Grundkurs Filzen

OB_PlakateVielleicht hat sich der eine oder andere gewundert, warum es hier in letzter Zeit so still war. Es hat einen Grund.
Ich kandidiere. Als Oberbürgermeisterin der Stadt Jena. Ich hatte es mir nicht so schlimm vorgestellt, und ich bin ganz froh, dass ich es mir nicht so schlimm vorgestellt hatte. Ich hätte es sonst nicht versucht, glaube ich, und das Ganze am Ende den Karrieristen überlassen.
Jede Interessengruppe der Stadt hat die Kandidaten entweder eingeladen oder mit einem Fragebogen versehen. In der Regel lautet die Frage: Wie wollen Sie unsere Lage verbessern? Selten, sehr selten fragt man nach dem Ob statt dem Wie.
In der Folge habe ich mehr Zeit mit den Konkurrenten als mit meinem häuslichen Gefährten verbracht. Das ist nur bedingt lustig, denn inzwischen kennt man jedes Statement und jeden schalen Witz der anderen, etwa die ach so lustige Bemerkung des Amtsinhabers, er habe ein befristetes Arbeitsverhältnis als Oberbürgermeister. Es gibt Phrasen, die bei mir inzwischen allergische Schübe auslösen, etwa die „Gespräche auf Augenhöhe“ mit dem Landkreis, „Jena muss wachsen“ oder „Wir sind auf einem guten Weg.“ Es hat was von schlechtem Provinztheater. Ich glaube, ich könnte inzwischen jeden der anderen Kandidaten problemlos vertreten. Bis auf mich und den parteilosen Bewerber aus einem der Jenaer Dörfer versucht nie einer, die gestellten Fragen zu beantworten. Jeder verbreitet seine standardisierte Botschaft, ob es nun passt oder nicht.
Die Antworten werden sich auch immer ähnlicher. Neuerdings hört man vom Amtsinhaber, er sei für das Schwimmbad und für sozialen Wohnungsbau, beides Dinge, die er bisher nicht mit der Feuerzange anfassen mochte. Ich argwöhne, er hat über die letzten zwei Jahre sorgsam Probleme angespart, die er jetzt demonstrativ lösen kann. Am deutlichsten ist das Mimikri beim Bewerber der AfD, der anfangs gar nichts sagte und inzwischen mit einem Sampler der Meinungen der anderen hausieren geht.
Der Kandidat der FDP möchte ein Straßenprojekt finanzieren, indem er auf das Wahlversprechen der Linken für einen kostenlosen Nahverkehr verzichtet – für das auch kein Geld im Haushalt ist. Also wenn man kein Geld für eine Bratwurst hat, kann man dafür immer noch ein Bier kaufen. Das ist nicht logisch, das ist Politik.
Die neueste Argumentationslinie des Amtsinhabers: Mit den hektischen Beschlüssen der letzten Monate zu allerlei Großprojekten gleichzeitig habe er ein derartiges Chaos angerichtet, dass nur er allein es aufdröseln könne. Sein Stadtentwicklungsdezernent und theoretischer Konkurrent von den Grünen sekundiert ihm: Kein Mensch ohne jahrelange Erfahrung in der Verwaltungsspitze dürfe OB werden, wolle man nicht die Zukunft der Stadt aufs Spiel setzen. Als Sahnehäubchen meint der OB, nur er sei hinreichend vernetzt in der Stadt, um all das „stemmen“ zu können. Schon aus geringer Entfernung kann man ein sehr dichtes Netz praktisch nicht mehr von einem Stück Filz unterscheiden. Um im Bild zu bleiben.
Wenn ich in der Hektik der Termine, Flugblattverteilung und Fragenbeantwortung irgendwann zum Nachdenken komme, freue ich mich, dass die beiden Profis inzwischen nervös wirken. Beide haben mit neuen, ebenso stupiden Motiven nachplakatieren lassen.
Morgen gibt es die Auflösung zum Thema. Das Beste daran: Es ist vorbei.

