Fundstück: Brötchen in Flaschen

Schon mal eine Flasche Brötchen gekauft? Nein, ich verlade dich nicht:

Flaschnbroetchen

In der Lübecker Hüx-Straße gibt es einen Laden, der einfach alles hat, was irgendwie mit Backen zu tun hat – Backformen aus Stahlblech, Keramik, Papier oder Silikon, Muffinförmchen mit Aufdruck zu jedem denkbaren Anlaß und Ausstechformen in Schubkarren-, Motorrad- oder Fledermausform. Und Flaschen mit Brötchen natürlich. Prost!

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Beamtenseelen im Parnass

Als sich 1989/90 die DDR auflöste, da bekam ich mit dem Westen Deutschlands etwas, das ich nie vermisst hatte, und verlor die Selbstverständlichkeit der Welt. Zu den wunderbaren Dingen, die der DDR auf den Müllhaufen der Geschichte folgten, gehörte das Poetenseminar der FDJ in Schwerin. Alljährlich im August wurden 120 junge Poeten (also Leute, die an ausgeprägtem Schreibzwang litten) aus dem ganzen Land eingeladen, sich eine Woche lang mit nichts als Literatur und Literaten (vorwiegend des anderen Geschlechts) zu befassen.
Die Eingangstür des Pädagogischen Instituts “Paulshöhe” war das Tor zum Paradies. Denn ganz ehrlich: Wer als Schüler Geschichten oder Gedichte schreibt, der hat es nicht ganz leicht. Der weiß, dass er einen seltenen und unheilbaren Klitsch hat, für den 99 % der Bevölkerung kein Verständnis aufbringen. Im Gegenteil. Die meisten halten es für anmaßend, dass man in einer Liga mit Goethe oder J.K. Rowling mitspielen will. Ein guter Fußballer hat eindeutig mehr Reputation als einer, der saubere Hexameter schreiben kann.
Eine Woche im Jahr durfte der junge Poet sich völlig normal fühlen. Die Gesetze von Raum und Zeit waren aufgehoben, der real existierende Sozialismus fand anderswo statt, und allein die Luft in Schwerin machte einen Tag für Tag betrunken. Es war der wunderbarste Ort der Welt. Heute ist er ebenso fiktiv wie Fiddler’s Green oder das Land hinter dem Spiegel.
Wenn man noch immer Studenten ausbilden würde auf der Paulshöhe – ich wäre es zufrieden gewesen. Immerhin Leben und Jugend und Träume. Aber wo einst das Paradies war, befindet sich heute das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz von Mecklenburg/Vorpommern. Am Sonntag ist es totenstill. Überwachungskameras verfolgen meine Schritte. Nichts fliegt mehr. Wo einst Pegasus weidete, hockt heute die prosaische Statue einer Gans.
25 Jahre danach ist da immer noch ein weltgroßes Loch, dass durch Bananen und Westautos nicht zu stopfen ist.

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Geraer Fundstück: Leihweise

Gera ist pleite. Völlig. Die Straßenbahn fährt zwar auf schicken Rasengleisen, ist aber auch pleite und fährt vielleicht gar nicht mehr. Mehr oder weniger liegt das daran, dass man im Zuge der deutschen Vereinigung die komplette Industrie plattgemacht hat. Dafür gibt es billigen Wohnraum in Hülle, Fülle und Massen. Für diejenigen, die wegen des Wohnungsmangels von Jena nach Gera ziehen, sich aber bestimmt nicht auf Dauer da niederlassen wollen, gibt es jetzt einen neuen Service:

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Ausschuss

Richtige Frauen kümmern sich um ihre Angelegenheiten selbst.

Richtige Frauen kümmern sich um ihre Angelegenheiten selbst.

