Nach Osten 2.6: Ich habe keine Ahnung

Normalerweise weiß ich alles, was man irgendwie wissen kann. Besonders in Sachen Geschichte. Ich lese einfach alles, was man lesen kann. Obwohl ich fasziniert bin, dass ich auf Anhieb die Zeichen für Notausgang, Hydrant und Baum wiedererkannt habe, stehe ich vor all dem Chinesisch wie die Kuh vorm neuen Tor. Besonders in den Tempeln wird selten über Hydranten geschrieben.
Eigentlich hatte ich mit Zeit zum Stadtbummel auch gar nicht gerechnet, aber manchmal sind Kunden unberechenbar und bescheren einem unerwartete Freizeit. Wenigstens konnte ich Yahoo fragen, wo eigentlich ich mich befand.
Im Yuehu Park, der laut englischer Übersetzung Mondsee-Park heißt, gibt es den Guandi Tempel, der möglicherweise Residenztempel heißt. Als ich vorbeikam, war dort Himmel und Volk unterwegs. Hunderte vornehmlich älterer Leute drängten sich am chinesischen Äquivalent von Biertischen und aßen Nudeln. Die wurden aus riesigen Töpfen ausgeteilt, dem Anschein nach kostenlos. Die meisten schienen ihre eigenen Gefäße dabei zu haben, oft blecherne Henkeltöpfe. Ich habe keine Ahnung, was der Sinn dieser Verrichtung war. Eine religiöse Zeremonie? Suppenküche? Fröhliches Gemeindeleben? Sie starren mich an*, aber keiner nimmt Anstoß, als ich mich durch die Tische winde. Nur wenn ich nicht schnell genug winde, dann drängelt sich die nächste Oma an mir vorbei. Ich bin zu höflich für China.


Im Qita-Tempel ist die Lage einfacher. Dort hält man ganz offensichtlich eine religiöse Zeremonie ab, mit Rauchwerk, Gesang und vielen Verbeugungen. Vor dem Tempel gibt es übrigens eine lange Reihe von Devotionalienhändlern. Das wirkt unglaublich katholisch. Hier wie da fragt sich der Atheist, wieso man den religiösen Plastikkitsch für eine Verkörperung des Göttlichen halten kann. Allerdings scheinen die Mönche ganz und gar nichts dagegen zu haben, dass ich in ihrem Tempel herumlaufe und Dinge fotografiere. Wobei man sich einen Tempel nicht als einzelnes Gebäude vorstellen darf. Er ist mehr eine Art kleines, religöses Dorf mit einzelnen Schreinen, einem Glocken- und einem Trommelturm, einer Bibliothek. Die Mönche lächeln mich freundlich an. Sie scheinen sich über mein andächtiges Staunen zu freuen. Europäer sind selten in Ningbo, und bis in den Tempel kommen vermutlich die wenigsten. (Am nächsten Tag wird mir einer der Einwohner der Stadt erklären, das Ding noch nie gesehen zu haben).
Erstaunlicherweise ist der Qita-Tempel sogar englisch beschriftet. Deshalb weiß ich, dass er Sieben-Pagoden-Tempel heißt. Allerdings steht vor allem die Geschichte jedes Gebäudes da und welcher Abt welche Säule beschriftet hat, nicht etwa, welchem Gott man warum huldigt. Das weiß schließlich jeder. In einem christlichen Kloster wird ja auch nicht erklärt, wer dieser Jesus ist, der da an der Wand hängt. Eine Göttin hat 42 Arme, und in jeder Hand scheint sie irgendetwas zu halten (bis auf zwei andächtig gefaltete Paare). Ich weiß nicht, wie sie das koordiniert. Allerdings hat sie auch 11 Köpfe, wie ich zähle, und das hilft vermutlich. Wer in einem buddhistischen Tempel nur Buddha erwartet, wird eines Besseren belehrt. Vielleicht liegt es daran, dass die Chinesen Puda als Wort für Gott verwenden – hat jedenfalls der Langnasenbetreuer behauptet. Leos Chinesisch-Wörterbuch will davon nichts wissen.
Und ich habe schon wieder keinerlei Ahnung.

* Ich werde hier immer angestarrt. Vom Säugling bis zum Greis. Tatsächlich treffe ich in den Stunden meines Herumwanderns genau zwei weitere Nicht-Asiaten. Ich bin ein verdammter Exot.

