Hans Guck-auf-das-Phone

FDP_btw17Bei den Plakaten der FDP hat man unweigerlich das Gefühl, man hat den Mitgliederverlust nach dem Rauswurf aus dem Bundestag mit Klontechnologie ausgeglichen. Deshalb kann in jedem Wahlkreis Christian Lindner antreten. Spannend wird im Falle eines Wiedereinzugs der Kampf um den Fraktionsvorsitz werden. Nur eins ist klar: Der Lindner wird’s.
Dass die FDP meint, ohne sie finde keine Wirtschaft statt, kennt man ja bereits. Der Thüringer Mittelstand ist übrigens trotz R2G immer noch da und gedeiht zumindest in Jena prächtig, nur die FDP hatte finanzielle Probleme, bis die Freunde aus der Wirtschaft einsprangen. Irgendwie hatten sie also schon recht, nur andersherum.
Geradezu aberwitzig ist allerdings, mit dem Motiv des unbedarften Smartphonenutzers im Straßenraum zu werben (die Typen laufen mir sowieso ständig vors Rad – sowas wählt man doch nicht auch noch).
„Digital first, Bedenken second“ plakatieren die Liberalen in schönstem Denglisch. Kommt mir vor wie in der Firma, wo alle Naselang gefragt wird: „Wer ohnt dieses Problem?“ Also, sie meinen natürlich „wer owned dieses Problem“, aber besser wird das auch nicht. Ist halt irgendwie toll, wenn man so tut, als hätte die deutsche Sprache nicht genügend Worte, um Verantwortung oder eigene Dummheit zu beschreiben.
Was die FDPler da verkünden, heißt mehr oder minder: Wir stellen erstmal alle unsere Daten in die Cloud, also ins Wolkenkuckucksheim, und schauen uns da dumm an, wenn sie plötzlich bei unseren Konkurrenten sind. Denn die Cloud gibt es nicht. Das sind einfach die Computer anderer Leute. Wahrscheinlich käme niemand auf die Idee, die Nacktfotos seiner Freundin auf dem Computer des Nachbarn zu speichern, aber auf dem Computer von Google & Co. ist es kein Problem.
Wir leben in Zeiten, in denen man mit Hilfe von Viren eine Atomkraftwerk in die Luft jagen kann. Wie das funktioniert, hat Stuxnet gezeigt, ein Sabotageprojekt der USA, mit dem man in Motorensteuerungen von Siemens eingreifen konnte. Wer unter diesen Umständen Sorglosigkeit plakatiert, den sollte die Wirtschaft schnellstens fallen lassen.

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Sex! Sells! doch nicht

Sex sells, sagt sich die AfD, und plakatiert knutschende Pärchen. Könnte romantisch sein, isses aber nicht. Es ist ein knallharter Befehl: „Kinder! Machen! Spaß!“
Meine Allergie gegen bundeswehrtaugliche Ein-Wort-Krüppelsätze habe ich ja schon ausgebreitet. Wenn man denkt, über „Wir.Dienen.Deutschland“ geht nichts mehr drüber, der wird von der angeblichen Alternative eines Besseren belehrt. Eines Schlechteren, genauer gesagt. Es ist semantisch widerlich und inhaltlich gruselig; es ist ein Verbrechen an der schönen deutschen Sprache. Sie plakatieren ja auch „Mut zu Deutschland“ und nicht „Mut zu gutem Deutsch“.
Es geht auch nicht darum, dass Sex Spaß machen könnte – das macht er ja blöderweise auch diesen ganzen Homos, die neuerdings heiraten dürfen. Es geht um Kinder für Deutschland. Für den gesunden Volkskörper. Für den Schutz Deutschlands am Hindukusch. Für mehr AfD-Wähler. Kindermachen! Hopphopp! Wenn am Spaß hinten ein Ausrufezeichen ist, dann ist der Spaß vorbei und der Ernst des Lebens geht los. Und wenn man den Leuten den Spaß am Kinderkriegen mit drei Ausrufezeichen einprügeln muss, dann scheint es da ein Problem zu geben. (Kleiner Tipp: Befristete Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und miese Löhne sind für die meisten jungen Leute ein Grund, Kinderwünsche zu verschieben.) Eigentlich fehlt nur noch über Lautsprecher eingespieltes, glückliches Kinderlachen.

