Radfahren mit Politikerin

Jena lässt sich von einem Stadtplanungsbüro einen „Masterplan Innenstadt“ schreiben. Das Erstaunliche dabei ist, dass man eine erhebliche Menge Geldes ausgibt, um das herauszufinden, was Bürger schon vor 12 Jahren zusammengetragen haben: Wir brauchen mehr Grün, mehr Wasser und mehr öffentliche Räume ohne Konsumzwang.
Wir brauchen auch eine andere Verkehrsinfrastruktur. Deshalb lud der ADFC, die Lobbyorganisation der Radfahrer, den Ortsteilrat von Jena-Zentrum und den Stadtrat zur Tour durch die Innenstadt. Auf dem Fahrrad natürlich.
Stadtverwaltung, 10:00 Uhr am Sonnabend. Ein Dutzend Leute vom ADFC stehen mit ihren Rädern bereit, dazu die Ortsteilbürgermeisterin Cornelia Förster (Grüne) – und ich. Ich bin die einzige von 46 Stadträten, die sich für die Wünsche der Radfahrer interessiert, von der Fraktion nominierte Expertin für Radfahren.
Die Kernthese der Aktivisten: Man kann nicht legal durch die Innenstadt fahren, ohne irgendwo absteigen zu müssen. Die Debatte ist lebhaft, aber bei jedem „Ich fahre normalerweise …“ kommt irgendwo der Punkt, wo man „und dann illegal da und dort entlang“ sagen muss. Oder: „Da kommt eine Treppe.“
Dass man Radfahrer wie Fußgänger mit Rädern an den Füßen behandelt, bestätigen sie mir sofort. Man quetscht beide Verkehrsarten in denselben Raum, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich mit sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit fortbewegen. Idiotisch angeordnete Absenkungen der Bordsteinkante und willkürlich wirkende Beschilderungen tun ein Übriges.
Gefährlich wird es, wo sich Grietgasse und Kronengasse kreuzen. Durch die Kronengasse fährt die Straßenbahn. Vor mir geht die Bedarfsampel auf Gelb. Ein Mitradler fünf Meter vor mir kann vor der ankommenden Bahn gerade noch bremsen – er steht mitten zwischen den Schienen. Was war das denn?! Sollte die Ampel nicht rot sein, ehe die Bahn kommt?

Eine Hauptverkehrsverbindung der Radfahrer durch die Innenstadt – für den Herbstmarkt kurzerhand gesperrt. Dabei könnten die wenigen Stände auf dieser Seite auch ein Stück weiter untergebracht werden.

Am Ende stehen wir am Rande des Eichplatzes, des ewigen Plangebietes der Stadt. Dass ich hinter dem Rathaus einen Stadtplatz mit Brunnen, Bäumen und Bänken haben möchte, finden die Radler gut. Das hatte ich nicht erwartet. Sie meinen, der Radverkehr sollte sowieso quer über den Eichplatz geführt werden, um nicht in einer engen, stark frequentierten Fußgängerzone, sondern in einer relativ ruhigen Nebenstraße anzukommen. Das klingt völlig logisch.

Unter maximaler Symbolpolitik tut’s die Stadt nicht. Die Fahrradstraße endet zehn Meter hinter der Fotografin an einem Bauzaun.

Ich hoffe, die beauftragten Stadtplanungsexperten denken auch über die Bedürfnisse der Radfahrer nach. Immerhin habe ich ihnen schon im März drei Seiten Kommentare zur Innenstadt geschickt, die mit dem Punkt „Radverkehr“ anfangen. Der war leider nicht so detailliert, wie ich ihn jetzt schreiben würde. Einsichten der Stadtratskollegen kann man, fürchte ich, nicht erwarten.