Der Jenaer Stadtrat hat einen Ausschuss für Soziales, Gleichstellung und Sport. Über den heißt es in der Geschäftsordnung:
“Er berät über Angelegenheiten von Menschen mit Behinderung sowie Familien, Senioren und Frauen.”
Ein Satz von schöner Unverständlichkeit. Er berät über Familien? Oder über Angelegenheiten von Familien? Oder – grammatisch korrekt – über die Angelegenheiten von Menschen mit Frauen? Oh oh.
Mal davon abgesehen, dass hier das weibliche Geschlecht in eine Reihe mit Behinderung gestellt wird – will ich, dass ein Ausschuss des Stadtrates “über Angelegenheiten von Frauen” berät? Also über meine Angelegenheiten? Was gehen den Stadtrat meine Angelegenheiten an – mein Kontostand, der defekte Blinker meines Autos, meine Ischiasprobleme nach Langstreckenflügen? Oder das Problem, aus fragmentarischen männlichen Äußerungen eine verbindliche Reservierung für eine Urlaubsunterkunft abzuleiten?
Deshalb habe ich eine Alternativformulierung vorgeschlagen, als nach Änderungswünschen für die Geschäftsordnung gefragt wurde:
“Er berät über Maßnahmen zur Förderung und Unterstützung von Familien, spezielle Belange von älteren Menschen, soziale Belange von Kindern und Jugendlichen und Maßnahmen zur Gleichstellung von Männern und Frauen.”
Die Behinderten habe ich nicht ausgelassen, die haben bei mir einen eigenen Unterpunkt bekommen, weil ihre speziellen Bedürfnisse altersunabhängig vom üblichen Lebensalter- und Familienspektrum abweichen.
Mir war durchaus auch wichtig, dass da “Gleichstellung von Männern und Frauen” steht. Ich will keine Extrawurst, nur weil mir was wurstförmiges fehlt. Wer Gleichberechtigung will, muss auch die Blinkerbirnen selber wechseln.
Clemens berichtet aus dem Hauptausschuss, gegen meine Formulierung habe es heftigen Widerstand gegeben, weil “Angelegenheiten” viel mehr umfasse als nur Gleichstellung. Wie wahr – siehe oben. Einigen ist Gleichstellung nicht genug. Aber die Bevorzugung von Frauen ist eine Diskriminierung von Männern und damit grundgesetzwidrig. Entsprechend schlug Clemens entnervt vor, den Ausschuss halt umzubenennen in “Ausschuss für Soziales, Angelegenheiten und Sport”.

“Ausschuss für Angelegenheiten” sortiere ich gleich neben “Institut für hochentwickelte Konzepte” in meinen Wortschatz ein. Sagt nicht, Politik sei nicht lustig. Jetzt noch lustiger mit 4.6 % Piraten …

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Meinungsfreiheit 2014

Lautstark feiern sie dieser Tage die Meinungsfreiheit, und zwar die, die man sich in der späten DDR zu erkämpfen versuchte. Ein Klima der Angst habe da geherrscht, belehrt uns unser Staatsoberhaupt, das jahrelang Privilegien in der DDR genoss und erst auf den Wende-Zug aufsprang, als alle Messen gelesen waren.

Stop-TTIP-Stand der Jenaer Piraten

Stop-TTIP-Stand der Jenaer Piraten. Foto: K. Felske

2014: Wir sammeln Unterschriften gegen TTIP.
“Interessiert mich nicht.”
“Ich habe keine Zeit.”
“Ich bin nicht von hier.”
“Ich habe gerade andere Probleme.”

“Ich habe einen eigenen Garten und bin größtenteils Selbstversorger.”
“Sie wissen aber schon, dass die Bienchen sich nicht an Ihrem Gartenzaun stören und die Pollen von den Gentechnik-Pflanzen nebenan mitbringen würden?”
“Belehren Sie mich nicht!”

“Ich hab da mal was unterschrieben, und dann hatte ich ein Zeitschriftenabo abgeschlossen.”
“Als ich beim Eichplatz unterschrieben habe, kam hinterher Post vom Oberbürgermeister. Das will ich nicht.”
“Ich studiere Politikwissenschaft. Da bin ich mit Unterschriften sehr sparsam. Ich will ja noch Karriere machen, und wer weiß, wer das sieht. Viel Erfolg noch.”
“Ich unterschreibe nichts.”
“Muss ich da wirklich meinen Namen hinschreiben?”

25 Jahre nach den Demonstrationen für Meinungsfreiheit haben Leute Angst, ihre Unterschrift unter ein Bürgerbegehren zu setzen. Oder es interessiert sie einfach nicht, weil sie gerade beim Einkaufen sind. Der Tag ist trostlos und trübe. Wir sehen einander an und schütteln die Köpfe. Angst, Anpassung, Rückzug ins Private. Es fühlt sich an wie DDR.