Übrigens scheint die AfD-Landtagsfraktion zwei AfD-Bundestagskandidaten, die sich „Volksanwälte“ nennen, die Website zu finanzieren. Das ist nicht zulässig, aber was soll’s. Die Nation muss gerettet werden! Aber schon wegen Verbrechen gegen die deutsche Sprache sollte das Ding vom Netz genommen werden:

Leute, Leute. Das heißt: Der Wohlstand wird vom deutschen Arbeitnehmer bedroht. Der will nämlich für seine Arbeit noch immer bezahlt werden, und viele davon haben gar keinen Wohlstand, der bedroht werden könnte. Den hatten sie schon 2014 bei historisch niedrigen Flüchtlingszahlen nicht mehr, weil er längst der Wohlstand der obersten 10 % dieses unseres Volkes ist. Und solange das so bleibt, solange sind Kinder besonders für Alleinstehende das größte Armutsrisiko überhaupt. Was für ein Spaß!

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Der Schulz-Effekt

SchulzeffektEs gibt so Tage, da ist schlagartig etwas anders. Der Tag im Februar etwa, an dem der erste Krokus blüht und man denkt: Nimm das, Winter! Ab heute ist Frühling. Oder der andere Tag im Oktober, nach dem ersten Nachtfrost, wenn morgens kein einziges Blatt mehr an der Esche vorm Fenster hängt und man weiß, dass der Übermut vorbei ist.
Ungefähr so war der letzte Freitag. Plötzlich hing an jeder zweiten Laterne Martin Schulz. Es ist Wahlkampf, dachte ich. Es geht wieder los.
Auf Inhalte verzichtet die SPD lieber gleich. Also so völlig auf Inhalte. Was die anderen da abliefern, ist ja auch nicht gerade konkret. Der Mann ist das Programm, und wer nicht auf bärtige Dickbacken steht, der hat halt Pech gehabt. Wäre ja auch peinlich, jetzt „Rentenangleichung Ost“ zu plakatieren oder „Wenigstens gleiche Hungerlöhne in der Leiharbeit in Ost und West“ und dann wieder vier Jahre nichts gebacken zu kriegen, weil man sowieso nur der Wurmfortsatz der CDU sein möchte.
Als Alternative gäbe es noch den ebenfalls bärtigen Christoph Matschie, der als Thüringer Bildungsminister in der schwarz-rosa Koalition die Hochschul-Kürzungs-Reform verbockt hat. Der nur einen Bruchteil der Lehrerstellen, die altersbedingt frei wurden, mit jungen Lehrern neu besetzte, und darauf noch stolz war wie der Hamster, der sich durch die Klorolle gefressen hat. Bei der letzten Landtagswahl war der in Jena auch schon Direktkandidat und kam mit 15.7 % der Stimmen auf einen beachtlichen vierten Platz. Da war ein bisschen Glück dabei.
Matschie war mein erster Zusammenstoß mit bundesrepublikanischer Realpolitik. Der war ja so unendlich stolz, in der unabhängigen Friedensbewegung der DDR aktiv gewesen zu sein. Schwerter zu Pflugscharen und so. So steht das bis heute bei Wikipedia. Als Abgeordneter des ersten gesamtdeutschen Bundestages stimmte Matschie der Beteiligung am zweiten Irakkrieg zu. Schwerter zu Pflugscharen. Ich fragte ihn, wie das zusammenginge. Die Antwort: Persönlich habe er damit zwar ein schweres Problem, aber der Parteitag habe das nun mal beschlossen.
Das hörte sich an wie Volkskammer reloaded. Der unabhängige Abgeordnete, der sein Gewissen an der Garderobe abgibt und nur der Parteiräson verpflichtet ist. So einer ist der Matschie. Selbstverständlich stellt man den wieder zur Wahl. Für zehn bis zwölf Prozent wird es schon reichen.

