mich allerdings meine eigene Partei gebracht. Leute, ist es notwendig, ausgerechnet die schlechten Gewohnheiten der Bundeswehr zu kopieren?
WirAendernTh.jpg
„Wir ändern Thüringen“ wäre als Behauptung schon dreist genug. Bei mir lautet das eher „Wir ändern die politische Kultur in Jena, indem wir mit der Geheimniskrämerei aufhören“. Es gibt weite Teile Thüringens, in denen man nicht mal ahnt, dass es die Piraten noch gibt. Sehr schön fände ich auch: „Wir tun Dinge“, den Piratenausdruck dafür, dass man das Notwendige tut, ohne viel darüber zu labern. „Wir.tun.Dinge.“ funktioniert nicht. Weil Dinge tun eine zutiefst zivile Angelegenheit ist, die nicht funktioniert, wenn man Haltung annimmt.

* Überfordert? „Ach nein! Du, ich werd‘ verrückt.“

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Wahrscheinlich liegt’s am Wetter …

arran_lochranza

… dass ich ständig an Schottland denke. Ich war schon drei Jahre nicht mehr da.

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Tatort Sofa: Bullshit-Bingo

Hannover_Tod.jpgNichts ist so gut durchgeplant und also so vorhersehbar wie der deutsche Fernsehkrimi. Es gibt ungeschriebene Regeln, wie ich weiß, seit ich selbst an einem Drehbuch beteiligt war. Wenn man dagegen verstößt, bekommt man sie auch schriftlich. Und korrigiert sich eilends.
Als mitten im Tatort 1000 der Mann neben mir auf dem Sofa ausrief: „Warum hört keiner auf mich?!“, hatte ich die Erleuchtung: das TV-Krimi-Bullshit-Bingo. Punkte gibt es für:
1. „In der nächsten Szene ist der/die tot.“ – natürlich nur, wenn man recht behält.
2. „Das ist der Mörder. Der ist immer der Mörder.“ – siehe oben.
3. „Warum hört keiner auf mich?!“, nachdem das Opfer seinen Verfolger niedergeschlagen und zeitweilig außer Gefecht gesetzt hat und wegrennt, statt ihn zu fesseln. In der nächsten Szene ist er todsicher wieder da.
4. Extrapunkt dazu: „Ja, und die Waffe werfen wir natürlich weg …“
5. der Messerblock, in dem ein Messer fehlt.
6. das Kind, das im Stress der Ermittlung nicht von der Schule/vom Fußball/dem Flötenkurs/der Ex abgeholt wurde
7. die hübsche und sympathische Frau, in die sich der Ermittler verliebt, stirbt.
8. die hübsche und sympathische Frau, in die sich der Ermittler verliebt, ist die Mörderin.
9. „Das Opfer war schwanger, und zwar nicht vom eigenen Mann.“ – ehe der Gerichtsmediziner die spektakuläre Nachricht verbreiten kann.
10. einer der Verdächtigen ist zeugungsunfähig.
Joker: „Ja, aber daran ist er nicht gestorben“ – wird verdoppelt, wenn nicht nur zwei, sondern drei Leute nacheinander am Opfer herumgemordet haben.
Wer zehn Punkte erreicht, sollte den nächsten Krimi einfach selbst schreiben.

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Vorsicht, freundliche Ausländer!

da_nichtbesoffenIn Darmstadt ist der Weihnachtsmarkt ausgebrochen, und man hat das Stadtzentrum etwa knöcheltief unter Glühwein gesetzt. Die Bevölkerung ist das sichtlich nicht mehr gewöhnt.
Ich bleibe stehen, um einen herumstehenden Turm zu fotografieren.
Zwei junge Männer laufen mir ins Bild; ich warte geduldig, bis sie wieder herausgelaufen sind. Als ich die Kamera herunter nehme, sagt der eine, jetzt müsste ich ihn und seinen Freund aber auch fotografieren.
Ich wehre ab: Sie sehen eindeutig zu gut aus. Ich könnte mir das Honorar dafür nicht leisten.
Der andere läuft weiter. Der eine gibt so schnell nicht auf. Er drängelt nicht nur, er liefert sogar einen Grund. Er habe, erklärt er, im Darmstädter Schlosskeller gekellnert. Das sei auch ein Teil der Darmstädter Geschichte.
Ich sehe es förmlich vor mir, das Schild: HIER KELLNERTE 2015 MURAT X.
Er holt zum letzten Schlag aus: „Ich werde auch gar nicht … besoffen … dastehen.“
Das will ich sehen. Und außerdem habe ich gerade herzhaft gelacht. Das ist ein Foto wert.

