Kind mit doofem Namen

Dass die Schweizer ihren Kindern seltsame Namen geben, habe ich inzwischen gelernt, Namen wie Urs oder Beat …

Aber wer kommt auf die Idee, sein Kind Grüezi zu nennen?

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Notfallblog: Abgehängter Osten

Es ist eine Berufskrankheit: Sobald ich Zahlen sehe, mache ich Diagramme daraus. Und schau an – wieder einmal sieht man in der Statistik den abgehängten deutschen Osten. Nicht einmal bei den COVID19-Infektionen kann er mit dem goldenen Westen mithalten. Nach sieben Monaten kann man ausschließen, dass es etwas damit zu tun hat, wo die ersten Fälle aufgetreten sind. Der Unterschied ist so dramatisch auffällig, dass ich öffentlich die Frage stellte, was der Osten wohl anders mache.
Es gab eine Reihe von Antworten:

  1. Der Westen ist dichter besiedelt. Das stimmt auffällig, aber Bayern hat eine etwa 30 % höhere Bevölkerungsdichte als Thüringen – und die vier- bis fünffache Zahl an Infektionen.
  2. Im Osten gibt es mehr alte Leute, die einerseits Risikogruppe sind und andererseits dazu neigen, zu Hause zu bleiben. Da ist was Wahres dran, obwohl Jena (über 20.000 Studenten auf 110.000 Einwohner) eine sehr junge Stadt ist – und trotzdem eher wenige Infektionen hat.
  3. Es gibt weniger Arbeiter aus Osteuropa, die unter unmenschlichen Bedingungen schuften – die Ossis machen auch die dreckige Arbeit selbst, leben aber einigermaßen menschlich. Stimmt.
  4. Ein signifikant höherer Anteil der Ostdeutschen ist gegen alles Mögliche geimpft (und hält schwere Infektionskrankheiten nicht für etwas, was für eine glückliche Kindheit unabdingbar ist). Darauf war ich noch nicht verfallen, aber ja – Ostdeutsche glauben überwiegend an Viren und Bakterien und glauben, dass man sie sich vom Halse halten sollte, und sind deshalb vermutlich motiviert, die Sache ernst zu nehmen.
  5. Der Osten ist weniger weltoffen. Auf Nachfrage: Es gäbe nicht nur weniger Ausländer, sondern auch weniger Reisen ins Ausland. Auch da passt Jena nicht recht ins Schema. Jenaer trifft man zufällig im Flugzeug von Suwon (Korea) nach Frankfurt oder auf einem Parkplatz auf den Färöern – eigene Erfahrung. Außerdem ist Auslandsurlaub derzeit keine Frage von Weltoffenheit, sondern von Risikobewusstsein.
  6. Im deutschen Osten gibt es einfach weniger Ischgl-Klientel. Ja, ist so. Es gibt auch weniger Ballermann-Klientel. Die meisten Ostdeutschen haben schlicht zu wenig Geld dafür, und die das Geld haben, neigen dazu, in Kanada, Norwegen oder auf den Malediven Urlaub zu machen.

Ich selbst habe auch so meine Eingebungen. Die Infektionszahlen korrelieren auffällig mit dem Pro-Kopf-Einkommen. Ist COVID19 eine Wohlstandskrankheit? Hängt sie vielleicht damit zusammen, dass man ab einem gewissen Einkommen glaubt, so triviale Dinge wie Krankheiten würden nur anderen passieren?

Ich habe das Haushaltseinkommen bei 15 k€ abgeschnitten. Das ist nicht ganz ehrlich – was ich ehrlicherweise zugebe.

Ursprünglich hatte ich noch die Vermutung, je katholischer die Gegend, umso stärker sei der Glaube, dass Gott die Seinen schon finden (und schützen) wird, aber die westlichen Stadtstaaten haben sich inzwischen in die Spitzengruppe vorgearbeitet. Diese These muss wohl verworfen werden. Aber ausgeprägter Atheismus scheint trotzdem eine antivirale Wirkung zu haben – wie man am ungläubigen Osten sieht. Die Ossis nehmen das mit dem Tod ernst.