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Der Dezernent schmollt

Ich wählte die freundlichste verfügbare Formulierung. Ich fände es gut, sagte ich, dass das Thema nun auch im Stadtentwicklungsausschuss behandelt würde, nachdem man schon vor drei Wochen in der Presse darüber lesen konnte. Es ging um die Neugestaltung von Wagnergasse und Johannisplatz, Jenas unangefochtener Kneipenmeile. Die Gegend sieht anarchisch aus, und sie brummt. Man sollte meinen, ein derartiges Vorhaben ginge den Ausschuss etwas an. Der wird sonst zu jeder Hundehuxt* eingeladen: Jena rettet Gemüse, Stadtradeln, Feierliche Erstbegehung des neugestalteten Paradieses am frühen Nachmittag … Aber wenn es ans Zentrum geht, ist man auf den Zufall angewiesen. Einen Tag vorher erfuhr ich von der geplanten Bürgerversammlung – und hatte den Abend bereits verplant. Die Politik hat es an sich, dass nicht viele Abende frei bleiben.
Stadtentwicklungsdezernent Denis Peisker nutzte bereits in der Sitzung meine behutsame Kritik für den Vorwurf, ich hätte was gegen Bürgerbeteiligung. Auf Twitter liest sich das dann so:

PeiskerNein, Herr Dezernent, dagegen habe ich gar nichts. Aber ich finde, man sollte auch den Ausschussmitgliedern ein paar Tage vorher eine Einladung schicken. Meine Mail-Adresse haben Sie. Da hätten Sie freundlicherweise auch gleich die Unterlagen mitschicken können. Aber nein, die gibt es exakt eine Woche vor der Sitzung und keinen Tag früher. Man soll ja nicht zu viel Zeit haben zum Nachlesen und -denken.
Eckhard Birckner (Bürger für Jena) beantragte in der Debatte, den Beschluss zu vertagen und einen Ortstermin – auch mit den betroffenen Bürgern – anzusetzen. Ich hatte mich zwar schon vorbeugend umgeschaut, aber es ist trotzdem hilfreich, an Ort und Stelle ein paar Erklärungen zu bekommen. Der Antrag wurde von CDU, SPD und Grünen abgelehnt, einschließlich Dezernent. So viel Bürgerbeteiligung wäre dann doch zu unheimlich.
Stattdessen wirft der Dezernent lieber ein wenig mit Dreck. Entbehrt zwar jeder Grundlage, aber das ist ja kein Grund, es nicht zu tun. Vermutlich liegt ihm noch immer die Eichplatz-Abstimmung quer im Magen. Da hatten die Piraten nach zwei Jahren nerviger Kleinarbeit die Bürgerbeteiligung erreicht. Nicht allein, keinesfalls, aber immer vorndran und immer da, wenn eine kleine Bürgerinitiative Hilfe brauchte. Damals während der Abstimmung schrieb Denis Peisker auf Facebook: “Meine Meinung ist alternativlos.” Nun ja, die Jenaer sahen das anders. Daran leidet der Ärmste noch immer. Und dann laufen einem ständig diese Piraten vor den Füßen herum und stellen dumme Fragen, da kann man schon mal unsachlich werden. Eigentlich tut er mir leid. Er hat mich noch fast vier Jahre an der Backe.
Mal sehen, was der persönliche Mitarbeiter des Herrn Dezernenten ins Protokoll schreibt. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

* Hundehochzeit, ein Ereignis von großer Bedeutungslosigkeit

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Nach Osten 2.5: Es ist alles so sauber