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Hinterher ist es zu spät

TTIP_logo TTIP_CETADie Politiker versprechen blühende Landschaften durch die Freihandelsabkommen CETA und TTIP mit Kanada und den USA. “Einem unabhängigen Bericht zufolge könnte ein ambitioniertes Abkommen Unternehmen Ersparnisse in Millionenhöhe bescheren und hunderttausende neue Arbeitsplätze kreieren”, meint etwa die Europäische Kommission. Aber “könnte” ist kein “wird”. Was hingegen geschehen wird, ist der “Abbau von Handelshemmnissen”. Das sind nicht vorrangig Zölle, sondern vor allem unterschiedliche Regelungen zum technischen und Verbraucherschutz. Dass bei dieser Art der Deregulierung die Standards nicht besser, sondern schlechter werden, kann als sicher gelten. Gilt übrigens auch für liebgewordene Standards im Arbeitsleben.
Die Abkommen werden unter strengster Geheimhaltung ausgearbeitet und könnten uns so unerfreuliche Dinge wie gechlorte Hähnchen, gentechnisch veränderte Pflanzen oder Fracking bescheren. Sollte sich ein Staat durch Verbraucherschutz- oder Umweltgesetze davor schützen wollen, treten die ebenfalls geheimen Schiedskommissionen in Aktion. Vor denen können Unternehmen entgangene Gewinne einklagen, sollten ihnen Gesetze im Wege sein. Und das Allerbeste an all dem: Die Verträge enthalten, soweit man weiß, keine Ausstiegsklausel. Einmal beschlossen, gelten sie bis in alle Ewigkeit.
Um das allgemeine Unbehagen in politische Energie umzuwandeln und dem Widerstand Gewicht zu verleihen, führt das Netzwerk Campact am 11. Oktober einen Aktionstag gegen die Geheimverträge durch. In Jena werden rund um das Stadtzentrum Unterschriften gesammelt, unter anderem am Johannistor durch die Piraten. Die Europäische Kommission hat zwar eine Bürgerinitiative zu diesem Thema abgelehnt, aber das ist kein Grund, die Sache bleiben zu lassen. Eine Million Unterschriften wären für eine Europäischen Bürgerinitiative notwendig, und die will man in den nächsten Monaten zusammenbekommen.
Wer mitmachen will – bei Campact gibt es nicht nur Informationen, sondern auch Spendenlisten. Schlechte Gesetze gibt es nicht nur deshalb, weil einige Leute gutes Geld damit verdienen, sondern auch, weil andere Leute auf dem Sofa sitzen bleiben und zusehen, statt auf die Straße zu gehen, solange noch Zeit ist.
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Die Scheinheiligen

Sie lesen alle unsere Briefe. Nicht ganz alle, aber wie viele Briefe schreiben wir eigentlich noch auf Papier? Sie wissen, wann wir von wo mit wem telefoniert haben, und sie speichern es akribisch. Überall installieren sie Kameras, die jeden unserer Schritte überwachen können. Sie kontrollieren, wie viele Zahnbürsten in den Bädern armer Menschen stehen.
Sie durchsuchen die Diensträume eines Pfarrers und verweigern dessen Tochter die Teilnahme an dieser Aktion. Statt dessen bringen sie ihren eigenen unabhängigen Zeugen mit – einen Praktikanten der Staatsanwaltschaft. Nach zwei Jahren haben sie immer noch keine Beweise gegen den Pfarrer gefunden, aber sie denken nicht daran, das Verfahren einzustellen. Sie bringen Leute auf der Grundlage fragwürdiger Gutachten (der Gutachter hatte sein Objekt nie gesehen) auf Dauer in die Psychatrie.
Sie lassen zu, dass Betriebsräte, die sich für ihre Belegschaften einsetzen, mit Psychoterror aus dem Unternehmen gemobbt werden. Sie halten es für rechtmäßig, dass langjährige Mitarbeiterinnen entlassen werden, weil sie ein paar Maultaschen mit nach Hause genommen haben, die sie eigentlich hätten wegwerfen müssen. Sie verfolgen Leute, die Nahrungsmittel aus Müllcontainern nehmen, um sie zu essen.
Sie tun nach Wahlen das Gegenteil von dem, was sie davor versprochen haben. Bestechung ist für bestochene Politiker übrigens nicht strafbar, und falls die politische Karriere klemmt, findet sich immer ein lukrativer Posten in einem Unternehmen, dem man zuvor einen fetten Gefallen getan hat.
Sie führen Kriege gegen Länder, die uns nie angegriffen haben. Sie lassen Menschen erschießen, und sie greifen nicht ein, wenn in Polizeidienststellen Menschen unter zweifelhaften Umständen ums Leben kommen. Sie finanzieren gewalttätige Rassisten und schützen Kriminelle, die mordend durchs Land ziehen.
Und das nennen sie dann einen Rechtsstaat. Und legen viel Wert drauf, dass es der andere nicht war.

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