PS: WordPress hat mir seinen neuen Block-Editor aufgedrängt. Was soll ich sagen – zum allerersten Mal ist mir heute die Seite abgestürzt. Früher gab es Dinge, die waren gut, und die wären es heute noch, wenn man nicht daran herumgepfuscht hätte. (stammt von Malmsheimer und seinem Butterbrot)

PPS: Gerade ist die Seite zum 2. Mal abgestürzt. Wer immer sich den Scheiß ausgedacht hat – ich hasse dich!

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Mehr als ein Sack Reis

Es sind schlimme Zeiten. Man kann die Regierung kaum noch kritisieren, ohne dass einem die falschen Leute aus den falschen Gründen Recht geben.
Natürlich sollte ein Mann wie Horst Seehofer zurücktreten, wenn er gegen den Widerspruch des obersten Datenschutzbeauftragten des Landes die Steuernummer des Bürgers zur Personenkennzahl machen will, unter der sämtliche Daten jedes Menschen zusammengefasst werden. Es ist höchst fraglich, ob das mit dem Grundgesetz vereinbar ist.
Man sollte auch einen Minister zurücktreten, der mit Sprüchen wie: „Die Migration ist die Mutter aller Probleme“ Öl ins Feuer gießt – ganz wörtlich, denn zu dieser Zeit brannten da und dort Flüchtlingsunterkünfte.
Noch mehr aber versagt der Heimatschutzminister aus Gründen der politischen Nähe, wo es um rechtsradikale Umtriebe geht. Reichsbürger, Identitäre, Nazis, AfD-Sympathisanten rüsten seit Jahren zielstrebig und weitgehend ungestört auf. Es gelingt ihnen, Waffendepots anzulegen, gegen die die IRA blass aussieht. Aber sie haben ja ordentliche Haarschnitte. Polizisten rufen seit Jahren illegal persönliche Daten von Antifaschisten aus den staatlichen Datenbanken ab, um sie einem ominösen NSU 2.0 für Drohbriefe zur Verfügung zu stellen. Oder für die diversen Feindeslisten, die rechte Netzwerke erstellen. Aber die Antifaschisten sind ja so kreuzgefährlich, da hat man Verständnis. Nazis morden seit Jahren, aber bis der CDU-Politiker Walter Lübcke von einem Nazi erschossen wurde, galt das im Heimatschutzministerium als eine Art bizarrer Brauchtumspflege.
Als die Nazis auf die Straßen zogen, da nannte der Bundeshorst sie besorgte Bürger, deren Sorgen man ernst nehmen müsste – nicht etwa eine Gefahr für die demokratischen Verhältnisse.
Inzwischen üben sie den Sturm auf den Reichstag. Dafür brauchen sie noch ein bisschen, wenn sie sich von ganzen drei Polizisten mit Schlagstock ins Bockshorn jagen lassen. Sie sind feige. Das ist die gute Nachricht. Aber sie werden wiederkommen, und sie werden von Mal zu Mal aggressiver.
Nur manchmal ist die Dummheit der Maskenphobiker ganz lustig:

Reistag

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Notfallblog: Willkommen im Risikogebiet

Beskades

Machen wir uns nichts vor: Wir haben es verkackt. Also nicht wir persönlich. Mehr so Deutschland als Ganzes. Im Juni war das Land drauf und dran, COVID19 vor die Tür zu schicken.
Aber dann passierte irgendwas. Vielleicht hat die Reiseindustrie interessierten Parteien ein paar Spenden in Aussicht gestellt, damit man ihr auf keinen Fall das Geschäft versaut. Vielleicht hatte man auch Angst, dass ein abgesagter Urlaub massenhaft verdrossene Bürger generieren würde. Jedenfalls hat man die gesamte EU nebst Großbritannien zu sicheren Hinkunftsländern erklärt, egal wie hoch die Infektionszahlen daselbst waren. In Großbritannien sehr hoch, in Belgien auch.
Innerhalb kürzester Zeit war klar, dass die Sache fröhlich, und zwar feuchtfröhlich, aus dem Ruder läuft. Auf Mallorca fanden die üblichen Saufpartys statt.
Und es geschah …
… nichts.
Die Spanier schlossen die Partykeller. Die Deutschen warteten, bis die Feiergesellschaft wieder im Lande war, und begannen dann, nicht etwa früher, die Debatte darüber, ob man die Rückkehrer testen sollte. Es gibt Filmaufnahmen von den Partys. Wäre es eine linke Demonstration gewesen, aus der eine Plastikflasche in Richtung Polizei geworfen wurde, man hätte längst zur Öffentlichkeitsfahndung aufgerufen. Aber es ist ja nur eine Pandemie. Prost!
Stattdessen zeigte man im Fernsehen, wie man den spanischen Spaßverderbern ein Schnippchen schlagen kann: Party in Bulgarien! Kein Abstand, keine Masken, reichlich Fusel! Freie Fahrt für freie Viren.
Ich wollte im September nach Norwegen. Campervan, Wildnis, Wandern, Sauwetter.
Das ist verboten.
Denn Norwegen hat Deutschland gerade zum Risikogebiet erklärt.