Der Karren eines Müllsammlers im Mondseepark

Der Karren eines Müllsammlers im Mondseepark

Im Durchschnitt ist Ningbo sauber. Das heißt: Solange man auf den Hauptstraßen bleibt. Gerät man in die Seitengassen, kann einen das Grauen packen. Der Widerspruch ist schnell aufgelöst, wenn man die Augen offen hält. Mit einer besonderen Ordnungsliebe hat die Sauberkeit nämlich nichts zu tun. Die Bevölkerung wirft buchstäblich alles da weg, wo sie es gerade nicht mehr braucht, obwohl es eine aufdringliche Dichte von Papierkörben gibt. Allerdings sausen ständig unscheinbare, meist irgendwie graue, gute Geister herum, die akribisch jedes Stück Müll wieder aufkehren. In den Hintergassen fehlen sie.
Es ist eine Mentalität, die mir schon zu Hause auf die Nerven geht. Dieses: Da wird sich schon einer drum kümmern. Dieses: Das ist unter meiner Würde. Ich frage mich, ob es in China Tradition hat, oder man versucht, möglichst schnell die Unarten des Westens aufzuholen.
Das scheint ohnehin das erklärte Ziel zu sein. Morgens liegen noch die Obdachlosen auf den Bänken im Tianfeng Park. Ein Stück weiter das Porsche-Autohaus. Beim durchschnittlichen chinesischen Essen wird gefühlt die Hälfte weggeworfen, weil kein Mensch all die Köstlich- und Seltsamkeiten aufessen kann. Muss man zeigen, dass man es sich endlich leisten kann? Aus den Türen der Einkaufstempel weht eiskalte Luft. Drinnen friert man beinahe. Wir haben’s ja, und zum Teufel mit dem Energieverbrauch. Wer im Zusammenhang mit China das Wort “Kommunismus” in den Mund nimmt, beweist nur, dass er das Land noch nie aus der Nähe gesehen hat. Die Gesellschaft fällt rasend schnell auseinander – davon war bei Marx gerade nicht die Rede. Verglichen damit ist Deutschland Kommunismus.
Die Deutschen sind immer wieder ein Grund zum Haareraufen, aber in China beginne ich, sie für zurückhaltend, vernünftig und rücksichtsvoll zu halten.

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Nach Osten 2.4: Moderne Zeiten

Smartphonie im Tianfeng-Park

Smartphonie im Tianfeng-Park

Im Tianfeng-Park steht ein historischer Turm, der vielleicht Gipfel des Himmels heißt. Oder Riss im Himmel. Abends nach 7 ist es recht schummrig, aber es gibt Bänke, und überall sitzen Leute, das Gesicht vom Leuchten ihrer Smartphones erhellt.
Ein junger Mann und eine junge Frau stehen eng beeinander. Im stockdunklen Park. Sie schreibt eine SMS.

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Nach Osten 2.3: Die größte Mall der Welt

Ningbo_TianyiDer Langnasen-Betreuer meint, das Hotel sei günstig gelegen, direkt neben dem größten Shopping Center Ningbos. Eigentlich ist Shoppen für mich kein Vergnügen, sondern harte Arbeit, aber wir sind in China und verpflichtet, etwas zu erleben. Zum Beispiel den Tian Yi Platz, der vielleicht Platz der himmlischen Rechtschaffenheit heißt, vielleicht aber auch Platz der Tante des Himmels. Das Chinesische hat einen Mangel an Worten. Alle werden doppelt, dreifach und öfter für völlig verschiedene Dinge verwendet.
Das Einkaufscenter erweist sich als eine halboffene Mall, also ungefähr das, was man in Jena auf den Eichplatz setzen wollte. Allerdings liegt mittendrin ein Platz von der Größe von zwei bis drei Eichplätzen. Es gibt Grünanlagen mit Bänken und akribisch geschnittenen Hecken, mehrere riesige Wasserflächen, gemustertes Pflaster. Auch eine Art Amphitheater. Auf einen Vorhang aus fließendem Wasser projiziert man einen Trickfilm. Die Musik dröhnt über den Platz, klingt aber recht interessant. Alles das, was am Eichplatz auf gar keinen Fall geht.
Über den Platz und durch die Mall strömt etwa eine Million der 5.6 Millionen Ningbonesen. Der abendliche Einkaufsbummel scheint der Spaß der Woche zu sein. Massenhaft wimmeln junge Mädchen, wie sie tagsüber schwitzend in der Montagelinie hocken, und kaufen das textile Äquivalent von Fastfood. Nur ich fühle mich überfordert.

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Nach Osten 2.2: Reinraum für Gurken

Zum Einkaufszentrum umgebautes Kloster in Ningbo. Der Torlöwe bewacht nur noch die Mülltonne.

Zum Einkaufszentrum umgebautes Kloster in Ningbo. Der Torlöwe bewacht nur noch die Mülltonne.