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SVA: Das Taschen-Rentier

Der erste Eindruck von Svalbard mitten im Sommer: graubraun und kahl. Ich erwartete eigentlich, dass die Gegend wie Nordnorwegen nass und sumpfig wäre. Ist sie nicht. Sie ist erstaunlich trocken. Das Grundwasser kommt in Form von Eis vor, und die Oberfläche besteht größtenteils aus losem Gestein. Es ist also auch für Pflanzenfresser ein hartes Brot.
Irgendwann in der Eiszeit müssen die Rentiere über den zugefrorenen Atlantik nach Svalbard gelaufen sein. Warum? Zwischen Nordnorwegen und Svalbard liegen über tausend Kilometer Atlantik, also absolut nichts Fressbares für Rentiere. Vielleicht kamen sie aber auch aus Grönland – was nicht viel näher liegt.
In Longyearbyen gibt es Fressbares, insbesondere entlang der Straßengräben, die immer feucht sind und nie so voller Wasser, dass jedes Krümel Mutterboden weggeschwemmt wird. Gras ist die größte Pflanze und wird auch mal um die 20 cm hoch. Viel ist es allerdings nicht. Deshalb reagierte die Natur mit dem Effekt der Inselverzwergung. Auf Inseln, wo die Ressourcen begrenzt sind, haben kleinere Exemplare einen Vorteil, weil sie weniger Nahrung brauchen. Die Svalbard-Rentiere sind deutlich kleiner als die Verwandten vom Festland, dafür aber wolliger. Sie wiegen nur die Hälfte, und sie sehen aus wie das Pony unter den Hirschen.

Longyearbyen-Nybyen: Zwischen den Fernwärmeleitungen wächst Fressbares

Auch sie haben es nicht leicht. Weil Svalbard trocken und staubig ist, fressen sie mit Gräsern und Moosen jede Menge Gesteinsmehl und wetzen damit ihre Zähne ab. Irgendwann können sie damit kein Gras mehr abrupfen und verhungern. Dann sind sie etwa 10 Jahre alt. Allerdings sterben in manchen Wintern mehr als die Hälfte der Rentiere, weil der Schnee vereist ist und es ihnen nicht mehr gelingt, ihn wegzukratzen, um an die Reste von Gras zu kommen. Früher dachte man, sie täten das mit ihren Geweihschaufeln, aber tatsächlich nehmen sie die Hufe dafür.

In Longyearbyen stehen sie unmittelbar neben der Straße und lassen sich von Passanten nicht beim Essen stören. Vielleicht gibt es auch freundliche Menschen, die ihnen Löcher in den Schnee hacken.

In seltenen Fällen ruhen die Svalbard-Rentiere auch mal aus vorm Fressen
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SVA: Fuchs, du hast die Gans gestohlen

Das Leben ist erstaunlich. Es breitet sich überall aus, nur um dann festzustellen, dass die Gegend eigentlich nicht für Lebewesen gemacht ist – und mit viel Mutation und Anpassung doch noch eine Nische zu finden.
Gerade einmal vier Säugetieren ist es gelungen, sich auf Svalbard zu etablieren: dem überall herausgestellten Eisbären (den man natürlich nirgends sieht), Rentier, Polarfuchs und einer unabsichtlich eingeschleppten Wühlmaus. Nur ein einziger Vogel, das Schneehuhn, überwintert auf dem Archipel.
Da stellt sich bei näherem Hindenken sofort die Frage: Wovon leben die Füchse eigentlich im Winter? Im Sommer versuchen sie vehement, Kücken von Kurzschnabel- oder Weißwangengans zu erbeuten, die in Longyearbyen auf jeder Wiese herumschnattern. Die Gänse schätzen das nicht und bilden einen laut keifenden und flügelschlagenden Ring um ihren Nachwuchs. Der Fuchs rennt außen herum und versucht, sie zu verwirren.

Schlechte Chancen für den Fuchs – die Gänse rotten sich zusammen.

Aber im Winter? Da sind die Gänse längst groß und nach Schottland geflogen. Vielleicht findet sich irgendwo ein totes Rentier. Oder ein Schneehuhn (das selten zu sein scheint, jedenfalls in der „City“). Eigentlich müsste er verhungern.
Man muss ins Museum gehen, um das Rätsel aufzudröseln – und um zu verstehen, was man schon gesehen hat. Der Polarfuchs stiehlt Gänse, bevor sie geschlüpft sind. Er bunkert Eier für den Winter. Der Fuchs, denke ich, ist kein Eichhorn. Wie kommt er auf die Idee? Reine Not, die erfinderisch macht.