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Die Tastatur im Kohleflöz

Eigentlich ist es ja ein Gummistiefel, mitten in den geologischen Schichten des Karbon – ein offenkundiger Anachronismus, über den man sich trefflich den Kopf zerbrechen kann. Diese Idee verdanke ich Terry Pratchetts Roman „Strata„. Da ist eine Truppe sehr eifrig dabei, Planeten herzustellen, komplett mit allen möglichen Historien und Artefakten völlig erfundener Kulturen. Das einzige Problem: Die Arbeiter an diesen Illusionen können der Versuchung nicht widerstehen, den einen oder anderen Gummistiefel im Kohleflöz zu hinterlassen …
Das ist natürlich humorig gemeint, aber tatsächlich stolpert man immer wieder über unerklärliche Stiefel. Das nordnorwegische Alta ist eine Stadt, deren Bedeutung größtenteils in ihrem Einkaufszentrum besteht. Sie haben da auch richtige Bäume und sind stolz darauf. Und kostenpflichtige Parkplätze. Deshalb würde kein Touristenbus da halten, aber Alta wird von Touristen überrannt. Denn früher war Alta mal eine richtige Metropole und ein Kunstzentrum – vor ungefähr 7000 Jahren. Auch vor 3000 Jahren noch. Über Jahrtausende kratzte man dort Menschen, Rentiere, Elche, Bären und alles Mögliche sonst in den Felsen. Die Wissenschaftler streiten sich, was die Bilder bedeuten könnten.
Bei einem bin ich mir ziemlich sicher: eine Computertastatur. Es muss ein Laptop sein, denn der Ziffernblock fehlt. Man sollte genauer hinschauen, was die Archäologen da treiben, wenn sie sich unbeobachtet fühlen …

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Trikotwerbung für Politiker

FDP_Wahlplakat_BMW_KManchmal unterläuft sogar der Deutschland AG so etwas wie Transparenz. Beim Bundestag gibt es eine Website, auf der Großspenden an Parteien monatsweise veröffentlicht werden, jedenfalls für die Parteien im Bundestag. Bei den anderen dauert es länger.
Gerade vor Wahlen ist das eine spannende Lektüre, aus der man mehr oder minder ableiten kann, was die deutsche Industrie gern hätte: Schwarz-Geld, äh, Geld, äh, Gelb (das ist ein realer Teppfehler, der mir tatsächlich doppelt unterlaufen ist. Tippfehler. Es ist zu heiß hier.). Das heißt, wenn es nach Spendenhöhe geht, dann wäre das Gelb-Schwarz. 1.56 Mio. € haben die Wirtschaftsliberalen in diesem Jahr eingenommen, die mir noch vor kurzem antworteten, sie seien doch keine Lobbypartei.
Die Spendenliste ist spannend: Die notorische Unternehmervereinigung Metall, BMW, BMW, Audi, der Gründer der Helios-Kliniken, Medizintechnik-Hersteller und seltsame Unternehmensberatungsfirmen, die man vermutlich bezahlt, damit sie die FDP beraten. Bei manchen muss man schon im Internet eine Weile stöbern, bis man merkt, wer sich da als Privatperson tarnt. Wenn die Spender Klatten und Quandt heißen, ist es einfacher, obwohl ich mir nie merken kann, welche Familiendynastie jetzt zu welcher Automarke gehört. Die Autoindustrie scheint wirklich Muffengang zu haben.
Daimler verteilt die Spenden gleichmäßig auf CDU und SPD – und ist damit einziger SPD-Großspender. Die Zeiten, wo man die Spezialdemokraten brauchte, um Sozialabbau betreiben zu können, sind vorbei. Sie haben sich damit erfolgreich ruiniert und werden mehr oder weniger entsorgt.
Die Grünen haben 100.000 € von einem reichen Erben mit grünem Gewissen bekommen, der das tatsächlich politisch zu meinen scheint. Soll vorkommen. Er nennt sie witzigerweise „das kleinste Übel„.
Wenn man den Südschleswiger Wählerverband ignoriert, der von Dänemark für eine Übersetzung gesponsert wurde, war es das. Die anderen müssen mit Kleckerbeträgen unter 50.000 € in den Wahlkampf ziehen.
Da wäre es schon besser, die Politiker müssten wie Fußballer mit Trikotwerbung zum Wahlkampfauftritt gehen. Die BMW-Helios-Partei? Hm, klingt nicht, als würden die meine Interessen vertreten. Also doch lieber nicht wählen. Das könnte hilfreich sein. Denn wie heißt es so schön: Wes Brot ich ess …

PS: Das Copyright für das Plakat liegt natürlich bei der Freien BMW-Partei. Wenn jetzt jeder meiner Leser einen BMW-Diesel kauft, sieht der Konzern hoffentlich von einer Klage wegen Verletzung des Urheberrechtes ab …

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Populismus 1: Wie weiß ist der Schimmel?