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Wenn Nazis kochen lernen

Der Fertigfutterhersteller Knorr benennt seine Zigeunersoße um in „Paprikasauce Ungarische Art“. So weit, so unspektakulär. Konzerne tun so etwas, wenn sie glauben, damit mehr Umsatz zu machen. Ich will nicht behaupten, dass der Aufsichtsrat nicht auch ein klein wenig antirassistisch sein möchte. Nicht alle Kapitalisten sind Rassisten. Aber fast alle halten den Shareholder Value – also die Rendite – für einen brauchbaren Gewissensersatz. Es ist eine wirtschaftliche Entscheidung, auf ungarische Paprikasauce zu setzen. Raider heißt jetzt Twix, aber das Kleingedruckte ist noch immer extrem klein gedruckt und ohne Lupe kaum lesbar.
Doch wie auf Bestellung springen alle unappetitlichen Charaktere aus der AfD, der Bildzeitung und vom rechten Rand der FDP auf und fordern das Recht, auch weiterhin Zigeunersauce zu kaufen, klagen über Diktatur, Verbote und Kommunismus.

Zigeunersauce1

Zigeunersauce2
Also die Leute, die sich unausgesetzt über „Sprachverbote“ und „Sprachpolizei“ aufregen, wollen einem Konzern verbieten, eins seiner Produkte anders zu nennen – im Namen der Freiheit. Niemand hat ihnen verboten, die rote Pampe weiterhin Zigeunersoße zu nennen. Es hat lediglich ein anderer beschlossen, es nicht mehr zu tun. Diktatur! Elende Diktatur der Großkonzerne, wenn man keine rassistischen Fertigsoßen kaufen kann. Überhaupt eine Zumutung, dass man keine Kanaken- und Fidschi-Soßen im Angebot hat!
Da und dort verkünden die Rechtsaußenaufreger, jetzt aber unbedingt auf die Ungarische Paprikasauce und überhaupt alle Knorr-Produkte verzichten zu wollen (obwohl in Ungarn ein Rechtsaußen regiert). Blöd nur, dass fünf weitere Zigeunersoßen-Hersteller schon gesagt haben, dass auch sie das Zeug umbenennen wollen.
Da bleibt perspektivisch den Nazis nur noch eins: Kochen lernen. Das wird hart, aber he, traditionell wurde in Deutschland gekocht, statt einfach irgendwelchen Pamps zu kaufen und auf das Bratgut zu schmaddern. Ich frage mich sowieso, was der braune Rand der Volksgenossenschaft ausgerechnet an diesem ausländischen Zeug findet, rotem Zeug noch dazu, wo es doch den guten, urdeutschen und bräunlichen Senf gibt? Könnt ihr mir das bitte mal verraten, ihr Dumpfbacken?

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Sprachmurks: Doppelt dagegen