Was da in der Fuchsschnauze steckt, ist ein Gänseei. Das Foto übrigens habe ich kurz nach 22 Uhr gemacht.

Natürlich erklärt das nicht alles, etwa die Frage, wie es dem Fuchs im Winter gelingt, steinhart gefrorene Gänseeier zu fressen. Er hat ja keine Mikrowelle zum Auftauen. Übrigens sollen manche Füchse auch Fische fangen. Mit all dieser Mühe und Cleverness überlebt der Polarfuchs nur drei bis vier Jahre. Was hat sich das Leben dabei nur gedacht?

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SVA: Klimafreundliche Mobilität

Norwegen ist das Vorzeigeland für Elektromobilität. Auch auf Svalbard, wo es verglichen mit dem äußerst bescheidenen Straßennetz erstaunlich viele Autos gibt. Ein Großteil davon ist elektrisch. Ladesäulen, die in Deutschland ein Riesenproblem sind, stehen vor jedem Haus – sind aber auch keine technologischen Meisterleistungen, sondern Steckdosen an einem Holzpflock. Klingt gut? Klingt gut.

Svalbard-Ladesäule

Blöderweise ist es mit erneuerbaren Energien im hohen, sehr hohen Norden so eine Sache. Sonne gibt es nur im Sommer – falls nicht gerade die Wolken auf dem Erdboden schleifen. Das tun sie häufig. Wind gibt es genug, aber wie soll man im Permafrost Windräder stabil verankern? Hier kippen mitunter Häuser um, obwohl alle auf Stelzen stehen. Wasser gibt es reichlich – im Sommer. Sobald kein Schnee mehr schmilzt, frieren die Flüsse ein. Außerdem sind sie jedes Jahr woanders, mal ein paar Meter weiter links, mal rechts, mal auf beiden Seiten. Sie haben keine ordentlichen Flussbetten. Biomasse gibt es praktisch nicht. Was immer wächst, wird von Vögeln oder Rentieren abgefressen.
Bis letztes Jahr wurde das Elektrizitätswerk von Longyearbyen mit Steinkohle aus Longyearbyen betrieben. Dann entschied der Bergbaukonzern, dass der Abbau sich nicht mehr lohnt, und schloss Grube Nummer 7. Man baute das Kraftwerk auf Diesel um.
Das heißt, die umweltfreundlichen Autos werden mit Strom aus Diesel betrieben, was wegen der zusätzlichen Energieumwandlung weniger effizient ist als direktes Fahren mit Diesel. Die Motorschlitten, von denen hunderte herumstehen, werden ohnehin mit Diesel betrieben – weil Batterien mit knackigen -20°C nicht so gut zurechtkommen.
(Für alle, die jetzt das Dunkelflaute-Argument schwenken: In Deutschland gibt es stabilen Boden, das ganze Jahr über Sonne (in wechselnden Mengen), sehr , ordentliche Flüsse und Unmenge von Biomasse. Deutschland ist nicht Svalbard.)

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Das wahre Leben: Lebensgefahr

Dem sogenannten „stationären Handel“ (also Läden, in denen reale Menschen reale Waren kaufen) geht es nicht gut. Die realen Menschen haben immer weniger Geld, das sie umso mehr zusammenhalten. Da wird mit harten Bandagen gekämpft:

Rette sich, wer kann.

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Unter Gefährdern

Lichtenhain, einer der „dörflichen Ortskerne“ in Jena, ist divers. Es gibt ein paar alteingesessene Familien, deren Namen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen, und Zugezogene, die in der Nähe arbeiten. Es gibt auch die Lehrlingswohnheime aus DDR-Zeiten, die einerseits von sozial abgehängten Menschen und andererseits von Ausländern bewohnt werden. Im Gästehaus der Universität tummeln sich 29 Nationen, wie mir die Verwalterin sagte. Mit 38 % ist Lichtenhain der Ortsteil mit dem höchsten Ausländeranteil der Stadt. Was im Allgemeinen ohne Konflikte abgeht – falls nicht ein paar von den Abgehängten meinen, die Gastwissenschaftler seien schuld, dass ihr HartzIV* [Wie auch immer die aktuelle Variante heißen mag] vorn und hinten nicht reicht.
Der Ortsteilrat kümmert sich und organisiert gelegentlich eine Party. Ich glaube, dass derlei hilft, die Gesellschaft zusammen zu halten, wenn man schon nichts am Abgehängtsein ändern möchte. Bei der letzten Landtagswahl lag Die Linke im Ortsteil vorn, und zwar 10 % vor AfD und CDU.
In diese einigermaßen heile Welt kam die AfD, um während der Sommerpause Interesse für die Sorgen der Bürger zu heucheln. Die Landtagsabgeordnete Elisabeth Mengel-Stähle, die in Jena keiner kennt, tourt stundenweise durch die dörflichen Stadtränder, um Sprechblasen unters vorzugsweise deutsche Volk zu bringen.