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Sprachmurks: Parallelgesellschaftliche Bevölkerungsgruppen

In Jena gibt es die Ernst-Abbe-Bücherei, und sie erfreut sich bei der Einwohnerschaft großer Beliebtheit. Im Schnitt kommen pro Jahr 240.000 Leute und leihen 4 Bücher aus. Keiner hat sich je über die Bücherei beklagt – und deshalb brauchen wir jetzt einen Neubau. Angeblich haben die Nutzer neue Ansprüche an die Aufenthaltsqualität, auch wenn sie das noch gar nicht wissen, und dem möchte man mit Spielkonsolen und einer Tobeecke für Kleinkinder entgegenkommen. Das sind nur die auffälligsten Features des Konzeptes „alles außer Bücher“.
Denn es geht nicht mehr nur darum, Leseratten mit Futter zu versorgen und Neugierige mit Informationen. Es geht um eine Bibliothek, die mindestens in Europa Maßstäbe setzt. Darunter tut es die Lichtstadt nicht. Und natürlich sollen auch vehemente Nichtleser in die Bibliothek gelockt werden. Das wird man mit Ballerspielen wohl schaffen.bibo2
(Wen hier Zweifel beschleichen: Ja, es sind wirklich zwei Fehler in diesem Text der JenaKultur-Welterklärer. Alle anderen dürfen jetzt suchen …)
Deutsch wird gemeinhin überschätzt. In der parallelgesellschaftlichen Bevölkerungsgrupe der Bibliothekserneuerer wird Denglisch geschrieben:
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Damit wird es zweifellos gelingen, Leute mit Rechtschreib-Lese-Schwäche zum Sharen und Accessen zu bewegen. Ich sehe sie schon Schlange stehen. Oder Snake.
Hier biete ich kostenlos eine meiner Lebensweisheiten an: Wenn es nicht gelingt, etwas verlustfrei in rein deutsche Worte zu übersetzen, dann ist es Stroh aus der Phrasendreschmaschine, das man golden angepinselt hat.

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9. November: Noch ist Hoffnung

Es war 1989, ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen und meine erste Stelle bei Zeiss. Meine Kollegin im Labor war vergleichsweise uralt, also schon über 50. Einmal erzählte sie mir eine Begebenheit aus ihrer Kindheit. Ihre Familie lebte auf dem Dorf.
Eines Tages marschierte eine nie gesehene Masse von Menschen ins Dorf. Die Kleine wurde sofort ins Haus gescheucht. Aber Mutter und Großmutter gingen hinaus. Sie taten so, als wollten sie Wasser vom Brunnen holen. Heimlich steckten sie den abgerissenen und ausgemergelten Gestalten, die sich die Straße entlang schleppten, Brot zu. Damals wusste sie nicht, dass es einer der Todesmärsche war, auf denen die Gefangenen der Konzentrationslager gehetzt wurden, bis sie umfielen. Aber sie hatte Angst vor dem, was da geschah, entsetzliche Angst. Es war zum Teil die Angst ihrer Mutter und Großmutter, die sich in Sekunden entscheiden mussten zwischen dem Bedürfnis, anderen menschlichen Wesen zu helfen, und der Angst vor dem, was die Wachleute ihnen antun könnten. Sie waren keine Helden, sie taten einfach, was sie tun mussten. Menschlichkeit ist schwer totzukriegen.
Es ist ihnen damals nicht mehr als diese Angst widerfahren, aber die war vierzig Jahre später noch so gegenwärtig, dass mein Gehirn Gänsehaut bekommt, sooft ich daran denke.
Das Wissen um diese Geschichten stirbt mit den Menschen, die sie erlebt haben. Es verdünnt sich. Schon ich weiß nur noch die Hälfte davon.t34