Noe

Wir leben in einer Zeit, in der viel demonstriert wird. Man kann ja sonst nicht viel tun. Unkrautjäten oder demonstrieren … Jede Demonstration provoziert fast automatisch eine Gegendemonstration. Wenn in Jena eiin versprengtes Häufchen namens FDJ demonstriert, dann strömen beispielsweise Junge Union und FDP zu Hauf, um dagegen zu demonstrieren – was sie erklärtermaßen nicht tun, wenn die Thügida am 9. November mit Fackeln und Sarg aufläuft.
So weit, so demokratisch. In diesem Land darf im Grunde jeder demonstrieren, für oder gegen was auch immer er will: für flache Erde, gegen die Reptiloiden oder für das Recht auf umfassende Doofheit.
Was mich jedoch zur Verzweiflung treibt, ist die Zunahme von Gegenprotesten in letzter Zeit. Der Protest allein reicht nicht mehr. Mein altes Klugscheißerbuch aus DDR-Zeiten sagt, Protest sei die öffentliche Bekundung einer Gegenmeinung, obwohl „pro“ irgendwie nach „für“ klingt. Das scheint Protestierer wie Medien zu beunruhigen. Ist der Protest nun dafür, dagegen oder nur ein Akt missverstandener Geselligkeit? In der DDR hat man sich ja auch an jeder Schlange angestellt, die man finden konnte. Heute schließt sich manch einer Demonstrationen an, weil sonst so wenig los ist. Zur Sicherheit also hat man den Gegenprotest erfunden.
Ich warte gespannt auf den ersten Fürprotest.

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Rahmenhandlung: Wir haben Teile

Peace„Teilhabe“ ist ein Wort wie britisches Weißbrot – sieht aus wie das richtige Zeug, ist aber pappig, struktur- und geschmacklos. Man sagt „Teilhabe“, um harte Faktenwörter wie „Grundrecht“, „Gleichberechtigung“ oder „Menschenrecht“ zu vermeiden. Teilhabe is weich und ein bisschen klebrig.
Da wäre zum Beispiel das Teilhabepaket, mit dem man verkleistert, dass HartzIV eben nicht reicht, um am normalen Leben teilzunehmen, schon gar nicht der reduzierte Satz für Kinder, der nicht etwa mehr Geld für Bildung enthält, sondern weniger als der für Erwachsene. Also schnürt man ein Teilhabepäckchen, damit arme Kinder nicht zum Ersatzunterricht in die Parallelklasse müssen, statt an der Klassenfahrt teilzunehmen. Oder damit bei einer „Inobhutnahme“ das Jugendamt nicht als erstes die Mitgliedschaft im Sportverein kündigt, um dem in Obhut Genommenen die sozialen Kontakte gründlich zu kappen (Haben wir wirklich so erlebt. Eine Schande. Die haben nicht einmal gefragt, ob der Verein vielleicht auf den Beitrag verzichten würde.).
Auch wenn im Zusammenhang mit Behinderten das Wort auftaucht, bedeutet es meistens, dass es warme Worte statt echter Beteiligung gibt.
Es geht schlimmer.
Das Wort „Teilhabe“, das so nach Mildtätigkeit, Gnade und warmer Milch müffelt, hat eine stinkende kleine Schwester, die „nukleare Teilhabe“. Das heißt nicht, dass wir auch einmal mit den schönen glänzenden Atombomben spielen dürfen, sondern dass sie bei uns im Vorgarten liegen, damit man sie bei Bedarf schneller in einem Schurkenstaat seiner Wahl hat. Es hört sich an, als sei es eine besondere Wohltätigkeit, dass in Deutschland Atombomben herumliegen. Politiker barmen, wenn US-Politiker ankündigen, Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Aber seid getrost – an den kreuzgefährlichen Sprengkörpern dürfen wir weiterhin teilhaben. Die braucht man hier noch.
Als es noch eine Grenze gab in Deutschland, wussten wir, sollte der Krieg ausbrechen, dann würde er in Deutschland stattfinden, weil weder die USA noch die Sowjetunion ein Interesse daran hatten, das eigene Land zur radioaktiven Wüste zu machen. Hat sich daran irgendetwas geändert, solange die Atombomben hier herumliegen – als Drohung ebenso wie als Ziel?
Es gibt Teile, die möchte ich ein für alle mal und grundsätzlich nicht haben.

Framing ist in der Sozialwissenschaft der Begriff dafür, dass man vermeintlich neutrale Fakten in ein „Deutungsraster“ packt, damit der Adressat ohne Mühe weiß, was er denken und fühlen sollte.

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Notfallblog: Grundrrrächte!