Zebraarsch

Populisitische Meinungen sind im Volke weit verbreitet, aber die wenigsten Leute sind Populisten – ungefähr wie ein Zebraarsch, auf dem Schwarz weit verbreitet ist, auch wenn er überwiegend weiß ist.

„Wie populistisch sind die Deutschen?“, fragt sich die Bertelsmann-Stiftung und macht eine Studie daraus, mit der sie die Welt beglückt.
Meine nicht vorhandenen Lateinkenntnisse meinen, „populus“ heiße schlicht „Volk“. Die Frage laute also: Wie volkig ist das Volk? Also schaue ich im Duden vorbei, Ausgabe 1996. Der meint, Populismus sei „(opportunistische) Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht.“ Versucht das Volk, sich selbst günstig zu stimmen? Mit Politik? Wie weiß ist eigentlich so ein Schimmel?
Tatsächlich haben die Bertelsmänner ihre eigene Definition. Es hilft, das Kapitel „Was ist Populismus?“ zu lesen. Bei Soziologen muss man immer erwarten, dass sie definieren, Grün sei die Farbe des Himmels am Mittag oder zur Zeit des Sonnenuntergangs, keineswegs aber das, was ein normaler Mensch darunter versteht. Das unterscheidet sie von Mathematikern, die grundsätzlich nichts definieren, worunter ein normaler Mensch überhaupt etwas verstehen könnte.
Bertelsmann übersetzt Populismus mit Politikerverdrossenheit, gepaart mit der Meinung, im Volk gäbe es eine einheitliche und grundsätzlich vernünftigere Meinung. Viele der Befunde wirken dann seltsam tautologisch. Wer meint, „Die Parteien wollen nur die Stimmen der Wähler, ihre Ansichten interessieren
sie nicht“ oder „Wichtige Fragen sollten nicht von Parlamenten, sondern in Volksabstimmungen entschieden werden“, der ist mit dem Funktionieren der Demokratie im Lande eher unzufrieden. Wer den Parteien nicht traut (also Populist ist), der geht eher nicht zur Wahl. Und wer wenig verdient, der fühlt sich von den Politikern am wenigsten vertreten. Das spricht für einen erstaunlichen Realismus, denn das gestrichene Kapitel im Armuts- und Reichtumsbericht kam genau zu dem Schluss, dass die Umsetzung politischer Anliegen umso wahrscheinlicher ist, je mehr die Anlieger verdienen.
Verbreitet wird in den Medien allerdings vor allem die Populismusneigung nach Parteienvorliebe. Da erfährt man, dass CDU und Grüne die am wenigsten populistischen Wähler haben. Klar; wer meint, die da oben würden das schon irgendwie machen, der ist mit diesen Parteien gut bedient.
Daneben gibt es eine Handreichung für den Wahlkampf. Am meisten Punkte kann man mit den Themen EU (Zusammenarbeit ausbauen), Umverteilung (moderat höhere Steuern für Reiche) und Flüchtlinge (am besten einige abschieben, keinesfalls aber viele aufnehmen) machen. Dagegen interessiert sich kaum jemand für Globalisierung, Umweltschutz, Kriminalitätsbekämpfung oder die Bekämpfung der Korruption. Auch die Stärkung der Bürger- und Freiheitsrechte geht Max Mustermann am Hinterteil vorbei – das wird die Kollegen Piraten deprimieren. Lediglich Volksentscheide und der Gummibegriff „Interessen der Bürger verteidigen“ stoßen auf signifikante Zustimmung – aber viel weniger als der Umbau der EU in einen einheitlichen Staat.
Jetzt können die Phrasendreschmaschinen für den Wahlkampf geölt werden. Bertelsmann hat eine klare Ansage gemacht, wohin die Reise im Lande zu gehen hat.