Der radikale Widerstand formiert sich unter den Augen der Staatsmacht: Rentner und Familien bauen Barrikaden aus Muffins

Anfangs sah es nicht so aus, als ob mitten in der Ferienzeit mit nennenswertem Widerstand zu rechnen wäre, aber pünktlich zum Termin um 14:45 Uhr hingen Transparente, war die Straße mit einem Regenbogen bemalt (es hatte einen ersten Rüffel dafür gegeben), und es tummelten sich so um die fünfzig Leute rings um die Brunnenweide im Dorfzentrum, obwohl die meisten um diese Zeit noch arbeiten. Es gab Kaffee und Kuchen, kalten Eistee und Gummibärchen. Kinder tollten herum. Man sang. Der Ortsteilbürgermeister spielte Dudelsack, und das war das Aggressivste, was stattfand. Es war die gemütlichste Gegendemo, die man sich vorstellen kann: Wir sind hier nicht so, sagte sie, wir sind gesellig und solidarisch.

Die schwere Waffe wird geladen

Polizei und Ordnungsamt waren mit nicht weniger als sechs Autos vor Ort. Was um alles in der Welt erwartet die Stadt von der Lichtenhainer Zivilgesellschaft? Straßenschlachten? Brennende Autos? Barrikaden? Wir sind die Gefährder, wir haben uns mit Straßenkreide und Dudelsack bewaffnet! Eine junge Frau hatte gar ein paar Töpfe und Rührlöffel dabei – und einen Zettel mit Liedtexten!
Unklar ist, was der absurde Polizeieinsatz gekostet hat. Wäre das Geld nicht besser in Kaffee und Kuchen investiert, damit die Gesellschaft zusammen hält, statt in den Schutz von Hetzern und Spaltern?

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SVA: Es ist warm

Ich habe romantische Anfälle, aber ich bin nicht blöd. Natürlich hatte ich alles gelesen, was das Netz so bot. Die mittlere Temperatur eines Julis in Svalbard, genauer in Longyearbyen, der größten der drei bewohnten Ortschaften, sei 5.9°C, behauptete Wikipedia. Die Tourenanbieter überschlugen sich in Ratschlägen, was man alles unbedingt brauchen würde: Woll-Unterwäsche, Wollsocken, Fleecepullover, Softshell, Hardshell, Mütze, Handschuhe, Schal … Ist ja nicht so, als wären 6°C in Mitteleuropa eine unerhörte Kälte. Wir kennen das und haben es bereits erfolgreich überlebt. Aber natürlich hatte ich alles dabei, was man jemals brauchen könnte. Habe ich immer.
Longyearbyen Flyplassen: 12°C und Sonne. Ein Kulturschock. Es war warm. Es war so warm, dass man dringend etwas ausziehen musste.

Longyearbyen, Svalbard, das östlichste Ende des Ortes

Vielleicht liegt es daran, dass der Klimawandel auf Svalbard stärker wirkt als bei uns. Seit 1960 ist die Durchschnittstemperatur um fast 5°C gestiegen. Schuld ist der Albedo-Effekt: braune Erde heizt sich in der Sonne stärker auf weißer Schnee. Ist der Schnee erstmal weg, schmilzt der verbliebene schneller.

Quelle: Svalbard Museum

Die einheimische Bevölkerung findet das nicht gut. Sie fragt sich, wo plötzlich die 20 m Gletscher hin sind, die letztes Jahr noch da waren, und ärgert sich, dass man schon im Mai nicht mehr mit dem Motorschlitten fahren kann.