Am 9. November 2016 marschierten Nazis mit Fackeln und einem Sarg mit der Aufschrift „Antifa“ durch Jena, aber diesmal jubelte ihnen keiner zu. Abgetrennt von einer doppelten Absperrung, Mannschaftswagen, Wasserwerfer und hunderten Polizisten in voller Ausrüstung standen die Bürger der Stadt da und kämpften mit nichts als Trillerpfeifen und ihren Stimmen gegen den Lautsprecherwagen an. Protest in Sicht- und Hörweite? Vielleicht. Den Horizont sieht man ja auch, irgendwie.
Damit es die Nazis nicht vergessen, sangen die Bürger: „Ihr habt den Krieg verlor’n.“ Noch ist Hoffnung.

 

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Ungeschickt gendern

Sir Toby ist ein Schelm. Kommentarlos hat er mir den Link zur Website Ungeschickt Gendern geschickt. Das ist ungefähr so, als ob man einen Kater vor den Hundezwinger setzt und sich dann gemütlich zurücklehnt.
Himmel, denke ich, was kann man für Probleme haben! Die Betreiber der Seite scheinen nicht weniger im Sinn zu haben, als jeden Verweis auf Geschlechter aus der Sprache zu tilgen. In aller Regel werden die angeblich geschickt gegenderten Ausdrücke erheblich länger. Bauer etwa. Das heißt „Landwirtschaft Treibende“. Leise singe ich „Im Märzen der Landwirtschaft Treibende die Rösslein anspannt, er …“ – verdammt, das geht auch nicht! Womit ersetzt man „er“ gendergerecht? Vielleicht so: „Im Märzen werden in der Landwirtschaft die Rösslein angespannt und Treibende setzen Wiesen und Felder instand.“ Holpert ein bisschen, aber ist politisch korrekt.
Oder der Hausmeister. Der heißt geschickt gegendert „Hausmanagement“. Man stelle sich vor: Als ich heute morgen zur Arbeit ging, traf ich auf der Treppe das Hausmanagement. Es reparierte das Treppengeländer. Moin Management.
Die Hebamme heißt neudeutsch „Geburtshelfende“. Ich habe schon zwei Kindergärtner getroffen. Aber einen Geburtshelfenden? Ich habe schon eine Hebammendemo gesehen. Keine Menschen männlichen Geschlechts dabei. Das klingt, als brauchte man ganz dringend eine Berufsbezeichnung, die die nicht vorhandenen männlichen Hebammer nicht ausgrenzt.
Am besten finde ich allerdings die Erkenntnis, dass der Ausdruck „herrenloser Koffer“ geschlechtsunsensibel ist. Er könnte ja auch frauenlos sein. Komischerweise kommen die Spaßvögel weder auf „menschenloser Koffer“ noch auf „besitzendenloser Koffer.“ Spaßvögel sollte, Entschuldigung, Spaßvögelnde heißen. Ich lerne es langsam.
Am Helden scheitern die Spracherneuerer. Ist doch nicht gar nicht so schwer: Heldende, Heldentaten Vollbringende, heldische Tätigkeiten Verrichtende … Wo, liebe Leute, ist das Problem?
ungeschickt_gendern
Im Übrigen versuche ich gerade, eine Grammatik für eine Spezies mit drei verschiedenen Geschlechtern zu erfinden. Es ist höllisch kompliziert, aber falls ich das Buch je fertig bekomme, dann werde ich alle Sprachgenderer breitquatschen können. Sie verwenden auf diesem Planeten übrigens ein generisches Maskulinum, weil sie sonst nie einen Satz zu Ende bringen würden.

PS: Gerade habe ich noch gefunden, dass man „Versichertenkarte“ gendergerecht doch bitte mit „Versicherungskarte“ ersetzen möge. „Versicherte“ ist allerdings ein genderneutrales Wort wie „Studierende“ oder „Landwirtschaft Treibende“ – es ist haargenau die gleiche grammatische Konstruktion. Jetzt argwöhne ich, es geht einfach nur um die Verwirrung der Menschheit, damit man nichts von der Verschwörung mitbekommt, die es ohne Zweifel gibt …

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