Wahlwerbung 3.6: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Immer wenn man glaubt, es könnte schlimmer unmöglich werden, beweist einem jemand das Gegenteil. Bisher war ich vom angedrohten Haustürwahlkampf verschont geblieben. Manchmal ist es von Vorteil, mitten in einer Baustelle zu wohnen.
Nun aber flatterte der neuste Coup der FDP in den Briefkasten. Nachdem sie in der letzten Woche schon mit Aufklebern in Barbie-Pink um die Gunst der jüngsten Wählerinnen geworben hatten, warnen sie nun vor schwarz-roten Ringelsocken:
WurfsendungFDPWas, um alles in der Welt, soll das denn? Mit Kommunisten spricht man nicht? Man könnte sich anstecken? Warnung vor einer CDU/Linke-Koalition? Irgendwie erinnert mich das fatal an “Der Bolschewismus bedroht unser Land!”.
Zu den Dauerbrennern Schulnoten und an FDP-Mangel dahinsiechenden Mittelständlern ist den Liberalen diesmal noch ein Thema eingefallen, das praktisch jede Thüringer Partei im Programm hat: der drohende Ärztemangel in ländlichen Gebieten.

“Ohne uns wären:

  • Viele kleine Betriebe bald weg.
  • Schulnoten bald Geschichte.
  • Medizinische Versorgung, vor allem im ländlichen Raum, bald nicht mehr sichergestellt.”

Ich zitiere dazu mal die Linke:
“Wir werden uns im Dialog mit den Krankenkassen für die Einrichtung von Landambulatorien einsetzen, in denen sowohl Allgemeinarztpraxen als auch Praxisräume für Fachärztinnen oder -ärzte, Apotheken sowie weitere Räume für Physiotherapeuten und Pflegedienste vorgesehen sind. Um der finanziellen Belastung einer Praxisübernahme zu entgehen, sollen Ärztinnen und Ärzte in den Landambulatorien angestellt werden können. “

Nur so als Beispiel. Das sollte klar machen, dass ohne die FDP da gar nichts mehr geht. Wir werden verhungern, verdursten und unbenotet am Schnupfen sterben. Ehrlich, so eine Kampagne hat nicht einmal die FDP verdient. Und morgen müssen sie auch noch bei Nieselregen in der Fußgängerzone stehen. Als Service für den Wähler hat man wenigstens noch ein Flugblatt zu den Risiken und Nebenwirkungen beigelegt.

Jena, Schillerstraße

Jena, Schillerstraße

Immerhin entdeckte ich dann noch ein Plakat, das endlich mal eine klare Ansage macht, mit der ich mich voll identifizieren kann:

Der kleine gelbe Zettel gehört nicht dazu. Auf ihm steht: “Wofür bist du (heute) dankbar?”
Ganz klar: für exakt dieses Plakat.

 

Was bin ich froh, dass am Sonntag alles vorbei ist. Irgendwie ist es wie sechs Wochen Fastnacht – man wäre gern mal wieder ganz normal und langweilig.

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Von der Schädlichkeit bürgerschaftlichen Engagements