Es steht zwar nicht im Arbeitsvertrag, aber ich bin die Betriebsfeuerwehr. Wenn irgendein Projekt beginnt, unangenehm brenzlig zu riechen, habe ich es kurz darauf am Halse. Zum Beispiel, wenn die Qualität eines Objektivs von einem chinesischen Lieferanten nicht so ist, wie man sie erwartet hat. Schlauch aufrollen und los nach Osten.
In Ningbo, der Millionenstadt, die in Deutschland keiner kennt, ist der Sommer ausgebrochen. Obwohl das Wetter den ganzen Tag vortäuscht, nasskalt zu sein, herrschen 30°C oder mehr. Das Objektiv wird natürlich im Reinraum montiert. Wir werden ordentlich in weißen Kitteln, Überschuhen, Haarnetzen und Mundschutz verpackt – reif für die nächste Polarexpedition. Im Reinraum ist es warm. Ich fange praktisch sofort an zu schwitzen, und der Mundschutz erstickt mich. Aber wir sind als Zehentreter zu Besuch. Also keine Schwäche zeigen.
Irgendwann fragt mein chinesischer Kollege nach dem Klima. 27.8°C, 70 % Luftfeuchte. Ich würde gern ohnmächtig niedersinken. Derweil entbrennt eine heftige Debatte, bei der ich nur die Gruppendynamik verstehe, weil alle außer mir Chinesisch für eine einfache Sprache halten. Man versucht offenbar heftig, sich gegenseitig irgendeine Schuld zuzuschieben.
Mein Kollege regt sich auf (später erklärt er mir, dass der Kleber für die Objektive nur bis 60 % Luftfeuchte verarbeitet werden darf). Die Managerin lässt die Qualitäter antreten und Männchen machen. Sie macht eine junge Frau zur Schnecke, die sich halbherzig verteidigt, aber jedesmal wieder einen Rüffel kriegt. Irgendwann motzt mein Kollege gegen einen der Vorgesetzten – offenbar hat er das Gefühl, man meint den Esel und schlägt die Schnecke. Die lächelt dankbar.
Ich sehe mich um und bemerke, dass der Mundschutz auch alle anderen quält. Viele lassen die Nase darüber herausschauen, was die Lage deutlich verbessert, einige tragen das Ding unter dem Kinn – aber sie tragen Mundschutz! So ist das vorgeschrieben. Die Reinraumkittel werden zwar bei jedem Schleusendurchgang abgepustet, sind aber trotzdem stellenweise mehr mittelgrau als weiß. Waschen kostet Geld.
Am nächsten Tag ist die Temperatur im Reinraum erträglich, wenn auch nicht angenehm. Ich versuche es nicht mehr mit Vorbildfunktion und Heldentum, sondern lasse meine lange Nase von Anfang an draußen. In der Linie sitzen zwei junge Frauen, die es offenbar nicht mehr aushalten und die weißen Overalls zur Hälfte abgestreift haben. Die T-Shirts reichen bei dieser Wärme völlig, auch wenn sie fusseln.
So ist China – HighTech-Reinräume, aber kein Geld, die Temperatur auf einem Niveau zu halten, bei dem die Arbeiter nicht wahnsinnig werden und jede Vorschrift vergessen.

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Nach Osten 2.1: Im schwarzen Loch

Dass man von China aus nicht ins Netz zwitschern kann, habe ich schon vor einem Jahr festgestellt. Lästig, aber man kann ohne Twitter leben.
Inzwischen scheinen sich die Beziehungen zu den USA verschlechtert zu haben. Unsere amerikanische Mutterfirma hat vor ein paar Jahren beschlossen, dass unsere Mailkonten bei Google gut aufgehoben wären. Hasta la vista, Daten. Google ist abgeklemmt. Ich sitze ohne die Adressen meiner Kollegen, ohne Telefonbuch, ohne Kalender in China. Raussuchen, wo sich in Fußlaufweite vom Hotel irgendein historisches Gebäude befindet? Nicht mit Google Maps. Bing liefert alle Karten mit ausschließlich chinesischer Beschriftung – ich kann die Bedürfnisanstalt nicht von einem Tempel unterscheiden. Yahoo geht noch und beschriftet englisch. Seufz.
Wordpress? Unerreichbar. Eine Freundin schickt einen Facebook-Link – page not found. Blogspot – Yahoo meint, da könnte man ein Bild des Qita Temple finden, aber Blogspot ist auch hinter der Großen Mauer. Wenigstens Leo läuft noch und hilft mir, englische und chinesische Namen zusammen zu bringen. Der Mond, lerne ich, ist eine Sonne mit krummen Füßen und sieht ansonsten wie ein IKEA-Regal aus. Yahoo hilft mir später, den Qita-Tempel in natura anzusehen.
Wahrscheinlich versucht man, “unsere Menschen” vor den verderblichen westlichen Einflüssen zu schützen. Der westliche Mensch vor seinem Computer fragt sich, was der Schwachsinn soll, und bloggt vor Wut auf seinen USB-Stick.

Fortsetzung folgt.

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