Mich geht einer an, weil, wie er meint, die Piraten zu wenig täten gegen die fortwährende Verletzung der Grundrechte zur Bekämpfung der seiner Meinung nach nicht existenten Pandemie.
Ich lasse mir ungern etwas vorwerfen und bin gern neugierig. „Welche Grundrechte werden denn derzeit verletzt?“, frage ich nach.
Gegenfrage: Ob ich denn nicht das Gefühl hätte, dass sich gegenüber früher so einiges verändert hätte?
Ein Grundrecht also auf unveränderte Umstände bis ans Lebensende also? Nicht im Grundgesetz. Ich bestätige, dass sich einiges geändert habe, erwähne aber, dass ich das im Vergleich zu anderen Problemen für vernachlässigbar halte.
Worauf mir bestätigt wird, dass ich einfach nichts verstehe. Gar nichts.
Und wie war das jetzt mit den Grundrechten?
„Geh mal ohne Maske einkaufen. Melde mal eine Demo an. Wehr dich demnächst mal gegen Tests bei Urlaubsende. Schick mal verschnupfte Kinder in die Schule.“ (Das ist O-Ton.)
Da hätten wir also:
1. Das Grundrecht, ohne Maske einkaufen zu gehen. Kommt im Grundgesetz gleich hinter dem Grundrecht, ohne Kleidung einzukaufen.
2. Das Grundrecht, ohne Auflagen zu demonstrieren. Denn Demonstrationen an sich – das haben die Aluhuträger gerade demonstriert – sind offensichtlich möglich. Mit Maske und Abstand. Absurderweise schreien sie da herum, sie dürften ihre Meinung nicht herumschreien. Man sollte das in die Liste populärer Paradoxien aufnehmen.
3. Das Grundrecht, ungebremst Seuchen aus dem Ausland einschleppen zu dürfen. Der Corona-Test erfüllt noch nicht mal den Tatbestand der Körperverletzung. Ein Recht auf körperliche Unversehrtheit gibt es tatsächlich – und zwar auch für Risikogruppen, die man mit Corona-Partys am Strand von Bulgarien fröhlich gefährdet.
4. Das Grundrecht, seine verrotzten Kinder in die Schule zu schicken. Damit alle anderen Kinder auch Husten und Schnupfen bekommen dürfen. Eine Erkältung ist zwar nicht gerade lebensbedrohlich, aber auch nicht so lustig, dass alle mitmachen möchten. Schon mal vorbeugend: Es gibt auch kein Grundrecht, seine Kinder mit Masern, Hepathitis oder Norovirus in die Schule schicken zu dürfen.
Die Grundrechte sind heutzutage auch nicht mehr das, was sie mal waren. Was es dem Gegreine von der „Diktatur“ zum Trotz tatsächlich gibt, ist das Grundrecht, Unsinn zu faseln. „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …“, sagt Artikel 5 Grundgesetz. Egal, wie bescheuert sie ist.

 

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Dost Mahlzeit!

Es ist unversehens Hochsommer geworden. Weil ich noch immer täglich ein Stück Artenvielfalt in die Jenaer Weltgeschichte twittere, komme ich zu erstaunlichen Erkenntnissen. Zum Beispiel diese: Eigentlich blüht immer irgendwas. Was auch irgendwie logisch ist. Die Pflanzen haben einen vehementes Interesse daran, ihren Nektar unter die Insekten zu bringen. Würden zu viele gleichzeitig blühen, dann würden sich die faulen Bienen und Hummeln auf wenige besonders ergiebige Arten spezialisieren. So aber kommt jeder mal dran. (Und ja, eigentlich geht es um das Ding mit den Blümchen und den Bienchen, nicht um Nektar.)
Derzeit blüht zum Beispiel der Dost. Ehrlich gesagt, bis letzte Woche wusste ich zwar, dass es Dost gibt und der irgendwie zu den Küchenkräutern zählt, aber ich hatte keine Ahnung, was es eigentlich ist. Ich habe das Zeug also fotografiert, den Pflanzenführer gewälzt und mich gefreut, dass meine Vermutung nicht so falsch war: Oreganum vulgare – vulgäres Oregano oder eben Dost. Oregano kennt man natürlich.
Im Moment ist der Kalkmagerrasen über Jena-Lichtenhain rosa-violett. Dost, so weit das Auge blickt. Man hört förmlich, wie die beflügelte Natur „Dost Mahlzeit!“ ruft und sich aufs sonnig-warme Buffet stürzt.
Unbezahlbar, wenn man Montags gefragt wird, was man am Wochenende so getan hat, und sagen kann: „Ich habe Oregano fotografiert!“

(Anklicken, damit man die Bilder in voller Schönheit sieht …)