Die Lützowstraße werde in Ordnung gebracht, aber für die Anlieger würden dadurch keine Kosten entstehen, schrieb ein Herr Eisenberg von KSJ vor über einem Jahr an die Lichtenhainer Ortsteilrätin Henriette Brakhage. Die trug die frohe Botschaft an die Lichtenhainer Einwohnerschaft weiter.
Am gestrigen Donnerstag beschäftigte sich der Stadtentwicklungsausschuss mit der Frage, ob diese e-Mail eine verwaltungsrechtliche Zusage, also verbindlich, war. Herr Dornbusch vom Rechtsamt der Stadt legte die Gesetzeslage dar. Kurz zusammengefasst: April, April! Eine derartige Zusage erfordert die Schriftform. Dem genügt eine e-Mail nur, wenn sie nach einem zertifizierten Verfahren signiert ist. Ansonsten ist sie nicht mehr wert als die Elektronen, mit denen sie transportiert wurde.
Aber selbst wenn die Botschaft mit Blut in karolingischen Minuskeln auf Pergament geschrieben worden wäre, könnte sich kein Lichtenhainer darauf berufen. Die Bürgerin Henriette hätte gute Chancen, die Ortsteilrätin Brakhage dagegen nicht. Denn sie ist Teil der städtischen Selbstverwaltung, und damit Verwaltung. Der Schriftwechsel war rein verwaltungsinterne Kommunikation und damit rechtlich völlig irrelevant. Pech gehabt. Der vertrauensselige Bürger, der sich mit seinen Sorgen an den Ortsteilrat wendet, die Ortsteilrätin, die engagiert und pflichtbewusst sein Anliegen gegenüber den städtischen Behörden vertritt – sie sind gleichermaßen die Deppen. Was immer sie auf diesem Wege erfahren oder versprochen bekommen, hat die rechtliche Relevanz eines Fliegenschisses im Gesetzbuch.
Trifft übrigens auch auf Stadträte zu. Die anwesende Opposition (Linke, Bürger für Jena, Piratin) reagierte ungläubig bis fassungslos.
Wenn sich künftig ein Bürger mit seinen Sorgen an mich wendet, dann helfe ich ihm gern beim Aufsetzen seines Briefes. Den aber sollte er unbedingt ausdrucken und möglichst mit einem berittenen Boten an die zuständige Stelle schicken. Doch Vorsicht! Der Amtsschimmel muss korrekt geparkt werden, sonst kommt am Ende noch ein Mitglied der nichtgewählten Verwaltung daher und kassiert noch einmal kräftig ab.

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Öffentlicher Raum: Žilina

Seit einiger Zeit gehe ich anders durch fremde Städte, und ich fotografiere auch andere Dinge. Anstoß war die immer wieder geäußerte Behauptung, keine vergleichbare Stadt würde sich im Zentrum einen Platz wie den Jenaer Eichplatz leisten.
Viele slowakische Städte haben im Zentrum einen geradezu gigantischen, langgestreckten Freiraum, auf dem nicht selten die Kirche und das Rathaus und vielleicht noch irgendein anderes öffentliches Gebäude steht, etwa ein Glockenturm. Unbedingt gibt es da aber auch eine üppige Grünanlage, irgendwelche Denkmäler und Springbrunnen. Eine größere Pflasterfläche für Wochenmarkt und Kultur darf auch dabei sein.
Nach Žilina bin ich eher zufällig gekommen. Die Stadt lag am Weg. Sie hat reichlich 80000 Einwohner, und sicher wird jemand schreien, das sei mit Jena nun überhaupt gar nicht vergleichbar. Oder doch? In Žilina ist das Layout etwas anders, weil die Stadt ein ziemliches Gefälle hat. Aber es gibt sogar Berge ringsum, eine übersichtliche Altstadt, ein Lobeda-Äquivalent am Rand. Und es gibt mehrere Plätze im Zentrum. Der Marienplatz ist das, was man bei uns den Marktplatz nennen würde – mit Marienstatue.
Ringsum haben die Häuser großzügige Arkaden, eine Erfindung, die in Gegenden mit nennenswertem Wetter sofort einleuchtet: Bei Sonnenglut im Sommer gibt es kühlen Schatten, bei Regen Trockenheit. Sie laden ein zum Flanieren. Es gibt eine kleine Grünanlage ebenso wie Bänke, Bäume, Büsche am Rande des Platzes. Am frühen Abend fand ein kostenloses Konzert eines Swing-Orchesters der US Armee statt, ein Teil des Žilinaer Kultursommers. Bei aller Antipathie gegen Armeen – das ist immer noch eine der sympathischeren Tätigkeiten von Soldaten. Jedenfalls war der Platz voller Leute, die sichtlich Spaß hatten, und zwar vom Säugling bis zur Urgroßmutter. Auch die Gaststätten rings um den Platz hatten keinen Mangel an Besuch. 20:00 Uhr war übrigens Schluss, was den Stress mit genervten Anwohnern vermutlich in Grenzen hält.
Ein paar Schritte weiter liegt der Andrej-Hlinka-Platz, großzügig unterhalb der Kirche ausgebreitet, erreichbar über eine feudale Treppe. Mitten auf dem Platz fand sich ein Beach-Volleyball-Feld, extra aufgeschüttet. Ob für eine Veranstaltung oder einfach zur sommerlichen Volksbelustigung, konnte ich nicht herausfinden. Auch hier eine Menge Bäume, am Rand der gepflasterten Fläche nicht in diese winzigen Baumscheiben gepfercht, sondern mit reichlich unversiegeltem, grasbewachsenem Boden. Zwischen Treppe und Platz plätscherte über mehrere Terrassen ein riesiger Springbrunnen, der mich wegen des floralen Gebildes im oberen Becken und des gefließten Bodens sofort an den ehemaligen Jenaer Orchideenbrunnen erinnerte. Ich könnte wetten, dass bei schönem Wetter tagsüber Kinder darin herumplanschen, die nicht wissen, dass sie damit gegen jede EU-Vorschrift verstoßen.
Hinter diesem Platz erstreckt sich noch eine weitläufige Grünanlage, wie mir hinterher ein Blick auf den Stadtplan verriet.
Žilina, überhaupt nicht mit Jena vergleichbar, leistet sich jede Menge öffentlichen Raums mitten im Zentrum der Stadt. Dieser Raum, historisch und neuzeitlich strukturiert, abwechslungsreich und grün, lebt, wird genutzt und bespielt. Die Idee, da vielleicht ein weiteres Shopping Center zu errichten (natürlich hat auch Žilina diese Segnungen der modernen Kultur), wirkt absurd, sogar auf die Heiligen.