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Keine Kunst

(Wie immer: Anklicken, um die Galerie zu öffnen)

Die Jenaer Fußballfans sind nicht unbedingt meine Freunde, besonders deshalb, weil sie bis zu 60 Millionen Euro für ein neues, leichtathletikfreies Stadion haben wollen. Sie sind der Meinung, das stünde ihnen zu, und wenn man als Stadtrat lieber die Sportschwimmhalle haben möchte, bekommt man zu hören, dann sollte halt beides gebaut werden. Jena sei doch reich. Was Unsinn ist. Jena ist nicht arm, aber gerade mal Durchschnitt.
Als mir einer besonders hartnäckig auf den Wecker fiel, machte ich den Vorschlag, die Fans könnten als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der Stadt sämtliche Schmiereien und Aufkleber zum Thema FCC und Heilige Südkurve im Stadtgebiet entfernen. Worauf mir der Oberweckerfaller erklärte, er fände erstens die grauen Lampenmasten beklebt viel schöner, und zweitens sei es von mir verwerflich, die Street Art als Schmiererei zu bezeichnen.
Ich mag Streetart. Mein Titelbild gehört dazu. Es stammt aus Belfast. Nordirland ist in Sachen Street Art eine Fundgrube. Aber auch mein zeitweiliger Arbeitsort Hasselt in Belgien hat immer wieder neues zu bieten. In Jena gibt es einige subversive Sprayer, die da und dort ihre Botschaften hinterlassen – und geduldet werden. Mein Favorit ist der Katzenmensch, dessen Katzen unerwartet da und dort in der Stadt auftauchen. Dann gäbe es noch David Zinn und seine verwirrenden Einbrüche des Phantastischen in die Pflasterlandschaft.
Aber das lieblose „FCC“-Gesprüsel? Tut mir leid. Das ist zwar Street, aber definitiv artless, also keine Kunst. Und es ist rücksichtslos. Keinen Monat hing die neue Beschilderung von Joggingstrecken – übrigens größtenteils mit privaten Spenden finanziert. Ich fand das sympathisch. Tausende Jenaer laufen durch Paradies und über Berge. Die Fußballfans sehen in den neuen Schildern offenbar nur eins: neue Klebefläche für ihren Müll. Leichtathletik raus aus dem Stadion, zur Hölle mit den Läufern … Hauptsache Fußball.
Vor Kurzem hat man einen der selbsternanntnen Straßenkünstler erwischt. Ich würde den zu gemeinnütziger Arbeit verdonnern: Aufkleber und Grafitti entfernen.

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Unisex-Toiletten 3: Steuerverschwendung!

Unisexklo3.jpg

Toilette auf Senja/Norwegen. Gibt da sogar warmes Wasser, mit Solarstrom geheizt.

Unisex-Toiletten sind in vielen Gegenden der Welt kein Thema. Norwegen habe ich als entspanntes positives Beispiel ja schon vorgestellt.
Jetzt hat die Universität Jena All-Gender-Toiletten eingerichtet, weil es Menschen gab, die sich auf den Single-Gender-Toiletten nicht recht wohl fühlten. Wenn man als Dragqueen unterwegs ist, hat man vermutlich sowohl in der weiblichen als auch in der männlichen Toilette ein Problem mit der allgemeinen Akzeptanz. Der Studierendenrat wollte deshalb Unisextoiletten, die „dazu beitragen, dass für Inter-, Trans-und Queer-Personen ein sicherer Raum (Safespace) geschaffen würde, in dem sie unbeschwert auf Toilette gehen“ können. Das kann man je nach Gemütslage rührend oder albern finden. Das „unbeschwert auf Toilette gehen“ fasziniert mich jedenfalls. Ich gehe da meist hin, um mich zu erleichtern, also eher beschwert.
Die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag scheint das weniger lustig zu finden. Die hat dazu tatsächlich eine Kleine Anfrage eingereicht, die kürzlich beantwortet wurde. Man witterte skandalöse Steuerverschwendung, die zu Einschränkungen der Qualität der Lehre führen könnte.
In der Tat hat die Universität horrende 200 € für die Umschilderung ausgegeben und gleich noch für 145 € weitere Schilder geordert. Das Ministerium antwortete höchst sachlich: „Weder aufgrund der mitgeteilten Kosten für die Beschilderung von „All-Gender-Toiletten“ noch aus sonstigem Grund kam es an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu Sparmaßnahmen auf Kosten der Studienqualität.“ Ich bewundere das. Ich hätte vermutlich geschrieben, dass am 2. Januar alle Lehrveranstaltungen um eine Minute gekürzt werden mussten, um die Unisex-Toiletten gegenzufinanzieren. Die Universität hat aus Landesmitteln einen Etat von 40 Mio. € pro Jahr. Wir reden hier von 0.008 Promille. Mit Deutschland geht es bergab.
Landtage und Ministerien beschäftigen sich allen Ernstes mit der Beschilderung von Toiletten. Die AfD ist eine echte Bereicherung.