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Schrödingers Katze und der NSU

Warum Jena, fragt der Ossiblogger mich. Warum bildete sich der Nationlasozialistische Untergrund, allgemein NSU abgekürzt, ausgerechnet in Jena? Die meisten Jenaer können die Frage nicht mehr hören – auch wegen der Antworten, die allerlei Experten dazu haben.
Ich habe auch eine: nichts. Es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung, genau wie Schrödingers Katze, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit tot ist. Die Physiker haben dafür das Modell der Wahrscheinlichkeitsverteilungen, mit denen sie den ungefähren bzw. wahrscheinlichen Aufenthaltsort von Elektronen, Photonen oder Bosonen beschreiben. Taugt auch für Terroristen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas wie der NSU im deutschen Osten entstand, war hoch. Man hatte den Ossis flächendeckend ihr gesamtes Leben entwertet und 2:1 in ein Westleben umgetauscht. Nicht nur finanziell, obwohl die Treuhand das Volkseigentum wie ein Hütchenspieler so lange hin und her schob, bis die Ossis links und rechts nur noch Schulden sahen. Man erklärte ihnen obendrein, dass ihr gesamtes Leben falsch gewesen war. Berufsabschlüsse waren plötzlich ungültig, das liebevoll gepflegte Eigenheim eine Hundehütte, die Kultur miefig und die Frauen abgetakelt. Wo jeder vierte arbeitslos war, lag der Trugschluss nahe, man könnte vielleicht selbst der billige Türke sein, wenn man die Türken rauswürfe.
Anfang der Neunziger wuchs eine Generation auf, deren Eltern ratlos, verunsichert und nutzlos waren. Alle Autoriät war vernichtet, und die Jugendarbeit war zusammen mit FDJ und DTSB den Bach heruntergegangen. Jugendclub, Zirkel schreibender Schüler, Fußballverein oder AG Nistkastenbau – alles unter den Trümmern der DDR begraben. Es war ein Loch, in das die NPD freudig strömte. Vielerorts waren Bürgermeister froh, wenn irgendwer eine Hüpfburg oder einen Satz Trikots für die U12-Mannschaft bezahlte. Etwas wie die NSU musste in einer Großstadt der DDR entstehen, in der man gerade die Industrie zerbröselt hatte, um den Absatzmarkt von lästiger Konkurrenz zu säubern.
Sachsen und Thüringen waren über Jahrzehnte fest in der Hand der CDU, und die beste Qualifikation für öffentliche Ämter war es, ein strammer Antikommunist zu sein und in jedem zweiten Satz das Wort „Unrechtsstaat“ unterzubringen. Das bescherte den Sachsen den Sachsensumpf und den Thüringern Helmut Roewer als Chef des Verfassungsschutzes. Der päppelte mit den Geldern seiner Behörde die rechtsextremen Strukturen in Thüringen und stand immer dann im Wege, wenn die Polizei drohte, das Terroristentrio zu erwischen. Hätte man die drei verhaftet, nachdem man bei einer Razzia in Jena eine Bombenwerkstatt gefunden hatte, hätte niemand je vom NSU gehört. (klitzekleine Verschwörungstheorie: Angesichts der traditionellen Resentiments zwischen Erfurt und Jena liegt es nahe, dass der Erfurter Beamte Roewer das braune Gesindel ausgerechnet in Jena hätschelte. Roewer übrigens war ein Westimport, weil die Ossis alle zu vorbelastet waren.)
Der Rest ist Zufall – drei Psychopathen, die sich cool finden, wenn sie Leute umbringen. Die sich im Recht fühlen. Die über Jahre unentdeckt bleiben, weil es Leute gibt, die fürsorglich ihre Hände über sie halten. Sie hätten überall auftauchen können, wo die Wahrscheinlichkeitsverteilung ein lokales Maximum hatte – in  Chemnitz zum Beispiel tauchten sie tatsächlich mehrfach auf.
Bei der letzten Bundestagswahl gab es in Jena weniger NPD-Wähler als in Nürnberg. Inzwischen gibt es ja auch wieder Industrie, westgemäße Berufsabschlüsse, neu erfundene Jugendzentren und vielleicht sogar eine AG Nistkastenbau bei den Pfadfindern. Wenn Thügida in Jena demonstriert, verlieren sich die paar Nazis in der Menge der Gegendemonstranten, unter denen sich auch Stadträte aller Parteien außer CDU und FDP finden. So etwas wie den Thüringer Heimatschutz will man auf keinen Fall wieder haben..

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