(Eins der Bilder anklicken, um die Galerie zu öffnen.)

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Musik als Waffe

DudelsackAls die Engländer Schottland endgültig unterworfen hatten, verboten sie nicht nur die gälische Sprache, den Kilt und das schottische Breitschwert, sondern auch den Dudelsack. Der galt als Kriegswaffe, und gelegentlich kann man dafür Verständnis haben.
Heute sieht man das entspannter, und so hat jedes Provinznest seine Pipe Band, die zu allen denkbaren Anlässen pfeift – natürlich im Kilt. Die Lochaber Schools’ Pipe Band etwa stellt sich abends auf den Marktplatz von Fort William und pfeift ein paar lustige Liedchen, während eine der Mütter nicht mit dem Hut, sondern mit einem Eimer herumgeht und um großzügige Spenden bittet. Das Geschäftsmodell funktioniert – man weiß ja, was man gerade für sein Geld bekommen hat.
Der Band Mànran verdanke ich die Erkenntnis, dass es Dudelsäcke genau wie Gitarren neuerdings in elektrischer Form gibt – oder vielleicht in pneumatischer, denn da übernimmt offenbar eine Pumpe das Aufpusten. Rein akustisch macht es keinen großen Unterschied, aber es sieht irgendwie nur halb so cool aus. Wahrscheinlich strengt es weniger an, und ganz bestimmt steht man nicht plötzlich ohne Luft da, weil man das Pusten vergessen hat. “Oran Na Cloiche” handelt übrigens vom Stone of Scone, auf dem ehedem die schottischen Könige gekrönt wurden. Das gleiche absurde Instrument verwendet Malcolm Jones von Runrig, um den Maschinenraum in Musik zu verwandeln – mutmaßlich den einer CalMac-Fähre (Davon hatte ich mal eine deutlich bessere Aufnahme gefunden, aber YouTube behauptet, die gäbe es nicht. GEMA, ich weiß, dass du es bist! Dabei sieht die Band es erstaunlich entspannt, wenn Leute ihre Konzerte mitfilmen).
Ganz ohne Dudelsack kommt erstaunlicherweise die Folkrockband Washington Irving aus. Mit Ausnahme des Schlagzeugs hat bei denen alles Saiten – im Falle der Säge, die mühelos ein Keyboard ersetzt, zumindest der Bogen. Ich bin rein zufällig über die Truppe gestolpert. Washington Irving? War das nicht ein uralter Dichter? Was hat der auf einem Konzert verloren? Tatsächlich ist es kein alter Amerikaner, es sind eher junge Schotten aus Glasgow, die sicht- und hörbar jede Menge Spaß haben, wenn sie Musik machen. Bei mindestens der Hälfte der Lieder habe ich Mühe, die Füße stillzuhalten. Hilft auch gut gegen Müdigkeit am Lenkrad, wenn die Autobahn kein Ende nehmen will. Auf jeden Fall ist es ein guter Soundtrack für diesen September, wenn die Abstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands auf dem Plan steht.