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Das wahre Leben: Dings

„Du könntest uns noch zwei Schüsseln Dings machen.“
„Ich wollte gerade fragen, ob du Dings willst und welches Dings du reinrühren willst.“
„Also ich würde wieder Dings dazu nehmen.“

Schön, wenn man sich so ganz ohne sinnvolle Worte versteht …

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Aus dem Leben eines Experimentalphysikers

1. Akt
„Werden die Umwelttests rechtzeitig fertig?“
„Nein, ich habe für die kommende Woche keine Anlagenzeit bekommen. Wir können das erst übernächste machen.“
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten. Dafür seid ihr verantwortlich.“
„Das erste Labor hatte keine Ahnung von dem, was sie tun, und das zweite hat vor zwei Wochen seine Maschine geschrottet. Ich habe einen Tag herumtelefoniert, um kurzfristig Ersatz zu bekommen. Ich bin froh, dass ich überhaupt was habe.“
„Ja schon, aber wir müssen den Zeitplan einhalten. Ihr wisst das doch seit drei Monaten!“
„Weder die Unfähigkeit noch die kaputte Maschine waren geplant …“
„Ihr wisst das seit drei Monaten!“

2. Akt
„Habt ihr die Umwelttests jetzt abgeschlossen?“
„Ja, schon.“
„Dann können wir das freigeben?“
„Nein.“
„Wie – nein?“
„Die Module haben den Test nicht bestanden.“
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten.“
„Sie sind kaputt.“
„Wie konnte das passieren?“
„Als der Panzer drüber fuhr, ist das Gehäuse gebrochen. Ihr wisst, aus Kostengründen ist das aus Plastik und nicht aus Adamantit. Und beim Sturz in die Sonne ist das Lötzinn auf der Platine geschmolzen.“
„Bist du sicher, dass die Temperatur der Sonne korrekt war?“
„Es ist zwar Winter, aber die Sonne ist trotzdem so warm wie immer.“
„Aber wir brauchen den bestandenen Test für die Produktionsfreigabe. Das wisst ihr doch seit drei Monaten!“

3. Akt
Der Test muss wiederholt werden, nachdem man zwar nicht Adamantit, aber immerhin einen robusteren Plastikwerkstoff eingesetzt hat. Das Prüflabor ist ausgebucht.
„Aber wir müssen den Zeitplan einhalten!“
„Die Extrarunde war in der Planung nicht vorgesehen. Tests, die nicht bestanden werden, sind aus Kostengründen grundsätzlich nicht vorgesehen.“
„Ihr wisst aber doch seit drei Monaten, wann die Tests abgeschlossen sein müssen.“
Ein Wunder geschieht. Ein Kunde sagt ab, das Labor ruft an. Statt am Montag kann der Test schon am Donnerstag stattfinden, wunderbare vier Tage früher. Hektik, Überstunden, früh vor Tau und Tag auf der Autobahn. Alles läuft.
Freitag Morgen:
„Ehe wir am Montag den Umwelttest machen, müssen wir uns noch einmal abstimmen. Der Kunde überlegt, ob die Spezifikation so richtig ist. Die simulieren das übers Wochenende.“
„Der Test war gestern. Wir sind auf Knien um die Typen rumgerutscht, damit sie das vorziehen.“
„Aber der Kunde will die Spezifikation ändern. Wir erfahren am Montag, wie geprüft werden soll.“
„Schön, aber am Montag findet kein Test statt. Der war gestern.“
„Aber wir können doch nicht anders testen, als der Kunde das haben will!“
„Gut, dann versuche ich mal, eine Zeitmaschine zu buchen …“

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Sturz in die Sonne – 2

Der Klimawandel ist unabstreitbar da! Und wahrscheinlich stürzen wir wirklich in die Sonne (Astronomen sind überzeugt, dass genau das passiert).