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Notfallblog: Auf Kosten unserer Kinder

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Covid19 hat eine heftige Delle in die deutsche Wirtschaft gehauen. Man diskutiert, ob die Wirtschaft nun um 5 oder gar 6.5 % gegenüber dem Vorjahr geschrumpft ist, und es hört sich an wie Weltuntergang. Ein Vierteljahr (25 %) war mehr oder weniger alles nicht Lebensnotwendige geschlossen, und da gelten 6 % als Katastrophe, nicht etwa als Lackschaden. Natürlich gibt es Zweige, die es hart getroffen hat. Die Flugreise auf die Malediven, die im April durch Urlaub im Stadtpark ersetzt wurde, wird ebensowenig nachgeholt werden wie das Bier, das in der Stammkneipe nicht getrunken, und das Schnitzel, das nicht gegessen wurde. Konzerte werden zum Teil irgendwann nachgeholt, aber die Kultur ist definitiv arg dran.
Es ist an der Zeit, die Wirtschaft zu retten. Also nicht die armen Poeten, die ein halbes Jahr zu keiner Lesung eingeladen wurden, und nicht die Band, die auf dem Dorftanz spielt, sondern die Großkonzerne. Der Teufel scheißt bekanntlich immer auf den größten Haufen. Im Gegenzug verzichtet er weitgehend auf Beschäftigungsgarantien, faire Löhne oder auch nur ein Mitspracherecht als Großaktionär geretteter Unternehmen. Er verlangt nicht einmal, auf die Auszahlung von Dividenden zu verzichten, ehe der Konzern in den Genuss von Steuergeld kommt.
Mit anderen Worten: Da werden nicht die vielbeschworenen Arbeitsplätze, sondern die Gewinne der Reichen gesichert, die gut auch ein Jahr ohne auskommen könnten. Tatsächlich nutzt das eine oder andere Unternehmen, das vor der Krise ins Schleudern gekommen war, Covid19 als willkommenen Sündenbock. Die Autoindustrie etwa, die wegen selbstverschuldeter Skandale zurecht mit Umsatzeinbußen konfrontiert war. Die Kauflust leidet, wenn man nicht weiß, ob man nächstes Jahr mit dem gefälschten Sauberauto noch bis nach Hause fahren darf oder es irgendwo im Industriegebiet stehen lassen muss.
Natürlich geht das Ganze nicht ohne moralische Standpauken ab. Jetzt, tönt es, sei es an der Zeit, in die Zukunft zu investieren, und zwar in die Zukunft unserer Kinder. Wir dürften ihnen keine Schulden hinterlassen, unter denen sie unweigerlich zusammenbrechen würden. Das gute Geld darf also nicht für „soziale Wohltaten“ verschleudert werden.
Investition in die Zukunft, das heißt: in Technologien und Vorlaufforschung, die den Konzernen lieb, aber zu teuer sind. Da würde ja der Shareholder Value leiden … Das soll das mal schön Lieschen Müller mit ihren Steuern bezahlen.
Und das, liebe Leute, passiert auf Kosten unserer Kinder. Das Geld, das nicht für eine Kindergrundsicherung und soziale Infrastruktur, nicht für Schwimmbäder, ermäßigte Schülertickets, Bibliotheken, mehr Lehrer, Schulsozialarbeit und freie Jugendzentren verschleudert, sondern sinnvoll investiert wird, das nimmt man direkt den Kindern weg, die es am nötigsten brauchen. Also denen, die dumm genug waren, nicht in Shareholder-Familien hineingeboren zu werden. Woher nehmen Politiker die Überzeugung, einem Kind sei mit Investitionen in IT-Firmen und Batteriefabriken mehr geholfen als mit kostenlosem Nachhilfeunterricht und einer Theater-AG an der Schule? In Jena, das gemeinhin als Insel der Glückseligen gilt, hatten wir 2018 eine Kinderarmutsquote von 13.1 %. Arme Kinder haben schlechtere Bildungschancen als ihre wohlhabenderen Altersgenossen.
Wer in die Zukunft investieren will, der muss in Bildung und die Bekämpfung der Kinderarmut investieren, aber die armen Kinder würden frühestens in fünfzehn, zwanzig Jahren mit großzügigen Parteispenden die nötige Motivation schaffen.

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