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Die suggestive Macht der Zahlen

Das Buch “Lügen mit Zahlen” von Gerd Bosbach und Jürgen Korff kann man nicht oft genug empfehlen. Man lernt da die wildesten Dinge über Statistik, unter anderem, dass Kommastellen in Wahlprognosen völliger Mumpitz sind, weil die systematischen Fehler viel größer als 1 % sind. Wenn tatsächlich 2 % der Bevölkerung die NPD wählen wollen, man aber nur 500 befragt, dann hat man bei einer absolut repräsentativen Stichprobe exakt 10 NPD-Wähler dabei. Aber was ist schon absolut repräsentativ?  Wahrscheinlich hat man eher 8 oder 12 dabei – das wären dann 1.6 oder auch 2.4 %, zwei sind unsicher und drei lügen.
Vor Wahlen wird es regelmäßig hektisch. Jeder macht noch schnell eine Umfrage. Egal? Umfrageergebnisse haben eine suggestive Wirkung, insbesondere wenn es eine 5 %-Hürde gibt. Keiner, der sich auf den Weg ins Wahllokal macht, möchte seine Stimme wegwerfen (okay, bis auf eine Mindermenge Ungültig-Wähler). Wenn eine Partei vor der Wahl also beharrlich bei 3 % steht, dann wählt man eher eine andere. Und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Wer sich nicht ernsthaft informiert, neigt tatsächlich dazu, den vermutlichen Wahlsieger zu wählen – weil man beim Sieg irgendwie dabei sein möchte. Klingt bescheuert, aber es gibt auch Leute, die Dauerwerbesendungen gucken und Steakmesser kaufen. Eine Umfrage ist also bestens zur Manipulation geeignet. Hinzu kommt, dass die Institute nie die wirklichen, rein rechnerischen Zahlen verwenden, sondern streng geheime Normierungsfaktoren ansetzen, wie man dank Bosbach weiß.

Die dicken Blöcke zeigen das endgültige Wahlergebnis 2009

Die dicken Blöcke zeigen das endgültige Wahlergebnis 2009

Neugierhalber habe ich mir die Umfragewerte für Thüringen angesehen – und zwar die vor der letzten Wahl. Interessant ist die Fieberkurve im Sommer 2009. Daran sind verschiedene Institute und verschiedene Auftraggeber beteiligt: ARD, ZDF, BILD, MDR, Stern, Freies Wort … Sogar die Thüringer Staatskanzlei ließ 2008 die Wählergunst erforschen – wozu eigentlich? Die Stichproben lagen zwischen 1005 und 369 Wählern. Gegenüber den tatsächlichen Wahlergebnissen gibt es zwei klare und interessante Abweichungen: Die CDU wurde von ausnahmslos allen deutlich zu gut eingeschätzt (bis zu 10 %!), die Linke nicht ganz so deutlich zu schlecht. Bei der FDP gab man sich offensichtlich Mühe, ein stabiles Ergebnis über 5 % zu präsentieren, um Wähler zu ermutigen. Thüringen ist nicht gerade die FDP-Hochburg. Inzwischen schon gar nicht mehr.