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SVA: Ans Ende der Welt

„Wohin wollen wir im Urlaub fahren?“, fragte ich.
„Skandinavien“, sagte der häusliche Gefährte, als wäre das eine Antwort.
Skandinavien ist über zweieinhalbtausend Kilometer lang und mindestens halb so breit. Ich würde gern sagen, Skandinavien sei größer als Europa, aber das ist natürlich Unsinn. Mit anderen Worten: Die Möglichkeiten waren nur unwesentlich eingeschränkt. Skandinavien.
Ich sinnierte, und mir fiel ein, wo ich tatsächlich noch nicht gewesen war und wo ich vor 35 Jahren gern gewesen wäre, weil die biologische Fakultät dahin regelmäßige Expeditionen machte und freudig darüber berichtete. Damals hörte ich mir da Mathematische Ökologie an, das notwendige nichtphysikalische Nebenfach für die Promotion.
Manche Sehnsüchte sind zählebig.
„Spitzbergen“, sagte ich.
„Meinetwegen“, erwiderte der häusliche Gefährte, ohne genau zu wissen, wo auf dem Globus das herumlag. Damit war die Sache abgemacht: Wir fahren ans Ende der Welt.

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Nichtöffentliche Visionen

Der Jenaer Oberbürgermeister hätte gern eine Vision für die Stadt. Dazu fragt er nicht etwa seine Stadträte, sondern schafft sich ein „Strategie-Board“, also ein Brett, das er sich von seiner „Verantwortungsgemeinschaft“ aus CDU, Grünen, SPD und FDP absegnen ließ. Die Zusammensetzung hat die Verwaltungsspitze festgelegt, die Kriterien sind nebulös.
Oberbürgermeister und vier Dezernent:innen (das muss hier sein, wegen der grünen Quotenfrau), dazu 14 von den Spitzen der Stadtverwaltung (OB und Dezernent:innen und einigen abhängig Beschäftigten) stehen ganzen 7 Stadträten (1 pro Fraktion) gegenüber. Nur 30 % sind also gewählte Volksvertreter (inklusive OB). So dürfte gesichert sein, dass keine unerwarteten Ergebnisse entstehen. Von 26 sind exakt 3 Vertreter der Opposition. Außerdem tagt das Gremium streng nichtöffentlich, damit nicht zu viel zu früh und zu unkontrolliert an die Menschheit durchsickert. Vermutlich ist es den Beteiligten untersagt, öffentlich Dinge auszuplaudern.
Da finden sich vier Professoren, vier Leitungskader aus der Industrie, der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse und die Geschäftsführerin der Landesentwicklungsgesellschaft. Einer der Professoren war Ministerialdirigent (was für ein entzückender Titel!) im Thüringer Bauministerium, und einer der Industrievertreter ist beim Bundestag als Lobbyist gelistet. Dazu die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft und der Vorstandsprecher der Interessengemeinschaft Gewerbegebiete Süd. Die Produktionsleiterin des städtischen Kulturfestivals ist zwar formal nicht angestellt, wird dafür aber von der Stadt bezahlt. Wes Brot ich ess …
Da trifft sich also eine bunte Mischung der Stadtgesellschaft zum Gespräch. Also jedenfalls die, die auch sonst eine Menge zu sagen haben.
Auffällig ist, wer nicht vertreten ist. Ein Gewerkschafter als Vertreter derer, die in der Stadt arbeiten? Fehlanzeige. Studenten machen um die 20 % der Jenaer Bevölkerung aus, und sie werden in der Zukunft, die man da entwirft, leben. Sind sie beteiligt? Äh, nein. Das Jugendparlament erst recht nicht. Die müssen es ja nur ausbaden. Irgendein Sozialverband? Der NABU als bekanntester Umweltverband der Stadt? Wozu? Oder vielleicht der Mieterbund, der erklären könnte, dass es kein natürliches Bedürfnis gibt, in eine teurere Wohnung umzuziehen, nur weil man es sich leisten könnte? Was für eine absurde Idee, in einer Stadt mit angespanntem Wohnungsmarkt über Mieten reden zu wollen! Nein, die müssen alle draußen bleiben, damit die vom OB wortreich gelobte die Harmonie im Strategie-Brett keine Dellen bekommt.
Der FDP-Oberbürgermeister bleibt sich und seiner FDP treu: Hauptsache, der Wirtschaft geht es gut. Die Menschen, die diese Wirtschaft am Laufen halten, werden vielleicht „mitgenommen“, in einem dieser Bürgerbeteiligungsformate, wo den Leuten erklärt wird, was gut für sie ist. Dass von ihren Ideen und Wünschen irgendetwas aufgenommen wird in die Vision, ist unwahrscheinlich.
Nein, der OB wird uns die Vision seiner Leute servieren, der Stadtrat wird dank Super-de-facto-Koalition nicken, und der Bürger wird sich verwundert die Augen reiben.