ZweistelligeTemperaturen

Wenn die Temperaturen ab Mittwoch auf über 50°C steigen, dann wird das auch den letzten Skeptiker überzeugen.
Wenigstens habe ich schon mal in der Klimakammer geübt. Ich hoffe, es geht nicht bis auf 85°C hoch. Und ich fürchte, die Krokusse, die gerade ihre Nasen aus der Erde stecken, werden schlecht damit zurecht kommen.

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Sturz in die Sonne

HighTEs gibt nur eins, was den Physiker mehr quält als Science-Fiction-Storys von naturwissenschaftlich unbedarften Autoren: Science-Fiction-Filme. Tatsächlich antwortete mir ein Autor auf die Frage, warum er glaube, ein Sturm auf dem Mars könnte schwere Stahlplatten bewegen: „Das hab ich in einem Film gesehen.“ Argh! Das mit dem Sturm erkläre ich andermal.
Auch ein sehr beliebtes Szenario zur Steigerung der Dringlichkeit: Das Raumschiff stürzt in die Sonne! In irgendeine Sonne, Hauptsache, es ist heiß. Die Thermometer schmelzen, es sind 50, 60 oder auch 100°C. Die Besatzung schwitzt nicht nur, sie ist auch unglaublich schmutzig. Wie schaffen die es, Dreck auszuschwitzen? Natürlich laufen alle, weil es ja HEISS ist, halb nackt herum. Und arbeiten hektisch an allerlei Gerätschaften, um die Welt zu retten. Oder wenigstens das Raumschiff.
Erfahrungen kann man bekanntlich durch nichts ersetzen – außer durch andere Erfahrungen. Da trifft es sich gut, dass der Kunde meint, die Fotokamera müsste auch bei 80°C noch gestochen scharfe Fotos machen. Damit man beim Sturz in die Sonne noch schöne Selfies machen kann. Wenn die Sonne nicht bereits die WLAN-Antenne abgeschmolzen hat, kann man die noch schnell zur Erde twittern.
Als Laborratte vom Dienst darf ich den Test machen – Fotos bei -20 bis 80°C, während die Klimakammer langsam in die Sonne trudelt. 40°C sind noch ganz lustig, nur ein bisschen trocken. Bei 50°C beschließe ich, nicht die kurzen Hosen anzuziehen. Der Testaufbau, über den ich immer wieder klettern muss, ist unangenehm heiß. Eine Stunde später bei 60°C verfluche ich den Leichtsinn, ohne Socken auf Arbeit gegangen zu sein – ich habe mir gerade den großen Zeh verbrannt. Ab 70°C arbeite ich mit Handschuhen. Bis auf die Styroporkiste mit der Steuerelektronik kann man nichts mehr anfassen – nicht die Aluprofile, nicht die Kameras, nicht die Leiterplatte und auch nicht das USB-Kabel, das in die Außenwelt führt.
80°C. Es wird ernst. Ja, ich schwitze. Aber ich bin nicht dreckig. Das hat einen einfachen Grund: Es tut scheußlich weh, wenn man irgendwo anstößt. Also stoße ich nicht an. Meine Füße sind bald gar, denn wenige Zentimeter über dem Boden strömt die heiße Luft in die Kammer. So also fühlt sich ein Huhn bei Umluft … Während ich an Kabeln herumfummle, die mit zunehmender Temperatur immer weniger zu passen scheinen, denkt ein Teil des Gehirns verzweifelt an Socken. Die Kameras sind trotz den Handschuhen heiß. Die Augen versteinern, denn von vorn kommt noch immer glühende Luft. Die Welt schrumpft. Wichtig sind nur noch zwei winzige Stecker … und der Matrixcode-Scanner, der sich weigert, die Nummer der Kamera einzuscannen. Das kostet Sekunden.
Erleichtert werfe ich hinter mir die schwere Betontür zu, die gut in eins der gammeligen Raumschiffe passen würde, die in Sonnen zu stürzen pflegen, und rufe: „Schubumkehr!“ Kalte Luft strömt in die Klimakammer, das heißt, minimal kältere. 77.5°C.
Solltet ihr jemals vorhaben, mit einem Raumschiff in die Sonne … vergesst Socken und Handschuhe nicht. Sonst wird es mit der Rettung in letzter Minute echt schwierig.

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