Wahlprognose2014
Diesmal scheint sich die CDU nach einem spektakulären Einbruch Anfang des Jahres wieder berappelt zu haben und doch wieder besser dazustehen als bei der letzten Wahl. Aber irgendwie sehen sich die Kurven verdammt ähnlich. Derzeit ist es mehr die AfD, der man angestrengt den Einzug in den Landtag vorhersagt. Als vorsichtige Verschwörungstheorie kann ich diese anbieten: Ein Einzug der AfD mit 10 % wie in Sachsen könnte die Option Rot-Rosa-Grün von Anfang an zunichte machen und nur noch Schwarz-Rosa übrig lassen. Das scheinen im Moment die Lieblingsfarben der deutschen Industrie zu sein, weil die Mischung dafür sorgt, dass Politik nicht stattfindet. Zumindest in den letzten 5 Jahren waren die Koalitionäre im Land wahlweise mit ihren Skandalen und Attacken gegen den Partner beschäftigt.
Es bleibt also spannend. Liegt man diesmal ähnlich daneben? Ihr habt es in der Hand – in reichlich einer Woche.

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Wahlwerbung 3.5: Lügt wenigstens besser!

Jena, Teichgraben. Von ferne gelesen scheint der Metatext "Bildung einstellen" einen höheren Sinn zu haben.

Jena, Teichgraben. Von ferne gelesen scheint der Metatext “Bildung einstellen” einen höheren Sinn zu haben.

“500 Lehrer pro Jahr einstellen” plakatiert die SPD, und der informierte Leser wundert sich. Stellt die SPD nicht den Bildungsminister im Freistaat? Stand im Koalitionsvertrag nicht, man wollte bis 2015 insgesamt 2500 Lehrer einstellen, also immerhin 417 pro Jahr?
Daraus scheint nicht viel geworden zu sein.
Thüringen hat in Deutschland die zweitältesten Lehrerkollegien. Fast 55 % sind älter als 50 Jahre, meldet das Statistische Bundesamt. Nur die Berliner Lehrer sind noch ein wenig älter (55.6 % Ü50). Die Thüringer Schulstatistik wies zu Schulanfang 2013 ein Durchschnittsalter von 51.2 Jahren aus. 2009, als Christoph Matschie (SPD) Minister für Bildung wurde, waren es noch genau 50 Jahre.
Vor einem Jahr waren 1525 Lehrer älter als 60 – etwa 10 Prozent, wobei viele Lehrer die Möglichkeit zur Frühverrentung nutzten und vorzeitig ausgestiegen sind. Unter 40 sind genau 2424 oder 16 % der Lehrer. Die Verteilung sieht dramatisch aus. Die starken, alten Jahrgänge haben 800 bis 1000 Lehrer – alte DDR-Bestände. Die jungen kommen auf etwa 100. Die Alten werden also demnächst 900-Stück-weise in Rente gehen, und die SPD will dieses Loch mit 500 Jungen stopfen.
Auch insgesamt nimmt sich das alles sehr bescheiden aus. In Matschies Amtszeit sank die Zahl der Vollzeit-Äquivalente um 2.5 %. Die Zahl der Lehrer nahm also noch einmal ab – wie all die anderen Jahre nach der Wiedervereinigung auch. Derweil befindet der Minister, “stille Beschäftigung”, also eine Art Hausaufgaben in der Schule, sei kein Unterrichtsausfall, auch wenn niemand die Schüler unterrichtet, sondern die sich selbst beschäftigen. Ansonsten wäre die Ausfallstatistik zu peinlich. Wenn man weiß, dass es in Thüringen 905 allgemeinbildende Schulen gibt, dann kann man mit Mathematik der 4. Klasse ausrechnen, dass auf jede Schule pro Jahr etwas mehr als ein halber neuer Lehrer kommt. 

Lehrerstat2
Falls sich die SPD überhaupt an ihre Versprechen hält. Aber da sie nach der Wahl vermutlich wieder der Angst vor dem politischen Wechsel befallen und sie sich der CDU in die Arme werfen wird, kann sie 2019 abermals behaupten, es habe alles nur am Koalitionspartner gelegen. In der untenstehenden Grafik gibt die gelbe Kurve die Teilzeitstellen an (Altersteilzeit, Stellenteilung …), blau die Vollzeitstellen und schwarz die Summe aus beiden – seit 1991. Da sieht man seit 2009 doch deutlich die Handschrift der mitregierenden SPD, oder?