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Die Grünen und die Gärten

Nachdem jemand laut darüber nachgedacht hatte, warum eigentlich der Jenaer Oberbürgermeister im JenaTV seine wöchentliche Rede ans Volk verbreiten darf, nicht aber die Stadtratsfraktionen, gibt es jetzt einmal monatlich die „Fraktionszeit“.
In der letzten schickten die Grünen ihre Ortsteilbürgermeisterin (die auch Stadträtin ist) von Jena-Süd ins Rennen. Sie erklärte wortreich, wie wichtig die Gärten in den Kleingartenanlagen Mädertal und Schweizerhöhe sind: für die Artenvielfalt, für soziales Leben, gesunde Ernährung, Kaltluftproduktion und den Überflutungsschutz. Nach Starkregen schießt das Wasser an einigen Hängen der Stadt freudig auf Straßen und Wegen bergab. Unversiegelte Flächen sind da ein Segen, weil dort eine größere Menge versickert. So weit, so richtig. Sie hatte als Ortsteilbürgermeisterin einen Änderungsantrag zum neuen Flächennutzungsplan gestellt, diese Gärten nicht wie geplant in Bauland umzuwandeln.
Hört, hört!, dachte es in meinem Gehirn. Sie hatte sich weit aus dem politischen Fenster gehängt. Hieß das etwa, die Grünen würden diesen Antrag unterstützen? Gar nicht zufällig hatte auch ich für die Linke-Fraktion beantragt, diese und sechs weitere Gartenflächen nicht zu Bauland für üppig umgrünte Einfamilienhäuser in bester, unverbaubarer Hanglage zu machen. Bröckelte da etwa die „Verantwortungsgemeinschaft“ aus FDP, CDU, SPD und Grünen?
Wir leisteten uns eine kleine, leise Hoffnung. Im vorberatenden Stadtentwicklungsausschuss stimmte der Vertreter der Grünen gegen den Flächennutzungsplan, weil der Änderungsantrag keine Mehrheit gefunden hatte. Unerhört.
Die grüne Ortsteilbürgermeisterin argumentierte im Stadtrat vehement. Ich argumentierte auch. Ja, alle argumentierten, und das teilweise recht unfreundlich. Grüne, Linke und Bürger für Jena hätten bei der Abstimmung im Stadtrat eine Mehrheit gehabt und die Gärten retten können. Aber die grüne Fraktion stimmte mit der einen, einsamen Ausnahme gegen den Antrag ihres Fraktionsmitgliedes. Und für den unveränderten Flächennutzungsplan.
Jetzt frage ich mich: Halten die Jenaer Grünen die Bürger wirklich für so bescheuert, dass die glauben, die Grünen hätten sich für die Rettung der Gärten eingesetzt? Weil sie im Lokalfernsehen ihre Ortsteilbürgermeisterin eine Sonntagsrede halten ließen, nur um ihr kollektiv in den Rücken zu fallen? Oder hat man sie im letzten Moment daran erinnert, dass sie ihre politische Unabhängigkeit für einen Dezernentinnenposten verkauft haben?
Was aus dem Ganzen noch wird, hängt von den Gärtnern ab. Schaffen sie es, mal ihre Radieschen sich selbst zu überlassen und mit mehr als 30 Leuten auf die Straße zu gehen? Wir werden sehen.

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