Lehrerstat1
Wie wäre es, wenn die altrosa Wahlkämpfer plakatieren: Wir stellen so viele Lehrer ein, wie die CDU uns lässt?

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Sag mir, wo die Deutschen sind …

CingovDie deutschen Touristen fehlten, sagt der slowakische Zeltplatzbesitzer. Sie führen lieber in billigere Länder: Bulgarien, Rumänien, Albanien …
An dieser Stelle begann ich zu denken. Bulgarien – ja, der Billigurlaub schlechthin, aber da gehen die Leute in ein Hotel, weil es bis Bulgarien mit Zelt und Auto echt nicht der nächste Weg ist. Rumänien? Kann mich nicht erinnern. Und Albanien?! Ich kenne Leute, die in Hongkong, Belize oder Nepal Urlaub machen, aber noch nie habe ich gehört, dass jemand allen Ernstes Albanien als Urlaubsland erwogen hätte. Das kann’s also nicht sein.
Der Zeltplatz wirkte, als habe er vor etwa 30 Jahren richtig gut ausgesehen. Zwar funktionierte alles, aber es schien auf deprimierende Weise der letzte Rest des Sozialismus zu sein. Damals, als wir noch Campingplätze reparierten und die Hütten alle zwei Jahre neu anstrichen – in fröhlichen, lebensbejahenden Farben. Farbe blätterte, zwischen den Wegplatten wucherte Unkraut.
Zeltplatz 2 hatte nur eine Rolle Klopapier für vier Buchten. Wahrscheinlich war deshalb kein Riegel an den Türen, damit man beim Nachbarn fragen konnte, ob er vielleicht gerade die kommunale Rolle hat … Zum Glück klemmte wiederum die Tür, so dass man nur ins Freie gelangte, wenn man sich mit der Schulter gegen sie warf. Nicht ganz einfach mit zehn Zentimeter Anlauf – es war so eng, dass ich mir jedes Mal beim Aufstehen vom Topf die Knie stieß. Im Waschraum lief das Wasser nicht ab, die Dusche wechselte willkürlich alle zehn Sekunden die Temperatur zwischen kochheiß und eiskalt, und die Küche sah aus wie das, was man beim Sperrmüll auf der Straße findet.
Nummer 3 hatte in moderne Technik investiert: Drehkreuz und Überwachungskamera am Eingang und Automaten, die auf Einwurf eines 30-Cent-Chips genau 3 Minuten Duschwasser ausgeben. Die Hütte, die wir in Erwartung des nächsten Wolkenbruchs gemietet hatten, schien jedoch auch ein Erbe der sozialistischen Misswirtschaft zu sein. Überm Klo faulte die Decke durch, im Regal war ein Loch, an Wänden und Stühlen fand man die Graffiti der letzten zwanzig Jahre (einschließlich Jahreszahlen). Vor der Tür lag ein angefaultes Brett, vier 2 cm lange Nägel nach oben. Herzlich willkommen. Ich weiß nicht, wo es fehlte.
Vielleicht sind die deutschen Zelturlauber gar nicht in Bulgarien. Neulich fiel mir ein Neues Deutschland in die Hände, in dem man über veränderte Campinggewohnheiten sinnierte: Der typische Camper sei nicht mehr der arme Jugendliche, sondern eher ein gutverdienender Mensch mit Sehnsucht nach Natur. Gute Campingausrüstung ist teuer. Ich habe unzählige deutsche Camper in Frankreich gesehen, in Großbritannien, in Skandinavien. Alles das  Gegenteil von billig. Aber Gegenden, die einen Klo-des-Jahres-Wettbewerb veranstalten, um besonders saubere und komfortable Toiletten zu ehren. Kann ja sein, dass wir Sehnsucht nach der Natur haben. Aber wir möchten auch eine warme Dusche und eine diskrete Ecke für unsere Verdauungsabfälle – mit Riegel und Platz für Beine. Und vielleicht nicht diesen rostigen Blühende-Landschaften-Charme, sondern die fröhlichen, lebensbejahenden Farben von früher, meinetwegen sogar mit Blumenmuster.

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